Rineke Dijkstra - Auf der Suche nach der Authentizität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rineke Dijkstra

3. Die Strandportraits

5. Almerisa

6. The Buzzclub, Liverpool, UK/ Mysteryworld Zaandam, NL - und – The Krazyhouse

7. Schlussbemerkung

8. Literaturnachweis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Abbildungen

1. Einleitung

In einem kürzlichen Interview in der Zeitschrift art wurde Rineke Dijkstra gefragt wonach sie suche, wenn sie zur Kamera greift. Ihre Antwort darauf lautete:

„Bei den meisten Arbeiten suche ich nach spezifischen Eigenschaften von Individuen in Gruppenzusammenhängen. Mich hat immer das Paradox zwischen Identität und Uniformität interessiert. Indem ich mich auf Posen, Haltungen, Gesten und Blicke konzentriere, versuche ich Bilder zu finden. Ich bin immer auf der Suche nach Menschen, die authentisch sind, ich möchte erkennen, wie sie sich von den anderen unterscheiden. Außerdem ist es mir wichtig, dass ich eine Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Am Ende geht es dabei immer um Erkenntnis.“[1]

Ihre Herangehensweise und Umsetzung zeigen dabei deutlich eine strukturierte Konsequenz und Art und Weise der Klassifikation, die in einigen Punkten an August Sander erinnern lassen, einen Fotografen, den sie selbst als eine ihrer Inspirationsquelle im Bereich Fotografie, neben Diane Arbus, nennt.

August Sander, der in hunderten Portraits Menschen unterschiedlicher Schichten und Berufsgruppen zeigte, versuchte ein umfassendes Gesellschaftsportrait seiner Zeit darzustellen. Vergleichbar mit einem Katalog, realisierte er eine Art soziologische Bestandsaufnahme der unterschiedlichen Klassen und Stände. Seine Arbeitsweise war dabei formal, direkt und technisch präzise, da er überzeugt war, so die universale Erkenntnis über die Menschen aufzeigen zu können. Fernerhin beschäftigte ihn die Frage der gegenseitigen Beeinflussung von Mensch, Gemeinschaft und Umfeld. Mittels einer konventionellen Form der Portraitfotografie, bei der so gut wie nichts dem Zufall überlassen wurde, registrierte er die deutsche Bevölkerung in ihren gesellschaftlichen Rollen, Positionen und Identitäten zwischen zwei Weltkriegen.[2] (siehe Abb. 1)

Im Gegensatz zu Sander geht es Rineke Dijkstra, wie schon in dem vorangegangen Zitat deutlich gemacht, vordergründig um den Augenblick und um das Suchen einer Erkenntnis, die sich hinter ihm verbirgt.

Das mittlerweile sehr umfangreiche Werk der Künstlerin macht deutlich, daß sie immer wieder auf Jugendliche zurückgreift oder ähnlich einer Studie Menschen begleitet und zeigt, die geprägt sind durch soziale, politische und persönliche Erlebnisse und Situationen. Es sind Stadien der Umbrüche, in denen sie versucht den für sie authentischen Moment im Davor, Dazwischen und Danach zu sehen, einzufangen und festzuhalten.

Ihre Bilder zeigen Kinder in Schuluniformen oder im Park, Jugendliche in Badesachen am Strand oder abends in Clubs, männliche und weibliche Soldaten vor, während und nach Eintritt in den Dienst oder Stierkämpfer nach dem Kampfe, Mütter kurz nach ihrer Entbindung sowie auch die Entwicklung eines bosnischen Flüchtlingsmädchens, welches sie über Jahre hinweg fotografisch begleitet.

Rineke Dijkstras Ambitionen sowie die Arbeits- und Umsetzungsweise ihrer Projekte sollen in der folgenden Arbeit anhand der Strandbilder, der Fotoreihe Almerisa und den Videoprojekten The Buzzclub, Liverpool, UK/ Mysteryworld Zaandam, NL und Krazyhouse genauer betrachtet werden.

2. Rineke Dijkstra

Bevor ich zu ihren Bildreihen komme, möchte ich kurz auf ihren Werdegang eingehen, der für die Entwicklung ihrer künftigen Schaffenszeit nicht unbedeutend war.

Rineke Dijkstra wurde 1959 in Sittard in den Niederlanden geboren und studierte von 1981 bis 1986 an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Nach ihrem Studium schlug sie sich mit Auftragsarbeiten für Zeitungen und Jahresberichte durch und fotografierte vornehmlich im wirtschaftlichen Bereich. Es waren Geschäftsleute, die wussten, wie sie sich zu präsentieren hatten und welcher Blick, welche Mimik und Pose vor der Kamera angemessen schien. Sie waren einstudiert in ihrem Auftreten und Erscheinen in der Öffentlichkeit und vor den Fotografen. Die Bilder sollten dem Standard der Wirtschaftswelt entsprechen und entsprachen auch diesem.

Dijkstras Wunsch sich davon zu distanzieren stieg stetig.

Zu ihrem Stil der Fotografie kam sie vor ca. 20 Jahren. Nach einem schweren Fahrradunfall begann sie Wochen später in der Rehabilitation in einem Schwimmbad Selbstportraits von sich zu machen.[3] (siehe Abb. 2)

Dort ist sie als Ganzkörperportrait im Badeanzug zu sehen, um sie herum die sterile Nüchternheit des Schwimmbades. Über ihr zwei große längliche Lampen, unter denen sie mittig steht. Die gerade Linienführung durch die Fliesen an den Wänden und dem Boden geben dem Bild eine sachliche und klare Gliederung.

Der blaue gestreifte Badeanzug und ihre hellblaue Badekappe schaffen den einzigen farblichen Kontrast. Ihre Hände hält sie vor den Mund. Sie wirkt erschöpft, befangen, verloren und schutzlos, beinahe verängstigt in diesem Raum.

Dieses Bild war das absolute Gegenteil zu ihren bisherigen Aufnahmen und mit Hilfe eines Stipendiums begann sie zu Beginn der 90er Jahre mit der ersten und bisher eine der bekanntesten ihrer Reihen, die Teenager an verschiedenen Stränden in Europa und Amerika zeigt.

3. Die Strandportraits

Die Reihe der Strandbilder entstand zwischen 1992 und 1996 und umfasst insgesamt 18 Bilder. Die Jugendlichen werden im Bildtitel nicht namentlich benannt. Lediglich werden unter jedem Bild der Ort, das Land und das Aufnahmedatum sachlich dokumentiert. Wie kam sie auf die Idee die Jugendlichen an den unterschiedlichen Stränden zu fotografieren?

In einem Interview erzählt sie, daß sie von einem Freund eine Einladung nach Hilton Head Island bekam, was ein recht reiches Familienressort ist.

Als sie dort fotografierte, fiel ihr auf, wie unterschiedlich die Menschen dort im Vergleich zu denen in den Niederlanden waren. Dort waren sie viel mehr mit ihrem Äußeren beschäftigt und um sie war stets der Schein von Glamour und das Streben nach äußerlicher Perfektion. Ihr kam es vor, als wollten sie aussehen wie ihre Idole aus den Zeitschriften und Hochglanzmagazinen, die sie lasen.[4]

Abbildung drei zeigt eines der bekanntesten Bilder aus dieser Reihe.

Zu sehen ist ein Mädchen als Ganzkörperportrait am Strand von Hilton Island. Sie ist gekleidet mit einem orangefarbenen Bikini und steht direkt am Ufer zum Meer. Es scheint als komme sie gerade aus diesem heraus. Der Horizont im Hintergrund ist nach oben verschoben, womit sie ebenfalls leicht erhöht wirkt.[5]

Dijkstra meint, daß sie die Situation dieses Mädchen zu fotografieren, sehr komisch fand, da sie so sehr geschminkt war, als müsse sie genau dem Anspruch der Magazinbilder gerecht werden. Sie stand unsicher vor der Kamera, wusste nicht genau was nun passieren sollte, sie zog verlegen ihren Bauch ein, der Wind wehte und sie hielt ihr Haar fest.

Rineke Dijkstra machte in diesem Moment die Aufnahme und dachte anfangs das das Bild nicht gut geworden wäre. Doch es war genau das Zusammenspiel aus dem Wunsch nach Perfektion und dem Blick der Scheu und Unsicherheit was für die Fotografin den Reiz ausmachte.[6]

Ganz anders verhält es sich bei dem Mädchen in der nächsten Abbildung. (siehe Abb. 4) Auch sie steht direkt am Ufer zum Meer, die Komposition des Hintergrundes beinahe identisch. Die Aufnahme jedoch wurde einen Monat später an einem Strand in Polen gemacht. Das Mädchen im grünen Badeanzug steht in einem etwas unbeholfenen Kontrapost, dennoch aber grazil vor der Kamera. Im Gegensatz zu dem amerikanischen Mädchen, ist sie nicht geschminkt und wirkt gerade aufgrund ihrer Körperhaltung unverfälscht. In ihrem Blick allerdings liegt bereits schon etwas Erwachsenes und Selbstbewusstes.

Speziell diese beiden Bilder der Strandreihe erinnern den Betrachter immer wieder an ein klassisches Motiv, Botticellis Geburt der Venus von 1485. (siehe Abb. 5 u. 6)

Stellt man jeweils beide Mädchen neben das historische Motiv, so nähert sich die Polin am ehesten dem Ikonenhaften des Originals, was insbesondere durch ihre von soziokulturellen Faktoren bestimmte Einfachheit zum Ausdruck kommt.

Das amerikanische Mädchen mit dem geschminkten, teils schüchternen und teils schmachtenden Augenaufschlag hingegen, entspricht beinahe prototypisch dem derzeitigen westlichen Ideal einer Venusvorstellung.[7]

Aber auch weitere Bilder der Strandreihe lassen sich auf diese Art und Weise gegenüberstellen.

So zeigen sich in den beiden folgenden Abbildungen (siehe Abb. 7 u. 8) jeweils zwei Jungen, die einmal in Polen und auf Long Island in New York fotografiert wurden.

Auf beiden Bilder steht je ein größerer neben einem kleineren Jungen.

Die beiden Größeren stehen mit festem Stand auf dem Boden, wirken ein wenig steif und blicken gehemmt und wachsam in die Kamera. Ganz anders die Kleineren, die zwar mit ungeschickter Pose, doch bestimmt und nahezu kokett und cool den Betrachter anschauen. Während die polnischen Jungen bekleidet mit einfachen Unterhosen als Badezeug an diesem Strand sind, tragen die amerikanischen Jungen modische ¾ Jeans und Shorts.

Interessant ist auch die Betrachtung des Mädchens aus Belgien. (siehe Abb. 9) Sie trägt einen blau-weiß gestreiften Badeanzug mit angeschnittenem Bein, der fast an die 50er Jahre erinnert. Die Arme liegen fest am Körper als wolle sie sich an sich selbst festhalten. Ihr Oberkörper, entgegengesetzt zu ihrem wehenden Haar, ist leicht seitlich geneigt. Die starre Körperhaltung verrät Unbehaglichkeit, ihre Gesichtszüge zeugen von einer frühen Reife, der Blick jedoch schwer einzuordnen.

Durch ihre Körperhaltung scheint es, als fühle sie sich der Situation ausgeliefert, sie wirkt schutzlos.

Es gibt einen sehr schönen Vergleich, in dem Heranwachsende manchmal mit Krebsen verglichen werden, die ihre Schale verloren haben und sich in dieser Zeit verstecken damit ihnen nichts passiert.[8] Rineke Dijkstra hat diese Krebse ohne Schale für einen Moment vor die Kamera geholt und festgehalten.

Es ist das Stadium des Unfertigen, der Übergang zwischen Kindsein und dem Erwachsenwerden und die Suche nach der eigenen Identität, welches für Dijkstra die Spannung ausmacht.

Rineke Dijkstra spricht zuvor die Kinder und Jugendlichen am Strand an und fragt sie, ob sie sie fotografieren darf. Sie gehen mit der Fotografin einen unausgesprochenen Vertrag zu einer Zusammenarbeit mit ihr ein und treten als gleichberechtigte Partner vor die Kamera.[9]

Jeder Einzelne ist für einen Moment einer sehr unnatürlichen Situation gegenübergestellt. Mit wenig Bekleidung stehen die jungen Menschen frontal vor einer Kamera. Sie werden von der Fotografin angeschaut und haben währenddessen keine Rückzugsmöglichkeit. Anfangs posieren sie in der gewählten Form für sich und Dijkstra selbst gibt während des Arbeitens mit ihnen so gut wie keine Anweisungen, sondern schaut und wartet.

Sie wartet, bis ihre Modelle das Konfrontierende der Situation beginnen hinter sich zu lassen, sie den Versuch der perfekten Pose beginnen zu vergessen, so dass ihre wahre Natur in einem unbeschützten Moment zum Vorschein kommt. Die Fotografin sagt selbst:

„Es ist heute natürlich nicht mehr so leicht wie zu Zeiten August Sanders, Menschen zu fotografieren, weil jedermann schon zig Selbstbilder von sich im Kopf hat und um die Wirkung von Fotografien weiß. […] Fotografieren ist ein Prozess des Zuschauens und Wartens. […] Ein Foto ist nicht mehr als ein gefrorener Augenblick, und mir kommt es darauf an, die Essenz dieses Augenblicks festzuhalten.“[10]

Der konzeptionelle Bildaufbau bleibt bei allen Aufnahmen beständig. Die Bildkomposition ist von der Fotografin zuvor präzise gewählt.

Dijkstra wählt einen Standort und baut für die zu Fotografierenden in klassischer Manier eine Art Bühne.

Sie zeichnet und konstruiert einen Rahmen, egal ob außen am Strand oder, wie bei der anschließenden Bildreihe, innen vor einer Wand. Die Landschaft oder das Interieur dienen als Staffage dem Bildaufbau, in dem die Figur immer mittig eingebettet wird. In der Reihe ihrer Strandportraits ist es eine dreiteilige, horizontale Untergliederung bestehend aus Sand, Wasser und Himmel vor dem die Jugendlichen und Kinder stehen.[11]

[...]


[1] http://www.art-magazin.de/kunst/27598/rineke_dijkstra_interview

[2] Visser, Hripsime: Der Soldat, das Discogirl, die Mutter und die polnische Venus. In: Rineke Dijkstra. Portraits. Schirmer / Mosel 2004. S.12.

[3] http://www.monopol-magazin.com/magazine/2010/02/portfolio-rineke-dijkstra

[4] http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?mode=play&obj=14293

[5] Visser, Hripsime: Der Soldat, das Discogirl, die Mutter und die polnische Venus. In: Rineke Dijkstra. Portraits. Schirmer / Mosel 2004. S.8f.

[6] http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?mode=play&obj=14293

[7] Visser, Hripsime: Der Soldat, das Discogirl, die Mutter und die polnische Venus. In: Rineke Dijkstra. Portraits. Schirmer / Mosel 2004. S.8f.

[8] Visser, Hripsime: Der Soldat, das Discogirl, die Mutter und die polnische Venus. In: Rineke Dijkstra. Portraits. Schirmer / Mosel 2004. S.9.

[9] Weski, Thomas: Platz, sich selbst zu entfalten. In: Rineke Dijkstra. The Buzzclub, Liverpool, UK / Mysteryworld, Zaandam, NL, 1996-1997. Über die Welt. About the world. Sprengel Museum Hannover. 1998.

[10] http://www.monopol-magazin.com/magazine/2010/02/portfolio-rineke-dijkstra

[11] Stahel, Urs: Danach. Nach der Klimax als zentrales Element in Rineke Dijkstras Porträtfotografie. In: Rineke Dijkstra. Portraits. Schirmer / Mosel 2004. S.149.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Rineke Dijkstra - Auf der Suche nach der Authentizität
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Inszenierte Fotografie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V157577
ISBN (eBook)
9783640706846
ISBN (Buch)
9783640707089
Dateigröße
1923 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rineke Dijkstra, Dijkstra, Fotografie, Fotografin, Portraits, Portraitkunst, Inszenierte Fotografie, Portrait, Porträt, Almerisa, Buzzclub, Videokunst, Video, Strandportraits, Mysteryworld, Zaandam, Liverpool, Krazyhouse
Arbeit zitieren
Nanni Harbordt (Autor), 2010, Rineke Dijkstra - Auf der Suche nach der Authentizität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157577

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