Alexander Sutherland Neill und das Verhältnis zwischen freiheitlicher Erziehung und gesellschaftlicher Anpassung

Wie sieht Neill das Verhältnis zwischen freiheitlicher Erziehung und gesellschaftlicher Anpassung, in den Kapiteln ‘Das unfreie Kind’ und ‘Das freie Kind’, aus dem Buch ‘Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung’?


Seminararbeit, 2010
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographische und historische Hintergrundinformationen

3. Interpretatorische Vorgehensweise

4. Interpretation nach Klafki
4.1 Quellenkritik
4.2 Semantische Analyse – Syntaktische Mittel – Gedankliche Gliederung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

I would rather Summerhill produced
a happy street sweeper than a
neurotic prime minister.
1
(A. S. Neill)

Mit dieser Aussage lässt der Pädagoge Alexander Sutherland Neill deutlich auf seine edukativen Prioritäten schließen. Glückliche Straßenkehrer sind ihm lieber als neurotische Premierminister. Auch in den Unterkapiteln “Das unfreie Kind” und “Das freie Kind”, in seinem Buch “Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – Das Beispiel Summerhill”, die ich zur Beantwortung der Frage als Grundlage nehmen werde, fallen häufig Begriffe wie “glücklich”, “frei” und “ungezwungen”. Diese Wörter sind grundlegende Begriffe der Summerhill-Philosophie. Diese Philosophie findet auf der einen Seite Bewunderung, auf der anderen Seite bietet sie jedoch auch die Grundlage für Kontroversen. Die antiautoritäre Erziehung kann als “natürliche Form der Erziehung” angesehen werden, aber auch die Frage aufwerfen, ob sie nicht vielleicht zu nachlässig und blauäugig ist, in einer Gesellschaft, die von Begriffen wie “Disziplin”, “Gehorsam” und “Anpassung” geprägt ist.

Zusammengefasst soll es in dieser Arbeit darum gehen, wie Neill das Spannungsverhältnis zwischen der freiheitlichen Erziehung auf der einen Seite und der Anpassung an gesellschaftliche Normen auf der anderen Seite sieht.

Der Antwort auf diese Frage werde ich mich mittels der hermeneutischen Analyse nach Klafki nähern. Der Analyse nach Klafki vorangestellt werden sollen allgemeine biographische sowie historische Hintergrundinformationen über den Autor Alexander Sutherland Neill und die Zeit in der er lebte, um einen allgemeinen Einblick in sein Leben und seinen Bezug zur Pädagogik zu vermitteln. Über die gesamte Arbeit hinweg werden die beiden Kapitel “Das unfreie Kind” und “Das freie Kind” aus praktischen Gründen entweder als “Text” oder “zu interpretierender Text” bezeichnet.

2. Biographische und historische Hintergrundinformationen

Alexander Sutherland Neill wurde am 17. Oktober 1883 in Forfar, Schottland geboren.2 Er wuchs als viertes von acht Kindern in einem sehr strengen Elternhaus auf. Die erzieherische Strenge von Neills Eltern, und im Verlauf der Biographie auch andere prägende Umstände und Momente in Neills Kindheit, sollen jeweils anhand einiger Textbeispiele verdeutlicht werden:

“Wie haßte ich dieses Buch! [...] (...) und oft musste ich noch über dem Kram brüten, wenn sie schon längst wieder mit den Dorfjungen weiterspielen durften.”3

“(...) und wir mussten zu Hause bleiben, bis wir bestimmte Verse eines Psalms (...) auswendig gelernt hatten. Wieder musste ich länger bleiben als die anderen, und schluchzend wimmerte ich die sinnlosen Zeilen vor mich hin.”4

“Jeden Abend wurden (...) unsere Spiele mit den Dorfbuben (...) durch eine Trillerpfeife unterbrochen, die mein Vater an der Hintertür blies.”5

Die rigide Erziehung könnte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass Neill Kindern durch die antiautoritäre Ausbildung eine andere, seiner Auffassung nach bessere Erziehung bzw. Zukunft bieten wollte.

Eine sehr wichtige Rolle in Neills Erziehung spielte die Religion. Die schottische Gesellschaft war zu dieser Zeit vom Kalvinismus geprägt, und auch Neills Großmutter war eine Vertreterin dieser theologischen Bewegung. Sie war eine bedeutende Figur im Zusammenhang mit seiner Schaffung eines Bildes von Glaube und Religion.

“Sie war sehr fromm, las viel in der Familienbibel (...). [...] Ihr Glaube war ein einfacher Glaube (...), ohne jeden Zweifel, ohne jede Skepsis. Als ich etwa sieben Jahre alt war, entdeckte ich das Wort to bugger, und Oma ließ mich neben ihr niederknien und Gott um Vergebung bitten. Die frühe Angst vor der Hölle muß von ihr gekommen sein.”6

Neben Religion spielte in Neills Erziehung auch Gewalt eine Rolle. Neills Eltern versuchten ihm Fehler anhand von Körperstrafen klar vor Augen zu führen.

“Ich war damals sechs und Clunie erst fünf Jahre alt. Wir hatten uns ausgezogen und untersuch-

ten einander (...). (...) Mutter erwischte uns dabei. Sie verdrosch uns und ließ uns (...) Gott um Vergebung bitten. Als Vater (...) nach Hause kam, ergriff er den Knüttel und verdrosch uns (...)”7

In Bezug auf den in Neills Summerhill-Schule angewandten antiautoritären Erziehungsstil waren die ab 1977 der “schwarzen Pädagogik” zuzuordnenden Methoden seiner Eltern sicherlich auch ein Grund dafür, dass er sich später von dieser Erziehungsform distanzierte. Denn in der Summerhill-Schule galt das Prinzip der “freien Erziehung”, was gewissermaßen genau das Gegenteil der Erziehung die er selbst genoss gewesen ist. Das zeigt wie wenig er selbst mit dieser Erziehungsform im Einklang war. Auch bei späteren pädagogischen Aufgaben spielte er selbst nur ungern den “strengen Zuchtmeister”.8

Neills Eltern waren beide Lehrer, was ausschlaggebend dafür war, dass er später - nach vorangegangenen Anstellungen bzw. Ausbildungen, z.B. als Schreibkraft in einer Gaszähler-Fabrik und einer Lehre in einer Tuchfabrik - den Weg des Lehrers einschlug, da sein Vater der Meinung war, er “sei für nichts besseres geeignet”9 und ihm deshalb 1899 einen Ausbildungsplatz an seiner Schule in Kingsmuir gab. Nachdem Neill sich später die Berufsbezeichnung des “Hilfslehrers” erarbeitet hatte, begann er 1908 an der Universität Edinburgh zu studieren und beendete die universitäre Laufbahn 1912 mit dem “Master of Arts” im Fach Englisch.10 Während er sich ein seiner Kindheit mit den Werken H.G. Wells11 beschäftigte, setzte er sich in seiner Studienzeit mit den Dramatikern G.B. Shaw12 und H. Ibsen13 auseinander. Durch diese Autoren kam er in Berührung mit Gedankengut das Themen wie “Freiheit der Frauen”, “freie Liebe”, “Religion”, “Politik”, die “Kritik der damaligen Handelswelt, der Kirche, der Familie und der Schule” umfasste. Die Beschäftigung mit diesen Themengebieten prägte Neills Lebensphilosophie.

Neill wurde in einer Zeit geboren, in der er die unter dem Namen “Reformpädagogik” bekannte pädagogische Epoche, die zeitlich ca. zwischen 1890 bis 1933 zu verorten ist, komplett miterlebte. In den Strömungen der Reformpädagogik fand eine Umorientierung zugunsten der Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes, des Spiels, des natürlichen Bewegungsdrangs und des

selbständigen Arbeitens statt. Diese Strömungen haben sichtlich auf Neill abgefärbt, der er in
seiner Summerhill-Schule genau auf diese Faktoren Wert legt.

1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Neill nahm zur gleichen Zeit die Stelle des Schulleiters der “Gretna Green Public School” an, was wohl eine Maßnahme war, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Die Zeit in der Gretna-Green-Schule prägte ihn. Er beschäftigte sich mit Erziehungsfragen und setzte unübliche pädagogische Ideen in die Praxis um. Auch seine Ansichten unterschieden sich von denen der anderen Lehrer.

“Aus der stillen Schule wurde ein Gartenlokal voller Lärm und Gelächter. (...) und sie lernten vermutlich nicht weniger, als wenn sie Angst vor mir gehabt hätten. (...) jedenfalls fand ich es ziemlich nutzlos, Kindern die Geographie Indiens beizubringen, wenn sie dann doch nur auf die Bauernhöfe gingen.”14

Desweiteren wurden viele Ausflüge in die Natur unternommen.15 Diese alternativen Ansätze spiegeln sich heute auch in der Summerhill-Philosophie wieder. Seine Ideen in der “Gretna Green Public School” hielt er in einem inoffiziellen Schultagebuch namens “A Dominie’s Log”16 (dt.: Protokoll eines Schulmeisters) fest. 1916/1917 wurde Neill dann zur Musterung befohlen. Neills Militärzugehörigkeit war jedoch nur von kurzer Dauer, da er aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst befreit wurde17. So konnte er sich früher als erwartet wieder den Geisteswissenschaften widmen.

Nach dem Kriegsdienst besuchte Neill die vom Pädagogen Homer Lane, von dem er bisher nur gehört hatte, geleitete Besserungsanstalt für jugendliche Verbrecher “Little Commonwealth” 18. Dort kam er zum ersten Mal mit der Erziehungs-Philosophie des “self-government”19 in Kontakt. Die Begegnung mit Homer Lane spielte eine entscheidende Rolle hinsichtlich der Erziehungsmethode in der Summerhill-Schule. Dies spiegelt sich in den drei Hauptmerkmalen Summerhills wieder, von denen eine das “self-government”, also die (Schüler-) Selbstregierung, ist. Das Interesse an dieser Form der Erziehung lässt sich daran festmachen, dass Neill vorhatte für Lane zu

arbeiten20, was zu jenem Zeitpunkt, auf Grund der Schließung der Anstalt, nicht mehr möglich war. Letztendlich hatte Neill Lane seinen Umgang mit Kindern21 und den Einblick in wissenschaftliche Arbeiten Sigmund Freuds und dessen Tiefenpsychologie zu verdanken. Aus dieser folgert er, dass Moralpredigten und Strafen als Antwort auf inkorrektes Verhalten nicht das richtige Mittel sind, da die Motive die dieses Verhalten steuern dem Kind nicht bewusst sind22. Desweiteren schließt er daraus, dass dieses inkorrekte Verhalten oft die Folge von sexueller Unterdrückung ist23. Auch hier lässt sich wieder eine Parallele zur antiautoritären, gewaltfreien Summerhill-Philosophie ziehen, zumal er selbst auch äußerte, dass er eine Schule gründen werde, in der es keine sexuelle Verdrängung gibt. 24

[...]


1 http://www.summerhillschool.co.uk/pages/school_policies.html

2 A. S. Neill: Neill! Neill! Birnenstiel!. S. 14

3 ebd. S. 28

4 ebd. S. 28

5 ebd. S. 28

6 ebd. S. 15

7 A. S. Neill: Neill! Neill! Birnenstiel!. S. 65

8 vgl. ebd. S. 83

9 vgl. ebd. S. 74

10 vgl. ebd. S. 112

11 vgl. ebd. S. 43

12 vgl. J. Croall: Neill of Summerhill. S. 49

13 vgl. ebd. S. 103

14 A. S. Neill: Neill! Neill! Birnenstiel!. S. 122

15 vgl. J. Croall: Neill of Summerhill. S. 37

16 vgl. A. S. Neill: Neill! Neill! Birnenstiel! S. 121

17 vgl. ebd. S. 138

18 vgl. ebd. S. 139

19 vgl. J. Croall: Neill of Summerhill. S. 101

20 vgl. J. Croall: Neill of Summerhill. S. 83

21 vgl. A. S. Neill: Neill! Neill! Birnenstiel! S. 169

22 vgl. A. S. Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung: Das Beispiel Summerhill. S. 273

23 vgl. ebd. S. 197 ff

24 ebd. S. 270

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Alexander Sutherland Neill und das Verhältnis zwischen freiheitlicher Erziehung und gesellschaftlicher Anpassung
Untertitel
Wie sieht Neill das Verhältnis zwischen freiheitlicher Erziehung und gesellschaftlicher Anpassung, in den Kapiteln ‘Das unfreie Kind’ und ‘Das freie Kind’, aus dem Buch ‘Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung’?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Pädagogische Hermeneutik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V157827
ISBN (eBook)
9783640702275
ISBN (Buch)
9783640701025
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alexander, Sutherland, Neill, Verhältnis, Erziehung, Anpassung, Kapiteln, Kind’, Buch, Praxis, Erziehung’
Arbeit zitieren
Matthias Köbrich (Autor), 2010, Alexander Sutherland Neill und das Verhältnis zwischen freiheitlicher Erziehung und gesellschaftlicher Anpassung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157827

Kommentare

  • Jürgen Göndör am 29.12.2010

    Immer wenn von antiautoritärer Erziehung im Zusammmenhang mit A. S. Neill die Rede ist, liegt die Vermutung nahe, dass nicht die selbstregulative Erziehung gemeint ist. Neill distanzierte sich mehrfach deutlich von der antiautoritären Erziehung. Eine Arbeit, die die Begriffe glücklich, frei und ungezwungen in Kontrast zu Disziplin, Gehorsam und Anpassung stellt, muss jedenfalls mit großer Vorsicht gelesen werden.
    www.summerhill.paed.com (deutsch) zeigt eine umfangreiche Sammlung von einschlägigen (wissenschaftlichen) Texten zu A. S. Neill, zu Summerhill und zur selbstregulativen Erziehung.
    JG

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