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Reinigungsmittel der Phantasie

Goethes "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" in ihrer Beziehung zu Schillers Konzept einer ästhetischen Erziehung

Title: Reinigungsmittel der Phantasie

Seminar Paper , 2009 , 23 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: R. Fehl (Author)

German Studies - Modern German Literature
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In seinem Brief vom 13. Juni 1794 tritt Schiller an Goethe mit einer Einladung heran, seinem
Horen-Projekt als Mitherausgeber beizutreten und sich mit Beiträgen an demselben zu
beteiligen. Die Monatszeitschrift Die Horen war Schillers ehrgeiziges Vorhaben, „die vorzüglichsten
Schriftsteller der Nation in eine[r] literarischen Assoziation zusammen[treten]“ zu
lassen. Nach kurzer Bedenkzeit und einige Briefentwürfe später antwortet Goethe einwilligend:
„Ich werde mit Freuden und von ganzem Herzen von der Gesellschaft seyn.“ Für Goethe
bietet sich mit dieser unverhofften Einladung die Gelegenheit zu einer Zusammenarbeit,
von der er sich verspricht, dass sie „manches, das bey mir ins Stocken gerathen ist, wieder in
einen lebhaften Gang bringen“ werde.
Mit Schillers Einladung und Goethes Annahme ist der Grundstock nicht nur für eine Zusammenarbeit
gelegt, sondern auch für eine sich stetig intensivierende Annäherung, die sich
in den folgenden Wochen und Monaten allmählich zu einer Freundschaft entwickeln wird.
Ein halbes Jahr später bereits, zum Jahreswechsel, resümiert Goethe diese Entwicklung: „Viel
Glück zum neuen Jahre. Lassen Sie uns dieses zubringen, wie wir das vorige geendet haben,
mit wechselseitiger Theilnahme an dem was wir lieben und treiben. […] Ich freue mich in der
Hoffnung daß Einwirkung und Vertrauen sich zwischen uns immer vermehren werden.“
Eine der ersten Früchte dieser neu entstandenen Beziehung ist die Idee zu einem Horen-
Beitrag, eine „zusammenhängende Suite von Erzählungen im Geschmack des Decameron des
Boccaz“, die dann später zu den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten ausreifen wird.
Zeitgleich zur Entstehung dieses Nebenwerks – das Hauptgeschäft bleibt die Vollendung des
Romanwerks Wilhelm Meister, die Arbeit für die Horen ist willkommene Entlastung und
Abwechselung – vollzieht sich der geistige Austausch und fruchtbare „Ideenwechsel“ mit
Schiller, den dieser seinem Freund Körner wie folgt beschreibt: [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ästhetische Erziehung

2. In jenen unglücklichen Tagen

2.1 Gesellige Bildung vs. Ästhetische Erziehung?

2.2 Geistermäßige Mystificationsgeschichten

2.3 Moralische Novellen

3. Scheitern durch Erzählen

4. Selig sind die da Mährchen schreiben

Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Korrespondenz und den künstlerischen Dialog zwischen Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und Schillers Konzept der Ästhetischen Erziehung vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Umbrüche der Französischen Revolution. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit Goethes Erzählzyklus als Reaktion auf den theoretischen Entwurf Schillers zu verstehen ist und ob das Erzählen als Mittel der ästhetischen Erziehung zur Befriedung und sittlichen Bildung des Individuums taugt.

  • Die literarische Verarbeitung politischer Krisenphänomene durch Kunst.
  • Die Spannung zwischen geselliger Bildung und ästhetischer Erziehung.
  • Die Entwicklung und Transformation von Erzähltypen innerhalb der Unterhaltungen.
  • Die Rolle der Literatur als „Reinigungsmittel der Phantasie“.
  • Die Problematisierung des Schillerschen Ideals einer ästhetischen Freiheit.

Auszug aus dem Buch

2.2 Geistermäßige Mystificationsgeschichten

Nun kommt es also zum eigentlichen Geschichtenerzählen, um eine durch krisenerschütterte Zeitumstände zusammengebrachte und zugleich zerrüttete Gemeinschaft durch gegenseitiges Geschichtenerzählen zu zerstreuen und dadurch zu befrieden. Goethe folgt darin bekanntlich ebenso alten wie bedeutenden literarischen Vorbildern wie dem Decamerone des Boccaccio. Oder wie Scheherazade auf ähnliche Weise durch ihre vielen Geschichten die Humanisierung des blutrünstigen Königs gelingt. Diese Vorlagen schwingen zumindest im Hintergrund mit, und es ist gewiss nicht weniges, was das Erzählen von Geschichten in den genannten Beispielen zu leisten und zu bewirken vermag. Und dennoch: erschöpfen sich die Geschichten in den Unterhaltungen in dieser Funktion? In der Forschung ist vielfach auf die parallele Anordnung der aufeinander verweisenden Novellen und ihre Steigerung hingewiesen worden. Dies wirft die Frage auf, welche erweiterte Funktion die einzelnen Erzählungen innerhalb dieser Anordnung erfüllen könnten.

Die ersten beiden Spukgeschichten handeln vom Wunderbaren und Unglaublichen. Jürgen Söring versucht zu zeigen, dass es sich hierbei um ein symptomatisches „Nachbeben“ handele, indem sie das rational Unerklärliche der Französischen Revolution aufgreifen. Damit wäre also immerhin schon eine inhaltliche Verbindungslinie zum vorangegangenen Geschehen gezogen. Bernd Witte dagegen weist nach, dass es sich bei diesen und den weiteren Binnenerzählungen vielmehr nur um „Exempel für bestimmte historische Auffassungen von der Wirkung von Literatur“ handelt.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehung der Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller im Kontext des Horen-Projekts und führt in die Fragestellung ein, ob Goethes Unterhaltungen auf Schillers ästhetisch-philosophische Schriften antworten.

1. Ästhetische Erziehung: Dieses Kapitel skizziert Schillers Theorie einer ästhetischen Erziehung als Antwort auf die politische Krise der Moderne und die Entfremdung des Menschen durch Arbeitsteilung.

2. In jenen unglücklichen Tagen: Hier wird der Rahmen der Unterhaltungen analysiert, in dem die Flucht einer adligen Familie vor den Auswirkungen der Französischen Revolution den Ausgangspunkt für eine neue Kommunikationskultur bietet.

2.1 Gesellige Bildung vs. Ästhetische Erziehung?: Der Abschnitt untersucht den Konflikt zwischen den Erwartungen an eine unterhaltsame Literatur und Schillers hohen moralisch-ästhetischen Anforderungen an Kunst.

2.2 Geistermäßige Mystificationsgeschichten: Dieses Kapitel analysiert die Funktion der Spukgeschichten im Erzählzyklus, die mit dem Wunderbaren und der literaturtheoretischen Reflexion von Verwunderung spielen.

2.3 Moralische Novellen: Es wird diskutiert, wie die moralischen Erzählungen das Ideal der Selbstbeherrschung und die Grenzen der Pflichtethik (im Sinne Kants) thematisieren.

3. Scheitern durch Erzählen: Dieses Kapitel reflektiert, ob der Erzählzyklus als Versuchsanordnung zu verstehen ist, die das Unvermögen der Literatur aufzeigt, das Individuum unmittelbar sittlich zu formen.

4. Selig sind die da Mährchen schreiben: Die Analyse des Märchens bildet den Höhepunkt der Arbeit, wobei das Märchen als „Reinigungsmittel der Phantasie“ und als Befreiung vom Zwang der Stofflichkeit verstanden wird.

Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Goethes Werk eine poetisch-praktische Antwort auf Schillers theoretische Konzepte darstellt, bei der die ästhetische Form über die stoffliche Inhaltlichkeit siegt.

Schlüsselwörter

Goethe, Schiller, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, Ästhetische Erziehung, Französische Revolution, Kunsttheorie, Literatur, Erzählzyklus, Märchen, Selbstbeherrschung, gesellige Bildung, Autonomie der Kunst, Einbildungskraft, Aufklärung, Romantik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht das Wechselspiel zwischen Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten und Schillers Konzept der Ästhetischen Erziehung, insbesondere wie beide Autoren auf die politische Krise durch die Französische Revolution reagierten.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Im Fokus stehen die Rolle der Kunst in der modernen Gesellschaft, das Verhältnis von politischer Realität und ästhetischer Distanz sowie die Frage nach der erzieherischen Kraft literarischer Texte.

Welches Ziel verfolgt der Autor mit dieser Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob Goethes Unterhaltungen eine bewusste Antwort auf Schillers Theorie sind und ob der Erzählprozess innerhalb des Werkes als gelungenes oder gescheitertes Experiment ästhetischer Erziehung betrachtet werden kann.

Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext (Goethe) mit theoretischen Schriften Schillers vergleicht und dabei maßgebliche Forschungsliteratur einbezieht.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert schrittweise den Aufbau der Unterhaltungen – von den Spukgeschichten über die moralischen Novellen bis hin zum abschließenden Märchen – und setzt diese in Bezug zu Schillers Kunstphilosophie.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?

Die wichtigsten Begriffe sind das „Reinigungsmittel der Phantasie“, „ästhetische Freiheit“, „gesellige Bildung“ und die „Reflexion der Bedingungen poetischer Gestaltung“.

Inwieweit spielt die Französische Revolution für die Argumentation eine Rolle?

Sie fungiert als zeitgeschichtlicher Kulminationspunkt und „schrecklichstes aller Ereignisse“, das den Anlass für die Flucht der Charaktere und die Notwendigkeit einer neuen, geselligen Kommunikationskultur bildet.

Warum widmet sich die Arbeit so intensiv dem Märchen am Ende?

Das Märchen nimmt eine Sonderstellung ein, da es als poetische Umsetzung von Schillers Theorie der freien Einbildungskraft interpretiert wird und das „Scheitern“ der vorherigen, moralisch-didaktischen Erzähltypen auf eine neue Ebene hebt.

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Details

Title
Reinigungsmittel der Phantasie
Subtitle
Goethes "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" in ihrer Beziehung zu Schillers Konzept einer ästhetischen Erziehung
College
University of Hamburg  (IfG II - Neuere Deutsche Literatur)
Course
Ästhetik und Literaturtheorie um 1800
Grade
1,0
Author
R. Fehl (Author)
Publication Year
2009
Pages
23
Catalog Number
V157439
ISBN (eBook)
9783640697731
Language
German
Tags
Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen Die Horen Das Märchen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
R. Fehl (Author), 2009, Reinigungsmittel der Phantasie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157439
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