Strukturwandel und Migration: Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands seit 1880


Magisterarbeit, 2009
110 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Theorien zu Migration
2.1.1 Fremdheit und Marginalitat
2.1.2 Die Wechselbeziehungen von Aufnahmegesellschaft und Migranten in verschiedenen theoretischen Modellen
2.1.2.1 Die Modelle von Alan Richardson und Ronald Taft
2.1.2.2 Milton M. Gordons Assimilationsmodell und die „ethclass"
2.1.2.3 Hoffmann-Nowotnys Thesen zur Beziehung von gesellschaftlicher und kultureller Dimension
2.1.2.4 Das Assimilationsmodell von Hartmut Esser
2.1.2.5 Erganzende Bemerkungen zu Migration als sozialem Prozess
2.2 Zur historischen Sozialforschung und zur Migration als deren For- schungsgegenstand
2.3 Zu sozialen Konflikten in der Einwanderungsgesellschaft und der Rolle der staatlichen Politik

3. Zur Migrationsgeschichte Deutschlands im ausklingenden 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs
3.1 Deutsche Uberseeauswanderung und Landflucht als Ursachen von „Leu te-" und „Arbeiternot"
3.2 Strukturwandel, kontinentale Zuwanderung und staatliche Migrationspo litik im Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg

4. Zur Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg

5. Migrationsgeschichte zur Zeit der Weimarer Republik
5.1. Emigration, Flucht, Vertreibung nach dem Ersten Weltkrieg
5.2. „Inlandervorrang" und staatliche Regulierung des Arbeitsmarktes

6. Das Schicksal der „Displaced Persons" nach dem Zweiten Weltkrieg

7. Arbeitsmigranten im Spannungsfeld zwischen Zu- und Einwanderung in der Bundesrepublik Deutschland
7.1. Neuer Arbeitskraftebedarf - Migranten, Arbeitsmarkt, Politik und Gesell- schaft in der BRD bis 1973
7.2. Die Entwicklung seit den 1970er-Jahren hin zum Einwanderungsland und die Nicht-Anerkennung der Einwanderungssituation durch die Politik

8. Strukturveranderungen von Migration und politische Paradigmenwechsel seit den 1980er-Jahren
8.1. Asylbewerber und (Spat-)Aussiedler als neue Herausforderungen fur Poli- tik und Gesellschaft in Deutschland
8.2. „Ein unumkehrbarer Zuwanderungsprozess" - der Regierungswechsel 1998 als Bewusstseinswandel in der Migrationspolitik?
8.3. Migranten und staatliche Integrationsforderung im neuen Jahrtausend

9. Zusammenfassung

10. Abbildungsverzeichnis

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erst vor wenigen Jahren setzte sich fur die Bundesrepublik auch von Seiten der Regierung und der beiden grofien Volksparteien - wenn auch sehr zogerlich und nicht bei jedem einzelnen Spitzenpolitiker - der Terminus „Einwanderungsland" durch[1], wenn von der Nation hinsichtlich ihrer Migrationsstrome gesprochen wird. Manchen Beobachtern schien es, als habe man in der Politik jahrzehntelang eine of- fensichtliche Entwicklung nicht beim Namen nennen wollen oder sie sogar ignoriert (Bade/Oltmer 2004: 84 f.). Trotzdem bewegt(e) das Thema der Migration[2] die Men- schen im Land. Aus diesem Grund wurde es von den politischen Parteien auch oft im Wahlkampf fur innenpolitische Debatten und Profilbildung benutzt. Ein promi- nentes Beispiel dafur ist die stark polarisierende Unterschriftenaktion von Roland Koch (CDU) gegen die doppelte Staatsburgerschaft im hessischen Landtagswahl- kampf 1999 (Angenendt/Kruse 2004: 482). Wie sehr das Thema die Menschen stets beschaftigte, lasst sich daran erkennen, dass die Diskussionen um Einwanderung und die Eingliederung von Migranten schon seit weit uber einem Jahrhundert immer wieder ahnlich und auch ahnlich intensiv gefuhrt wurden. Denn die Fragestellungen und die Positionen ahneln sich uber einen Zeitraum von uber 130 Jahren hinweg auf verbluffende Weise (Herbert 2001: 9). Solche Debatten hatten und haben oft einen populistischen Zug, und nicht selten truben ideologisch oder von tagespolitischem Interesse gepragte Positionen den Blick auf Fakten und schranken die Handlungs- moglichkeiten der politischen Akteure ein.

Aus der Perspektive der historischen Sozialforschung lasst sich allerdings ein objektiverer Blick auf Vorgange und Strukturen gewinnen, die oft in Diskussionen verklart oder gar nicht erkannt wurden. Mit der interdisziplinaren Verschrankung von Sozial- und Geschichtswissenschaften ist es moglich, abseits von Wahlkampf und politischen Machtkampfen der Frage nachzugehen, ob - oder zu welchem Zeit- punkt - man von einer Einwanderung nach Deutschland sprechen kann, inwieweit Zuwanderung fur Deutschland notwendig war oder ist, wie die Politik mit dem so- zialen Prozess „Migration" umging, und wo Fehler im Umgang mit Migration ge- macht wurden.

Deutschlands Migrationsgeschichte begann nicht erst in der Bundesrepublik mit der Anwerbung von Gastarbeitern. Der Blick konnte auch beliebig viele Jahr- hunderte vor der Grundung des Kaiserreiches 1871 zuruckreichen. Aber ein Ver- gleich einer nichtindustrialisierten mit einer industrialisierten Gesellschaft macht bei dieser Fragestellung keinen Sinn, da sonst kein durchgehender roter Faden zu ziehen ware. Deshalb wird diese Arbeit mit der Fokussierung auf das Migrationsgeschehen erst in einer Nation beginnen, in der die Industrialisierung schon relativ weit fortge- schritten war und die gleichzeitig vielfaltige Strukturveranderungen in Wirtschaft und Gesellschaft erlebte. Schon in den ersten Jahrzehnten des Kaiserreiches erlebte das Land grofie Auswanderungsschube, rieb sich aber auch an der Frage nach der Beschaftigung von Auslandern im Reich, die den Arbeitskraftebedarf bestimmter wirtschaftlicher Bereiche befriedigen sollten. Dieser Anfangspunkt der im Folgenden vorzustellenden „Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands" liegt in den 1880er-Jahren. Die dritte sogenannte „Auswanderungswelle" nach Ubersee war auf dem Hohepunkt, innere Umstrukturierungsprozesse fuhrten zu einem Bedarf an auslandischen Arbeitskraften. Es macht deshalb Sinn hier zu beginnen, um einige zentrale Aspekte der Migrationsgeschichte des modernen Deutschlands zu analysie- ren, auch wenn Vergleiche verschiedener Epochen wegen der unterschiedlichen Um- stande immer sehr vorsichtig anzugehen sind. Trotzdem - so viel sei jetzt schon ge- sagt - lassen sich auch bestimmte strukturelle Ahnlichkeiten aufdecken. Neben der Frage nach Deutschlands Identitat als Einwanderungsland steht also auch die Aufar- beitung von Strukturen der Wanderungen im Vordergrund. Zusatzlich liegt der Fo- kus auf der politischen Zuwanderungs- und Einwanderungssteuerung, deren Gestal- tungsmoglichkeiten und deren Folgen. Dabei soll kein Gesamtbild aller Migrations- strome und Strukturveranderungen gezeichnet werden, sondern nur diejenigen he- rausgegriffen werden, die die deutlichsten Auswirkungen auf Deutschland hatten und an denen die Fragestellung in Hinsicht auf die migrationspolitische Gestaltung auch Erkenntnisse abwirft.

Zuvor soll in dieser Arbeit eine theoretische Grundlage sowohl uber Migration selbst, als auch uber die Disziplin der historischen Sozialforschung gelegt werden.

Nach einer Analyse verschiedener Zeitabschnitte hinsichtlich der oben genannten Fragestellung werden die Erkenntnisse zusammengefasst und kurz diskutiert.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Theorien zu Migration

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Soziologie eine Vielzahl von Theorien entwickelt, die das Themenfeld der Migration in bestimmten Teilaspekten behandeln. Es gab bestimmte Trends, mit welchen Begriffen, mit welchen Gesichts- punkten von Migration man sich vorwiegend beschaftigte. Auch wenn sich die Be- grifflichkeiten der Forscher teilweise unterschieden, ahnelte sich doch der Fokus, der zunachst auf die Suche nach Erklarungsmodellen fur Migration gelegt wurde (Han 2005: 41). Im Folgenden werden einige theoretische Ansatze aufgegriffen, die - auch mit Blick auf die Migrationsgeschichte Deutschlands - bestimmte Aspekte von (mo- dernen) Wanderungen zu erklaren versuchen. Fur die vorliegende Themenstellung ist ein Blick auf die folgenden Ansatze von grofiem Wert, da sie uns verdeutlichen, mit welchen Schwierigkeiten sowohl Migranten als auch die Aufnahmegesellschaf- ten zu kampfen haben. Aufierdem gewinnt man Erkenntnisse uber die soziale Rolle des Migranten im Verhaltnis zur Aufnahmegesellschaft und uber die Wechselbezie- hungen, in die dieser in der fur ihn neuen Gesellschaft eintritt. Die Prozesshaftigkeit der moglichen Eingliederung in die Zielgesellschaft, aber auch die sozialen Wech- selwirkungen zwischen Einwanderern und Aufnahmegesellschaft sind dabei Haupt- themen der im Kapitel 2.1.2 vorgestellten Ansatze.[3] Zuvor werden aber in 2.1.1 zwei klassische theoretische Ansatze uber den „Fremden" als sozialen Akteur, namlich von Alfred Schutz und Georg Simmel erlautert, aufierdem das Konzept des Personal- typus des sogenannten „marginal man", der auf Robert E. Park zuruckgeht.[4]

2.1.1 Fremdheit und Marginalitat

Georg Simmels - als soziologischer Klassiker geltender Aufsatz - „Exkurs uber den Fremden" (Simmel 1992: 764-771) von 1908 erklarte den Fremden als soziologi- sches Phanomen, definierte ihn „als der Wandernde, [...] der heute kommt und mor­gen bleibt" (Simmel 1992: 764). Die Fremdheit entsteht bei Simmel gerade durch die Uberwindung fruherer raumlicher Distanz gegenuber einer Gruppe von Personen, zu denen ein Individuum nun in der Rolle des „Fremden" stofit. Fruher war der Fremde durch die raumliche Distanz gar nicht existent fur den Betrachter und fur die Gruppe, fur die er erst relevant wird, sobald er zu ihnen stofit. Eine Person wird dann zum Fremden, wenn sie in den „raumlichen Umkreis" (Simmel 1992: 765) tritt, in dem sich auch der Betrachter befindet, der erst dadurch seinem Gegenuber das At- tribut des Fremden geben kann und so zur Entstehung von dessen Fremdheit bei- tragt. Ein ,Fremder' braucht, um diese soziale Rolle einnehmen zu konnen, immer auch einen Akteur, fur den er fremd (im Sinne Simmels) sein kann - eine Wechselbe- ziehung ist hier zwingend notwendig, denn Fremdheit wird bei Simmel sozial kon- struiert. Er betonte, dass durch die Fremdheit jener Person ein hohes Mafi an Objek- tivitat im Urteil uber den Gesellschaftskreis, in dem jene die Rolle des Fremden u- bernimmt, zukommt (Simmel 1992: 766 f.). Von einem Weg, die eine Person aus der Fremdheit heraus nehmen kann, spricht Simmel nicht. Ihm scheint es meines Erach- tens in erster Linie um die (temporar begrenzte) Fixierung und Bestimmung der Fremdheit als soziale Eigenschaft einer Person zu gehen, einhergehend mit der Be- schreibung weiterer Eigenschaften wie einer spezifischen Objektivitat, die in Bezie- hung zu der Gruppe von Personen entsteht, fur die eine Person als Fremder auftritt.

Alfred Schutz' Aufsatz „Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch" (Schutz 1972: 53-69)[5] analysierte die soziale Rolle des Fremden, den er als „einen Er- wachsenen unserer Zeit und Zivilisation" definiert, „der von der Gruppe, welcher er sich nahert, dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden mochte." Fur Schutz selbst war „der Immigrant" das „hervorragende Beispiel dieser sozialen Situ­ation".

Bevor er in diesem Aufsatz zu der Analyse des Fremden als Sozialtypus gelang- te, leistete Schutz noch etwas Vorarbeit, indem er das Alltagswissen des Individuums und der Gruppe als inkoharent, unklar und nicht frei von Widerspruchen deklarierte, vor allem im Vergleich mit der Art Wissen, das durch Wissenschaft erlangt werden kann. Der entscheidende Punkt bei dieser Darstellung ist, dass das Alltagswissen „fur die Mitglieder der in-group" genugend Verlasslichkeit und Glaubwurdigkeit be- sitzt, um als „Anleitung fur alle Situationen" benutzt zu werden, „die normalerweise in der sozialen Welt vorkommen". Noch ein Zitat, um dies zu verdeutlichen: „Es ist ein Wissen von vertrauenswerten Rezepten, um damit die soziale Welt auszulegen und um mit Dingen und Menschen umzugehen, damit die besten Resultate in jeder Situation" erreicht werden konnen. Wenn nun das Alltagsdenken unwirksam wird, da die damit einhergehenden Annahmen - (a.) dass das Leben immer so weitergeht, wie es gewesen ist, (b.) dass dieses Wissen verlasslich ist, (c.) dass relativ oberflachli- ches Wissen uber Typus oder Stil von Ereignissen reicht, um sie zu kontrollieren, so- wie (d.) dass man mit den Mitmenschen in diesen Annahmen und der Anwendung des Alltagswissen ubereinstimmt - nicht mehr auf die Situation des sozialen Akteurs zutreffend sind, sturzt das Individuum in eine Krise.

An diesem Punkt ist die ,Vorarbeit' von Schutz beendet, von nun an bezieht er sich direkt auf den Sozialtypus des Fremden. Denn er teilt diese Grundannahmen der in-group eben nicht, er stellt vieles, „das den Mitgliedern der Gruppe, der er sich nahert, unfraglich erscheint, in Frage". Er ist nicht mit den Rezepten und dem All tagswissen dieser Gruppe erzogen und sozialisiert worden, kann diese also nicht ein fach als wahr und gultig akzeptieren, da er mit anderem Alltagswissen sozialisiert wurde. Dieses stellt er nun selbst in Frage, da es fur die neue Gruppe, der er fremd ist, ungeeignet ist. Denn er ist nicht nur neutraler Beobachter, sondern hat ein Inte resse daran, Mitglied der fur ihn neuen Gruppe zu werden. Er wird versuchen zu er lernen, „die neuen Kultur- und Zivilisationsmuster" zu verstehen und zu benutzen, da seine eigenen Muster hier nicht anwendbar sind und die Muster der in-group das Orientierungsschema bilden, das in der sozialen Welt dieser Gruppe gebraucht wird.

Ohne im Besitz dieses Orientierungsschemas zu sein, kann der Fremde nicht zu ei nem Mitglied der in-group werden. Sein Ziel wird es nun, analog zur aktiven Beherr schung einer Sprache (im Vergleich zum nur passiven Verstehen), die Anwendung der Kultur- und Zivilisationsmuster der in-group zu erlernen, um dort Mitglied schaft zu erlangen. Beim Beispiel der Sprache bleibend, ging Schutz noch mehr ins Detail: so erwahnte er die sekundaren Bedeutungen von Begriffen, die zwar lexika- lisch aufgefuhrt sind, sich aber je nach Kontext unterscheiden. Ebenso sind Jargons, Dialekte, Idiome in verschiedenen sozialen Gruppen sehr unterschiedlich. Diese Ausdrucksschemata mussen zur aktiven Beherrschung einer Sprache erlernt und verstanden werden, um sie quasi blind anwenden zu konnen. Genau diese freie, rou- tinierte, selbstverstandliche Anwendung ist nur Mitgliedern der in-group moglich, weshalb der Fremde erst einmal aufien vor steht, da er diese Details noch nicht be- herrscht.

Der Fremde findet sich in diesen Mustern kaum zurecht, er kann nicht die selbstverstandlich erscheinenden Handlungsrezepte benutzen, um in einer Situation ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen, sondern muss dies von Situation zu Situation, ohne die Routine der Mitglieder der in-group, zu erreichen versuchen. Der Fremde kann deshalb nicht mit grower Sicherheit eine Handlung abrufen, die von der in­group in typischen Situationen verlangt wird. „Die Kultur- und Zivilisationsmuster der Gruppe, welcher sich der Fremde nahert, sind fur ihn kein Schutz, sondern ein Feld des Abenteuers, keine Selbstverstandlichkeit, sondern ein fragwurdiges Unter- suchungsthema, [...] eine problematische Situation selbst und eine, die hart zu meis- tern ist." Der Fremde ist im Besitz von Objektivitat, da er aufgrund seines Bedurfnis- ses nach Anpassung und des Verstehens ein „Gefuhl fur die Inkoharenz und Inkon- sistenz der Zivilisationsmuster" der in-group entwickelt. Ein Problem, das die in­group daher oft mit Fremden habe, sei die mangelnde Loyalitat des Fremden, in der Schutz mehr als ein Vorurteil sah, vor allem wenn der Fremde sich als „unwillig oder unfahig erweist", die Zivilisationsmuster seiner Heimat mit denen der in-group aus- zutauschen. Dann bleibe der Fremde ein „marginal man".

Zur Assimilation, dem Thema, mit dem sich die im Folgenden besprochenen Modelle befassen, schrieb Schutz den Schluss seines Artikels, der hier wegen seiner Klarheit, aber auch wegen seiner in dieser Epoche verhafteten Grundannahme kriti- sierbar ist, zitiert werden soll: „Die Angleichung des Neuankommlings an die in­group, die ihm zuerst fremd und unvertraut erschien, ist ein kontinuierlicher Prozefi, in welchem er die Kultur- und Zivilisationsmuster der fremden Gruppe untersucht. Dann werden diese Muster und Elemente fur den Neuankommling eine Selbst- verstandlichkeit, ein unbefragbarer Lebensstil, Obdach und Schutz. Aber dann ist der Fremde kein Fremder mehr, und seine besonderen Probleme wurden gelost" (Schutz 1972: 53-69). Dass Eingliederung nicht grundsatzlich so linear und kontinuierlich ver- lauft, wird Bestandteil der Argumentation im folgenden Kapitel sein.

In den ersten Jahrzehnten der Migrationsforschung wurde einige Muhe in die Entwicklung von Modellen gesteckt, die die Prozesshaftigkeit der Migration auf ei ner abstrakten Ebene beschreiben wollten. Diese - wie in den Zusammenfassungen der Ansatze zu sehen sein wird - wollten verschiedene allgemein gultige Stufen vom Verlassen der Herkunftslandes bis zu einer Eingliederung in und Angleichung an die Aufnahmegesellschaft feststellen. Die „Chicagoer Schule", die von Robert E. Park und William I. Thomas begrundet wurde, beschaftigte sich intensiv mit der Migrati- onssoziologie und nahm auf diesem Gebiet eine Pionierrolle ein. Chicago selbst bot dafur herausragende Voraussetzungen, die GroEe der Stadt hatte sich seit 1850 in- nerhalb von 80 Jahren verhundertfacht. Ein hoher Anteil an Einwanderern (unter ih- nen waren die Deutschen temporar die groEte Gruppe) und damit einhergehende soziale und wirtschaftliche Probleme gewissermaEen direkt vor der Haustur der So- ziologen ergaben ein Forschungsfeld, fur das die Mitarbeiter des Instituts nicht weit zu reisen hatten. In diesem Umfeld entstanden demzufolge auch einige Arbeiten zur Migrationssoziologie[6] (Treibel 2008: 84 f.).

An dieser Stelle soll noch der Personlichkeitstypus des „marginal man" im Fo- kus stehen, da ahnlich wie bei Simmel und Schutz ein Typus des homo sociologicus ausgeleuchtet wird. Robert E. Park skizzierte im Artikel „Human Migration and the Marginal Man" (Park 1928: 881-893) in „The American Journal of Sociology" einen Charaktertypus, der die Person des Migranten beschreiben sollte. Zwar argumentier- te Park mit rassistischen Annahmen (vgl. Park 1928: 882 f.; siehe auch FuEnote 6), davon abgesehen ist seine Charakterstudie soziologisch relevant.

Wanderungen bringen seiner Darstellung zufolge Veranderungen in der Per- sonlichkeit der Migranten mit sich. Wenn die traditionelle Gesellschaftsorganisation im Zuge der Wanderung zerfallt, wird der Mensch als Individuum emanzipiert, das Individuelle wird stark herausgehoben. Er wird auf der einen Seite befreit, namlich von Brauchen und Traditionen, aber auf der anderen Seite verliert er auch in gewis- sem MaEe Zielorientierung und Kontrolle. Trotzdem wird eine Reintegration der In- dividuen in eine neue Gesellschaftsordnung folgen. Davor aber, so Park, gibt es Ver- anderungen im Charakter der Migranten selbst. Als Kosmopolit ist es ihm moglich, auf die alte Heimat mit dem Abstand eines Fremden zu schauen.[7] Diese Objektivitat machte Park in folgendem Satz auf anschauliche Weise deutlich: „The effect of mobi­lity and migration is to secularize relations which were formerly sacred". Anpassung und Angleichung gehe aber nicht immer einfach und schnell vonstatten. Hier verfallt Park wieder in Rassenkategorien. Physische Merkmale verhindern laut Park eine schnelle Assimilation (also nicht zum Beispiel durch eine spezifische Mentalitat), weil manche ,Rassen'[8] dem Aussehen der Aufnahmegesellschaft weniger entspre- chen als andere ,Rassen'. Der ,marginal man' jedenfalls lebe im Zustand einer Krise, er gehore weder voll zu der Heimat, die er verliefi, noch zu der Gesellschaft, in der er ein neues Mitglied werden mochte. Er ist fur beide Gesellschaften nun ein Fremder. Da dieser Krisenzustand dauerhaft sei, entwickele sich daraus ein Personaltypus. Seelische Instabilitat, verstarkte Befangenheit[9], Ruhelosigkeit und Unwohlsein zah- len zu den Elementen dieses Charakters (Park 1928: 887-893).

Milton M. Gordon kritisierte spater, dass diese Charakterzuge nie verlasslich bewiesen wurden. Allerdings hielt nicht nur Gordon den soziologischen Typus des ,marginal man' fur zutreffend (Gordon 1975: 57). In beiden Punkten kann man Gor­don zustimmen. Es ist gut moglich, dass einige Einwanderer, die in ihrer spezifischen Lebenssituation als ,marginal man' zu bezeichnen sind, eine derartige Personlichkeit aufweisen. Es auf alle Migranten zu verallgemeinern, ist aber durchaus problema- tisch. Allerdings ist die soziologische Kategorie der Marginalitat fur den zwischen den Kulturen stehenden, aber nirgendwo vollkommen zugehorigen Wandernden passend gewahlt (vgl. Heckmann 1981: 139).

2.1.2 Die Wechselbeziehungen von Aufnahmegesellschaft und Migranten in verschiedenen theoretischen Modellen

2.1.2.1 Die Modelle von Alan Richardson und Ronald Taft

An Migration als physikalische Bewegung im Raum von Herkunfts- zu einem Zielort schliefien sich soziale und sozialpsychologische Prozesse an. Vielen Soziolo gen ging es darum, diese Prozesse zu analysieren und zu schematisieren, um eine gewisse Vorhersehbarkeit fur diese Vorgange zu erlangen. Einige dieser Versuche werden im Folgenden geschildert, denn es ist wichtig zu verstehen, dass Migration nicht mit dem Ortswechsel und der Ankunft in einer neuen Heimat endet, sondern dass sich soziale und sozialpsychologische Prozesse, die uber das Gelingen von Ein- gliederung entscheiden, anschliefien.

In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Human Relations" von 1957 legten zwei Forscher je ein Assimilationsmodell fur Migration vor. Ronald Taft im Aufsatz „A Psychological Model for the Study of Social Assimilation" (Taft 1957: 141-156) sowie Alan Richardson in „The Assimilation of British Immigrants in Australia" (Richard­son 1957: 157-166).

Richardson verstand Assimilation als Aneignung von Werten und Einstellun- gen der Mehrheitsgesellschaft durch eine Minderheit, hielt es aber auch fur moglich, dass die Mehrheitsgesellschaft ebenfalls von der Minderheit beeinflusst wird. Vor dem Hintergrund der Einwanderung von Briten nach Australien[10] konstruierte er drei Schritte im Assimilationsprozess als Idealtypen „to divide up the assimilation process". Diese Schritte benannte er als „isolation", „accomodation" und „identification":[11]

- Zur Stufe der Isolation bemerkte Richardson, dass in diesem Abschnitt die mitgebrachten Einstellungen aus der Herkunftsgesellschaft intensiviert werden konnten und eine Veranderung dieser zu verhindern versucht wird. Wenn dieses Verhalten der Beibehaltung alter Einstellungen regelmafiig auftrete, spricht man laut Richardson von Isolation.
- Bei der zweiten Stufe, der Anpassung, einem Prozess des Bewusstseins, ver- suchen die Migranten absichtlich und bewusst bestimmte offensichtliche Verhal- tensweisen zu verandern - im Sinne einer Angleichung an die Verhaltensweisen der Mehrheitsgesellschaft des Ziellandes. Tiefer gehende Einstellungen des Migranten sind aber noch nicht involviert. Als Beispiele fur die neue Konformitat nannte Ri­chardson „conventions of dress, food, and social formalities".
- In der dritten Stufe, der Identifikation, passe sich der Migrant durch regelma- fiigen Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft, zum Beispiel am Arbeitsplatz, in der Kirche oder bei anderen eher informellen Gelegenheiten immer mehr an die fur ihn neue Gesellschaft an. Er fuhle sich selber soweit als Teil der Gesellschaft des Ziel- landes der Migration, dass er ein Wir-Gefuhl mit dieser aufbaut, das starker ist als zur Herkunftsgesellschaft.

Allerdings sei eine Vermischung dieser Stufen bezogen auf verschiedene Berei- che des Kontakts und verschiedene Aspekte des taglichen Lebens in der neuen Ge­sellschaft moglich, es muss folglich nicht eine Stufe abgeschlossen sein, um in allen Lebensbereichen in die nachste Stufe einzutreten (Richardson: 158-160). Aber Ri­chardson machte keine Aussagen uber eine Zwangslaufigkeit des Erreichens der letz- ten Stufe oder uber eine Umkehrbarkeit des Prozesses. Alles in allem ist das Modell relativ oberflachlich, weshalb nun das etwas detailliertere Modell Ronald Tafts als Kontrast dazu zusammengefasst wird:

Tafts Modell besteht aus sieben Stufen, die den Verlauf der Assimilation syste- matisch beschreiben wollen:

- In der ersten Stufe ist ein Wissen uber die Kultur der Aufnahmegesellschaft zu einem gewissen Grad vorhanden. Zentral ist dabei, dass ein Migrant dadurch befahigt werde, eine bestimmte neue soziale Rolle einzunehmen. Grundlegend da- fur sind unter anderem Sprachkenntnisse oder sogar Kenntnisse des Jargons der Gruppe.
- In der zweiten Stufe kommt es zu einer positiven Einstellung gegenuber Per- sonen, Normen und dem Erreichen der Mitgliedschaft in der Aufnahmegruppe. In- teraktionen zwischen Migrant und Aufnahmegesellschaft finden statt, die aber wiederum nicht immer positive Auswirkungen auf die Akteure haben mussen. Je- denfalls sei der Migrant auf der Suche nach Interaktion und Partizipation, soweit es ihm gestattet wird. Seine Einstellung zur Aufnahmegesellschaft wird durch deren Verhalten ihm gegenuber geformt, durch die Art und Weise, wie der Ankommling akzeptiert oder ausgeschlossen wird.
- In der dritten Stufe erfolgt ein Entfernen von der Herkunftsgesellschaft. Die Einstellungen gegenuber Personen, Normen und Mitgliedschaft in der neuen Gruppe werden in umgekehrter Weise zu diesen Einstellungen gegenuber der Her- kunftsgesellschaft interpretiert. Die Zielgesellschaft wird gegenuber der Her- kunftsgesellschaft favorisiert, das Gewicht verschiebt sich zugunsten der Aufnah- megesellschaft.
- In der nachsten Stufe versucht der Migrant wegen des Ziels des Erreichens der Mitgliedschaft sich entsprechend seiner zugewiesenen sozialen Rolle zu verhal ten. Dies entspricht dem Ausdruck der ,Anpassung'. (Taft gestand dem Modell an dieser Stelle ein gewisses Mafi an Flexibility zu, da diese Anpassung auch vor der zweiten Stufe passieren konne „in the interests of harmony".) Aus dem Spielen ei- ner Rolle wird das vollstandige Ubernehmen und Ausfullen dieser Rolle. Eine Uberkonformitat in dieser Rollenubernahme konne aber auch zu Argwohn von Sei- ten der Aufnahmegesellschaft gegenuber dem Migranten fuhren, vor allem wenn er den kulturellen Kontext seiner Handlungen noch nicht voll versteht oder ein ubertrieben angepasstes Verhalten nicht den Rollenerwartungen der Aufnahme- gruppe entspricht.

- In Stufe funf wird dann soziale Akzeptanz durch die Aufnahmegruppe er- reicht und ein gewisses Mafi an sozialer Intimitat entsteht.
- Stufe sechs habe dann die ,Identifikation' zum Inhalt. Der Migrant werde von der Aufnahmegesellschaft als Mitglied angesehen. Schwierigkeiten bei der genauen Bestimmung der erfolgten Integration sah Taft allerdings in der Differenzierung der Gesellschaft in verschiedene Gruppen, die verschiedene Mafistabe und Einstellun- gen gegenuber Migranten benutzen konnen, so dass eine Gruppe der Aufnahmege­sellschaft den Neuling als Mitglied akzeptiere, eine andere aber diesen ablehne.
- In der letzten Stufe der Assimilation ubernehme der Neuankommling die Normen der Aufnahmegesellschaft als seine eigenen (Taft 1957: 145-152).

Taft gestand der Sequenzialitat seines Modells ein gewisses Mafi an Flexibilitat zu, auf die Details der verschiedenen Reihenfolgemoglichkeiten soll hier aber nicht weiter eingegangen werden. Insgesamt sind meines Erachtens Modelle dieser Art trotzdem zu oberflachlich und geben zu wenig Informationen uber individuelle Vo raussetzungen wie Distanz der Herkunftskultur zur Aufnahmekultur oder dem Bil dungsgrad, und beziehen derartige Unterschiede in den kognitiven und gesellschaft lichen Vorbedingungen, mit denen Migranten mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergrunden handeln, nicht mit ein. Die letzte Stufe Tafts, eine vollstandige Uber nahme der Normen der Aufnahmegesellschaft, impliziert eine teilweise Negierung, ein Verdrangen der Normen, mit denen die Person in seiner Herkunftsgesellschaft sozialisiert wurde, die mit den Normen der Aufnahmegesellschaft nicht uberein stimmen. Das Erreichen eines solchen Zustandes anzunehmen, ohne dies weiter so zial-psychologisch zu begrunden, erscheint meines Erachtens nicht uberzeugend. Es ser kritisierte aufierdem die fehlende Systematik und das Klassifikatorische des An satzes, war aber der Meinung, dass dies erst als „Vorstufe einer Theorie angesehen werden kann". Er lobte allerdings, dass Eingliederung „als Wechselprozefi motivier ter Handlungen, Handlungserfahrungen und Lernen" verstanden wurde und der Grad des Eingliederungserfolges von auSeren und inneren Bedingungen, die das In- dividuum mitbringt, mitbestimmt werden (Esser 1980: 56).

2.1.2.2 Milton M. Gordons Assimilationsmodell und die „ethclass"

Milton M. Gordon entwickelte in seiner Monographie „Assimilation in Ameri­can Life. The Role of Race, Religion, and National Origins" (Gordon 1975) das Kon- zept der „ethclass" als soziale Kategorie und legte ein Assimilationsmodell vor, das einige qualitative Fortschritte gegenuber alteren Modellen dieser Art aufwies.[12] Gor­don argumentierte, dass ethnische Zugehorigkeit Teil der Generierung und Zuwei- sung von Identitat sei, auch im Sinne der Abgrenzung von anderen (Gordon 1975: 25). Soziale Klasse grenze aber noch detaillierter ab, namlich auch innerhalb einer ethnischen Gruppe (Gordon 1975: 26). Der nachste wichtige Schritt in seiner Argu­mentation war die Einfuhrung des Primar-/Sekundargruppenschemas, in dem die Unterscheidung von Primar- und Sekundargruppe daruber definiert wurde, inwie- weit folgendes auf die jeweilige Gruppe zutrifft oder nicht: „contact is personal, in­formal, intimate, and usually face-to-face, and which involves the entire personality, not just a segmentalized part of it". Wo dies zutrifft, spricht man von der Primar- gruppe, bei der Sekundargruppe sei die Art der Kontakte durch das jeweilige Gegen- teil der Adjektive zu beschreiben (Gordon 1975: 31 f.).

Die Gruppenzugehorigkeit zur jeweiligen ethnischen Gruppe fuhrt dazu, dass das Individuum in vielen Fallen nicht die Grenzen dieser Gruppe uberschreite, also die sozialen Kontakte der Primargruppe zumeist innerhalb der eigenen Ethnie statt- finden. Gordon sah, dass in den USA das Familienleben und die Religion ethnisch abgeschlossen waren, aber in Wirtschaft und Politik zumeist eine Mischung der eth- nischen Kontakte stattfand (Gordon 1975: 34-37). Um die soziale Differenzierung durch eine Zusammenfuhrung des Konzepts der Ethnizitat und der sozialen Klassen zu beschreiben, fuhrte Gordon nun den Begriff der „ethclass" ein. Denn das Verhal- ten von Menschen ahnele sich mehr entlang der Kategorie der sozialen Klasse als entlang der Kategorie der Ethnizitat. Menschen versuchen sich deswegen in ihren Primargruppen innerhalb ihrer sozialen Klasse und gleichzeitig innerhalb ihrer Eth­nizitat zu bewegen, also innerhalb ihrer „ethclass" (Gordon 1975: 51 f.). Zur Verdeut- lichung, warum diese Kontakte fur das Individuum die angenehmsten sind, folgen- des Zitat: „With a person of the same social class but of a different ethnic group, one shares behavioral similarities but not a sense of peoplehood. With those of the same ethnic group but of a different social class, one shares the sense of peoplehood but not behavioral similarities. The only group which meets both of these criteria are pe­ople of the same ethnic group and same social class" (Gordon 1975: 53).

Gordon setzte sich zum Ziel, den Assimilationsprozess detailliert zu analysie- ren, die entscheidenden Variablen und Faktoren dabei zu benennen und ihre Funkti- on aufzuzeigen (Gordon 1975: 68). Er konstruierte einen abstrakten Idealtypus der Assimilation an Kultur und Gesellschaft des Aufnahmelandes anhand eines fiktiven Beispiels einer fiktiven Aufnahmegesellschaft („Sylvania") und eines fiktiven Ein- wanderervolkes („Mundovian") (Gordon 1975: 69). Um diesen Zustand zu erreichen, mussen sieben Subprozesse durchlaufen werden, die er wie folgt erklarte:

- In Stufe 1, die Akkulturation benannt wird, findet eine Anpassung an die Kul- tur und an das Verhalten der Aufnahmegesellschaft statt.
- Die nachste Stufe beschreibt eine strukturelle Assimilation. Gemeint ist damit der Zugang zu Cliquen, Klubs und Institutionen auf dem Level der Primargruppe.
- Stufe 3, die er „Amalgamation" nannte, meint die Heirat zwischen Mitglie- dern der beiden Gesellschaften.
- Eine Entwicklung eines Zugehorigkeitsgefuhls, einer Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft findet im nachsten Schritt statt.
- Stufe 5 ist erreicht, wenn die Zuwanderer keinen Vorurteilen von Seiten der Aufnahmegesellschaft mehr ausgesetzt sind.
- Die vorletzte Stufe meint analog zur Stufe 5 die Abwesenheit von Diskrimi- nierung von Seiten der Aufnahmegesellschaft.
- Die siebte und letzte Stufe beschreibt laut Gordon die Abwesenheit von Kon- flikten um Werte und Macht zwischen Einwanderern und Aufnahmegesellschaft (Gordon 1975: 70 f.).

Jede dieser Stufen konne laut Gordon zu einem unterschiedlichen Grad vollen det werden (Gordon 1975: 71). Ihm gelang es, teilweise die Wechselwirkung zwi schen Aufnahmegesellschaft und Einwanderern mit einzubeziehen, indem er eine vollstandige Assimilation erst mit dem Erreichen eines Zustandes ohne Vorurteile und Diskriminierung, die von der Aufnahmegesellschaft ausgeht, zugesteht. Gordon fuhrte auch aus, dass die Einwanderer ihre Verhaltensgewohnheiten nicht komplett aufgeben, sondern dass die Aufnahmegesellschaft selbst einige dieser Verhaltenswei- sen ubernehme, in Ubereinstimmung mit den alteren eigenen Verhaltensweisen. In diesem Prozess entstehe also eine kulturelle Mischung (Gordon 1975: 74). Uber die unterschiedliche Starke des Einflusses der beiden Gruppen auf diese Mischung er- fahrt man von Gordon leider nichts. Fur ihn ist diese Vermischung ein Idealtypus, an dem man die Realitat messen konne. Die sieben Stufen sind gemeint als Variablen, die erfullt werden mussen, damit man von einer vollkommenen Assimilation spre- chen kann, sie mussen also nicht in einer strengen Reihenfolge vonstatten gehen. Da- bei gabe es zwei grundsatzliche Moglichkeiten, wie eine Assimilation letztendlich geformt sein konne: den „melting pot" als Vermischung, oder die komplette Anpas- sung an die Aufnahmegesellschaft (Gordon 1975: 74 f.). Die komplette Assimilation werde in der Realitat nicht zwangslaufig erreicht. Sobald begonnen, ist dies kein un- umkehrbarer Prozess, oft wird nur eine Stufe erfullt (Gordon 1975: 76-78). Dadurch, dass die Variablen nicht zwingend in bestimmter Reihenfolge hintereinander erfullt werden, und dass auch ein Ausbleiben der Erfullung einer oder mehrerer (allerdings nicht beliebiger) Variablen zugestanden wird, hat das Modell Gordons einige Vorteile gegenuber alteren Modellen. Es ist so grundsatzlich auch zur Messung des Grades der Anpassung von Migranten geeignet und macht keine Vorhersage, dass sie defini- tiv eintreffen musse und uber welche Stufen sie eintrafe. Hartmut Esser lobte an die­sem Ansatz die „gesamtanalytische Betrachtungsweise" (Esser 1980: 59) und die Er- kenntnis, dass die strukturelle Assimilation (siehe Stufe 2) jeder weiteren Stufe vo- rausgehe und diese auf die kulturelle Assimilation folge[13] (Esser 1980: 69). Die Er- kenntnis Gordons von der Rolle der Ethnizitat und der sozialen Klasse fur die sozia- len Kontakte scheint meines Erachtens auch uberaus zutreffend. Man unterscheidet dabei zwischen „Ethnizitat" als soziale Grenze fur viele Einwanderer der ersten und zweiten Generation, und „symbolischer Ethnizitat", die bei Einwanderern spaterer Generationen einen eher „folkloristischen Ruckbezug auf die Geschichte von Migra­tion und Integration ihrer Vorfahren" bedeutet, und nicht mehr fur die Reichweite der ethnischen Kontakte im Alltagsleben bestimmend ist (Hoerder et al. 2007: 48).

2.1.2.3 Hoffmann-Nowotnys Thesen zur Beziehung von gesellschaftlicher und kultureller Dimension

Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny legte in seiner Monographie „Soziologie des Fremdarbeiterproblems. Eine theoretische und empirische Analyse am Beispiel der Schweiz" (Hoffmann-Nowotny 1973) vier Modelle uber die Beziehung von Migran- ten und Aufnahmegesellschaft in Bezug zur ungleichen Verteilung von Macht und Prestige vor.[14] Wichtiger an dieser Stelle sind aber seine Prazisierungen der Begriffe Integration und Assimilation. Dafur sei nach Hoffmann-Nowotny die Unterschei- dung von Kultur und Gesellschaft wichtig. Kultur bezeichnete er als „Symbolstruk- tur, Gesellschaft als die Positionsstruktur der sozialen Realitat". Demnach bedeutet fur ihn Integration die Partizipation an der Gesellschaft, Assimilation steht fur die Partizipation an der Kultur (Hoffmann-Nowotny 1973: 172).[15]

Interessant sind nun folgende Schlusse, die der Autor daraus zog: Die gesell- schaftliche Dimension determiniere die kulturelle Dimension in starkerem Mafie als andersherum. Die kulturelle Dimension kann zwar auch Ruckwirkungen auf die ge- sellschaftliche haben und diese beeinflussen. Diese Interdependenzbeziehung ist al- lerdings grundsatzlich asymmetrisch, da die gesellschaftliche Dimension die kultu­relle starker beeinflusst als umgekehrt. Das heifit im Endeffekt, dass die Assimilation von der Integration starker beeinflusst wird als umgekehrt. Konkret bedeutet dies:

„[...] je grower die Chancen der Einwanderer bzw. ihrer Kinder sind, an den Werten der Gesellschaft zu partizipieren, desto grower ist die Wahrscheinlichkeit fur eine As­similation." Es wird angenommen, dass die wechselseitige Beeinflussung von der Integration gestartet wird, und ihr die starkere Beeinflussung moglich ist (Hoffmann- Nowotny 1973: 173). Viele Konzeptionen von Assimilation gehen von einer Homo- genitat der einheimischen Kultur aus, die nicht der Wirklichkeit entspricht. So wird oft zum Beispiel eine Ubernahme „der deutschen" oder „der schweizerischen" Kul­tur gefordert. Allerdings stellt Kultur keine Konstante dar, sie unterliegt sowohl raumlichem als auch zeitlichem Wandel. Und bei der Forderung nach Assimilation muss auch der realistische Assimilationsgrad innerhalb einer Subkultur der Unter- schicht mit beachtet werden. Dieser zu erwartende Assimilationsgrad „kann nicht an den idealen Normen der dominierenden Mittelschichtkultur gemessen werden" (Hoffmann-Nowotny, 1973: 176).

2.1.2.4 Das Assimilationsmodell von Hartmut Esser

Hartmut Esser erarbeitete ein relativ aufwandiges und komplexes handlungs- theoretisches Modell zur Assimilation von Migranten (vgl. Esser 1980: 209-234). Die­ses Modell, basierend auf der Theorie des Handelns und Lernens (Esser 1980: 181) besteht im Groben aus zwei Teilen: einem „ProzeE-Modell", das Erklarungen fur Handlungen und Ruckwirkungen von Migranten und deren Umgebung bieten soll, sowie einem „Verlaufsmodell der Eingliederung" (Esser 1980: 209).

Esser versuchte Assimilation unterschiedlichen Grades[16] zu erklaren und dabei moglichst umfassend entscheidende Determinanten und Bedingungen als Variablen in sein Modell mit einzubeziehen. Im Grundmodell ist die Assimilation die abhangi- ge Variable in den Dimensionen „kognitiv, identifikativ, sozial, strukturell" (Esser 1980: 210). Motivation und Belohnung spielen in den Modellen und aufeinander be- zogenen Hypothesen eine tragende Rolle. „Hypothese 7 a" als Beispiel: „Wenn assi­milative Handlungen fur den Wanderer zur belohnend empfundenen Zielerreichung oder Bedurfnisbefriedigung beitragen, verstarken sich die assimilativen Handlungs- tendenzen" (Esser 1980: 215). Die Hypothesen Essers beschreiben in der Form von Kausalketten Folgen, die von „empirisch haufig realisierten Bedingungskonstellatio- nen" (Esser 1980: 13) gezeitigt werden. Sie alle betreffen Handlungen in Bezug auf die Assimilation der Migranten, die sich unter bestimmten Bedingungen positiv und unter anderen Bedingungen negativ auf sie auswirken (Esser 1980: 211-216). Die zu- nachst unabhangigen Variablen im vereinfachten Grundmodell sind in Bezug auf die Person des Migranten „Motivation"[17], „Kognition"[18], „Attribuierung"[19], „Wider- stand"[20], in Bezug auf die Umgebung sind es „Handlungsopportunitaten fur assimi­lative Handlungen", „Barrieren" des Aufnahmesystems[21] und die „alternativen Handlungsopportunitaten (nicht assimilativer Art)" (Esser 1980: 210 f.). Esser uber- sah nicht, dass fur die unabhangigen Variablen dieses Modells ebenfalls Ursachen existieren. Ebenso gibt es auch Auswirkungen der Assimilation zuruck auf Person und Umgebung (siehe beispielsweise Hypothese 7 a, a.a.O.) und die dazugehorigen Variablen, die dadurch nicht mehr als unabhangig zu bezeichnen sind. Ebenso von Gewicht ist die Erkenntnis, dass es Variablen gibt, die nur in bestimmten Fallen Ef- fekte bei anderen Variablen hervorrufen, beispielsweise ein Bevolkerungsuberschuss, der erst als Belastung erlebt werden muss. Den Variablen des Grundmodells wurde so eine Fulle spezifischer Variablen zugeordnet (Esser 1980: 220 f.).

Ein relativ komplexes Prozessmodell, das verschiedene Pfade fur gleiche End- ergebnisse der Assimilation, also „empirische Alternativen" bereithalt (Esser 1980: 222), kann als zweite Stufe des Esser'schen Modells gelten. Esser betonte, dass Assi­milation in Stufen vonstatten geht. Als erstes „assimilieren sich die Personen in den Bereichen, in denen eine Assimilation zur Befriedigung der zentralsten Alltagsbe- durfnisse dringlich ist" (Esser 1980: 230). Erst im Anschluss ist Assimilation in ande- ren Bereichen moglich. Allerdings mussen diese Bereiche nicht zwangslaufig er- schlossen werden, denn externe Assimilationsbarrieren oder eigene begrenzte Assi- milationsabsichten konnen dies verhindern. Laut Esser passiert dies oft, wenn Hand- lungsalternativen wie „Ruckwanderung oder ethnische Segmentation" zur Verfu- gung stehen (Esser 1980: 230). Er vermutete aufierdem, dass die kognitive Assimilati­on immer vor der sozialen und der strukturellen Assimilation stattfindet, welche wiederum stattgefunden haben mussen, damit eine identifikative Assimilation er- reicht werden kann (Esser 1980: 231). Eine der wichtigsten Leistungen Essers bestand darin, dass er die Rolle der Aufnahmegesellschaft (in Essers Grundmodell die „Um- gebung") fur das Erreichen der Assimilationsstufen deutlich machte. Er verband damit die makrosoziologische Perspektive mit der mikrosoziologischen Ebene des individuellen Handelns (Vogelgesang 2008: 22 f.). Seine Theorie ist weitreichender als die Zyklenmodelle zur Angleichung von Migranten, da sie Moglichkeiten des Schei- terns, verschiedene Wege zur und verschiedene Grade der Assimilation erklarbar macht und sowohl individuelles Handeln als auch aufiere Bedingungen in einem dynamischen Modell zusammenbringt.

Das Erfassen und Gewichten aller einzelnen Faktoren in einem Gesamtmodell ist wohl ein Ding der Unmoglichkeit. Eine Systematisierung von Migrationsmotiva- tionen, Migrationsbewegungen und Eingliederung von unterschiedlichsten Wande- rern kann wegen ihrer Vielfalt und Komplexitat nur schematisch, zusammenfassend und nie mit dem Anspruch auf Vollstandigkeit geschehen. Oft sind ja Migrationsent- scheidungen gerade nicht rational, und damit fur den Forscher um so schwerer ana- lytisch zu erfassen (Han 2005: 21).

Zusammenfassend bleibt zu bemerken, dass man grundsatzlich die mit Ein- wanderung verbundene, mogliche Eingliederung in (allerdings variabler) prozess- hafter Weise beschreiben kann. Aus den Beispielen von Assimilationsmodellen und -theorien wird ersichtlich, dass sowohl das Individuum, als auch aufiere Bedingun­gen aus der alten Heimat, ebenso wie im Aufnahmeland die Art und Weise der Ein- gliederung beeinflussen, also ein dynamisches Beziehungs- und Ursachengeflecht entsteht, dass dies determiniert. Diese Erkenntnis von der Komplexitat der Prozesse der Migration wird helfen, die Migrationsgeschichte Deutschlands in Bezug auf die Lagen und Probleme der Migranten besser verstehen zu konnen.

An den Beispielen zur Theoriebildung uber Migration lasst sich meines Erach- tens ablesen, dass Migration ein nicht problemlos in ein starres Theoriegebaude ein- zubindendes Phanomen darstellt. Die Multidimensionalitat, die Pluralitat und Dy- namik der Faktoren und Wechselwirkungen, die die Handlungen der Migranten und die Umwelt beeinflussen, erschweren es sowohl fur Migranten, als auch fur Gesell- schaften und Politik, dem Phanomen der Migration mit einfachen Rezepten zu be- gegnen, die eine relativ konfliktfreie und fur die Beteiligten vorteilhafte Losung bie- ten wurde.

2.1.2.5 Erganzende Bemerkungen zu Migration als sozialem Prozess

Zum Abschluss des Kapitels uber Modelle folgen uber den Gegenstand der Migration selbst noch einige wenige theoretische Bemerkungen und Begriffe zur Migration, die nicht direkt aus den vorherigen Darstellungen abzuleiten sind, aber trotzdem wertvoll fur das Verstandnis von Migration als sozialhistorischem Thema sind.

- Migration kann allgemein in drei Phasen gegliedert werden: Die erste umfasst die Wanderungsbereitschaft bis hin zum Wanderungsentschluss. Die zweite Phase ist durch die Reise zum Zielort gekennzeichnet. In der dritten Phase geschieht die Eingliederung, die (wie in Kapitel 2.1.1 und diesem Kapitel erarbeitet) in unter- schiedlichsten Auspragungen und Dimensionen stattfinden kann.
- In der Ausgangsgesellschaft wird die Wanderungsentscheidung getroffen, die potentiellen Migranten werden dabei von bestimmten Rahmenbedingungen (wie politischem System, sozialer Stratifizierung, Wirtschaftsstruktur, Industrialisie- rungsgrad, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, etc.), spezifischen Wande- rungstraditionen und davon bedingten Informationen, sowie Informationen aus dem Zielgebiet beeinflusst.
- Man unterscheidet zwischen Push-Faktoren, die wanderungsbestimmend wirken, wenn „die vorgegebenen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Rahmen- und Lebensbedingungen als sehr einschrankend empfunden" werden, sowie den soge- nannten Pull-Faktoren, also Faktoren, die eine Migration in das Zielgebiet als posi­tive Option erscheinen lassen. Push- und Pull-Faktoren stehen in einer Wechselbe- ziehung zueinander, haben aber unterschiedliches Gewicht fur die Migrationsent- scheidung.
- Die Familie ist eine immens wichtige soziale Institution fur Migrationsent- scheidungen. Okonomische und emotionale Aspekte spielen hierbei eine Rolle, ebenso wie Machtpositionen zwischen Geschlechtern und Generationen.
- Man kann Migration systematisch typologisieren hinsichtlich Motiven[22], Dis- tanz, Richtung (Hinwanderung, zirkularer Wanderung, Ruckwanderung), Dauer des Aufenthaltes (Spanne von saisonal bis lebenslang), dem sozio-okonomischen Raum (landliche, stadtische, koloniale Migrationsmilieus) sowie dem wirtschaftli- chen Sektor (Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie, Dienstleistungssektor, Eliten) (Hoerder et al. 2007: 32-39).

2.2 Zur historischen Sozialforschung und zur Migration als deren Forschungsgegenstand

Der Soziologe Dieter Ruloff erlauterte in seiner Monographie uber „Historische Sozialforschung. Einfuhrung und Uberblick" auf kritische Weise die Differenzierung zwischen historischer Sozialforschung und historischer Sozialwissenschaft, vor allem in Abgrenzung zu den Geschichtswissenschaften (Ruloff 1985: 12-68). Weil der wis- senschaftstheoretische Hintergrund fur die Problematisierung des Themengebiets der deutschen Migrationsgeschichte wichtig ist und diese Differenzierung das Kon- zept der Arbeit zu prazisieren hilft, folgen nun einige Bemerkungen dazu.

Zunachst erkannte Ruloff eine Konkurrenzsituation zwischen Sozialwissen schaften und Geschichtswissenschaften, die beide denselben Forschungsgegenstand teilen. Allerdings hat durch Fortschritte in der empirischen Sozialforschung der Druck auf die Geschichtswissenschaften zugenommen, eine Theorie ihrer selbst zu erstellen, um sich gegenuber den Sozialwissenschaften abzugrenzen und ihre Exis tenz zu rechtfertigen (Ruloff 1985: 12 f.). Inwieweit diese These zutrifft, ist fur die vorliegende Themenstellung allerdings nebensachlich. Wichtig ist vor allem die Feststellung, dass sich die beiden Wissenschaften den Forschungsgegenstand teilen, aber nicht die gleichen Methoden benutzen. Diese Differenz versuchte gegen Ende der 1960er-Jahre Hans-Ulrich Wehler zu uberwinden, indem er forderte, „Geschichte als Historische Sozialwissenschaft zu betreiben", mit diesen zentralen Ergebnissen: „Sie [die historische Sozialwissenschaft, Anm. d. Autors] offnet sich, erstens, dem Theorieangebot der Sozialwissenschaften und greift, zweitens, deren Methodenre pertoire auf, halt dabei aber, drittens, an den traditionellen historisch-hermeneuti schen Verfahrensweisen der Historie fest und versucht, empirisch analytische Me thoden in diese zu integrieren. Ihrem Forschungsstand nahert sich die Historische Sozialwissenschaft viertens, in kritisch-reflektorischer Weise und erhofft sich davon emanzipatorische Impulse auch fur Gegenwartsprobleme" (Ruloff 1985: 59). Histori sche Sozialwissenschaft ist aber nicht zu verwechseln mit der historischen Sozialfor schung, die grofies Gewicht auf Methoden der empirischen Sozialforschung legt, um historische Vorgange zu erklaren (Ruloff, 1985: 10, 59, 69). Die kritische historische Sozialwissenschaft nimmt die Kritik an der Geschichtsschreibung als reine Ereignis- geschichte mit Theoriedefiziten[23] auf, und versucht wissenschaftsubergreifend mit Theorien und Methoden der Soziologie, Politikwissenschaften, Okonomie und Psy- chologie zu arbeiten, um emanzipatorische Wirkungen und Erklarungen fur gegen- wartige Probleme zu erreichen (Ruloff 1985: 60 f., 65). Die historische Sozialforschung will ebenfalls „historische Grundlagenforschung" und „Theoriebildung bzw. Theo- rieprufung" betreiben (Ruloff 1985: 64), sich aber nicht fur politische Zwecke gebrau- chen lassen, und aufierdem sozialwissenschaftliche Theorien nicht nur als Hilfsmittel nutzen, sondern ihnen den „Mittelpunkt des Interesses" zuweisen (Ruloff 1985: 65 f).

Klaus J. Bade fasst Vor- und Nachteile der Verschrankung von Geschichts- und Sozialwissenschaften zusammen, indem er „Erganzung, Erweiterung oder auch Ver- tiefung sozialhistorischen Erkenntnisvermogens" als Chance betrachtete. Die „Gren- zen" der „Kooperation" zeigen, wo Interessenkonflikte auftreten konnen, Abstrakti- on und Verallgemeinerungen zur Vernachlassigung von wichtigen Details fuhren und wo bestimmte Fragestellungen „aus Materialgrunden unbeantwortbar bzw. un- einsetzbar bleiben mussen"[24] (Bade 1979: 65).

Historische Migrationsforschung ordnete Harald Kleinschmidt als Teil der Ge- schichtswissenschaften ein, mit der Zielvorgabe, den Wandel von „Migration als Sa- che der Lebenswelt" (Kleinschmidt 2002: 211) zu beschreiben. Die empirische For- schung entstand „als Zweig der numerischen Statistik", vor allem mit Konzentration auf Bevolkerungsdaten der Demographie (Kleinschmidt 2002: 21). Heute stehen zwei Arten von Fragen im Mittelpunkt: einmal die Frage nach Prozessen, wie ein Teilpha- nomen der Migration entstanden ist oder wie es sich verandert hat („Ebene der Mig- rationserfahrungen und -wahrnehmungen"). Und zum Zweiten Fragen nach den Grunden dieses Wandels („Rekonstruktion von Zusammenhangen unter disparaten Migrationsphanomenen der Vergangenheit") (Kleinschmidt 2002: 211). Darunter soll keine Unterscheidung zwischen mikro- und makrosoziologischer Ebene verstanden werden, da die zweite Frage auch nach den Faktoren der Veranderung von Migrati- onserinnerungen sucht (Kleinschmidt 2002: 211). Allerdings hatte meines Erachtens der Wandel von Migrationserinnerungen auch der ersten Grundfrage zugeordnet werden konnen, und damit eine systematische Gliederung in mikro- und makrosozi- ologische Perspektive erzeugt werden konnen, die das Verstandnis erleichtern wur- de. Interessant ist aber die These Kleinschmidts, dass sich historische Migrationsfor- schung auch selbst erforscht, also zum eigenen Forschungsfeld gehort, da die Begrif- fe, mit denen sie arbeitet, „zur Beschreibung und Kategorisierung von Migrationser- fahrungen und Migrationswahrnehmungen verwendet werden mussen" (Klein- schmidt 2002: 211).[25] Weiterhin besteht der Gegenstand der historischen Migrations- forschung aus der „Uberschreitung von Raum- und Zeitgrenzen", also deren Uber- schreitung durch Migranten, aber auch die Versuche der Beschrankung von Migrati­on, zum Beispiel von Seiten der Politik.[26] Forschungsgegenstand ist ebenso der Iden- titatswandel der Migranten, sowohl durch seine Einflussnahme auf den Raum, als auch durch die Auswirkungen von Bedingungen des Raumes auf das Handeln der Migranten. Politisch wirksam wird Migrationsforschung, wenn sie Grenzen des poli- tischen Handelns in Bezug auf Migration aufzeigt (Kleinschmidt 2002: 212).

Diese Arbeit begreift sich als Teil der historischen Sozialwissenschaften. Es werden zwar keine neuen Daten erhoben oder schon bestehende Daten statistisch uberpruft und auf eine andere Fragestellung hin abgeklopft. Allerdings wird die Moglichkeit genutzt, sich aus dem Fundus der historischen Sozialforschung und de­ren Ergebnissen auch hinsichtlich der systematischen Aufarbeitung statistischer Da­ten zu bedienen, um diese fur die „Befunde zur deutschen Migrationsgeschichte" zu verwenden. Der Zugriff auf Theorien und Methoden der Sozialwissenschaften und Sozialforschung als auch auf Methoden der Geschichtswissenschaften steht dabei of- fen. Auch die Hoffnung, aus der deutschen Migrationsgeschichte heraus Verbesse- rungsmoglichkeiten ableiten zu konnen, soll nicht negiert werden. Alles in allem folgt die Arbeit also den vier Wehler'schen Forderungen an die historischen Sozial- wissenschaften.

2.3 Zu sozialen Konflikten in der Einwanderungsgesellschaft und der Rolle der staatlichen Politik

Bevor in den folgenden Kapiteln der Einfluss der staatlichen Politik auf die Migration in Deutschland beleuchtet wird, hier ein Blick auf die theoretische Einord- nung politischer Handlungsweisen zur Migration. Zuerst muss man sich vor Augen fuhren, dass Konflikte[27] zwischen Migranten und einer Aufnahmegesellschaft in ver- schiedenen Dimensionen stattfinden konnen. Dazu gehoren der „rechtlich-politische Bereich", der den unterschiedlichen rechtlichen Status von verschiedenen Zuwande- rungsgruppen betrifft, und die „Fragen der Einreise, des Aufenthaltes und der Auf- enthaltsbeendigung, der Beschaftigung und der sozialen Sicherheit, des Nachzugs von Familienangehorigen, der politischen Beteiligung und des Erwerbs von Staats- angehorigkeit" regeln. Als zweite Dimension kann der soziale Bereich hinzugefugt werden, der Lebensbereiche wie Arbeit, Wohnung und Bildung, aber auch die Kon- kurrenz zwischen Einheimischen und Migranten in diesen Bereichen betrifft. In einer dritten, der kulturellen Dimension geht es um Fragen der kulturellen Entfaltung von Minderheiten und um Fragen des Umgangs der Mehrheitsgesellschaft mit kultureller Vielfalt. Hier spielen Formen der Diskriminierung, des Rassismus, und der Fremden- feindlichkeit eine wichtige Rolle in den Konflikten (Schulte 2002: 50 f.).

Axel Schulte arbeitete in diesem Zusammenhang funf Typen des politischen Umgangs mit dieser Art von sozialen Konflikten heraus:

- „Laissez-faire-Politiken": Sie sind gekennzeichnet durch einen passiven Umgang mit dem Konflikt, hervorgerufen durch „Leugnung, Verdrangung, Unterschatzung, Idyllisierung oder Romantisierung und/oder der Hoffnung, dass diese sich von alleine losen".
- Konfliktunterdruckung: In der Regel hervorgerufen durch eine Uberbetonung der Gefahren eines sozialen Konfliktes. Es wird versucht, diese durch Befehle oder Ge- walt nicht ausbrechen zu lassen. Ein derart unterdruckter Konflikt wird dann bei einem Ausbruch oft unverhaltnismafiig heftig ausgetragen.
- Konfliktlosung: Hier wird das Ziel einer vollstandigen Beseitigung des Konfliktes verfolgt, indem versucht wird, die Ursachen des Konfliktes zu beseitigen.
- Konfliktforderung und -verscharfung: Dieses Handeln ist entweder eine „unbeab- sichtigte Folge politischen Handelns" oder ist Ergebnis bewussten Handelns, dass den Konflikt aus politischem Interesse heraus fur bestimmte Ziele benutzen moch- te.
- „Regulierung und Institutionalisierung von Konflikten": Hier werden Konflikte als legitimes soziales Phanomen angesehen, die offen ausgetragen werden mussen, al- lerdings unter bestimmten Regeln und Grenzen, die eine gewaltfreie Austragung ermoglichen sollen, was wiederum von den Konfliktparteien akzeptiert werden muss (Schulte 2002: 51 f.).

Schulte versuchte zwar nachzuweisen, dass „Regulierung und Institutionalisie­rung von Konflikten" aufgrund bestimmter Verfahrensregeln und Werten - er argu- mentierte mit Volkssouveranitat und Rechtsstaatlichkeit als systemimmanenten Ele- menten - am ehesten einer Demokratie entsprache (Schulte 2002: 52-55). Es wird aber auch zu zeigen sein, dass es in der demokratischen BRD zu Konfliktforderung und Verdrangung oder sogar Nichtanerkennung und zu unbeabsichtigten Folgekosten kam.

3. Zur Migrationsgeschichte Deutschlands im ausklingenden 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs

Der Raum, mit dem das folgende Kapitel sich beschaftigt, liegt hauptsachlich in den Grenzen des Deutschen Reiches von 1871 bis zum Versailler Vertrag, der eine veranderte Gebietsaufteilung festlegte. Aber auch andere Gebiete mussen als Her- kunfts- und Ruckkehrraume der Migranten erwahnt werden. Dazu gehoren unter anderem das damals zwischen Russland, dem deutschen Reich und Osterreich geteil- te Polen, sowie Italien und auch die Vereinigten Staaten, die (nicht nur) deutschen Auswanderern als Zielraum dienten. Der Zeitraum umspannt vor allem die Jahre 1880 bis 1914, dem Beginn der Ersten Weltkriegs. Aber auch bestimmte Entwicklun- gen, die zuvor stattfinden, durfen nicht unerwahnt bleiben. Das Hauptaugenmerk wird auf Strukturen und deren Wandel in Bezug auf Gesellschaft, Wirtschaft und Ar- beitsmarkt gelegt, um die Migrationsgeschichte dieser Zeit und die strukturellen Veränderungen vor dem Hintergrund politischer Gestaltung aufarbeiten zu können.[28]

[...]


[1] So vertrat der damalige saarlandische Ministerprasident Peter Muller (CDU) am 1. Marz 2002, dem Tag der Abstimmung uber das Zuwanderungsgesetz, im Gegensatz zum bayerischen Ministerprasi- denten und Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU) die Ansicht, dass „Deutschland faktisch ein Einwanderungsland" sei (Meier-Braun 2002: 133 f.).

[2] Der Begriff „Migration" stammt aus den Sozialwissenschaften und ist „aus den praktischen Bedurf- nissen der Verwaltung abgeleitet und an Staatsvorstellungen des 20. Jahrhunderts gebunden". Er ist sinnvoll fur die staatliche Verwaltung um juristisch zwischen Umziehenden, Reisenden und Migran- ten (zu denen auch Fluchtlinge und Asylsuchende gehoren) zu differenzieren (Kleinschmidt 2002: 13). Beispielsweise in Preufien und Deutschland fand Migrationsforschung auf Weisung durch Beamte statt und blieb immer in politischen Kontext eingebettet (Kleinschmidt 2002: 22). In dieser Arbeit wird der Schwerpunkt auf der transnationalen Migration liegen, Binnenmigration als Wanderung innerhalb nationalstaatlicher Grenzen ist nur entscheidend bei den sogenannten „Ruhrpolen".

[3] Die behandelten Theorien und Modelle sind bewusst ausgewahlt worden, da sie teils exemplarisch fur andere Modelle sind (Alan Richardson und Ronald Taft), bestimmte Aspekte sehr weitsichtig ana- lysieren (Georg Simmel, Alfred Schutz, Milton M. Gordon) oder ihre Erklarung eine grofie Reichweite hat (Hartmut Esser).

[4] Die Basis fur den „marginal man" habe - Friedrich Heckmann zufolge - aber Georg Simmel mit seinem Aufsatz uber den „Fremden" gelegt (Heckmann 1981: 114).

[5] Erstveroffentlichung 1944 in „The American Journal of Sociology", vgl. Vorwort zu Schutz 1972: X.

[6] Der auf Robert E. Park zuruckgehende „race-relations-cycle" (vgl. Park 2005: 150), ein unumkehrba- res Zyklenmodell zur Beschreibung von Assimilation (als Endstufe eines Prozesses in dem Kontakt, Wettbewerb, Akkomodation zuvor stattfinden) konnte auch im Folgenden erlautert werden. Aller- dings basiert diese Darstellung meines Erachtens zur stark auf einem rassistischen Denkmodell. Im Allgemeinen ist der Kritik von Esser zu folgen, der diese Art von Modell fur zu oberflachlich und in seiner Unumkehrbarkeit fur nicht zutreffend hielt (Esser 1980: 48).

[7] Hier bringt Park das Element der Objektivitat hinein, das auch Simmel und Schutz angesprochen hatten. Bei Park allerdings bezieht sich diese Objektivitat zuerst auf das Herkunftsland und erst mit Bezug auf Simmel selbst auf das Aufnahmeland, zu dessen Kultur man als Nicht-Mitglied einen ge- wissen Abstand hat (Park 1928: 888).

[8] „Rasse" wird in Anfuhrungszeichen gesetzt, um deutlich zu machen, dass dieser Begriff Grundposi- tionen impliziert, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, aber trotzdem bei Park Verwendung fanden. Die mit Rassenvorstellungen verbundenen korperlichen Unterschiede zwischen Menschen konnen soziale Wirkung entfalten, wenn sie von gesellschaftlichen Akteuren als bedeutsam aufgefasst werden. Biologisch gesehen ist es Unsinn, von ,Rassen' bei Menschen zu sprechen, weshalb die dem Rassismus zugehorigen Vorurteile abgelehnt werden mussen (vgl. Heckmann 1981: 52-60, Giddens 1999: 234).

[9] intensified self-consciousness" (Park 1928: 893) ubersetzte Treibel (2008: 107) mit „verstarkter Gehemmtheit".

[10] Die Einwanderung von Briten nach Australien hatte Ronald Taft ebenfalls als Vorbild fur sein Mo- dell genommen (vgl. Taft 1957: 141-156).

[11] „Accomodation" wird im Folgenden mit Anpassung ubersetzt werden, bei den beiden anderen Be- griffe wird einfach die deutsche Version des lateinischen Fremdwortes benutzt.

[12] AuSerdem legte Gordon eine weitaus gesellschaftskritischere Grundhaltung an den Tag als zum Beispiel Robert E. Park. Er kritisierte das Verhalten der Amerikaner gegenuber den Einwanderern und stellte das Selbstbild der Vereinigten Staaten vom „melting pot" der Realitat der Minderheiten gegen­uber (Treibel 2008: 99).

[13] Oder hochstens gleichzeitig auftreten konne.

[14] Beim Knupfen der Kausalketten dieser systemtheoretischen Modelle stand zu Anfang die Variable der „Entwicklungsunterschiede". Diese Variable stellt Ausgangs- und Ziellander von Migration in Beziehung, in der Annahme, dass Migration „sowohl in abnehmender wie auch in Richtung zuneh- mender Entwicklung verlaufen" konne. Bei ersterer Richtung wird von Uberschichtung der Sozial- und Berufsstruktur des Aufnahmelandes gesprochen, bei letzterer von Unterschichtung. Die Begriffe Uber- und Unterschichtung beziehen sich auf die Hohe der Positionen auf der vertikalen Leiter der „Statuslinien des aufnehmenden Systems", die die Einwanderer einnehmen. Unterschichtung bedeu­tet daher, dass „Einwanderer in die untersten Range der Beschaftigungsstruktur eintreten" und da- durch bestimmte Folgen erzeugen (Hoffmann-Nowoty 1973: 24), wie zum Beispiel sozialen Aufstieg von einheimischen Arbeitern, die zuvor auf eben diesen Statuspositionen angesiedelt waren. In den Modellen ging es Hoffmann-Nowoty um die Darstellung von Zusammenhangen von Statusverande- rungen, Macht und Prestige, die hier aber nicht naher erlautert werden mussen. Die Variable der Ent- wicklungsunterschiede ist naturlich nicht die einzige Ursache von Migration, aber durch ihre Ver- knupfung mit Statusveranderungen in der Zielgesellschaft zu einem Modell macht ihre Erwahnung an dieser Stelle Sinn.

[15] Man kann sich also auch die Frage stellen, inwieweit Einheimische assimiliert und insbesondere integriert sind. „Eine den Einwanderern durch die aufnehmende Gesellschaft scheinbar verweigerte interaktionelle Integration kann namlich lediglich Ausdruck der bekannten Gesetzmafiigkeiten sein, nach der informelle Beziehungen [...] vor allen Dingen in der gesellschaftlichen Horizontalen, also zwischen Personen mehr oder weniger gleichen Status', stattfinden. Die Zuruckweisung mufi deshalb keineswegs unbedingt mit dem Merkmal „Einwanderer" zu tun haben" (Hoffmann-Nowotny 1973: 173). Marginalitat ist ihm zufolge also nicht nur ein Phanomen, das auf Migranten zutrifft, sondern auch die soziale Situation von Einheimischen beschreiben konne.

[16] Esser bezeichnete die Endstadien der Assimilation (hier in abnehmender Graduierung und Reich weite aufgezahlt) als „Innovativ-empathische Assimilation", „traditional-empathische Assimilation", „mechanische Anpassung", „deferente Marginalitat" und „ethnische Subkultur" (Esser 1980: 223, 225).

[17] Der Anreizwert im Blick auf eine Zielsituation.

[18] Subjektive Erwartungen an assimilative Situationen und Handlungen.

[19] Ebenfalls in Bezug auf assimilative Handlungen.

[20] Kosten und nicht intendierte Folgen von assimilativen Handlungen.

[21] Zum Beispiel rechtliche Einschrankungen oder soziale Probleme wie Vorurteile oder Diskriminie- rung.

[22] Freiwilligkeit ist dabei ein wichtiges Thema. Denn ein Migrant wird immer zu einem gewissen MaS von auSeren Einflussen abhangig und geleitet sein. Es ist wichtig, dabei zu differenzieren, zum Bei- spiel zwischen Migration aus (relativ) freiem Willen um aus einer Situation beschrankter okonomi- scher Handlungsmoglichkeiten auszubrechen und Migration wegen drohender oder schon realer Ver- armung. Unfreiwillige Migration beschreibt dagegen zum Beispiel Flucht, wobei hier wieder differen- ziert werden kann zwischen relativ freier Wahl des Fluchtweges und -ziels und Fluchtgeschehen, wo sogar Fluchtweg und -ziel von anderen bestimmt wird.

[23] Die Geschichtswissenschaften sahen sich selbst lange Zeit in der Darstellung Ruloffs „als prinzipiell nicht theoriefahigen Gegenstand" (Ruloff 1985: 10).

[24] Mit „Materialgrunden" wird wohl sowohl Mangel als auch Uberfluss an Daten gemeint sein.

[25] Siehe auch FuSnote 2, uber den Begriff der Migration. Um Migration zu erforschen muss man sich auch vergegenwartigen, wie fruher uber Migration geforscht wurde und was unter „Migranten" ver- standen wurde, von welchen anderen Bewegungen von Menschen im Raum Migration zu differenzie- ren ist.

[26] Dazu gehoren beispielsweise neben Green-Card Programmen das Staatsburgerschaftsrecht und die jeweiligen Einwanderungspolitiken (Pries 2008: 14).

[27] Bei Auseinandersetzungen in Form von sozialen Konflikten „geht es in der Regel um den Zugang zu und die Verteilung von knappen Ressourcen. Dazu werden vorwiegend Macht, Einkommen, Be- sitz, Reichtum und Prestige gerechnet", so Axel Schulte (Schulte 2002, 48).

[28] Vieles hat in der Forschung (nicht nur) für diese Epoche Klaus J. Bade geleistet. Neben verschiedenen Aufsätzen stechen seine Herausgeberschaft einiger Sammelbände und seine Monographien zum Thema der deutschen Migrationsgeschichte hervor. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen in Verschränkung mit politischem Handeln arbeitete Bade detailliert heraus (siehe Literaturverzeichnis, z.B.: Bade, K. 1979; Bade, K. 1983; Bade, K. 2004; Bade, K./Oltmer, J. 2004) und zeichnete sich nicht nur in diesen Werken auch durch Erforschung und Bewertung des statistischen Datenmaterials aus (ein sehr aufschlussreicher Aufsatz über das Material zum Umfang der Arbeitswanderung ist zu finden in: Bade, K. (Hrsg.) 1984b). Neben Klaus J. Bade ist noch die Monographie Ulrich Herberts über die „Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland“ (Herbert, U. 2001) zu nennen, die ebenfalls durch sehr sorgfältige Beschäftigung mit der deutschen Migrationsgeschichte besticht, und daher als eine grundlegende Lektüre zum Thema gelten muss. Zwei kürzere Überblicke bieten Saskia Sassen (Sassen, S. 1996), die, um 1800 beginnend, eine europäische Perspektive in ihrer migrationshistorischen Darstellung wählte, sowie Klaus J. Bade und Jochen Oltmer (Bade, K./Oltmer, J. 2004), die die deutsche Migrationsgeschichte in vergleichsweise komprimierter, aber auch sehr klarer und gut strukturierter Art und Weise darstellten. Die Schriften von Bade und Herbert sind auch für die späteren Zeitabschnitte - vor allem für die politische Seite der Migrationsgeschichte - wichtig, auch wenn für die jüngeren Jahrzehnte etwas mehr detailliertere und differenzierendere Spezialstudien erschienen sind. Vor allem in den Überblickswerken sind sozialpsychologische Analysen recht rar gesät. Ebenso verhält es sich mit den Auswirkungen der Wanderungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in den Herkunftsräumen. Derartige Lücken werden jetzt teilweise von neueren Studien geschlossen.

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Strukturwandel und Migration: Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands seit 1880
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
110
Katalognummer
V157542
ISBN (eBook)
9783640705429
ISBN (Buch)
9783640705825
Dateigröße
1625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, MIgrationsgeschichte, Gastarbeiter, Klaus J. Bade, Migrationstheorie, Integration, Immigration, Auswanderung, Einwanderer, Türken, Displaced Persons, Vertreibung, Große Koalition, Merkel, Kanzler, Innenminister, Wirtschaftswunder, Weltkrieg, Sarrazin, USA, Auswanderungswelle, Theorien, Hartmut Esser
Arbeit zitieren
Tobias Heyer (Autor), 2009, Strukturwandel und Migration: Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands seit 1880, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157542

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Strukturwandel und Migration: Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands seit 1880


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden