Auf der diesjährigen Berlinale war „Na Putu“ (engl. Titel „On the Path“) zu sehen, ein Film der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić von 2010. Es geht um Luna und Amar, ein bosnisches Paar, das einer schweren Belastungsprobe unterzogen wird, als Amar wegen Trunkenheit seine Arbeit verliert. Auch der gemeinsame Kinderwunsch lässt sich nicht verwirklichen, da Amar aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit zeu-gungsunfähig geworden ist. Durch einen Veteranen aus dem Bosnienkrieg, den er zufällig wiedertrifft, findet Amar schließlich eine neue, gutbezahlte Arbeit in einer muslimischen, einer wahhabitischen Gemeinde. Diese beeinflusst ihn so stark, dass er sein ganzes bisheriges Leben in Frage stellt und sich der radikalen islamischen Doktrin des Wahhabismus zuwendet. Luna erkennt Amar nicht wieder und hegt erst Misstrauen, dann große Abneigung gegenüber dem Einfluss, den die wahhabistischen Fundamentalisten auf Amar ausüben.
Der Film zeigt einen Aspekt des bosnischen Islam, der seit dem Bosnienkrieg (1992-1995) immer mehr an Bedeutung gewonnen hat: Der zunehmende Einfluss ausländi-scher islamistischer und wahhabistischer Gruppierungen in dem noch immer wirt-schaftlich und sozial geschwächten Land. Seit dem Kriegsende hat Saudi-Arabien beispielsweise etwa 3000 Projekte in ganz Bosnien-Herzegowina finanziert. Somit gelangte nicht nur eine beträchtliche Summe an wirtschaftlicher Aufbauhilfe ins Land, sondern auch die fundamentalistische wahhabistische Doktrin der Saudis.
Das aggressive Vorgehen islamistischer und wahhabistischer Aktivisten in Bosnien, aber auch in anderen Balkanstaaten, resultiert in internen Streitigkeiten und Schismen innerhalb der muslimischen Gemeinschaften, die tradi-tionellerweise einen moderaten, toleranten und westlich orientierten Islam vertreten. Von den Wahhabisten werden sie deswegen als „Ungläubige“ angesehen und verfolgt.
Mit der vorliegenden Arbeit soll zunächst ein kurzer Überblick über die Etablierung und die Charakteristika des Islams auf dem Balkan, speziell in Bosnien, gegeben werden. Im Folgenden stehen islamistische und wahhabistische Gruppierungen im Fokus, die in Bosnien aktiv sind. Insbesondere geht es um die Darstellung der Me-thoden, mit denen sie versuchen, Einfluss auf die bosnische muslimische Bevölkerung auszuüben.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DES ISLAMS AUF DEM BALKAN
3. ISLAM UND ISLAMISMUS IN BOSNIEN-HERZEGOWINA
3.1 MERKMALE DES BOSNISCHEN ISLAMS
3.2 DIE BEDEUTUNG BOSNIENS FÜR INTERNATIONALE ISLAMISTISCHE ORGANISATIONEN
3.3 ALIJA IZETBEGOVIĆ UND SEINE „ISLAMISCHE DEKLARATION“
3.4 DER BOSNIENKRIEG (1992-1995) UND DIE REKRUTIERUNG AUSLÄNDISCHER MUĞĀHIDŪN
3.5. DER ISLAM NACH DEM BOSNIENKRIEG: EUROPÄISCHER VS. FUNDAMENTALISTISCHER ISLAM
3.5.1 ALLGEMEINE ENTWICKLUNGSTENDENZEN UND DEREN EINSCHÄTZUNG
3.5.2 DIE ETABLIERUNG ISLAMISTISCHER UND WAHHABISTISCHER ORGANISATIONEN
3.5.3 ZIELE UND ZIELGRUPPEN DER ISLAMISTISCHEN UND WAHHABISTISCHEN AKTIVISTEN
3.5.4. METHODEN ISLAMISTISCHER UND WAHHABISTISCHER AKTIVISTEN, UM AN EINFLUSS ZU GEWINNEN
3.4.5.1 FINANZIERUNG NEUER MOSCHEEBAUTEN
3.4.5.2 REKRUTIERUNG JUNGER, GEBILDETER MUSLIME IN DEN STÄDTEN
3.4.5.3 EINGRIFF IN UND KONTROLLE DES ALLTAGSLEBENS DER MUSLIMISCHEN BEVÖLKERUNG
3.4.5.4 EINSATZ AUSLÄNDISCHER ISLAMISCHER NGOS
3.5.5 REAKTIONEN DER BOSNISCHEN MUSLIME AUF DEN EINFLUSS ISLAMISTISCHER UND WAHHABISTISCHER GRUPPIERUNGEN
4 FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Etablierung und den zunehmenden Einfluss radikal-islamistischer sowie wahhabistischer Gruppierungen in Bosnien-Herzegowina nach dem Bosnienkrieg. Ziel ist es, die spezifischen Methoden zu analysieren, mit denen diese Akteure versuchen, die traditionell moderate bosnisch-muslimische Bevölkerung ideologisch zu beeinflussen und in ihrem Sinne zu radikalisieren.
- Historische Entwicklung des Islams auf dem Balkan und in Bosnien
- Die Rolle Alija Izetbegovićs und seiner "Islamischen Deklaration"
- Rekrutierung ausländischer Kämpfer während des Bosnienkrieges (1992-1995)
- Strategien zur Einflussnahme durch Finanzierung und soziale Indoktrination
- Reaktionen der bosnischen Bevölkerung und offizieller religiöser Institutionen
Auszug aus dem Buch
3.1 Merkmale des bosnischen Islams
Von den etwa 3,8 Mio. Einwohnern Bosniens sind etwa 44 Prozent Muslime, 31,5 Prozent Serbisch-Orthodoxe und 17 Prozent Katholiken. Der Rest der Bevölkerung gehört einer von 17 anerkannten religiösen Minderheiten an (vgl. Auswärtiges Amt 2009).
Der bosnische Islam ist sunnitisch und der Sufismus ist noch immer ein fest im kulturellen Gedächtnis verankertes Element (vgl. Schwartz In: The Jamestown Foundation 2004). Enes Karic, Professor für Philosophie an der Universität Sarajewo und Islamgelehrter, charakterisiert den bosnischen Islam folgendermaßen: „Selbstbewusst im Glauben, offen und tolerant gegenüber der Gesellschaft und zurückhaltend gegenüber der Politik.“ Er sieht im bosnischen Islam die Chance, einen europäischen Islam umzusetzen und Bosnien als Brücke zu anderen, außereuropäischen islamischen Staaten zu nutzen (vgl. Asmuth In: Qantara 2005). D. h. in Bosnien herrscht ein Islam vor, der sich an europäischen Werten und Normen orientiert. So formuliert es auch der Großmufti von Sarajewo, Reis-ul-ulema Mustafa Cerić, treffend: „Mein Sultan sitzt nicht im Osten, mein Sultan sitzt in Brüssel.“ (vgl. Arbutina In: ebd. 2007)
Die Offenheit zum Dialog mit und die Toleranz gegenüber anderen Religionsgemeinschaften ergeben sich aus dem jahrhundertelangen Zusammenleben der bosnischen Muslime mit Christen (vgl. ebd.).
Der bosnische Islam ist durch eine moderne, individualistischere Religionsauffassung als in anderen islamischen Ländern geprägt und erlaubt beispielsweise auch Alkoholkonsum, den Verzehr von Schweinefleisch, westliche Kleidung und die Teilnahme am Nachtleben (vgl. Deliso 2007: 17). Auf diese Weise hat das sozialistisch-weltliche Jugoslawien seine Spuren in der Religion hinterlassen können. Nicht umsonst war Bosnien die am meisten säkularisierte Teilrepublik Jugoslawiens gewesen (vgl. Bremer 2003: 64). Trotzdem ist auch der weltoffene, tolerante bosnische Islam nicht vor dem Einfluss radikaler islamischer Fundamentalisten gefeit, wie die folgenden Kapitel zeigen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik des wachsenden fundamentalistischen Einflusses in Bosnien ein und skizziert das Forschungsinteresse anhand aktueller Entwicklungen und medialer Wahrnehmungen.
2 ÜBERBLICK ÜBER DIE GESCHICHTE DES ISLAMS AUF DEM BALKAN: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss über die Ankunft des Islams unter osmanischer Herrschaft, die Zeit Jugoslawiens unter Tito sowie die Rolle der Religion in den Umbrüchen der 1990er Jahre.
3. ISLAM UND ISLAMISMUS IN BOSNIEN-HERZEGOWINA: Der Hauptteil analysiert die spezifischen Charakteristika des bosnischen Islams und untersucht die verschiedenen Wege und Methoden, mit denen islamistische Gruppierungen nach dem Krieg in Bosnien Fuß fassen konnten.
4 FAZIT UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Zukunftsfähigkeit eines modernen, moderaten Islams in Bosnien von der wirtschaftlichen Stabilität und dem Abbau ethnischer Spannungen abhängt.
Schlüsselwörter
Bosnien-Herzegowina, Islam, Islamismus, Wahhabismus, Bosnienkrieg, Muğāhidūn, Alija Izetbegović, Radikalisierung, Fundamentalismus, Religionspolitik, Moscheebauten, soziale Indoktrination, Transformation, Identität, moderater Islam.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation des traditionell moderaten bosnischen Islams durch den zunehmenden Einfluss fundamentalistischer und wahhabistischer Strömungen seit dem Ende des Bosnienkrieges.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die historische Genese des Islams in Bosnien, die Auswirkungen der politischen Instrumentalisierung von Religion, die Strategien ausländischer Geldgeber und die Reaktionen der einheimischen muslimischen Gemeinschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die spezifischen Methoden der Radikalisierung aufzuzeigen, wie z.B. soziale Unterstützung in wirtschaftlich schwachen Regionen oder gezielte Bildungsangebote, um junge Muslime für eine extremistische Ideologie zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte Literaturanalyse und die Auswertung von Quellen sowie Analysen von Experten und Berichten zur geopolitischen und religiösen Lage in der Region.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Bedeutung Bosniens für internationale islamistische Organisationen, die Rolle des Bosnienkrieges bei der Rekrutierung von Kämpfern und eine detaillierte Darstellung der Einflussnahme durch NGOs und den Bau neuer Moscheen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Bosnien-Herzegowina, Islamismus, Wahhabismus, Radikalisierung, Muğāhidūn und die soziopolitische Identität der bosnischen Muslime.
Wie reagieren die offiziellen bosnischen religiösen Institutionen auf diesen Einfluss?
Religiöse Einrichtungen, wie etwa die islamische Gemeinschaft Bosniens unter der Führung von Mustafa Cerić, haben sich zunehmend gegen den Wahhabismus positioniert und diesen explizit als unerwünscht verurteilt, um ihren moderaten Islam zu schützen.
Warum sind gerade wirtschaftlich schwache Regionen anfällig für den Einfluss wahhabistischer Aktivisten?
Die Aktivisten nutzen die Frustration über die schwierige soziale und wirtschaftliche Situation aus, indem sie finanzielle Hilfen oder soziale Dienste anbieten, die der Staat oft nicht leisten kann, und binden die Menschen dadurch schrittweise an ihre radikale Ideologie.
- Arbeit zitieren
- Cornelia Steinigen (Autor:in), 2009, Islam und Islamismus in Bosnien-Herzegowina, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157912