Wir orientieren uns in einer Welt der subjektiven Erscheinungen, woher nimmt sich
dann der/die AlltagsbeobachterIn die Sicherheit, sich in der objektiven Realität zu
bewegen und diese zu verändern? Woher nimmt er/sie sich die Sicherheit über die
wirkliche Existenz der ihn/ihr umgebenden Welt? Nach erkenntnistheoretischen Überlegungen wird zwischen der unmittelbar erlebten
Wirklichkeit (der Welt der Erscheinungen – phänomenale Welt) und der
transzendentalen Realität (den Dingen „an sich“ – transphänomenale Welt)
unterschieden. Wir sprechen hier von Realität (= physikalische Welt) und Wirklichkeit
(= alle subjektiven Erscheinungen der Realität). [...] Im Kritischen Realismus wird die These vertreten, dass die gesamte vorgefundene
Welt - also die Innenwelt, aber auch die wahrgenommene Außenwelt - zu unserer
anschaulichen, erlebten Welt, d.h. der phänomenalen Wirklichkeit gehört
(Mikrokosmos). Diese ist streng von der physikalischen bzw. transphänomenalen
Welt zu unterscheiden (Makrokosmos); diese ist uns niemals unmittelbar gegeben,
sondern kann nur indirekt erschlossen und in theoretischen Modellen, z.B. in Form von physiologischen Theorien über den menschlichen Organismus, abgebildet
werden. Aus dieser Sicht wird die Welt gleichsam verdoppelt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Was ist Wirklichkeit?
2.1. Kritischer Realismus
2.2. Theorien der Wahrnehmung
2.3. Differenzierung verschiedener Wirklichkeitsbegriffe:
2.4. Drei Stufen der Wahrnehmung
3. Wirklichkeitskriterien
3.1. Syntaktische Wirklichkeitskriterien
3.2. Semantische Wirklichkeitskriterien
3.3. Pragmatische Wirklichkeitskriterien
4. Schlussfolgerung:
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die erkenntnistheoretischen und wahrnehmungspsychologischen Grundlagen, die dazu führen, dass der Mensch bestimmte Erscheinungen als objektive Realität wahrnimmt. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Kriterien und Mechanismen unserem Gehirn ermöglichen, zwischen bloßer Vorstellung, Täuschung und tatsächlich vorhandener Wirklichkeit zu unterscheiden.
- Unterscheidung zwischen phänomenaler Welt und transphänomenaler Realität
- Analyse verschiedener Wahrnehmungstheorien (Gestalttheorie, Konstruktivismus)
- Klassifizierung von Wirklichkeitskriterien (syntaktisch, semantisch, pragmatisch)
- Erklärung des Wirklichkeitsempfindens durch Dimensionalitätssprünge
Auszug aus dem Buch
2.2. Theorien der Wahrnehmung
Alle Theorien der Wahrnehmung lassen sich durch das Verhältnis von Realität (R) und Wirklichkeit (W) in Verbindung bringen:
• Die ökologische Wahrnehmungstheorie (James J. Gibson, 1982): Jeder Organismus nimmt seine Umwelt direkt wahr: W = R. Diese naiv-realistische Wahrnehmungstheorie nimmt eine unmittelbare Reaktion der Organismen auf physikalische Parameter an (Wirklichkeit = Realität)
• Die repräsentationalen Wahrnehmungstheorien sehen die Wirklichkeit nur als Funktion der Realität (vgl. Rausch, 1952; Bischof, 1966; Metzger, 1966): W = f (R). Für solche kritisch-realistischen Ansätze ist die Realität lediglich eine Ursache für das im Organismus erzeugte (abstraktes) Abbild, wobei dieses Abbild der Welt nicht wie ein Bild, sondern wie die Realität selbst wirkt (obwohl sich diese Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht von der Realität unterscheidet). V.a. in der Gestalttheorie wird die Eigenständigkeit des kognitiven, Wirklichkeit konstituierenden Systems, durch die Untersuchung von Wahrnehmungstäuschungen betont.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Es wird die grundlegende Frage thematisiert, wie der Mensch in einer Welt subjektiver Erscheinungen Sicherheit über die Existenz der objektiven Realität erlangt.
2. Was ist Wirklichkeit?: Dieses Kapitel differenziert erkenntnistheoretisch zwischen der erlebten Welt der Erscheinungen und der transzendentalen Realität der Dinge an sich.
2.1. Kritischer Realismus: Hier wird die These vertreten, dass die wahrgenommene Welt als Mikrokosmos streng von der physikalischen transphänomenalen Welt zu trennen ist.
2.2. Theorien der Wahrnehmung: Es werden verschiedene wissenschaftliche Modelle dargestellt, die das Verhältnis zwischen physikalischer Realität und subjektiver Wirklichkeit definieren.
2.3. Differenzierung verschiedener Wirklichkeitsbegriffe:: Das Kapitel analysiert anhand einer Skala von „wirklich“ bis „nicht wirklich“ verschiedene Abstufungen des Wirklichkeitserlebens.
2.4. Drei Stufen der Wahrnehmung: Die Wahrnehmung wird in die drei funktionalen Schritte Empfinden, Organisieren sowie Identifizieren und Einordnen gegliedert.
3. Wirklichkeitskriterien: Die Kriterien für das Wirklichkeitsempfinden werden in drei Gruppen unterteilt: syntaktische, semantische und pragmatische Merkmale.
3.1. Syntaktische Wirklichkeitskriterien: Fokus auf grundlegende Sinnesqualitäten wie Helligkeit, Kontrast und räumliche Anordnung als Indikatoren für Realität.
3.2. Semantische Wirklichkeitskriterien: Untersuchung der Bedeutung und des Kontextes, die einem Objekt beigemessen werden, um dessen Wirklichkeitscharakter zu bestimmen.
3.3. Pragmatische Wirklichkeitskriterien: Betrachtung handlungsbezogener Aspekte wie Kausalität und Intersubjektivität als Maßstab für die Wirklichkeit.
4. Schlussfolgerung:: Zusammenfassend wird das Wirklichkeitserleben als Resultat von Dimensionalitätssprüngen innerhalb der Reizmuster komplexer Systeme erklärt.
Schlüsselwörter
Wirklichkeit, Realität, Wahrnehmung, Gestalttheorie, Kritischer Realismus, Konstruktivismus, phänomenale Welt, transphänomenale Realität, Sinnesqualitäten, Wahrnehmungstäuschung, Kognition, Reizmuster, Dimensionalitätssprung, Identifikation, Objektwahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die erkenntnistheoretischen Grundlagen, die erklären, warum wir bestimmte Wahrnehmungen als real und andere als bloßen Schein oder Vorstellung empfinden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Felder sind die Unterscheidung zwischen phänomenaler und transphänomenaler Welt, die verschiedenen psychologischen Wahrnehmungstheorien und die Klassifizierung von Wirklichkeitskriterien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Mechanismen aufzuzeigen, durch die das kognitive System Ordnung in Reizsignale bringt und so das Gefühl von „Wirklichkeit“ erzeugt.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden genutzt?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Gestalttheorie sowie erkenntnistheoretische Positionen wie den Kritischen Realismus und den Konstruktivismus.
Was umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Wirklichkeitsbegriffe, eine detaillierte Analyse der Wahrnehmungsstufen und eine Kategorisierung der Wirklichkeitskriterien.
Welche Schlüsselbegriffe sind für die Arbeit prägend?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die phänomenale Welt, der Dimensionalitätssprung bei Reizmustern, sowie die Differenzierung in syntaktische, semantische und pragmatische Wirklichkeitskriterien.
Was ist unter dem „Dimensionalitätssprung“ in der Schlussfolgerung zu verstehen?
Der Autor erklärt damit, dass das Empfinden von Realität sprunghaft zunimmt, sobald die Komplexität eines Reizmusters einen bestimmten Schwellenwert überschreitet und eine neue Qualität der Wahrnehmung entsteht.
Inwiefern beeinflusst der Kontext die Wahrnehmung eines Objekts?
Gemäß den semantischen Wirklichkeitskriterien wird ein Objekt eher als „wirklich“ eingestuft, wenn es stimmig in einen bestehenden Kontext passt, da das Gehirn ständig nach Invarianz und Stabilität sucht.
- Arbeit zitieren
- Christian Schönherr (Autor:in), 2002, Über Wirklichkeitskriterien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15744