Galy Gay - Der ideale Mensch?

Untersuchung zu Brechts Stück "Mann ist Mann".


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ein einfacher Hafenpacker
1.1 Der Gurkenablass
1.2 Die Sache mit der Phantasie
1.3 Ein gewittertes Geschäft

2. Elefant im Dienst der englischen Armee
2.1 Wie ein Auto
2.2 Eine Nebennummer

3. Der geschlechtlichste Mann unter der Sonne
3.1 Das fehlende O
3.2 Gebt Feuer!
3.3 Ein Herz wie ein Löwe

Schluss

Literaturverzeichnis

Quelle

Sekundärliteratur

Einleitung

Brechts Erstfassung von Mann ist Mann aus dem Jahr 1926 enthält einen Zwischenspruch, in dem folgende Behauptung aufgestellt wird:

Herr Bertolt Brecht behauptet: Mann ist Mann.

Und das ist etwas, was jeder behaupten kann.

Aber Herr Bertolt Brecht beweist auch dann,

Dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann.

Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert,

Ohne daß er irgend etwas dabei verliert.[1]

Durch diesen Zwischenspruch erhält das gesamte Stück den Charakter eines Experiments. Mit Experimenten will man zuvor formulierte Hypothesen auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen, und die nahe liegende Frage lautet deshalb: zeigt das Stück tatsächlich, was „Herr Bertolt Brecht“ behauptet?

Es lassen sich genügend Hinweise und Selbstaussagen finden, dass zumindest Brecht selbst – wenigstens anfangs – der Auffassung war, sein Stück erbringe diesen Beweis. Beispielsweise im sogenannten Hauptmann-Manuskript, wo im Entwurf zu einem Vorspruch explizit über die Hauptfigur gesagt wird: „Und er hat nicht nur nichts an Kraft verloren, sondern er blüht im Gegenteil sichtlich auf, er wird stärker und stärker.“ (CW, 66) An anderer Stelle, den Schluss des im Entstehen begriffenen Stücks nacherzählend, heißt es dort: „[Galy Gay] entfaltet sich ungeheuer als Jip. Der vierte Mann ist der stärkste Mann unter den Vieren [...]“ (CW, 101) Und selbst noch im Schlussmonolog bei der Aufführung von 1928: „Aber der »neue« Mann / ist der bessere Mann.“ (CW, 228)

Dabei ist unklar, inwieweit dieses eindeutige Urteil Brechts tatsächliche Auffassung widerspiegelt oder eine (womöglich provozierende) Funktion übernehmen soll, im Sinne seiner damals entwickelten Vorstellungen vom epischen Theater. Denn genauso gibt es Indizien dafür, dass die Ummontierung und der „neue Mann“ nicht restlos und ohne Vorbehalt begrüßt werden. Bei einem Interview gefragt, woran Brecht derzeit arbeite, nennt er das Lustspiel Mann ist Mann, dessen Inhalt er knapp als „die technische Ummontierung eines Menschen in einen anderen zu einem bestimmten Zweck“ (CW S. 285) resümiert, vorgenommen durch „drei Gefühlsingenieure“. Ein Experiment, das zwar gelänge, aber auf die Nachfrage, ob dabei auch so etwas wie der „ideale Mensch“ entstehe, erwidert Brecht lapidar: „Nein, nicht sonderlich.“ Anders ließe sich auch kaum erklären, wie es in einem späteren Konkretisierungsvorschlag für Aufführungen von Mann ist Mann heißen kann, „die Sammlung der Armee zu Kilkoa kann in den Parteitag zu Nürnberg“ und Galy Gay in einen SA-Mann verwandelt werden.[2]

Doch hier soll nicht der Versuch unternommen werden, die gewonnen Erkenntnisse in Beziehung zu Selbstaussagen Brechts zu setzen und das zum Teil widersprüchliche Verhältnis beider zueinander zu klären, also die Frage, inwieweit dem Stückeschreiber selbst Bedeutungsebenen seines eigenen Stücks zunächst verborgen geblieben sein könnten. Die Seminararbeit macht es sich nicht zur Aufgabe, die lebens- und werksgeschichtlichen Gründe zu rekonstruieren, die Brecht jene vorgeführte Entindividualisierung anfänglich gutheißen ließen. Der auf den ersten Blick paradoxe Befund[3], dass der Text möglicherweise seinem Urheber gegenüber ein Eigenleben entwickelt, von dem dieser nichts weiß, soll vielmehr die gewählte Herangehensweise legitimieren, sich in erster Linie dem Stück zuzuwenden und dieses kontrastierend zum später entstandenen und eingefügten Zwischenspruch zu lesen. Denn die Tatsache, dass Mann ist Mann einander diametral entgegengesetzte Deutungen zulässt, weist bereits hin auf die Ambivalenzen und Spannungen, die im Stoff selbst angelegt sind.

Die vorliegende Arbeit will daher im Text[4] nach Anhaltspunkten suchen, die Aufschluss geben können über eine Wertung der vorgeführten Ummontierung. Die Untersuchung bezieht sich dabei auf den Zwischenspruch und will klären, ob die darin aufgestellte Behauptung bewiesen wird – oder nicht. Die Analyse orientiert sich weitestgehend an der Chronologie des Stückes. Zuerst wird die Figur Galy Gays näher zu untersuchen sein, anschließend dessen Ummontierung in den Militärbaracken von Kilkoa. Der letzte Teil widmet sich dem Sergeanten Blody Five und seiner Bedeutung für Galy Gays Verwandlung.

1. Ein einfacher Hafenpacker

Im Zwischenspruch wird nicht allein behauptet, „hier“ und „heute Abend“ werde ein Mensch wie ein Auto ummontiert. Schon diese technologische Metapher für sich genommen birgt eine mittelgroße Provokation.[5] Die Gleichsetzung des Menschen mit einer Maschine, in diesem Fall einem Auto, heißt ja nichts anderes, als dass der Mensch zum bloßen Material verkommt, das von anderen Menschen willkürlich und beliebig, eben: technisch bearbeitet und ummontiert werden kann. Doch damit nicht genug, folgt der entscheidende Zusatz, dass der dieserart ummontierte Mensch nichts, nicht einmal „irgend etwas“ dabei verliert – vielleicht als eine notwendige Voraussetzung, unter der man bereit wäre, einem solchen Umbau einer Person durch Dritte zuzustimmen.

Um jedoch genau das überprüfen zu können, müsste bekannt sein, was dieser Galy Gay schon besitzt, was ihn ausmacht, bevor man ihn ummoniert. Was wissen wir über ihn?

Galy Gay, im Personenregister als „ein irischer Packer“ (CW, 160) geführt, hinterlässt beim Zuschauer schon nach der ersten Szene einen merkwürdigen Eindruck. Spätestens nach dem ersten Satz, den Brecht seinem Galy Gay in den Mund legt, wird klar, dass hier kein realistisches Bild eines Hafenpackers geliefert werden soll: „Liebe Frau, ich habe mich entschlossen, heute, entsprechend unserem Einkommen, einen Fisch zu kaufen.“ (CW, 161) Und auch seine Nachfrage, nachdem sich seine Frau für einen kleinen an Stelle eines großen Fischs entschieden hat, klingt nicht nach einem solchen: „Von welcher Art aber soll der Fisch sein, den du benötigst?“

Warum lässt Brecht Galy Gay derart abwegige, gemessen am umgangssprachlichen Ton des Hafenpackermilieus vermutlich übermäßig komplizierte Formulierungen verwenden? Einerseits drückt sich darin eine gewisse Distanz zwischen den Eheleuten Gay aus. Andererseits zeugen solche Ausdrucksformen, die auch einer brieflichen Korrespondenz zwischen den beiden entstammen könnten, von einem Bildungsgrad, der für einen Packer als ungewöhnlich gelten dürfte. Diese Höflichkeit weckt somit auch den Eindruck eines sanftmütigen und besonders liebenswürdigen Ehemanns. Auf jeden Fall aber lässt sich festhalten, dass sich Galy Gay keineswegs so leicht auf die Rolle des einfachen Hafenpackers festlegen und reduzieren lässt, sondern darüber hinaus etwas Eigentümliches an sich aufweist, das es näher zu bestimmen gilt.

Galy Gays sehr förmliche und auch ein wenig umständliche Ausdrucksweise übernimmt zudem eine Funktion für das Stück, das die Bezeichnung Lustspiel trägt. Sie erzeugt mit ihrer Künstlichkeit eine gewisse Komik und verleiht der ganzen Szenerie etwas Leichtes und Heiteres. Aufgrund solcher Merkmale könnte man vielleicht sogar sagen, rückt der Anfang dieses Lustspiels in die Nähe eines Märchens.[6]

Unterstützt wird diese Wirkung dadurch, dass Galy Gay als selbstgenügsam und ausgeglichen wirkender Mensch in Erscheinung tritt. Er spricht von sich selbst als einem „einfachen“ und „mittellosen Packer vom Hafen“, „der nicht trinkt, ganz wenig raucht und fast keine Leidenschaften hat.“ Hinzu kommt seine scheinbar gänzliche Sorglosigkeit. Von Gefahren, die in der weiten Welt da draußen lauern sollen, will er nichts wissen. Die Mahnungen seiner Frau vor herumstreichenden Soldaten, „die schlimmsten Menschen auf der Welt“, die jederzeit und überall einbrechen und töten könnten, scheint er gar nicht zu hören. Davon sichtlich unbekümmert, geht er über sie hinweg mit der zuversichtlichen Überzeugung: „Einem einfachen Packer vom Hafen werden sie nichts tun wollen.“

Das Märchenhafte und dieses betont Künstliche in den Reden zwischen dem Packer Galy Gay und seiner Frau könnten daherrühren, dass Brecht sich durchaus im Klaren war, die Handlung könnte als unwahrscheinlich aufgefasst werden.[7] Die Unwahrscheinlichkeiten fallen weniger ins Gewicht, wenn man der Geschichte den Charakter des Märchenhaften verleiht.[8] Dazu passt auch, dass Galy Gay keine nennenswerte Vergangenheit zu haben scheint.[9] Die Verlegung der Handlung in die britische Kolonialarmee hingegen wurde angeregt durch die Lektüre Kiplings.[10] An anderer Stelle äußert Brecht zur „Hintergrundgestaltung“ in Mann ist Mann schlicht: „Dort ist Indien einfach ein fremdes Land.“[11]

Neben Galy Gays Selbstbeschreibungen erhalten wir allerdings durch seine Frau auch bereits ein Fremdbild. Sie ruft ihm zwei seiner Wesenszüge in Erinnerung, um sie jeweils mit Warnungen zu verbinden: Weil er ein „weiches Gemüt“ (CW, 161) habe, solle er sich vor den lüsternen Fischweibern in acht nehmen. Außerdem sei Galy Gay wie ein schwerfälliger Elefant, der gleichwohl „läuft wie ein Personenzug, wenn er ins Laufen kommt“, und im Anschluss spricht sie von den Soldaten, ohne dass klar wird, inwiefern diese ihm gerade deswegen gefährlich werden könnten. Mit beidem wird sie Recht behalten.

1.1 Der Gurkenablass

Zuerst muss Galy Gay sich vor einer Frau bewähren, die auf „auf Männer aus“ ist. Dabei handelt sich nicht um ein lüsternes Fischweib, sondern um die Witwe Leokadja Begbick, ihres Zeichens Besitzerin der Kampkantine des 8. Regiments, mit welcher sie, angehängt an ihre Transportzüge, der Armee auf Schienen nachfolgt (vgl. CW, 170). Sie würde sich Galy Gay nur zu gern als „Dame“ erkenntlich zeigen für seinen Gefallen, ihren Gurkenkorbtragen zu tragen (CW, 167).

Ob aus moralischer Standfestigkeit oder weil er ihre offensichtlichen Annäherungsversuche nicht als solche versteht, er widersteht ihnen, indem er konsequent nicht darauf eingeht. Das passt ins Bild vom gutmütigen, treuen Packer, der einzig aus Hilfsbereitschaft einer Frau den Gurkenkorb tragen wollte. An mehr ist er schlichtweg nicht interessiert: „Offen gestanden: ich möchte gern einen Fisch kaufen gehen.“ (CW, 167) Dass er doch nicht dazu kommt, seine Flunder kaufen zu gehen, liegt am Geschick der Witwe Begbick, Galy Gays starkes Bedürfnis, andern gefällig zu sein, auszunutzen. Sie erkennt dies als seinen wunden Punkt. Möglicherweise kommt es daher auch nur deshalb zu keinem Techtelmechtel zwischen den beiden, weil Leokadja ihre Annäherungsversuche – nachdem Galy Gay zum sechsten Mal nicht darauf anspringt – aufgibt: „Ich verstehe, mein Herr.“ (CW, 167) In Bezug auf eine Gurke, die sie ihm „aus Gefälligkeit ablassen würde“ (CW, 168), lässt sie nämlich nicht so schnell locker bzw. wendet eine andere Taktik an. Sie macht ihm im Handumdrehen ein schlechtes Gewissen wegen der ausgeschlagenen Gurke, mit der er nichts anzufangen weiß, so dass Galy Gay schließlich doch bereit ist, ihr die Gurke abzukaufen. Vom Geld, das für den Fisch bestimmt war, und das obwohl, wie wir wissen, die Eheleute Gay nicht gerade im Geld schwimmen. „Ich will Sie keinesfalls enttäuschen“ (CW, 168), begründet er den Sinneswandel. Ihm scheint sehr daran gelegen, es anderen Recht zu machen. Mit dieser Gutmütigkeit, die ihn die schlechten Absichten von Fremden und deren Strategien, sich seine Gutmütigkeit zunutze zu machen, nicht durchschauen lässt, ist er von Beginn an eine für Beeinflussung anfällige Figur.

[...]


[1] Wege, C. (Hg.): Brechts Mann ist Mann, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 1982, 190; im Folgenden zitiert unter CW, alle Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

[2] Vgl. CW S. 24 und S. 249.

[3] Vgl. CW, 25. Dort versucht man den Widerspruch zwischen Stück und Selbstkommentierung dadurch zu erklären, dass „das Kunstwerk bei Brecht nicht zur bloßen Illustration einmal gewonnener theoretischer Einsichten ‘verkommt’ […].“ (Hervorhebung im Original) Daher könne Brechts ästhetische Praxis zu anderen Ergebnissen kommen als seine eigenen theoretischen Reflexionen über den von ihm geschaffenen Stoff.

[4] Erste Druckfassung von 1926, abgedruckt in: CW, 159-223.

[5] Insbesondere, wenn man annimmt, dass im Zuschauerraum von 1926 ein bildungsbürgerliches und/oder christliches Menschenbild vorherrschend war.

[6] Vgl. CW, 258 u. 266.

[7] Vgl. CW, 243. Siehe auch S. 289-293: Bernhard Reich berichtet in seinen Erinnerungen an Brecht, dieser habe beabsichtigt, vor allem „ein Unterhaltungsstück [zu] schreiben, das Kasse macht.“ Die Weichzeichnung Galy Gays, die dem Publikum besser gefallen und eher zum Lustspiel passen würde, gehe auf einen Einfall Reichs zurück. Darüber hinaus meint Reich, dass Brecht bereits zu diesem Zeitpunkt, dank einer „ungeheure[n] geistige[n] Kraft“, die Gefahr der „Nicht-nein-Sager“ heraufziehen sah und mit dem Stück vor ihnen warnen wollte.

[8] Vgl. CW, 266.

[9] Vgl. UB, 59.

[10] Vgl. UB, 57.

[11] Vgl. CW, 249 f.: Zur Erklärung könnte man zudem eine von Brechts Begründungen seiner Amerikaaffinität heranziehen, wonach seine Handlungen ebenso gut in Berlin spielen könnten, nur würde das mit Berlin vertraute Publikum dann nicht auf das Besondere der Figuren und Handlungsweisen achten, sondern stets deren Wahrscheinlichkeit beurteilen.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Galy Gay - Der ideale Mensch?
Untertitel
Untersuchung zu Brechts Stück "Mann ist Mann".
Hochschule
Universität Hamburg  (IfG II - Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Brechts frühe Dramen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V157440
ISBN (eBook)
9783640706716
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Verfasser ist ein ausgezeichneter Schreiber. In seiner nächsten Hausarbeit sollte er sich mehr mit der Forschung auseinandersetzen, was im vorliegenden Fall die Untersuchung nicht sonderlich erleichtert hätte.
Schlagworte
Bertolt Brecht, Mann ist Mann, Frühe Dramen, Galy Gay
Arbeit zitieren
R. Fehl (Autor), 2008, Galy Gay - Der ideale Mensch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157440

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