Inwieweit tangieren Voraussetzungen des Gedächtnisses die Fähigkeit zur Improvisation?


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Gedachtnisbegriff

Ultrakurzzeitgedachtnis / Echogedachtnis

Kurzzeitgedachtnis

Langzeitgedachtnis

Deklaratives und implizites Wissen

Motorisches Gedachtnis

Schlusswort

Verzeichnis der zitierten Literatur

Einleitung

Gehirn und Geist - dieser Dualismus gehort zu den letzten Mysterien der modernen Wissenschaft. So sehr sich diese These auch dem Vorwurf der Ubertreibung stellen muss, das sprichwortliche Kornchen Wahrheit lasst sich dennoch erkennen. Trotz der vielen technischen Neuerungen an bildgebenden Verfahren in Forschung und Medizin der letzten Jahrzehnte, ist die Funktionsweise des knapp drei Pfund schweren, (nach Wilhelm Busch) „blumenkohlahnlichen“ Gebildes nur ansatzweise geklart. Fur den Menschen von besonderer Bedeutung ist dabei das Gedachtnis, mit dessen Hilfe der Einzelne Vergangenes mit der Gegenwart vergleichen kann, um seine Zukunft selbst zu gestalten.

Vorliegende Arbeit versucht einen Uberblick uber den aktuellen Erkenntnisstand der Neurophysiologie und -psychologie zum Thema Gedachtnis zu geben. Das spezielle (musikwissenschaftliche) Interesse liegt dabei in der Verbindung zwischen den verschiedenen Auspragungsformen des Gedachtnisses und der Fahigkeit zur musikalischen Improvisation. Ausgangsbasis und Orientierung hierfur war der Text „Wissen und Gedachtnis“ von Herbert Bruhn aus dem Buch „Allgemeine Musikpsychologie.[1]

Trotz umfangreicher Studien zum Sachverhalt Musik und Gehirn waren keine wissenschaftlichen Publikationen aufzufinden, die sich direkt dem Thema Gedachtnis und Improvisation widmen. Im Anschluss an jedes Kapitel findet sich deshalb jeweils ein kurzes Fazit, welches die Bedeutung der einzelnen Gedachtnisprozesse fur die musikalische Improvisation anzudeuten versucht.

Gedachtnisbegriff

Obwohl das Gedachtnis schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts[2] Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung ist, gibt es kaum eine einheitliche Vorstellung daruber, auf welche Art und Weise das Gehirn es dem Menschen uberhaupt ermoglicht, dauerhaft Erfahrungen zu sammeln, spezialisierte Fahigkeiten auszubilden oder reproduzierbares Wissen zu erlangen. Als allgemein konsensfahig erweist sich die These, das Gedachtnis sei das Vermogen, „vergangene Wahrnehmungen nach einer kognitiven Verarbeitung mehr oder weniger dauerhaft zu speichern.“[3]

Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist bis heute noch nicht vollstandig geklart. Nach aktuellem Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass jede zentralnervose Verarbeitung von Informationen uber Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen verlauft, den sogenannten Synapsen. Jede Ubertragung eines Nervenimpulses uber eine solche Synapse kann zu einer Veranderung der Starke von eben dieser fuhren. Somit schlagt sich jedes Ereignis, das vom Gehirn verarbeitet wird, auch mehr oder weniger im Gedachtnis nieder.[4] Neben der Starke erhoht sich mit der Zeit auch die Anzahl der Verbindungen selbst, je nach Eigenheit und Dauer der entsprechenden Gehirnaktivitat.

Ein Grofiteil der Forschung argumentiert nun direkt auf physiologischer Ebene: Gedachtnis ist die Fahigkeit der Nervenzellen im Gehirn, die Anzahl und Starke ihrer Verbindungen zueinander uber eine bestimmte Zeit zu verandern (d.h. zu erhohen). Jede Aktivitat zwischen zwei Nervenzellen kann jedoch zu chemischen Veranderungen fuhren, die diese Aktivitat zeitlich uberdauern, und somit konnte Gedachtnis als Charakteristikum aller Nervenzellen angesehen werden.[5] Es verwundert daher auch kaum, dass aus dieser Perspektive das Erinnerungsvermogen des Menschen schnell zum „Nebeneffekt“[6] der verschiedenen Arten der Informationsverarbeitung im Gehirn erklart wird.

In den 50er Jahren entwickelte sich eine bis heute allgemeinhin akzeptierte Theorie zur Unterteilung des Gedachtnisses in Analogie zur Computertechnologie in Lang- und Kurzzeitgedachtnis.[7] Erst in den letzten Jahrzehnten entwickelte sich daneben auch die Vorstellung eines Ultrakurzzeitgedachtnisses. Diese Abstufungen sollten jedoch nicht als drei voneinander grundsatzlich verschiedene Speicherorte im Gehirn angesehen werden. Sie beschreiben vielmehr unterschiedliche Prozesse: „Die Aufnahme und Verarbeitung eingehender Reize, deren Bereithaltung fur unmittelbar zu erledigende weitere Aufgaben sowie der Niederschlag der Informationsverarbeitung in der sich langfristig andernden Starke der Verbindungen zwischen Nervenzellen.“[8] Diese Prozeduren sind also als funktional verschieden zu betrachten und sind nicht struktureller Natur. Bisher gibt es keinerlei Beweise fur die anatomische Verschiedenheit der einzelnen Gedachtnisvorgange. Die aktuelle Theorie besagt sogar, dass mindestens 2 Gedachtnisprozesse, namlich das Lang- und Kurzzeitgedachtnis, dieselbe anatomische Struktur auf unterschiedliche Weise nutzen.[9]

Da es keinen einzeln zu benennenden Ort fur die Speicherung von Daten im Gehim gibt, kann man vom Gedachtnis auch als verteiltes Wissen innerhalb der Prozesse der sensorischen Wahrnehmung sprechen.[10]

Einen ganzlich anderen Ansatz im Vergleich zur Neurophysiologie verfolgt die Psychologie. Sie nennt das Gedachtnis als „die grundsatzliche Voraussetzung fur Lernfahigkeit, denn ohne eine Verankerung von Erfahrungen ist Lernen nicht moglich. Ohne Gedachtnis, ohne den Vergleich mit fruheren Erfahrungen, blieben (abgesehen von einigen angeborenen Reiz- Reaktionsverbindungen) auch alle Sinnesreize leere und bedeutungslose Muster. Jede Melodie ware nur eine Folge von einzelnen Tonen, wenn nicht im Gedachtnis die Zusammenhange hergestellt wurden, die Tonfolgen beim wiederholten Erklingen wiedererkannt und innerlich reproduziert werden konnten.“[11]

Ultrakurzzeitgedachtnis / Echogedachtnis

Es wurde gezeigt, dass der Begriff „Gedachtnis“ mehr umschreibt, als das blofie Memorieren und Erinnern von Wissensinhalten. Ein Grofiteil der Arbeit, die im neuronalen Netzwerk geleistet wird, lauft dabei unbewusst ab und kann auch nicht bewusst gemacht werden, wie etwa das Umwandeln und Kodieren diverser Speicherungsprozesse bei der kognitiven Verarbeitung des Wissens.[12]

„Das Gedachtnis beginnt nicht erst mit der Representation von Objekten und Ereignissen im Kortex, sondern hat Reprasentationen und Prozeduren auf vorbewussten Verarbeitungsebenen zur unbedingten Voraussetzung. So sind gespeicherte Prozeduren zur Verarbeitung von eingehenden auditiven Informationen oder zur Steuerung von Verhalten wie Musizieren und Singen im Allgemeinen nicht bewusst. Die Strukturierung von musikalischen Klangen oder die automatisierten Ablaufe beim Musizieren sind vorbewusst, da sie sehr schnell ablaufen mussen. Sie sind nicht bewusstseinsfahig und konnen nur in ihren Auswirkungen bewusst gemacht werden.“[13]

Prozesse dieser Art kennzeichnen sich dadurch, dass sie praattentiv (d.h. vorbewusst) ablaufen, die Speicherung subkortikal[14] erfolgt und eine Veranderung der gespeicherten Gedachtnisinhalte nicht bewusst oder nur indirekt moglich ist. Die meisten dieser Prozeduren dienen dem direkten Umgang mit der Umwelt: Sie nehmen zum Beispiel akustische Informationen auf und leiten diese als zum Teil vorverarbeitete Objekte weiter.[15] Die Verarbeitung auditiver Wahrnehmungsinformationen dient vor allem der Bereitstellung des eingehenden Datenmaterials fur weitere, hohere Verarbeitungsprozesse und geschieht im Ultrakurzzeitgedachtnis.[16] Diese extrem kurz andauernde Gedachtnisform lasst kaum einen eigentlichen Unterschied zu den ankommenden Stromen der uber die Sinne erfassten verschiedenen Wahrnehmungseindrucke erkennen. Das Ultrakurzzeitgedachtnis steht in einem so engen Verhaltnis zu den Signalen der Sinnesorgane, dass einige Wissenschaftler es begrifflich auch lieber dort angesiedelt sehen wurden.[17]

Zweck dieser kurzen Speicherung ist aber nicht die Weiterleitung zur Analyse in immer hoher gelegenen Gehirnzentren allein. Um Informationen optimal auswerten zu konnen bedarf es der Wechselwirkung im Vergleich zu bereits gespeicherten Informationen. Die dafur benotigte Zeit, bevor der Reiz in verschiedenen Gestalten (d.h. verschieden kodiert) in den Arbeitsprozess zuruckgeht, kann dem Begriff Echogedachtnis gleichgesetzt werden.[18]

Die Bezeichnung „echoic memory“ geht auf die Arbeit Cognitive Psychology von Ulric Neisser aus dem Jahre 1967 zuruck. Auch dieser Terminus steht der Ablehnung diverser Wissenschaftler gegenuber, da er in seiner Funktionsweise einer dem eigentlichen Reiz uberdauernden Erregung entspricht.[19]

Ankommender Schall wird im Innenohr in Strome elektrischer Nervenimpulse umgewandelt. In jedem Ohr befinden sich uber 30.000 der dafur benotigten auditorischen Nervenzellen. Eine Erregung der Hornerven bleibt fur ein sehr kurze Zeit erhalten, bevor die Weiterleitung einsetzt. Sofern die neuronale Erregung nicht durch andere Verarbeitungsprozesse aufgenommen wird, verliert sie sich wieder[20] und stirbt dann innerhalb von einer Sekunde, eben wie ein Echo, ab.[21]

Die Wirkungen von sensorischen Reizen im Echogedachtnis werden fur etwa 250 Millisekunden aufrechterhalten. Innerhalb dieser Spanne werden nacheinander klingende Tone nicht als unterschiedliche Ereignisse registriert, sondern jeder neue Ton setzt das Erregungsmuster des vorherigen fort.[22]

[...]


[1] Bruhn, Herbert: Wissen und Gedachtnis. In: Allgemeine Musikpsychologie, hrsg. von Thomas H. Stoffer und Rolf Oerter, Gottingen 2005, Hogrefe Verlag fur Psychologie, S. 537-590.

[2] Bruhn S. 540: Die Arbeit Uber das Gedachtnis von Hermann Ebbinghaus aus dem Jahre 1885 gilt als Ursprung der psychologischen Forschung uber das Gedachtnis.

[3] Bruhn, Herbert: Gedachtnis und Wissen. In: Musikpsychologie. Ein Handbuch. Hrsg. von Herbert Bruhn, Rolf Oerter und Helmut Rosing, Reinbeck 1993, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, S. 539.

[4] Spitzer, Manfred: Musik im Kopf. Horen, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. Stuttgart 2002, Schattauer, S. 125.

[5] Snyder, Bob: Music and memory. An introduction. Massachusetts 2000, The MIT Press S. 4.

[6] Bruhn S. 542

[7] Bruhn S. 540-541

[8] Spitzer S. 118

[9] Snyder S. 4

[10] Bruhn S. 546

[11] Kloppel, Renate: Die Kunst des Musizierens. Von den physiologischen undpsychologischen Grundlagen zur Praxis. Mainz 1993, B. Schott’s Sohne, S. 42.

[12] Bruhn S. 452-453

[13] Bruhn S. 543

[14] Der Begriff „subkortikal“ beudeutet unterhalb der Gehirnrinde gelegen. Die aufiere Gehirnrinde ist das letzte und am meisten spezialisierte Glied in der Evolution des Gehirns und somit verantwortlich fur die aufierodentlichen Denk- und Gedachtnisleistungen des Menschen gegenuber den Primaten und anderen Tieren.

[15] Bruhn S. 550

[16] Bruhn S. 545

[17] Spitzer S. 116

[18] Spitzer S. 118

[19] Bruhn S. 544

[20] Bruhn S 543

[21] Snyder S. 4

[22] Hesse, Horst-Peter: Musik und Emotion. Wissenschaftliche Grundlagen des Musik-Erlebens. Wien 2003, Springer-Verlag, S. 24.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Inwieweit tangieren Voraussetzungen des Gedächtnisses die Fähigkeit zur Improvisation?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Improvisation in musikpsychologischer und interkultureller Perspektive
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V157467
ISBN (eBook)
9783640698561
ISBN (Buch)
9783640698721
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedächtnis, Improvisation, Musikpsychologie
Arbeit zitieren
Sebastian Bluschke (Autor:in), 2009, Inwieweit tangieren Voraussetzungen des Gedächtnisses die Fähigkeit zur Improvisation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157467

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