"La Pipe d´opium" (1838) von Théophile Gautier - Textanalyse


Seminararbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

I. Inhaltsangabe

II. Figuren
1. Hauptfigur
2. Alphonse Karr
3. Alphonse Esquiros
4. Carlotta

III. Schauplätze
1. Das Haus von Alphonse Karr
2. Das Grabmal in der schwarzen Stadt)
3. Ein fremdes Haus

IV. Die Droge Opium
1. Begriffsbestimmung
2. Konsumvarianten
3. (Aus-)Wirkungen von Opium

V. (Schwarz-)Romantische Motive in La Pipe d ´ Opium

VI. Fazit

Textanalyse1

I. Inhaltsangabe

In der Erzählung La Pipe d ´ Opium von Théophile Gautier aus dem Jahre 1838 geht es um von dem Protagonisten als überaus intensiv und real erlebte farbenfrohe, traumhafte Ereignisse nach dem vorigen Rauchen einer Opiumpfeife.

II. Figuren

1. Hauptfigur

Die Hauptfigur ist ein namenloser Mann unbekannten Alters und Herkunft. Er nimmt in der Erzählung die Rolle des Ich-Erzählers ein, wobei er in der Rahmenerzählung davon berichtet, bei seinem Freund Karr Opium geraucht zu haben. Weiter schildert er in der Binnenerzählung einen Traum, den er wegen des konsumierten Opiums hat. Der Protagonist ist möglicherweise von Beruf Journalist, da er an jenem Tag einen Feuilleton abfassen muss und deshalb ins Theater geht, obwohl er selbst keine rechte Lust darauf zu haben scheint: „Étant de feuilleton ce jour-là, […] j´allai au théâtre subir je ne sais quelle pièce, […]“ (Gautier: 2007, 153/54). Er hat wohl zuvor noch nie Opium geraucht, da er die Pfeife, mit der man unter anderem Opium rauchen kann, nicht ausdrücklich als Opiumpfeife bezeichnet, sondern sie sehr detailliert beschreibt: „[…] [Un] tuyau de bois de cerisier muni d´un champignon de porcelaine […] il aspirait par une petite embouchure d´ambre jaune la fumée […]“ (Gautier: 2007, 153). Dennoch nimmt er ohne jegliches Zögern seinem Freund die Pfeife aus der Hand, um sie selbst zu benutzen, was auf einen sehr neugierigen und unerschrockenen Charakter schließen lässt. Dieses Streben nach Neuem und ihm Unbekannten ist im weiteren Verlauf, insbesondere innerhalb seines Erlebnisses im Traum, an seiner Schilderung der Ereignisse erkennbar. Ohne sich in irgendeiner Art über die möglichen Risiken oder das Ausmaß der Wirkung der von ihm gerauchten braunen Paste auf ihn bewusst zu sein, lässt er - im Traum ebenso wie in der Realität - die Droge auf sich wirken und beschreibt beobachtend die Veränderungen, die in seinem Sichtfeld stattfinden:

„Des réseaux de feu et des torrents d´effluves magnétiques papillotaient et tourbillonnaient autour de moi, s´enlaçant toujours plus inextricablement et se resserrant toujours […]“ (Gautier: 2007, 157). Auch lässt er sich die Geschehnisse, die er nicht versteht, gerne von seinem Freund näher erläutern oder fragt ihn, im Folgenden dann auch seinen Kameraden Esquiros, um Rat bzw. um deren Meinung bezüglich des Geistes in Form eines jungen Mädchens, das den Protagonisten bittet, es in der schwarzen Stadt durch einen Kuss wieder zum Leben zu erwecken: „[…] Karr prétendit que l´aventure était commune, qu´il en avait eu plusieurs du même genre, et que j´étais d´une grande naïveté de m´étonner de si peu. Esquiros expliqua tout au moyen du magnétisme“ (Gautier: 2007, 158). Dennoch finden sich in der Erzählung einige Passagen, in denen die Geschehnisse dem Protagonisten eigenartig und fragwürdig erscheinen: „Malgré la facilité que l´on a en rêve d´admettre comme naturelles les choses les plus bizarres, tout ceci commençait à me paraître un peu louche et suspect […]“ (Gautier: 2007, 155/56). Diese leichte Beunruhigung des Protagonisten ergibt sich auf Grund seiner Unwissenheit bezüglich der Wirkung des Opiums auf ihn. Er weiß nicht, dass das in Opium enthaltene Morphin auf das zentrale Nervensystem des Körpers wirkt und damit die Fähigkeit zur Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit beeinträchtigen kann (vgl. Hänsel/Sticher: 2007, 1381). Die Abgrenzung dieser beiden Welten fällt dem jeweiligen Konsumenten je nach Konzentration des gerauchten Opiums zunehmend schwerer, die klaren Grenzen verlaufen sich immer mehr ineinander. Er ist sich in konkreter Situation unschlüssig bezüglich der Frage, ob er gerade einen Traum erlebt oder sich tatsächlich im Wachzustand befindet: „Je […] me fis cette question: A savoir, si je n´étais pas le jouet de quelque illusion, et si tout ce qui se passait n´était pas un rêve“ (Gautier: 2007, 158). Die Verwischung der Grenzen von Traum und Realität und damit deren gegenseitiges Ineinanderfließen ist für die Romantik bezeichnend, da auf Grund der nicht starr festgelegten und somit offenen äußeren Form Vermischungen solcher Art möglich sind.

2. Alphonse Karr

Der Opiumkonsum findet bei Karr, dem Freund des Protagonisten, statt. Jean-Baptiste Alphonse Karr (1808-1890) war französischer Journalist und Schriftsteller und ist somit eine reale Person, die in der Tat zu Gautiers Freunden zählte. Er wird in der Erzählung als gefestigt und erfahren, als ruhiger Charakter beschrieben: „[…] Karr […], toujours impassible et silencieux […]“ (Gautier: 2007, 155). Gautier stellt ihn durch seine verständnisvolle und belehrende Art, mit der er dem Protagonisten die Vorkommnisse erklärt, als einen Gelehrten und Sachkundigen dar, den nichts überraschen kann und der für alles eine logische Erklärung hat: „[…] Karr rentra son nez dans le nuage de fumée, avec la mine satisfaite de quelqu´un qui a donné une explication limpide et lumineuse“ (Gautier: 2007, 155). Alphonse Karr war neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch Satiriker. So rief er das satirische Magazin „Les Guêpes“ zwischen 1839 und 1876 ins Leben. Auf seine satirische Ader weist Gautier subtil in seiner Erzählung hin: „[…] [Après] les femmes, je ne connais rien de plus capricieux que les plafonds […]“ (Gautier: 2007, 155). Durch seine leicht hochnäsige Art scheint er hier die Rolle des weisen Vaters zu übernehmen, der versucht, seinem unwissenden Sohn die Ereignisse verständlich zu machen: „L´on entre par les portes fermées, c´est l´usage; il n´y a que les gens mal élevés qui passent par les portes ouvertes. Vous savez bien qu´on dit comme injure: Grand enfonceur de portes ouvertes“ (Gautier: 2007, 156). Der Umfang seines Wissens wird auch durch eine Bemerkung gegenüber dem Protagonisten angedeutet: „[…] [Mais] vous […] avez […] peint l´estomac en rouge, au moyen d´un bordeaux plus ou moins Laffitte “ (Gautier: 2007, 155). In Pauillac bei Bordeaux in Frankreich befindet sich das Château Lafite-Rothschild, das als Weingut Bordeaux anbaut. Lafite-Rothschild gilt heute noch wie auch zur damaligen Zeit schon als hervorragender, bekannter und teurer Wein.2 Die Kenntnis dieses Weines lässt vermuten, dass ihn Karr wohl schon einmal getrunken haben muss, denn um etwas mit der Farbe eines bestimmten Weines vergleichen zu können, muss man selbstverständlich wissen, welche Farbnuancen und verschiedene Schattierungen er hat. Karr scheint, nicht zuletzt auch wegen des Preises einer Flasche Wein aus dem Hause Lafite-Rothschild, in den gehobenen Kreisen der gebildeten Pariser Literaten verkehrt zu haben.

Umso ironischer bzw. satirischer wird der Vergleich der Farbe des Magens mit der purpurroten Farbe des Weines, die von rubinartigen Reflexen untermalt ist, als daraufhin der Protagonist gesteht, ein Glas Wein getrunken zu haben, wobei er den Wert jenes Weines jedoch lapidar herunterspielt: „[…] [Mais] je n´ai bu qu´un misérable verre d´eau sucrée, où toutes les fourmis de la terre étaient venues se désaltérer, une école de natation d´insectes“ (Gautier: 2007, 155).

3. Alphonse Esquiros

Während des Besuches bei Alphonse Karr muss der Protagonist an seinen Kameraden Esquiros Le Magicien denken, der aus dem Nichts plötzlich in der Wohnung von Karr vor den beiden auftaucht: „Comme si cette pensée eût eu la puissance d´évocation, Esquiros se présenta soudain devant nous, à peu près comme le barbet de Faust qui sort de derrière le poêle“ (Gautier: 2007, 156). Henri-François-Alphonse Esquiros (1812- 1876) war ein Autor in der Romantik und ist ebenso wie Alphonse Karr eine reale Person, wobei Gautier hier durch die Bezeichnung „[Mon] camarade Esquiros Le Magicien “ (Gautier: 2007, 156) intertextuell auf den gleichnamigen Roman Esquiros´ verweist, der 1838 erschienen ist. Des Weiteren befindet sich in dieser Textpassage ein intertextueller Verweis auf Johann Wolfgang von Goethes Faust I, wobei bei Goethe der schwarze Pudel zwar von Faust hinter den Ofen verbannt wird, es jedoch Mephistopheles ist, der in einer Nebelwolke wieder dahinter hervortritt (vgl. Schöne: 2005, 62-65, 1247-1255, 1303-1322, 1335-1344). Ebenso wie Faust hat der Protagonist in La Pipe d ´ Opium nicht mit dem Erscheinen der genannten Person gerechnet und weist somit auf die gänzliche Zufälligkeit ihres Auftauchens hin, die lediglich durch die telepathischen Kräfte des Protagonisten gerufen worden zu sein scheint.

Théophile Gautier war ein großer Bewunderer von Goethe, auf den er sich ständig in seinen Werken bezieht (vgl. Gautier: 2007, 198; 203; Albertus, III). Besonders gefällt ihm die Tendenz Goethes zu einer Darstellung, die Gautier selbst bis dahin neu war und somit etwas stark Anziehendes und Berauschendes auf ihn ausgeübt hat (vgl. de Noblet: 2003, 188).

Nach seinem wundersamen Erscheinen sagt Esquiros freudig: „Je vois aux antipodes, et j´ai trouvé la Mandragore qui parle“ (Gautier: 2007, 156). Charles Nodier veröffentlichte im Jahre 1832 den fantastischen Roman La F é e aux miettes, in dem der Held Michel eine Fee geheiratet hat. Die Fee kann allerdings wegen eines ungünstigen Sternes nur ein Jahr lang die Liebe ihres Mannes Michel empfangen. Michel muss nun, damit ihr Liebesglück anhält, die Alraune3 finden, die singt (vgl. Nodier: 1968, 363/64).

Esquiros äußert in Gautiers Erzählung gegenüber dem Protagonisten, dass er die Alraune gefunden habe, die spricht. Gautier dreht hier die Realitäten wie bereits bei dem Hinweis auf Goethes Faust I um, indem seine Alraune keine singende, sondern eine sprechende ist. Am Ende der Erzählung jedoch spricht die wach geküsste Frau in Versen und der Protagonist stimmt schließlich mit ihr in eine Art Gesang ein, woraus sich wiederum eine Relation hin zur singenden Alraune Nodiers ergibt. Esquiros hat demnach das Mittel gefunden, das es dem Protagonisten ermöglicht, mit der Dame glücklich zu werden - sei es für die (traumhafte) Ewigkeit oder aber für sechs Monate, wie sie es ihm zuvor angekündigt hatte (vgl. Gautier: 2007, 158).

4. Carlotta

Im Traum erscheint der Hauptfigur ein junges Mädchen in Form eines in Musselin gehüllten Geistes, der in der Folge zu einer Frau wird. Am Ende des Traumes stellt sich heraus, dass die Dame Carlotta heißt. Möglicherweise handelt es sich hierbei um Carlotta Grisi (1819-1899), eine kroatische Balletttänzerin und spätere Sängerin. Gautier sah sie zum ersten Mal im Jahre 1840 in Le Zingaro, wobei ihr Ehemann Jules Perrot (1810-1892) bei dem Stück die Choreographie entwickelte. Ebenso war Perrot Choreograph bei Giselle, einem Ballett nach dem Libretto von Théophile Gautier, in dem Grisi die Prima Ballerina war. Gautier rühmt Grisis elegante Art, Ballett zu tanzen, in einer Anmerkung: „Son pied, qui ferait le désespoir d´une maja andalouse, et qui mettrait la pantoufle de cendrillon par-dessus le chausson de danse, supporte une jambe fine, élégante et nerveuse, une jambe de Diane chasseresse, à suivre sans peines les biches inquiètes à travers les halliers“ (Zitat aus: de Noblet: 2003, 202). Gautier, der sich in Giselle verliebt hatte, nahm täglich Unterrichtsstunden bei Grisi: „[Fraîche] comme une fleur, légère comme une papillon, gaie comme la jeunesse et lumineuse comme la gloire“ (Zitat aus: de Noblet: 2003, 200). In der Erzählung vergleicht der Protagonist die äußere Gestalt des jungen Mädchens mit einer Isis-Statue aus Jaspis: „Ses pieds […], étaient, du reste, charmants, d´une petitesse et d´une transparence […] si blanc […] et si pur […]“ (Gautier: 2007, 157). Isis war eine ägyptische Göttin und galt unter anderem als Göttin der Toten, weil sie mit Hilfe von Magie ihren Gatten wieder auferstehen ließ. Herausgestellt werden hier vor allem die Füße des Mädchens, von denen Gautier besonders fasziniert gewesen zu sein scheint.

Um das Mädchen wach zu küssen, fährt der Protagonist in die schwarze Stadt, in der sein Leichnam gebettet ist. Dort angekommen, führt ihn ein rötliches Licht in ein Mausoleum, in dem das Mädchen, das jetzt den Körper einer Frau hat, liegt. Zuerst hält er sie für eine Statue, die meist den Deckel des Sarges zieren, da sie leichenblass und glanzlos aussieht, jedoch bemerkt er bald darauf, dass es sich um eine wirkliche Frau handelt: „[…] [Tout] en elle était mort: la bouche seule, fraîche somme une grenade en fleur, étincelait d´une vie riche et pourprée, et souriant à demi comme dans un rêve heureux“ (Gautier: 2007, 160). Schließlich küsst er sie wach: „Ses lèvres humides et tièdes, comme si le souffle venait à peine de les abandonner, palpitèrent sous les miennes, et me rendirent mon baiser avec une ardeur et une vivacité incroyables“ (Gautier: 2007, 160). Der Kuss ist bei vielen Erzählungen Gautiers ein sich wiederholendes Sinnbild der Auferweckung einer toten Frau (vgl. La Morte amoureuse, Arria Marcella). Nach diesem Geschehen befindet sich im Traum des Protagonisten eine Bewusstseinslücke. Er findet sich jedoch zusammen mit Karr in einem Haus wieder, dass ihm zwar unbekannt ist, dessen Einrichtung ihm jedoch vertraut scheint. Es kommt die von ihm wachgeküsste Frau hinzu: „[Elle] entra d´un pas léger, et vint se placer dans la pénombre lumineuse projetée par la lampe“ (Gautier: 2007, 161). Auch hier weist der leichte Gang der Frau auf eine Leichtfüßigkeit hin, die vor allem bei Balletttänzerinnen zu finden ist. Als sie ihm daraufhin noch in Versen erzählt, dass sie früher Sängerin war, zu früh gestorben sei und nun ihr Leben auskosten wolle, ist der Protagonist vollkommen fasziniert:

„Elle parlait en vers d´une beauté merveilleuse, où n´atteindraient pas les plus grands poètes éveillés, et quand le vers ne suffisait plus pour rendre sa pensée, elle lui ajoutait les ailes de la musique, et c´était des roulades, des colliers de notes plus pures que des perles parfaites, des tenues de voix, des sons filés bien au-dessus des limites humaines, tout ce que l´âme et l´esprit peuvent rêver de plus tendre, de plus adorablement coquet, de plus amoureux, de plus ardent, de plus ineffable“ (Gautier: 2007, 162).

Wie bereits erwähnt war Grisi neben ihrer tänzerischen Tätigkeit auch noch Sängerin, worauf Gautier hier anspielt.

[...]


1 Textgrundlage der Analyse bildet „La Pipe d´Opium“, in: Marc Eigeldinger (éd.), R é cits fantastiques, Paris 1981, Édition mise à jour en 2007, S.151-162.

2 Unter http://www.ugcb.net/UGCB_NET_V2/ auf Le Guide de l´union, weiter unter Pauillac das Château Mouton Rothschild (http://www.ugcb.net/UGCB_NET_V2/galerie/guide/guide_P014.pdf).

3 Alraune ist die deutsche Bezeichnung für die französische Mandragore.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"La Pipe d´opium" (1838) von Théophile Gautier - Textanalyse
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar in Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V157874
ISBN (eBook)
9783640706372
ISBN (Buch)
9783640706433
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pipe, Théophile, Gautier, Textanalyse
Arbeit zitieren
Anna Vogel (Autor), 2009, "La Pipe d´opium" (1838) von Théophile Gautier - Textanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157874

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "La Pipe d´opium" (1838) von Théophile Gautier - Textanalyse



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden