Die Fiktionalität in Ulrichs von Zatzikhoven "Lanzelet"


Seminararbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Der Fiktionsbegriff - Von der Antike bis heute
1.1 Fiktionalitat in der Antike und im Mittelalter
1.2 Fiktionalitat in der Neueren Forschung

2. Funktion der indirekten Sprache

3. Untersuchungen der Fiktionalitat an Ulrichs von Zatzikhoven Lanzelet

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primarliteratur
5.2 Sekundarliteratur

0. Einleitung

Der Dichter Ulrich von Zatzikhoven verfasst um 1210 ein umfangreiches Werk von etwa 9500 Versen, den Lanzelet. Uber seinen Verfasser Ulrich und dessen Herkunft wird nach wie vor gemutmaBt. Am wahrscheinlichsten erscheint jedoch, dass Ulrich Angehoriger eines thurgauischen Ministerialengeschlechts gewesen ist und eine Lateinschule besucht hat.[1] Uberliefert ist der Lanzelet lediglich in zwei Handschriften und vier Fragmenten.

Der Stoff dieser Dichtung ist moglicherweise auf den franzosischen Epiker Chretien de Troyes zuruckzufuhren. Dieser hat zwischen 1160 und 1190 den keltisch-bretonischen Sagenstoff um Konig Artus in Versromanen wie Erec, Yvain, Lancelot und Perceval zu einer geschlossenen Dichtungswelt jenseits der vorausgegangenen historischen Tatsachlichkeit umgearbeitet.[2] Im Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven berichtet der Erzahler uber seine Vorlage eine andere Geschichte, die auch, historisch gesehen, eindeutig identifizierbar ist. Spater allerdings wird den Beteuerungen Ulrichs weniger Glauben geschenkt und eine fiktive Quelle in Betracht gezogen.

In der neueren Forschung sehr kontrovers diskutiert, wird er dagegen im Mittelalter oft und gerne rezipiert.

Das Ziel meiner Arbeit soll es sein, die Fiktionalitat im Lanzelet genauer zu untersuchen. Um dies zu ermoglichen, muss zuerst der Fiktionsbegriff genauer definiert werden, um fur die darauffolgende Untersuchung am Text selbst, Vergleichsmoglichkeiten zu erhalten, mit denen dem Fiktionalitatsverstandnis Ulrichs und auch dem der mittelalterlichen Rezipienten etwas naher gekommen werden kann.

Da es mir im Umfang dieser Arbeit nicht moglich sein wird, alle fiktionalen Elemente im Lanzelet zu untersuchen, beschranke ich mich auf einige bestimmte Textstellen, die meiner Ansicht nach am besten geeignet erscheinen.

1. Der Fiktionsbegriff - Von der Antike bis heute

Im Folgenden mochte ich nun versuchen, den Begriff Fiktion genauer zu definieren sowie seine Entwicklung uber Jahrtausende hinweg grob aufzuzeigen.

1.1 Fiktionalitat in der Antike und im Mittelalter

Fiktion beziehungsweise Fiktionalitat stammt von dem lateinischen Wort fingere und bedeutet soviel wie bilden, erdichten, vortauschen.[3] Es ist die Bezeichnung fur den erfundenen bzw. imaginaren Charakter der in literarischen Texten dargestellten Welten.[4]

Die Auseinandersetzung mit Fiktionalem ist ein Phanomen, das bereits seit der Antike diskutiert wird. Im 4. Jahrhundert vor Christus schreibt Aristoteles in seiner Poetik,

[...] dass es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen konnte, d. h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mogliche. [...] Denn der Geschichtsschreiber und der Dichter [...] unterscheiden sich vielmehr dadurch, dass der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen konnte. Daher ist Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung [...].[5]

Platon dagegen vertritt in seiner Politeia eine vollig andere Ansicht, vergleicht die Dichtung sogar mit Luge und behauptet, „[...] dass Dichtung nichts als Tauschung und insofern uberflussig, wenn nicht gar schadlich sei[...]“[6].

In der Lateinischen Antike, im 1. Jahrhundert nach Christus, sind es Horaz, Cicero, Quintilian und Auctor ad Herennium, die in Wahres (historia), Falsches (fabula) und das dem Wahren Ahnlichen (argumentum) unterscheiden.

Nach langer Zeit, in der die Poetik des Aristoteles beinahe vollig in Vergessenheit geraten ist, wird die Fiktionalitat erstmals im Hofischen Roman des 12. Jahrhunderts wiederentdeckt.[7] Zu dieser Zeit ist die Dichtung einem standigen Legitimationszwang ausgesetzt. Es herrscht die Vorstellung, dass sich eine hohere, gottliche Wahrheit in der Verhullung der Sprache, vor allem in der fabulosa narratio, finden lasse, zu der es vorzudringen gilt.[8] Diese Verhullung von Wahrheit mit Formen der indirekten Sprache wird als integumentum bezeichnet.[9] Ebenfalls von groBer Bedeutung ist der Mehrfache oder Vierfache Schriftsinn, der in der geistlichen Auffassung des Mittelalters eine wichtige Rolle spielt. Mit Hilfe des historischen, des moralischen, des allegorischen und des anagogischen Schriftsinns konnte die Bibel, aber auch profane Texte, ausgelegt werden.[10]

Das Verstandnis von Fiktionalitat nach Aristoteles wird erst Jahrhunderte nach der Entstehung seiner Poetik, in der Zeit des Barock (1600-1720), wieder aufgegriffen. Es war eine Zeit des Mordens, der DreiBig Jahrige Krieg hatte 1618 begonnen, in der das Bedurfnis nach einer literaturfahigen Muttersprache immer groBer und dieses schlieBlich von Martin Opitz 1624 befriedigt wurde. Mit dem „Buch von der Deutschen Poeterey“ formuliert er nicht nur die Richtlinien einer deutschen Literatursprache, sondern verweist darin auch auf die Ansichten Aristoteles’, indem er auBert, dass das Ziel der Dichtung ist, die Dinge weniger zu beschreiben, wie sie sind, als wie sie sein konnten oder sollten.[11]

1.2 Fiktionalitat in der Neueren Forschung

Mit dem Begriff der Neueren Forschung bezeichne ich an dieser Stelle die Forschungserkenntnisse des vergangenen Jahrhunderts bis in die heutige Zeit und mochte besonders auf Searle, Iser und Zipfel verweisen, da andernfalls der Rahmen meiner Arbeit gesprengt werden wurde.

Der sprechakttheoretische Ansatz von Searle, Gabriel und Coleman wird 1975 entwickelt und fasst Sprache als Handlung auf. Dichtung wird als sprachliche AuBerung mit fehlendem Wirklichkeitsbezug definiert.[12] Das bedeutet, dass die fiktionale Rede das Verstandnis von wirklichkeitsbezogener Rede voraussetzt und die aus ihr gewonnenen Erkenntnisse nicht direkt auf die Alltagswirklichkeit bezogen werden konnen.[13]

[...]


[1] Wennerhold, Markus: Spate mittelhochdeutsche Artusromane. Wurzburg: 2005. S.21.

[2] Beutin, Wolfgang (Hrsg.): Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfangen bis zur Gegenwart. Stuttgart: 2001. S. 25.

[3] Nunning, Ansgar (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Stuttgart: 2004. S. 63.

[4] Ebd.

[5] Aristoteles: Poetik. Griechisch / Deutsch. Stuttgart: 2001. S. 29.

[6] Brunner, Horst (Hrsg.): Literaturwissenschaftliches Lexikon: Grundbegriffe der Germanistik. Berlin: 1997. S. 103.

[7] Ebd.

[8] Grunkorn, Gertrud: „Zum Verstandnis der fiktionalen Rede im Hochmittelalter.“ In: Fiktionalitat im Artusoman. Hrsg. v. Volker Mertens. Tubingen: 1993. S. 35.

[9] Ebd.

[10] Bretscher-Gisiger, Charlotte (Red.): Lexikon des Mittelalters. Schriftsinne. CD-ROM-Ausgabe: 2000.

[11] Freund, Winfried: Deutsche Literatur. Schnellkurs. Koln: 2004. S. 39.

[12] Grunkorn, Gertrud: Die Fiktionalitat des hofischen Romans um 1200. Berlin: 1994. S. 11.

[13] Grunkorn, G.: Fiktionalitat im Artusroman. S. 31

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Fiktionalität in Ulrichs von Zatzikhoven "Lanzelet"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Der 'Lanzelet' Ulrichs von Zatzikhoven
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V157511
ISBN (eBook)
9783640702596
ISBN (Buch)
9783640702503
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Lanzelet, Ulrich von Zatzikhoven, Fiktionalität
Arbeit zitieren
Sabrina Birn (Autor), 2006, Die Fiktionalität in Ulrichs von Zatzikhoven "Lanzelet", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157511

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Fiktionalität in Ulrichs von Zatzikhoven "Lanzelet"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden