In einem kürzlichen Interview in der Zeitschrift art wurde Rineke Dijkstra gefragt wonach sie suche, wenn sie zur Kamera greift. Ihre Antwort darauf lautete:
„Bei den meisten Arbeiten suche ich nach spezifischen Eigenschaften von Individuen in Gruppenzusammenhängen. Mich hat immer das Paradox zwischen Identität und Uniformität interessiert. Indem ich mich auf Posen, Haltungen, Gesten und Blicke konzentriere, versuche ich Bilder zu finden. Ich bin immer auf der Suche nach Menschen, die authentisch sind, ich möchte erkennen, wie sie sich von den anderen unterscheiden. Außerdem ist es mir wichtig, dass ich eine Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Am Ende geht es dabei immer um Erkenntnis.“
Ihre Herangehensweise und Umsetzung zeigen dabei deutlich eine strukturierte Konsequenz und Art und Weise der Klassifikation, die in einigen Punkten an August Sander erinnern lassen, einen Fotografen, den sie selbst als eine ihrer Inspirationsquelle im Bereich Fotografie, neben Diane Arbus, nennt.
August Sander, der in hunderten Portraits Menschen unterschiedlicher Schichten und Berufsgruppen zeigte, versuchte ein umfassendes Gesellschaftsportrait seiner Zeit darzustellen. Vergleichbar mit einem Katalog, realisierte er eine Art soziologische Bestandsaufnahme der unterschiedlichen Klassen und Stände. Seine Arbeitsweise war dabei formal, direkt und technisch präzise, da er überzeugt war, so die universale Erkenntnis über die Menschen aufzeigen zu können. Fernerhin beschäftigte ihn die Frage der gegenseitigen Beeinflussung von Mensch, Gemeinschaft und Umfeld. Mittels einer konventionellen Form der Portraitfotografie, bei der so gut wie nichts dem Zufall überlassen wurde, registrierte er die deutsche Bevölkerung in ihren gesellschaftlichen Rollen, Positionen und Identitäten zwischen zwei Weltkriegen. (siehe Abb. 1)
Im Gegensatz zu Sander geht es Rineke Dijkstra, wie schon in dem vorangegangen Zitat deutlich gemacht, vordergründig um den Augenblick und um das Suchen einer Erkenntnis, die sich hinter ihm verbirgt.
Das mittlerweile sehr umfangreiche Werk der Künstlerin macht deutlich, daß sie immer wieder auf Jugendliche zurückgreift oder ähnlich einer Studie Menschen begleitet und zeigt, die geprägt sind durch soziale, politische und persönliche Erlebnisse und Situationen. Es sind Stadien der Umbrüche, in denen sie versucht den für sie authentischen Moment im Davor, Dazwischen und Danach zu sehen, einzufangen und festzuhalten.
1. Einleitung
2. Rineke Dijkstra
3. Die Strandportraits
4. Almerisa
5. The Buzzclub, Liverpool, UK/ Mysteryworld Zaandam, NL - und - The Krazyhouse
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das fotografische und videografische Werk von Rineke Dijkstra im Hinblick auf ihr Streben nach Authentizität und die Darstellung von Identität in Übergangsphasen. Dabei wird analysiert, wie Dijkstra durch eine strukturierte, inszenierte Herangehensweise und eine reduzierte Bildsprache versucht, das "wahre" Wesen ihrer Modelle in Momenten der Verletzlichkeit oder des Umbruchs einzufangen.
- Analyse der fotografischen Arbeitsweise von Rineke Dijkstra
- Untersuchung der Serie "Die Strandportraits" im Kontext von Identitätsfindung
- Betrachtung der Langzeit-Dokumentation "Almerisa" als Prozess der Entwicklung
- Evaluation der Videoarbeiten "The Buzzclub" und "The Krazyhouse" als Mittel der Selbstinszenierung
Auszug aus dem Buch
3. Die Strandportraits
Die Reihe der Strandbilder entstand zwischen 1992 und 1996 und umfasst insgesamt 18 Bilder. Die Jugendlichen werden im Bildtitel nicht namentlich benannt. Lediglich werden unter jedem Bild der Ort, das Land und das Aufnahmedatum sachlich dokumentiert. Wie kam sie auf die Idee die Jugendlichen an den unterschiedlichen Stränden zu fotografieren?
In einem Interview erzählt sie, daß sie von einem Freund eine Einladung nach Hilton Head Island bekam, was ein recht reiches Familienressort ist.
Als sie dort fotografierte, fiel ihr auf, wie unterschiedlich die Menschen dort im Vergleich zu denen in den Niederlanden waren. Dort waren sie viel mehr mit ihrem Äußeren beschäftigt und um sie war stets der Schein von Glamour und das Streben nach äußerlicher Perfektion. Ihr kam es vor, als wollten sie aussehen wie ihre Idole aus den Zeitschriften und Hochglanzmagazinen, die sie lasen.
Abbildung drei zeigt eines der bekanntesten Bilder aus dieser Reihe.
Zu sehen ist ein Mädchen als Ganzkörperportrait am Strand von Hilton Island. Sie ist gekleidet mit einem orangefarbenen Bikini und steht direkt am Ufer zum Meer. Es scheint als komme sie gerade aus diesem heraus. Der Horizont im Hintergrund ist nach oben verschoben, womit sie ebenfalls leicht erhöht wirkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie Dijkstra in ihrem Werk nach spezifischen Eigenschaften von Individuen sucht und sich dabei von August Sander inspirieren lässt.
2. Rineke Dijkstra: Dieses Kapitel skizziert den Werdegang der Fotografin und beschreibt ihren Übergang von Auftragsarbeiten hin zu ihrem persönlichen, durch den Unfall initiierten Stil der Selbstportraits.
3. Die Strandportraits: Hier wird die fotografische Serie analysiert, die Jugendliche im Übergang vom Kind zum Erwachsenen in einem reduzierten, von der Fotografin geschaffenen Rahmen zeigt.
4. Almerisa: Dieses Kapitel widmet sich der Langzeitstudie eines bosnischen Flüchtlingsmädchens und untersucht, wie Dijkstra den Prozess der Entwicklung und das Verstreichen von Zeit dokumentiert.
5. The Buzzclub, Liverpool, UK/ Mysteryworld Zaandam, NL - und - The Krazyhouse: Der Fokus liegt auf der Erweiterung von Dijkstras Werk durch Videoinstallationen, die Jugendliche in ihrem Umfeld der Selbstinszenierung in Discos isoliert und neutral porträtieren.
6. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass Dijkstra den betrachtenden Blick als ein erkennendes und offenlegendes Instrument nutzt, um die Wahrhaftigkeit ihrer Modelle in Momenten der Authentizität festzuhalten.
Schlüsselwörter
Rineke Dijkstra, Authentizität, Portraitfotografie, Identität, Jugend, Übergangsphase, Almerisa, Strandportraits, Videoinstallation, Selbstinszenierung, Dokumentation, Wahrhaftigkeit, Bildkomposition, Soziologie, Jugendkultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk der Künstlerin Rineke Dijkstra und ihre fotografische sowie videografische Herangehensweise, um in Porträts Authentizität und menschliche Identität einzufangen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Suche nach dem authentischen Moment, die Entwicklung von Identität bei Jugendlichen in Umbruchsphasen und die bewusste Inszenierung von Modellen vor einem neutralen Hintergrund.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab, Dijkstras Arbeits- und Umsetzungsweise zu analysieren, wobei die Frage im Mittelpunkt steht, wie sie trotz oder gerade durch inszenierte Settings die "wahre" Natur ihrer Protagonisten sichtbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kunsthistorische und medienanalytische Betrachtungsweise, indem sie ausgewählte Bildreihen und Videoarbeiten inhaltlich und kompositorisch untersucht und mit kunstgeschichtlichen Referenzen (z.B. August Sander, Botticelli) in Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Strandportraits, die Langzeit-Bildreihe "Almerisa" sowie die Videoarbeiten "The Buzzclub" und "The Krazyhouse" hinsichtlich ihrer konzeptionellen Gestaltung und Aussagekraft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rineke Dijkstra, Authentizität, Identität, Jugend, Dokumentation und Bildkomposition charakterisiert.
Wie beeinflusst Dijkstras Arbeitsmaterial ihre Ergebnisse?
Dijkstra nutzt oft eine großformatige Kamera auf einem Stativ, die einen langsamen, umständlichen Prozess erfordert. Dies zwingt sie zur Planung und reduziert die Flexibilität, was wiederum zu der charakteristischen, inszenierten und dennoch authentischen Bildsprache führt.
Welche besondere Bedeutung hat das Projekt "Almerisa"?
Das Projekt dokumentiert über viele Jahre hinweg die Entwicklung eines bosnischen Flüchtlingsmädchens. Es zeigt exemplarisch Dijkstras Fokus auf Zeitverlauf, Entwicklung und die Veränderung von Identität in einer neuen, westeuropäischen Kultur.
Warum verwendet Dijkstra einen weißen, neutralen Hintergrund?
Der neutrale Hintergrund dient als "dreidimensionaler Raum", der die Modelle aus ihrem gewohnten sozialen Kontext (z.B. Clubs oder soziale Umgebung) isoliert und sie wie Symbole oder "Icons" ihrer selbst erscheinen lässt, was ihre individuelle innere Energie stärker fokussiert.
- Arbeit zitieren
- Nanni Harbordt (Autor:in), 2010, Rineke Dijkstra - Auf der Suche nach der Authentizität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157577