Die Themen Bürokratie und Justiz in N.V. Gogols Roman „Die toten Seelen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gesetz über Rangklassen

3. Die Beamten, die Bürokratie in den „Toten Seelen―
3.1. Das Bild der Beamten nach J.M. Nikišov
3.2. Das Bild der Beamten und Čičikovs nach E.S. Smirnova-Čikina
3.3. Das Bild des Beamtentums nach S. Mašinskij
3.4. Weitere Beschreibungen und Analysen der Beamten
3.5. Protektion

4. Čičikovs Karriere und Justiz
4.1. Stelle des Aktuars, Umgang mit Bestechungen, der erste große Coup
4.2. Arbeit beim Zoll
4.3. Čičikovs Natur
4.4. Die Diener der Justiz

5. Schlussbetrachtung und Bezug auf die Gegenwart

6. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um die Themen Bürokratie und Justiz in N.V. Gogols Roman „Die toten Seelen―. Um das Thema zeitlich einzuordnen, wird zunächst ein historischer Überblick zu den Rangklassen im russischen Zarenreich gegeben. Im ersten großen Teil der Hausarbeit werden die Beamten und die Bürokratie in den „Toten Seelen― behandelt. Dafür soll die Sekundärliteratur von J.M. Nikišov, E.S. Smirnova-Čikina und S. Mašinskij herangezogen und detailliert besprochen werden. Diese Quellen wurden deshalb ausgewählt, weil sie am besten und am umfangreichsten das vorliegende Thema behandeln. Nach den Untersuchungen einzelner Autoren sollen weitere Analysen der Kanzlei und der Finanzbehörde folgen. Am Ende dieses Teils der Hausarbeit wird die Erscheinung der Protektion zuerst allgemein definiert, dann in einzelnen Beispielen beschrieben und analysiert. Wichtig ist, durch die Sekundärliteratur und eigene Analysen das Bild der Beamten im Roman herauszuarbeiten und festzustellen, wie sich Gogols Kritik an ihnen äußert.

Der zweite Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit Čičikovs Karriere, der Korruption und der Justiz. Zunächst geht es um seine Arbeit als Aktuar und den Umgang mit Bittstellern. Dann wird die Geschichte um die Kommission zum Bau eines staatlichen Gebäudes, danach Čičikovs Arbeit beim Zoll und die Machenschaften der Schmugglergesellschaft behandelt. Was sind die Gründe für das Handeln der Hauptperson, was strebt sie an, welchen Weg wählt sie um ihre Ziele zu erreichen, welche Prioritäten setzt sie? Diese Fragen müssen beantwortet werden. Im Abschnitt über die Justiz wird auf die Rollen des Polizeimeisters und des Staatsanwalts näher eingegangen. Es soll geklärt werden, ob sie sich von anderen Beamten in der Stadt unterscheiden. Im Schlussteil werden die vorangegangenen Kapitel zusammengefasst und es soll geklärt werden, ob die Justiz im Roman richtig funktioniert und falls nicht, weshalb. Außerdem wird ein Bezug des Themas auf die Gegenwart gemacht. Stimmt die Darstellung der administrativen Gewalt im Buch mit der Realität überein oder gibt es gravierende Unterschiede? Welche Parallelen zu unserer Zeit lassen sich feststellen?

2. Das Gesetz über Rangklassen

Die Rangtabelle (russ. Табель о рангах) teilte im russischen Zarenreich die oberen Laufbahnen in der Staatsverwaltung und bei Hofe sowie die Offizierslaufbahnen im Militär und in der Kriegsmarine in vierzehn Rangklassen ein. Die 1722 eingeführte Rangtabelle ermöglichte den unmittelbaren Vergleich ziviler und militärischer Dienstgrade und galt bis zur Oktoberrevolution 1917 mit nur geringen Änderungen. Die Rangtabelle zählt zu den bedeutendsten Reformen Zar Peters des Großen. Sie brach die Vormachtstellung des alten Erbadels, der Bojaren, und schuf einen von der Krone abhängigen Dienstadel (das heißt, es gibt eine Möglichkeit, dass begabte Menschen aus den niedrigen Ständen heraustreten). Alle vierzehn Rangklassen waren in drei Teile gegliedert: die ersten fünf Klassen bildeten den höchsten Grad der Staatsdiener, die Klassen sechs bis acht die Mittelschicht und die Klassen neun bis vierzehn waren die niedrigsten Ränge.1

Die Aufstellung einer übersichtlichen Ämterlaufbahn sollte den Missbrauch bei der Vergabe von Ämtern vorbeugen. Vom Senat wurden bestimmte Voraussetzungen für die Ränge festgelegt, so dass es nicht mehr möglich sein sollte, ohne entsprechende Qualifikationen Karriere zu machen. Adlige, die sich dem Staatsdienst entzogen und nicht in der Rangtabelle erschienen, erreichten kein Ansehen in der Gesellschaft, da sich die Ehrerbietung aus der Höhe des ausführenden Amtes ergab. Beim Unterzeichnen hatten sie zum Beispiel mit "unwürdiger Landjunker" zu unterschreiben, so dass ihr fehlender sozialer Status jedem gezeigt wurde.2 Der Rang eines Amtes bestimmte auch die Umgangsformen im Alltag, zum Beispiel die Anrede oder die Kleidungsvorschriften.

Zu den Auswirkungen und Erfolgen der Reform findet man folgendes heraus: Obwohl den Adligen oft die richtige Qualifikation fehlte, besetzten sie meistens die höchsten Ränge.

„Trotz der gesetzlichen Grundlage konnte sich keine steigende soziale Mobilität in der russischen Gesellschaft einstellen. Es standen nicht ausreichend Ämter zur Verfügung, um allen einen Platz in der Diensthierarchie verschaffen zu können. Die Rangtabelle führte außerdem zu einer zunehmenden Bürokratisierung im russischen Staat".3

3. Die Beamten, die Bürokratie in den „Toten Seelen“

3.1. Das Bild der Beamten nach J.M. Nikišov

Das Gruppenbild der Beamten4 ist nicht nur ausdrucksstark, sondern auch kunstvoll gebildet. Seine Hauptfunktion ist alles über Jeden zu erzählen. Gogol‘ nutzt eine Individualisierung von zwei Typen. Die meistverwendete Art und Weise ist eine persönliche Individualisierung: da sind der Gouverneur und die Gouverneurin, der Staatsanwalt, der Vorsitzende der Kanzlei, der Polizeimeister und der Postmeister. Aber Gogol‘ verwendet oft auch eine Gruppenindividualisierung: es gibt die Dicken und die Dünnen, die einen und die anderen.5

Am Anfang wird das Bild hauptsächlich von einer Aufteilung der Beamten in zwei Gruppen bestimmt:

„Мужчины здесь, как и везде, были двух родов: одни тоненькие, которые всe увивались около дам; некоторые из них были такого рода, что с трудом можно было отличить их от петербургских, имели так же весьма обдуманно и со вкусом зачесанные бакенбарды или просто благовидные, весьма гладко выбритые овалы лиц, так же небрежно подседали к дамам, так же говорили по-французски и смешили дам так же, как и в Петербурге. Другой род мужчин составляли толстые или такие же, как Чичиков, то есть не так чтобы слишком толстые, однако ж и не тонкие.(…) Это были почетные чиновники в городе. Увы! толстые умеют лучше на этом свете обделывать дела свои, нежели тоненькие. Тоненькие служат больше по особенным поручениям или только числятся и виляют туда и сюда; их существование как-то слишком легко, воздушно и совсем ненадежно. Толстые же никогда не занимают косвенных мест, а все прямые, и уж если сядут где, то сядут надежно и крепко, так что скорей место затрещит и угнется под ними, а уж они не слетят".6

Čičikov bevorzugt sowohl dem Körperbau als auch dem Verstand nach die Gesellschaft der Dicken. Eben unter den Dicken trifft er diejenigen, nach seinen Besuchen, bekannte Menschen.7

Gogol‘ verwendet oft verallgemeinernde Beschreibungen und Aufzählungen z.B. in Bezug auf die Bildung der Menschen:

„Многие были не без образования: председатель палаты знал наизусть "Людмилу" Жуковского, которая еще была тогда непростывшею новостию, и мастерски читал многие места (…) Почтмейстер вдался более в философию и читал весьма прилежно, даже по ночам, Юнговы "Ночи" и "Ключ к таинствам натуры" Эккартсгаузена, из которых делал весьма длинные выписки, но какого рода они были, это никому не было известно; (…)Прочие тоже были более или менее люди просвещенные: кто читал Карамзина, кто "Московские ведомости", кто даже и совсем ничего не читал."8

Der Anfang dieser Aufzählung der Belesenheit der Menschen macht einen respektablen Eindruck, aber das Ende zerstört ihn wieder. In diesem Milieu ist eine echte Bildung nicht notwendig. Damit man als „nicht ungebildet― gilt, muss man überhaupt nichts lesen. Die persönlichen Vorlieben der Belesenen sind eine Ausschweifung und dienen der Originalität.9

Es wird geschildert, dass die Beziehungen der Beamten untereinander sehr friedvoll und harmonisch sind:

„Впрочем, если сказать правду, они все были народ добрый, живя между собою в ладу, обращались совершенно по-приятельски (…) словом, все было очень семейственно."10

Es wird mehr Aufmerksamkeit den ranghohen Beamten geschenkt. Hier gibt es mehr individuelle Beschreibungen als bei niedrigeren Beamten. Alle sind auf die gleiche Weise von Čičikovs Ankunft begeistert, doch auf den sehr ähnlichen Lobeshymnen gibt es einen Eindruck von der Position des jeweiligen Beamten11:

„Все чиновники были довольны приездом нового лица. Губернатор об нем изъяснился, что он благонамеренный человек; прокурор — ; что он дельный человек; жандармский полковник говорил, что он ученый человек; председатель палаты — ; что он знающий и почтенный человек; полицеймейстер — ; что он почтенный и любезный человек; жена полицеймейстера — ; что он любезнейший и обходительнейший человек."12

Von den ranghohen Beamten wird der Gouverneur auf folgende Weise beschrieben:

―…который, как оказалось, подобно Чичикову был ни толст, ни тонок собой, имел на шее Анну, и поговаривали даже, что был представлен к звезде; впрочем, был большой добряк и даже сам вышивал иногда по тюлю."13

Die körperliche Ähnlichkeit mit Čičikov ist offensichtlich. Auch teilen beide die charakteristische Gutmütigkeit.

Die Beschreibung des Polizeimeisters erfolgt im Kapitel „Diener der Justiz―.

Gogol‘ richtet seine Aufmerksamkeit auch auf die Beamten der mittleren und niedrigen Rangklassen. Das findet, zum Beispiel, in der Szene in der Kanzlei statt, in welche Čičikov und Manilov gekommen sind, um die Formalitäten für den Kauf der Bauern zu erledigen. Hier wird das Aussehen von Ivan Antonovič so beschrieben:

„Вся середина лица выступала у него вперед и пошла в нос, — ; словом, это было то лицо, которое называют в общежитьи кувшинным рылом".14

Aus dieser Beschreibung lässt sich auf einen nicht gerade gutaussehenden Menschen schließen. Das Verhalten von Ivan Antonovič (weiter auch als I.A. abgekürzt), seine korrupte Art, hat Ähnlichkeiten mit dem des Polizeimeisters. Nach der Erledigung der Formalitäten für den Kauf spricht I.A. Čičikov an:

„Крестьян накупили на сто тысяч, а за труды дали только одну беленькую. Да ведь какие крестьяне, - отвечал ему на это тоже шепотом Чичиков, - препустой и преничтожный народ, и половины не стоят. Иван Антонович понял, что посетитель был характера твердого и больше не даст."15

Nikišov nennt alle Beamten ohne Ausnahmen „tote Seelen―:― Все они - без разницы, кто вялый, а кто внешне жизнедеятельный - мертвые души.―16 Der Autor bringt ebenso eine interessante Erklärung, wieso die Beamten den Fall Čičikov nicht lösen konnten:

„Не смогли чиновники разрешить загадку Чичикова. Что он плут, это они поняли, это им доступно, сами не без греха. Вот не могли определить: Чичиков из тех, кого надо сажать, или из тех, кто сам может посадить..."17

Es ist also die Angst wegen Unwissenheit, die Angst vor den Folgen ihres Handelns, die sie lähmt.

[...]


1 http://de.wikipedia.org/wiki/Rangtabelle (08.03.2010)

2 J. Lotman: Russlands Adel. Eine Kulturgeschichte von Peter I. bis Nikolaus I. (Bausteine zur Slavischen Philologie und Kulturgeschichte, Band 21). Köln 1997. S. 27

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Rangtabelle (08.03.2010). Aus: E.Hösch: Geschichte Russlands. Vom Kiever Reich bis zum Zerfall des Sowjetimperiums. Stuttgart 1996. S. 161.

4 J.M. Nikišov: Svjatogor. Gogol‘ i ego „Mertvye duši“. Tver’ 2006.

5 J.M. Nikišov: S. 138.

6 N. Gogol‘: Mertvye duši. Moskau 2009. S. 232.

7 J.M. Nikišov: 139.

8 Gogol‘, 399-400.

9 Nikišov: 139.

10 Gogol‘, 399.

11 Nikišov: 140.

12 Gogol‘, 236.

13 Ebd, 229.

14 Gogol‘, 383.

15 Ebd, 391.

16 Nikišov, 143.

17 Ebd, 150.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Themen Bürokratie und Justiz in N.V. Gogols Roman „Die toten Seelen"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Slavistik)
Veranstaltung
HS Gogol "Tote Seelen" (Mertvye dushi)
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V157557
ISBN (eBook)
9783640749065
ISBN (Buch)
9783640749539
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Themen, Bürokratie, Justiz, Gogols, Roman, Seelen
Arbeit zitieren
Nikita Iagniatinski (Autor), 2010, Die Themen Bürokratie und Justiz in N.V. Gogols Roman „Die toten Seelen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157557

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