Ferdinand Hodler verband mit dem von ihm kreierten Parallelismus sein künstlerisches Schicksal. Die ersten knapp 600 Bilder, die Hodler von 1870 bis zu Beginn der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts anfertigte, unterlagen noch nicht seiner parallelistischen Idee.
Diese Seminararbeit versucht die Anfänge des Parallelismus von Hodler um 1890 zu beschreiben, und inwiefern sein Parallelismus für die Erschliessung des Pariser Symbolismus-Marktes diente, eine eigene Kreation war oder Hodler parallelistischen Strömungen aus der Zeit aufnahm und diese in seinen Werken umsetzte. Die Arbeit konzentriert sich auf den Parallelismus in Figurenbildern, da hier am frühsten und am deutlichsten Hodlers Entwicklung in seinem Parallelismus beobachtet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Überlegungen und Fragestellung
2. Der Auserwählte
2.1. Flügelfrauen in pastelligen Farben schweben um ein Büblein
2.2. In Bern als Hoffnung gemeint, in Paris als Elend empfunden
3. Parallelismus: Branding für den Symbolisten-Markt?
3.1. Hodler sieht Vorbilder in Paris
3.2. Hodlers Parallelismus trifft den Zeitgeist und wird eine Marke
4. Parallelismus: Darum bin ich nicht ein Maler unter Malern, sondern ein Datum
4.1. Le parallélisme c’est moi
4.2. In Deutschland und Frankreich scheiden sich die Geister
5. Ausgangspunkt und Entwicklung des Parallelismus im 19. Jahrhundert
5.1. Parallelismus: παρ' ἀλλήλων, neben einander: Ursprung und Theorien
5.2. Rhythmus und Wiederholung: Parallelismus in Malerei, Tanz und Architektur
6. Abschliessende Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursprünge von Ferdinand Hodlers "Parallelismus" um 1890 und analysiert, inwiefern dieses Kompositionsprinzip sowohl als bewusste künstlerische Innovation als auch als strategisches Branding zur Erschließung des Pariser Symbolismus-Marktes fungierte.
- Analyse des Werks "Der Auserwählte" als Fallbeispiel für Hodlers parallelistische Bildsprache.
- Untersuchung der Bedeutung von Hodlers Parallelismus im Kontext des zeitgenössischen Pariser Kunstmarktes.
- Erforschung der theoretischen und philosophischen Wurzeln des Parallelismus im 19. Jahrhundert.
- Vergleichende Betrachtung von Rhythmus und Wiederholung in Malerei, Tanz und Fotografie als Einflüsse auf Hodler.
Auszug aus dem Buch
2.1. Flügelfrauen in pastelligen Farben schweben um ein Büblein
Im Zentrum des grossformatigen Gemäldes kniet ein nackter, ausgemergelter Knabe in Profilansicht auf seinen Unterschenkeln sitzend, rechts vor einem blattlosen, von einem Hölzchen gestützten, frisch gepflanzten Bäumchen. Sein Kopf mit geöffneten Augen richtet sich gegen den Himmel und die zum Gebet gefalteten Hände weisen nach unten auf das Bäumchen. Fünf weibliche Geschöpfe schweben dreissig Zentimeter über der Erde in Halbkreis konkav um den Buben. Die Frauen haben Flügel am Rücken, tragen hellblaue, knöchellange Kleider darüber einen weissen Umhang der bis zum Boden reicht. Sie sind wie Engel über einem gotischen Chor parallel angeordnet und blicken sanft auf den kleinen Knaben, dem sie die Blüten des neuen Lebens überreichen. Der Maler wählte für die Frühlingsbotinnen drei unterschiedliche Gebärden. Die beiden mittleren Überbringerinnen halten in jeder Hand eine kleine Blumen, die direkt daneben eine Blume in der einen und mit der anderen Hand berühren sie ihr Herz und die ganz aussen richten die Hände auf Schulterhöhe zueinander Die Handlung findet in einer baumlosen, felsigen mit Gras überwachsenen Landschaft statt. Der gewölbte Horizont schliessst den Vorgang ab. Der Lichteinfall kann nicht bestimmt werden, die Szene ist gleichmässig beleuchtet ohne Schattenwürfe, abgesehen von den Falten in den Kleidern. Die Farben sind breitflächig eingesetzt und die Farbpalette sparsam verwendet. Das Gemälde wirkt dank der Strukturierung der Figurengruppe und den reduzierten Farbauswahl ruhig und feierlich aber zugleich bestürzend.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Überlegungen und Fragestellung: Die Einleitung führt in die Problematik des Parallelismus ein, der für Hodler existenzielle Bedeutung hatte, und formuliert das Ziel der Arbeit, Hodlers Entwicklung um 1890 im Kontext des Symbolismus zu untersuchen.
2. Der Auserwählte: Dieses Kapitel analysiert das Gemälde "Der Auserwählte" als zentrales Werk der frühen parallelistischen Phase und beleuchtet dessen Rezeption sowie Hodlers eigene kompositorische Absichten.
3. Parallelismus: Branding für den Symbolisten-Markt?: Hier wird untersucht, wie Hodler seine parallelistische Bildsprache nutzte, um sich auf dem Pariser Kunstmarkt der Symbolisten zu etablieren und dort als Marke wahrgenommen zu werden.
4. Parallelismus: Darum bin ich nicht ein Maler unter Malern, sondern ein Datum: Das Kapitel widmet sich Hodlers Selbstverständnis als Erneuerer der Malerei durch den Parallelismus und beleuchtet die unterschiedliche Aufnahme seiner Arbeit in Deutschland und Frankreich.
5. Ausgangspunkt und Entwicklung des Parallelismus im 19. Jahrhundert: Der Abschnitt bietet einen historischen und philosophischen Abriss, der die Wurzeln des Parallelismus-Begriffs sowie den Einfluss von Naturwissenschaften und zeitgenössischen Ausdrucksformen auf die Kunst analysiert.
6. Abschliessende Betrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass Hodler zwar nicht der alleinige Erfinder des Parallelismus war, aber als derjenige gilt, der diesen Begriff für die Malerei konsequent besetzte und in eine eigene, wirkmächtige Bildsprache übersetzte.
Schlüsselwörter
Ferdinand Hodler, Parallelismus, Symbolismus, Der Auserwählte, Malerei, Bildsprache, Wiederholung, Rhythmus, Paris, Kunstmarkt, Psychophysik, 19. Jahrhundert, Figurenbilder, Komposition, Symmetrie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem künstlerischen Ordnungssystem des sogenannten "Parallelismus", das der Maler Ferdinand Hodler gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, um seine Werke zu strukturieren.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Hodlers Bildsprache, der Bedeutung dieses Stils für den Pariser Kunstmarkt sowie der Verankerung in zeitgenössischen philosophischen und naturwissenschaftlichen Theorien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob der Parallelismus eine originäre künstlerische Innovation Hodlers war oder ob er ihn bewusst als Branding-Strategie einsetzte, um in der Szene des Pariser Symbolismus international Erfolg zu haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt kunsthistorische Analysen von Einzelwerken, vergleicht diese mit den zeitgenössischen Diskursen in Kritik und Briefwechseln und setzt Hodlers Schaffen in Bezug zu parallelen Entwicklungen in Tanz, Architektur und Wissenschaft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Schlüsselwerk "Der Auserwählte", diskutiert die Rolle der Pariser Kunstszene, beleuchtet Hodlers Selbstinszenierung im Kontext seiner Schriften und betrachtet die philosophischen und technikgeschichtlichen Vorläufer der Parallelitäts-Idee.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ferdinand Hodler, Parallelismus, Symbolismus, Bildkomposition, Wiederholungsprinzip, Rhythmus sowie die zeitgenössischen Empfindungsregeln des späten 19. Jahrhunderts.
Warum spielt das Gemälde "Der Auserwählte" eine so zentrale Rolle?
Es markiert einen entscheidenden Punkt in Hodlers Schaffen, an dem er beginnt, theoretische Überlegungen zum Parallelismus konsequent und für ein internationales Publikum sichtbar in seine Figurenbilder zu integrieren.
Welchen Einfluss hatten andere zeitgenössische Künstler auf den Parallelismus?
Hodler orientierte sich teilweise an Vorbildern wie Puvis de Chavannes, grenzte sich aber durch seine radikale, oft als "germanisch" wahrgenommene Strenge und Wiederholung von Körpergesten deutlicher von klassischen Formen ab als viele seiner Zeitgenossen.
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- Markus Stricker (Author), 2018, Der Auserwählte. Hodlers Parallelismus: Künstlerische Innovation oder geschicktes Branding?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1574294