Täuschen und Lügen in der PR

Normen, Fakten, Merten‐Auseinandersetzung – Eine PR‐ethische Auseinandersetzung mit der (Un)Wahrheit


Hausarbeit, 2010

47 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

III. Abkürzungsverzeichnis

IV. Anlagenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Lüge: „Salz des Lebens“ oder unentschuldbares Fehlverhalten?
2.1. Definition des Lügens
2.2. Arten und Ursachen des Lügens
2.3. Folgen des Lügens
2.4. Positive Funktionen des Lügens

3. Lügen im Kontext der PR
3.1. Public Relations Definitionen, Ziele, Aufgaben
3.2. Lügen in der PR
3.3. Vertrauen, Image und Glaubwürdigkeit in der PR
3.3.1. Das Vertrauen in die PR Branche
3.3.2. Das durch PR geschaffene Vertrauen in Unternehmen und Organisationen
3.3.3. Die Rolle von Vertrauen zwischen verschiedenen PR Akteuren

4. Ethik in der PR: Kodizes und Selbstkontrolle
4.1. Normen, Ethik und Moral in der PR
4.2. Verschiedene Arten der Ethik
4.2.1. Individual , Organisations und Branchenethik
4.2.2. Gesinnungs und Verantwortungsethik
4.3. Notwendigkeit einer PR Ethik?
4.4. Die wichtigsten PR Kodizes
4.4.1. Code d’Athènes
4.4.2. Code de Lisbonne
4.4.3. Sieben Selbstverpflichtungen eines DPRG Mitgliedes
4.5. Kontrolle der Einhaltung der Kodizes
4.5.1. Freiwilliges Selbstkontrollorgan der PR Branche: der DRPR
4.5.2. Spruchpraxis des DRPR: Fall verdeckte PR Deutsche Bahn
4.6. Kritische Bewertung der Kodizes und des Selbstkontrollorganes DRPR

5. „Merten Auseinandersetzung“: Hat die PR die Lizenz zu Täuschen?
5.1. Vorwort
5.2. EXKURS: Konstruktivismus Rekonstruktivismus
5.2.1. Konstruktivismus
5.2.2. Rekonstruktivismus
5.3. Diskussion: Hat PR die Lizenz zu Täuschen?
5.3.1. Einleitung
5.3.2. Argumente und Gegenargumente in der „Merten Auseinandersetzung“
5.3.3. Bewertung der Diskussion

6. Fazit und Ausblick

V. Anlagen

VI. Quellenangaben

II. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dürfen Pressesprecher lügen? (Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz 2007)

Abbildung 2: Beschwerdeverfahren des DRPR (www.drpr online.de) 23

Abbildung 3: Bekanntheit der Ethik Kodizes (Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz 2007)

III. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

IV. Anlagenverzeichnis

Anlage 1: Code d‘Athènes

Anlage 2: Code de Lisbonne

Anlage 3: Sieben Selbstverpflichtungen eines DPRG Mitgliedes

1. Einleitung

“ Mundus vult decipi, ergo decipiatur. “

( „ Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen. “ )

Auf dem Careers Day Public Relations 2008 in Münster entfachte eine Debatte um das Lügen und die Moral in der PR, die bis dato andauert. Zwar zitierte Prof. Merten auf dieser Tagung nicht exakt oben genannten Ausspruch, aber inhaltlich kamen seine Aussagen diesem Zitat sehr nahe.

Merten postuliert, dass Lügen und Täuschen bei PR Praktikern an der Tagesordnung seien. Es kam zu einem Aufschrei in der Branche, zahlreiche Gegenargumente verschiedener PR Akteure aus Wissen schaft und Praxis wurden zusammengetragen und seitdem wird um die Frage debattiert,

obPR eine Lizenz zu Täuschen hat und diese de facto nutzt oder ob erfolgreiche PR das Täuschen und Lügen per definitionem in Theorie und Praxis ausschließt.

Um diese Frage in der vorliegenden Arbeit einem Versuch der Beantwortung unterziehen zu können, wird zuerst das Lügen generell untersucht. Welche Bedeutung hat es im zwischenmenschlichen Mit einander? Welche Ursachen lassen sich für das Formulieren von Lügen anführen? Und lassen sich auch positive Funktionen des Lügens feststellen?

In einem weiteren Schritt wird das Lügen dann konkret auf den Kontext von PR Aktivitäten bezogen. Vorab werden aber Public Relations selbst definiert. In diesem Zusammenhang wird auch auf den Zusammenhang von PR und Vertrauen, Image und Glaubwürdigkeit eingegangen und untersucht, in welcher Relation das Lügen und das Vertrauen zueinander stehen.

Im weiteren Verlauf der Arbeit verlagert sich die Betrachtung des Lügens in der PR auf eine metaethi sche Ebene: welche Rolle spielt Ethik in der PR generell? Welche Arten von Ethik existieren? Welche ethischen Handlungsanleitungen bietet diese Ethik den PR Akteuren an? Welche Kodizes existieren für die PR und was besagen sie? Die Implementierung von Kodizes inkludiert i.d.R. auch die Frage nach der Notwendigkeit eines Kontrollorganes, welches die Einhaltung der Kodizes sicherstellt. Im Zusammenhang mit der PR Ethik soll dies der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) gewährleisten. Wie arbeitet der DRPR und welche Wirkung haben seine Ratssprüche? Entsprechen die Kodizes den Anforderungen normativer Handlungsanleitungen? Oder sind sie „PR für PR“, wie Merten konsta tiert? (vgl. Merten/ Risse) Diese Fragestellungen werden in der vorliegenden Arbeit untersucht.

Nachdem die theoretischen Grundlagen in den ersten Teilen dieser Arbeit geschaffen wurden, soll danach die im Juni 2008 entbrannte Diskussion zwischen verschiedenen PR Praktikern bzw. Experten zum Thema (un)ethisches Verhalten in der PR abgebildet und genau analysiert werden. Diese Diskus sion dreht sich um die Fragen:

Dürfen PR Praktiker lügen? Wird in der PR gelogen und wenn ja, ist das zu tolerieren oder gar notwendig für erfolgreiche PR?

Die zu analysierende Diskussion wird in der Hauptsache von Merten und Bentele geführt. Beide ge hören verschiedenen philosophischen Denkrichtungen - dem Konstruktivismus und dem Rekonstruk tivismus - an. Ein kurzer Exkurs soll die wichtigsten Unterschiede dieser beiden Grundhaltungen auf zeigen, um die sich anschließende Argumentation besser nachvollziehen zu können.

Die wichtigsten Argumente der beteiligten Diskutanten werden einer näheren Untersuchung unter zogen und im Anschluss kritisch bewertet.

Am Ende dieser Arbeit sollen folgende Fragen beantwortet sein:

- Ist das Lügen Bestandteil praktischer PR Arbeit?
- Ist Lügen in der PR akzeptabel?
- Kann das Lügen gar Strukturmerkmal erfolgreicher PR sein?
- Welche ethischen Kodizes existieren und welche Wirkung haben sie?

Eine zusammenfassendes Fazit subsummiert die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit noch einmal und gibt einen Ausblick, wie zukünftig mit dem Thema Lügen in der PR umgegangen werden sollte und welche Rolle dabei die verschiedenen PR Kodizes und der DRPR spielen.

2. Die Lüge: „ Salz des Lebens “ oder unentschuldbares Fehlverhalten?

2.1. Definition des Lügens

Die Lüge wird in der Psychologie als eine „bewußt unwahre Aussage, im weiteren Sinne jede der Wirklichkeit entgegengesetzte Mitteilung mit der Absicht, andere zu täuschen.“ (Faktum Lexikon der Psychologie: 276) definiert. Kern dieser Definition ist die Absicht, jemanden zu täuschen1.

2.2. Arten und Ursachen des Lügens

Lügen ist seit vielen Jahrhunderten sowohl in Religion, Philosophie und Gesellschaft verpönt, den noch lügen Menschen angeblich bis zu 200 Mal am Tag. Genaue Zahlen sind schwer zu evaluieren, die Meinungen von Wissenschaftlern gehen in diesem Punkt weit auseinander. Die häufigsten Ursa chen für Unwahrheiten sind Angst, Scham, Unsicherheit, Höflichkeit, Bescheidenheit, um andere oder sich selbst zu schützen, um einen Vorteil zu erlangen oder um sich selbst besser darzustellen.

Unterscheiden lassen sich in der mentiologischen Forschung2 nach Stangl fünf verschiedene Arten des Lügens: Die Selbstlüge dient der Verdrängung unliebsamer Wahrheiten. Menschen, die betrun ken Auto fahren und der Meinung sind, alles unter Kontrolle zu haben, unterliegen bspw. dieser Art von Kontroll Illusion. Oft ist Ziel des Lügens, Mitmenschen einen Gefallen zu tun, sie nicht zu verletz ten oder bloßzustellen. Klassisches Beispiel dieser Notlüge aus Freundschaft ist bspw. die langweilige Party, „die echt nett war“. Zur Geltungslüge greifen Menschen, um andere zu beeindrucken. Häufig sind das Übertreibungen, um das Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen. Ein kleiner Hügel, der im Urlaub bestiegen wurde, wird dann zu einem „Dreitausender“. Aus Angst vor unangenehmen Konsequenzen oder Bestrafung machen Menschen anderen etwas vor - mentiologisch beschrieben als die Angstlüge. Die skrupellose Lüge wird gezielt eingesetzt, um andere zu benachteiligen, zu des informieren oder in die Irre zu führen Zweck ist hierbei stets der eigene Vorteil. (vgl. Stangl)

Darüber hinaus lassen sich zahlreiche weitere Kategorisierungen des Lügens finden, auf die aus Kapa zitätsgrü]nden hier verzichtet werden muss.

2.3. Folgen des Lügens

Der Volksmund sagt: „Wer einmal lügt dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht!“. Dieses Sprichwort reflektiert die Lügenproblematik: wer lügt und des Lügens überführt wird, hat das Vertrauen, welches ihm entgegengebracht wurde, oft mindestens für lange Zeit, häufig gar für immer verspielt. (vgl. Odenbach) Vertrauen ist ein fragiles Gut und um einmal verlorengegan genes Vertrauen zurückzugewinnen, ist viel Geduld, Zeit und materieller Aufwand erforderlich.

Dessen sollten sich vor allem Institutionen des öffentlichen Interesses bewusst sein. Lügen zerstören Vertrauen, schädigen das Image und rauben Organisationen und Unternehmen3 einen wichtigen Teil ihrer wirtschaftlichen Handlungs und Überlebensfähigkeit. (vgl. Odenbach) Im Zeitalter immer ähnli cher werdender Produkte und Dienstleistungen spielt das Image und das Vertrauen in Unternehmen eine entscheidende Rolle im Kampf um die Aufmerksamkeit der Teilöffentlichkeiten. Die Differenzie rung zu Mitbewerbern erfolgt Großteils (nur noch) über angebotene Mehrwerte und Vertrauen.

Ob und welche Konsequenzen das Lügen hat, hängt von mehreren Faktoren ab: Eine entscheidende Rolle spielt dabei, wie stark der lügenden Person oder Institution vorher vertraut wurde, welchen Vertrauensvorsprung sie ergo genossen hat. Bei der Frage nach den Konsequenzen des Lügens ist außerdem entscheidend, wie schwerwiegend die Lüge war und worüber gelogen wurde. Zwei Bei spiele aus der Politik verdeutlichen dies: Das Image von Bill Clinton war vor der Monica Lewinsky Affäre so gut, dass ihm die Lüge über selbige wenig geschadet hat. Helmut Kohls Image hingegen war bereits vor der Schwarzgeldaffäre so beschädigt, dass die Lüge zu selbiger ihm endgültig das Genick brach. In beiden Fällen wägten die Rezipienten ab, was schwerer wiegt: die Lüge oder die gesamte politische Leistung des Lügners. (vgl. Bentele 2009 b)

2.4. Positive Funktionen des Lügens

Trotz unangenehmer Folgen entdeckter Lügen würde eine Gesellschaft ganz ohne Unwahrheiten nicht funktionieren. Die Lüge erfüllt wichtige soziale Funktionen, in vielen Kulturen: mithilfe von Lü gen bewahren Menschen die kindliche Phantasie ihres Nachwuchses („Ja, es gibt einen Weihnachts mann!“), machen Mitmenschen glücklich („Ja, Deine Frisur sieht toll aus!“) oder schlichten Streit, indem sie sich diplomatisch verhalten („Ihr habt beide Recht!“), ohne dass andere Menschen durch diese Lügen wirklich benachteiligt werden. Häufig wird dann nicht mehr von Lügen sondern von Höf lichkeit, Diplomatie, Rücksichtnahme gesprochen. De facto bleiben solche Aussagen Unwahrheiten, aber sie sind gesellschaftlich akzeptiert, weil niemand wirklich zu Schaden kommt.

Wie aber sind Situationen zu beurteilen, in denen Menschen durch Lügen geschützt und vor körperli chem Schaden bewahrt werden können? Ein fiktives Beispiel: X befindet sich in tödlicher Gefahr. X wird zu Unrecht beschuldigt. Wenn man X fände, wäre dies sein sicherer Tod. Y versteckt X bei sich zu Hause. Kurze Zeit später sind die Verfolger von X an der Tür von Y und fragen: "Ist X in diesem Haus?" Was sollte Y antworten? Sagt Y die Wahrheit, macht er sich mitschuldig am Tod des unschul digen X. Lügt er, hat er eine moralische Norm gebrochen. Nicht fiktive Situationen dieser Art gab es bspw. im Dritten Reich, wenn z. B. Bewohner eines Hauses wussten, dass Mitbewohner im Haus Ju den waren und sie von der Gestapo dazu befragt wurden. Aber auch im Alltagsleben gerät man leicht in Situationen, wo die Wahrhaftigkeit ethisch problematisch wird. (vgl. Schmid)

Wie umfassend ist die Pflicht zur Wahrhaftigkeit, wenn sie mit anderen Werten, wie z.B. der Mit menschlichkeit, in Konkurrenz tritt? Ist Wahrhaftigkeit das wichtigste Gebot? Um diese Frage hinrei chend beantworten zu können, bedürfte es einer eigenständigen, umfassenden wissenschaftlichen Arbeit. Ziel der vorliegenden Arbeit hingegen ist die Beantwortung der Frage, welche Rolle Wahrhaf tigkeit in der PR spielt. Das vorangegangene Beispiel sollte dabei zeigen, dass es - sobald es um mo ralische Fragestellungen und Bewertungen geht - schwierig ist, nur in den Kategorien Schwarz oder Weiß bzw. Richtig oder Falsch zu denken. Doch dazu später mehr.

3. Lügen im Kontext der PR

3.1. Public Relations Definitionen, Ziele, Aufgaben

Im Kapitel 5 dieser Arbeit wird eine Diskussion über das Lügen in der PR, die Moral der PR Branche und ethische Kodizes untersucht, deren Hauptargumente mehrheitlich von Merten und Bentele stammen. Daher finden an dieser Stelle vorrangig auch deren PR Definitionen Beachtung.

Vorab sei bemerkt, dass bis dato „noch keine PR Definition einen umfassenden Konsens in Wissen schaft und Praxis gefunden hat“, wie Becher (1996: 35) feststellt. Bentele subsummiert die Funktio nen und Aufgaben der PR wie folgt:

„Öffentlichkeitsarbeit oder Public Relations sind das Management von Informations und Kommunikationsprozessen zwischen Organisationen einerseits und ihren internen oder externen Umwelten (Teilöffentlichkeiten) andererseits. Funktionen von Public Relations sind Information, Kommunikation, Persuasion, Imagegestaltung, kontinuierlicher Vertrauenserwerb, Konfliktmanagement und das Herstellen von gesellschaftlichem Konsens.“ (Bentele 1997: 22)

PR ist Kommunikation im Interesse des Auftraggebers, aber immer auch im Interesse der Öffentlich keit. Aus diesem Spagat ergibt sich ein Spannungsfeld und damit eine große Verantwortung für PR Akteure. Auf Grund dieses Interessenskonfliktes und der Tatsache, dass eine Organisation sich nicht moralisch neutral verhalten kann, werden Kodizes, die eine Handlungsorientierung für die tägliche PR Praxis anbieten, unabdingbar. (vgl. Bentele 2005 b)

Auch Funiok betont den Interessenskonflikt in der PR, er definiert die Grundaufgabe der PR als „Mit gestaltung der öffentlichen Informations und Interpretationsprozesse“ (Funiok: 144), unterstreicht dabei aber die Wahrheitspflicht der PR, auch wenn er eine wichtige Einschränkung hinzufügt: „Die interessensgebundene PR braucht zwar für sie kritische Fakten nicht von sich aus anzusprechen, aber sie darf nur zutreffende Dinge behaupten, sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.“ (Funiok: 144) Und damit die Basis ihrer Arbeit.

Merten hingegen bewertet PR als „Differenzmanagement zwischen Fakt und Fiktion“ (Merten 2008 a: 42). Diese Definition basiert auf Mertens konstruktivistischer Weltanschauung.4 Er wirft der PR vor, dass sie „wünschenswerte Wirklichkeiten“ (Merten/ Risse: 2) konstruiere und „eine Technik bedingt geduldeter öffentlicher Täuschung“ (Merten 2008 a: 57) sei. Merten integriert also den Begriff der Täuschung in die PR Definition und macht die Täuschung (als eine Art der Lüge) zu einem Struktur merkmal der PR.

Somit sind unterschiedliche PR Definitionen Basis der in Kapitel 5 abgebildeten Diskussion um PR Kodizes und ethische Normen in der PR. Diese Definitionen beziehen völlig konträre Postionen zum Lügen in der PR: eine schließt das Lügen im Rahmen guter PR quasi aus, die andere definiert das Lü gen als strukturellen Bestandteil von PR.

3.2. Lügen in der PR

Benteles Definition des Lügens lehnt sich stark an die in Kapitel 2.1. zitierte psychologische Definition an. Er konstatiert: eine Lüge ist eine „von Menschen bewusst und wissentlich ausgesprochene Un wahrheit, mit dem Ziel, jemanden zu täuschen.“ (Bentele 2009 a: 17)

Lügen gilt gemeinhin als unmoralisch und kann deshalb nicht Bestandteil der Praxis der PR sein. Prob lematisch ist nicht nur die Unmoralischkeit des Lügens in der PR, sondern die Schädigung des Images der gesamten PR Branche bei Bekanntwerden des Lügens. Denn das Image der PR wird wesentlich beeinflusst von der vermeintlichen bzw. tatsächlichen Moral ihrer PR Praxis. (vgl. Bentele 2009 b)

Auch die meisten PR Akteure scheinen dies erkannt und für ihr tägliches Wirken verinnerlicht zu ha ben, wie die Studie von Bentele, Großkurth und Seidenglanz aus 2007 zeigt. Immerhin 84 % der be fragten PR Berater gaben im Rahmen dieser Studie an, dass Lügen nicht in Ordnung sei. Bestimmte Sachverhalte wegzulassen u.U. hingegen schon. 12 % waren der Meinung, dass immer die Wahrheit gesagt werden müsse und nur 4 % sind der Auffassung, dass unter bestimmten Umständen auch mal gelogen werden dürfe. Nahezu alle PR Praktiker (96 %) sind also der Meinung, dass nur offene Kom munikation Vertrauen schafft, siehe nachfolgende Abbildung. (vgl. Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dürfen Pressesprecher lügen? (Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz 2007)

Vertrauen, Image und Glaubw ürdigkeit sind ergo nicht nur in der Theorie sondern auch in der PR Praxis Schlüsselbegriffe, die untrennbar zueinander in Relation stehen. Dabei ist zwischen mehreren Ebenen zu differenzieren: das Vertrauen in den Berufsstand der PR, in die PR Branche selbst; das durch PR geschaffene Vertrauen in Unternehmen, Organisationen etc. und die Rolle des Vertrauens zwischen den verschiedenen PR Akteuren.

3.3. Vertrauen, Image und Glaubwürdigkeit in der PR

3.3.1. Das Vertrauen in die PR Branche

Das Image der PR ist geprägt von ihrer Eigen und ihrer Fremdwahrnehmung. Die Fremdwahrneh mung setzt sich i.d.R. aus der Wahrnehmung der drei wichtigsten Bezugsgruppen von PR zusammen: den Journalisten, der PR Branche (Wissenschaft und Praxis) und der (diffus formulierten) Öffentlich keit. (vgl. Bentele 2009 b) Die Branche nimmt sich selbst weitestgehend positiv wahr, schätzt aber ein, dass das Vertrauen in den Berufsstand der PR bzw. das Image der PR außerhalb der Branche relativ schlecht ist. (vgl. Fröhlich)

Interessant an der Fremdwahrnehmung der PR ist ein Widerspruch, welchen Bentele aufzeigt: Einer seits werden die Aufgaben der PR zwar als sehr wichtig erachtet (z. B. Anti Aids Kampagne planen, über Gesetzesinitiativen informieren), dennoch vertrauen nur 17 Prozent der Befragten einer Bevöl kerungsstudie aus dem Jahre 2004 dem Berufsstand der PR Berater. (vgl. Bentele 2009 a) Ein Grund hierfür könnte sein, dass die „Produkte“ oder Leistungen von PR als solche oft nicht er kennbar sind. PR ist nicht direkt erlebbar vom Rezipienten, sie kann nur über journalistische Bericht erstattung wahrgenommen werden, d.h. journalistische Beiträge über PR beeinflussen die Meinung der Teilöffentlichkeiten über PR. Und die journalistische Darstellung von PR in den Medien ist oft nicht die Beste. (vgl. Bentele 2009 a)

Ein weiterer Grund für den relativ schlechten Ruf der PR sind einzelne Akteure, die als schwarze Schafe die gesamte Branche in Verruf bringen.5

Das in der Praxis wenig ausgeprägte Vertrauen in die PR generell und in PR Berater im Speziellen kann u.a. durch PR Kodizes, durch einen hohen Ausbildungsstandard und durch hohe persönliche Verantwortlichkeit der einzelnen PR Akteure erhöht werden. (Vgl. Bentele/ Seidenglanz)

3.3.2. Das durch PR geschaffene Vertrauen in Unternehmen und Organisationen

Das Schaffen von Vertrauen in eine Organisation oder in ein Unternehmen gilt als eines der wichtigs ten Ziele von PR. Dies zeigt eine Studie von Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz: die Generierung von Vertrauen wird bei den Zielen der PR zwei Mal unter den drei wichtigsten Zielen genannt.6 (vgl. Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz)

Wenn ein Unternehmen lügt und damit seine Glaubw ürdigkeit einbüßt, verliert dieses auch das bis dato genossene Vertrauen seiner Anspruchsgruppen. Denn Vertrauen kann nur durch vertrauens würdiges Verhalten, durch ethisch und moralisch einwandfreies Verhalten entstehen und aufrecht erhalten werden. (Vgl. Bentele/ Seidenglanz) Je öfter eine Organisation zeigt, dass sie glaubwürdig ist, desto stärker wiegt das in sie investierte Vertrauen. Umso größer der „Vertrauensvorrat“, desto schwerer ist das Vertrauen in ein Unternehmen zu zerstören. Jedoch ist auch ein solcher Vorrat kein Freibrief - wenn das Vertrauen oft oder sehr stark enttäuscht wird, genügt auch der größte Vertrau ensvorrat auf Dauer nicht mehr. (vgl. Odenbach)

3.3.3. Die Rolle von Vertrauen zwischen verschiedenen PR Akteuren

Vertrauen ist in der PR ein zentraler Schlüsselbegriff, denn es ist in vielschichtiger Weise Bestandteil von PR. Es gibt neben den unter 3.3.1. und 3.3.2. genannten Vertrauensbeziehungen weitere institu tionalisierte Vertrauensbeziehungen innerhalb der PR: Erstens vertrauen die Auftraggeber den PR Agenturen bzw. den PR Mitarbeitern. Zweitens fungieren wiederum die PR Agenturen als Vertrau ensvermittler zwischen Organisation und ihren Teilöffentlichkeiten. Und drittens geht die PR selbst ein Vertrauensverhältnis mit den TÖ ein. (vgl. Bentele/ Seidenglanz) Dabei unterscheiden sich PR Beziehungen kaum von sonstigen zwischenmenschlichen Beziehungen. (vgl. Odenbach)

[...]


1 Siehe: Stiegnitz, Peter: „ Die Lüge. Das Salz des Lebens.“

2 Vom lateinischen „mentiri“ = „lügen“.

3 Wenn im Rahmen dieser Arbeit von Unternehmen, Organisationen etc. gesprochen wird, sind jegliche institutionelle Ver einigungen gemeint, die im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Das können Organisationen, Unternehmen, Vereine, Behörden, Verbände etc. sein.

4 Siehe Abschnitt 5.2.1. dieser Arbeit.

5 Bsp: Affäre Hunzinger, verdeckte PR der Deutschen Bahn, Äußerungen Mertens zum Lügen in der PR etc.

6 Siehe Studie Bentele/ Großkurth/ Seidenglanz (2007), S. 97: 1. Ziel: positives Organisationsimage, 2. Ziel: positive Medien resonanz/ Vertrauen von Journalisten gewinnen, 3. Ziel: Vertrauen in Organisation schaffen. 16

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Täuschen und Lügen in der PR
Untertitel
Normen, Fakten, Merten‐Auseinandersetzung – Eine PR‐ethische Auseinandersetzung mit der (Un)Wahrheit
Hochschule
Universität Leipzig  (Kommunikations- und Medienwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
47
Katalognummer
V157762
ISBN (eBook)
9783656127727
ISBN (Buch)
9783656132257
Dateigröße
2840 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
PR-Ethik, Ethik, PR, Lügen, Täuschen, Schönfärberei, Merten, Bentele, Vertrauen, PR-Codizes, Moral, Konstruktivismus, Rekonstruktivismus
Arbeit zitieren
M. A. cand. Janine Pentzold (Autor:in), 2010, Täuschen und Lügen in der PR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157762

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