Nach der Rückgabe einer Klassenarbeit bittet die Lehrerin einige Kinder, einem schwächeren Mitschüler nachmittags bei der Korrektur zu helfen. Aus der Klasse kommt keine Resonanz. Die Lehrerin fragt nach einer Erklärung. Mehr oder weniger gemurmelt heißt es von Seiten der Schüler: „Das ist uns doch egal, was mit dem ist.“ – So oder ähnlich könnte es sich heute in vielen Klassenräumen ereignen. Der Gedanke einander zu helfen, scheint vielfach nicht mehr sehr ausgeprägt. Viele Ältere sind der Auffassung, dass im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Egoismus und Gleichgültigkeit
zugenommen hätten – früher sei alles besser gewesen, meinen sie: Man habe
sich gegenseitig unterstützt und dafür gesorgt, dass niemand auf der Strecke bliebe. Egoismus und Ellenbogenmentalität habe es damals in diesem Ausmaß nicht gegeben. Mit den modernen Zeiten habe sich alles zum Schlechteren verändert.
Liegen die Dinge wirklich so einfach? Kann man -zugegebenermaßen verkürzendsagen, die Moderne sei schuld an einer Entwicklung, die zur Individualisierung führt?
Und stimmt es, dass Individualisierung automatisch Entsolidarisierung nach sich zieht?
Es müsste gefragt werden, wodurch sich moderne Gesellschaften eigentlich auszeichnen und was genau der Begriff der ‚Modernität’ meint? Vordergründig scheint die Modernisierung eine Kennzeichnung der heutigen Zeit zu sein, die überwiegend positiv bewertet wird, wenn man sich beispielsweise technische oder wirtschaftliche Errungenschaften vor Augen führt.
Weil die fortschreitende Modernisierung des 20. und 21. Jahrhunderts in nahezu allen Bereichen der menschlichen Wirklichkeit zu grundlegenden Veränderungen führte, hat sie auch erhebliche gesellschaftliche Umbrüche erzeugt. Wer also die Situation unserer Kinder und Jugendlichen verstehen will, muss sich zunächst gründlich mit den Fragen der Modernisierung und ihren gesellschaftlichen Folgen beschäftigen. Betrachtet man die Schule als ein Spiegelbild der Gesellschaft, müssten deren Strömungen
und Akzentverschiebungen auch im Lehrbetrieb ankommen und dort berücksichtigt
werden. Stellt man in der Gesellschaft beispielsweise verstärkt aufkommende
Individualisierungstendenzen fest, dürfte auch in der Schule ein Rückgang des Zusammengehörigkeitsgefühls und des Sozialengagements zu verzeichnen sein. Ist die festzustellende Entsolidarisierung also eine Folge gesellschaftlicher Individualisierung?[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Modernisierung – Individualisierung – Solidarität: Versuch einer Annäherung
1. Zum Begriff der Modernisierung
1.1 Einführung und provisorische Begriffbestimmung
1.2 Klassische Modernisierungsbegriff
1.2.1 Ferdinand Tönnies
1.2.2 Émile Durkheim
1.2.3 Georg Simmel
1.2.4 Max Weber
1.2.5 Karl Marx
1.3. Modernisierung in der sogenannten ‚Postmoderne’
1.4. Charakteristika einer modernen Gesellschaft
2. Individualisierung
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Dimensionen der Individualisierung
2.3 Entwicklungslinien der Individualisierung
2.4 Ambivalenz der Individualisierung
3. Solidarität
3.1 Was bedeutet Solidarität?
3.2 Bedeutungsdimensionen
3.3 Ist Solidarität ein christlicher Grundbegriff?
3.4 Zugänge zum Solidaritätsbegriff in Christentum und Theologie
3.5 Solidarität unter den Bedingungen fortschreitender Individualisierung – ein Auslaufmodell?
3.6 Entgrenzung der Solidarität
3.7 Neue Bedingungen von Solidarität
4. Religiosität im Wandel der Postmoderne
4.1 Individualisierung des Religiösen – eine Säkularisierung der Religionen?
II. Die Spezifische Lage der Jugend in der (Post-)Moderne
1. Jugend und Individualisierung
1.1 Einleitung
1.2 Der Begriff der Jugend heute
2. Instanzen der Sozialisation
2.1 Die Familie
2.2 Die Peer-Group
2.3 Schule und Beruf
2.4 Konsequenzen für die Jugendlichen
3. Veränderung jugendlicher Solidarität und Religiosität
3.1 Jugend, Religion und die Rolle der Kirche
3.2 Der Wandel der jugendlichen Solidarität
3.3 Jugendliche Religiositätsstil
3.3.1 Die Sinus-Milieustudie
3.3.2 Was sind Milieus?
3.3.3 Jugend und Religion in den Milieus
3.3.3.1 Traditionelle Jugendliche
3.3.3.2 Bürgerliche Jugendliche
3.3.3.3 Konsum-materialistische Jugendliche
3.3.3.4 Postmaterielle Jugendliche
3.3.3.5 Hedonistische Jugendliche
3.3.3.6 Performer-Jugendliche
3.3.3.7 Experimentalistische Jugendliche
3.3.4 Ergebnisse der Sinus-Studie
3.4 Fazit
III. Konsequenzen für Schule und Unterricht
1. Einleitung
2. Erziehung zur Solidarität - Ein Beitrag der Schule
3. Die Aufgabe des Religionsunterrichts
IV. Auswertung und Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Solidarität und Individualisierung in der sogenannten postmodernen Gesellschaft, mit einem besonderen Fokus auf die Lebenslage und religiöse Einstellungen von Jugendlichen. Ziel ist es, zu analysieren, wie sich gesellschaftliche Transformationsprozesse auf das Sozialverhalten junger Menschen auswirken und welche Konsequenzen sich daraus für den schulischen Religionsunterricht ergeben.
- Modernisierungsprozesse und deren Auswirkungen auf individuelle Lebensentwürfe
- Die Ambivalenz der Individualisierung: Freiheitsgewinn vs. neuer gesellschaftlicher Zwang
- Wandel von Solidaritätspotentialen und religiösen Orientierungen bei Jugendlichen
- Analyse der jugendlichen Milieus (Sinus-Studie) und deren Einfluss auf religiöse Praxis
- Pädagogische Impulse für einen zeitgemäßen Religionsunterricht
Auszug aus dem Buch
1.1 Einführung und provisorische Begriffbestimmung
Der Begriff der ‚Modernisierung’ bezeichnet ein ganzes Bündel von sehr unterschiedlichen Umwandlungsprozessen und Transformationen innerhalb der menschlichen Lebenswirklichkeit. Exemplarisch beschreiben van der Loo und van Reijen die Modernisierung als einen „Komplex miteinander zusammenhängender struktureller, kultureller, psychischer und physischer Veränderungen, der sich in den vergangenen Jahrhunderten herauskristallisiert und damit die Welt, in der wir augenblicklich leben, geformt hat und noch immer in eine Richtung lenkt“.1 „Modernisierung“ lässt sich deshalb keinesfalls auf einen kleinen Rahmen oder nur wenige Teilbereiche der menschlichen Lebenswirklichkeit einengen – sie umfasst alles und erfasst jeden.
Doch wie konnte es zu dieser enormen gesellschaftlichen Veränderung kommen? Man ist sich weitgehend darüber einig, dass der Modernisierungsprozess seinen Ursprung im parallelen Auftreten des städtischen Bürgertums, der sich entwickelnden Marktwirtschaft und der um sich greifenden Demokratisierungsbewegung hat. Die philosophische Aufklärung in Mitteleuropa bildete angesichts dieser Lage sozusagen den Prozessbeschleuniger (‚Katalysator’) der gesamten Dynamik.
Im kulturellen Bereich gehen die Anfänge der Modernisierung teilweise bis in die Renaissance zurück. Bereits in jener frühen Epoche begann man damit, die Individualität und Autonomie des Menschen in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Auch auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet machte man enorme Fortschritte, so dass sich schon in dieser Phase teilweise utopische Vorstellungen von einer ‚Neuen Welt’ entwickelten.
Der Mensch wurde sich seines Verstandes zusehends mehr bewusst und lernte, ihn zu gebrauchen. Selbstbewusstsein und technische Fähigkeiten stiegen im gleichen Maße, Wissen wurde zur Macht. Dabei war der Beginn der Modernisierung durchaus religiös inspiriert und motiviert: Grundsätzlich, so meinte man, seien die von Gott gegebenen Fähigkeiten des Menschen dazu da, die Prozesse der Natur zu begreifen und zu entschlüsseln.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Modernisierung – Individualisierung – Solidarität: Versuch einer Annäherung: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe der Arbeit, beleuchtet klassische soziologische Modernisierungstheorien und diskutiert den Übergang in die reflexive Moderne sowie deren Auswirkungen auf Solidarität und Religiosität.
II. Die Spezifische Lage der Jugend in der (Post-)Moderne: Dieses Kapitel analysiert den Strukturwandel der Jugendphase, den Einfluss von Sozialisationsinstanzen und nutzt die Ergebnisse der Sinus-Studie, um differenzierte Religiositätsstile und Solidaritätsmuster bei Jugendlichen zu skizzieren.
III. Konsequenzen für Schule und Unterricht: Dieses Kapitel diskutiert die Herausforderungen für Bildungseinrichtungen, insbesondere den Religionsunterricht, um trotz gesellschaftlicher Individualisierungstendenzen Solidarität als Wert und soziale Kompetenz zu fördern.
IV. Auswertung und Ergebnisse: Dieses Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen und kritisiert die Notwendigkeit einer neuen religionspädagogischen Vermittlung, die die Lebenswelt Jugendlicher und ihr verändertes Bedürfnis nach Selbstbestimmung berücksichtigt.
Schlüsselwörter
Modernisierung, Individualisierung, Solidarität, Postmoderne, Jugendliche, Sozialisation, Religionsunterricht, Sinus-Studie, Religiosität, soziale Identität, Entsolidarisierung, Milieuforschung, Lebenswelt, Werteerziehung, Selbstbestimmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Auswirkungen der gesellschaftlichen Modernisierung und Individualisierung auf das Solidaritätsempfinden und das religiöse Leben heutiger Jugendlicher.
Welche sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die theoretische Bestimmung von Modernität, die Analyse von Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule, sowie die differenzierte Betrachtung verschiedener Jugendmilieus hinsichtlich ihrer Werte und religiösen Einstellungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel besteht darin, zu untersuchen, ob Individualisierung zwangsläufig zur Entsolidarisierung führt und wie der schulische Religionsunterricht auf diese gesellschaftliche Gemengelage reagieren kann, um junge Menschen zur sozialen Verantwortung zu befähigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse soziologischer Theorien sowie die kritische Auswertung empirischer Forschungsergebnisse, insbesondere der Sinus-Milieustudie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Grundlagen der Modernisierung, die Dynamiken der Individualisierung, die theoretischen Bedeutungsdimensionen von Solidarität und die konkreten Auswirkungen dieser Prozesse auf die Lebensphase Jugend.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Modernisierung, Individualisierung, Solidarität, Jugendliche, Sozialisation und Religionspädagogik charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Sinus-Studie für die Untersuchung?
Die Studie dient als wichtige empirische Quelle, um aufzuzeigen, dass "die Jugend" keine homogene Gruppe ist, sondern sich in verschiedene Milieus aufteilt, die jeweils sehr unterschiedliche Zugänge zu Religion und solidarischem Engagement pflegen.
Warum ist Solidarität laut Autor eine Herausforderung für heutige Schulen?
Da Schule oft als Ort von Konkurrenzdruck und Leistungsmaximierung wahrgenommen wird, steht sie im Widerspruch zur Vermittlung eines gemeinschaftlichen, solidarischen Handelns, das den Wert des Anderen in den Mittelpunkt stellt.
- Arbeit zitieren
- Michael Kollenberg (Autor:in), 2009, „Der andere ist mir doch egal“ - Schulischer Religionsunterricht in Zeiten fortgeschrittener Individualisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157816