Das Dogma der "Reinen Kunst"

Über Clement Greenbergs „Avant-garde and Kitsch“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. „Avantgarde and Kitsch“
1.1 Kapitel I: Avantgarde und Gesellschaft
1.2 Kapitel II: Avantgarde und Ersatzkultur
1.3 Kapitel III: Effekt und Effekthascherei
1.4 Kapitel IV: Avantgarde und Kulturpolitik

2. Zusammenfassung

3. Nachwort

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Unter dem Einfluss der deutschen Linken, insbesondere von Ernst Bloch und Walter Benjamin[1] verfasste Clement Greenberg (16. Januar 1909 bis 7. Mai 1994)[2] seinen ersten Aufsatz zur Kunstkritik ,,Avant-Garde and Kitsch“, der noch 1939 in der Partisan Review veroffentlicht wurde. Der zu diesem Zeitpunkt erst 29-jahrige demonstriert umfangreiches Wissen in den Gebieten der Kunstgeschichte, Literatur[3] und Politik, aus denen er zahlreiche Beispiele fur seine Thesen anfuhrt. Und wenngleich es seine erste Position zur Kunst ist, zeigt sich bereits sein Vermogen zur theoretischen Abstraktion[4] sowie seine Vorliebe fur provokante Axiome, die gelegentlich ubers Ziel hinaus schieBen.

In dem Essay beschreibt Greenberg die Avantgarde als ,Retter’ der Kunst vor der allgemeinen Kitsch- und Konsumbewegung: Wahrend Kitsch nur auBere Wirkungen von Kunst nachahme und diesen Effekt zu optimieren versuche, ginge es dem modernen - avantgardistischen - Kunstler um die Kunst selbst, ihre Medien und gestalterischen Mittel.[5] Aus diesem Argument heraus erklart sich auch Greenbergs Vorliebe fur den Abstrakten Expressionismus, fur Maler wie Klee, Picasso, Matisse, Cezanne oder Kandinsky, die seiner Meinung nach fur eine ,,reine“ Kunst eintraten.[6]

Die Diskussion um die Auswirkungen der Kitsch- und Massenkultur war im Ubrigen im Amerika der 30er Jahre allgegenwartig: Neben Greenberg zahlten Adorno und Broch zu den popularsten Kritikern dieser Zeit. Alle drei sahen im aufkommenden Kapitalismus die ,Ursache allenUbels’. Adorno beispielsweise kritisierte die „Kulturindustrie“, in welcher sich Kunst nach den Bedurfnissen des Marktes richte und direkt an ein passives Publikum weitergegeben wurde. ,Echte’ Kunst hingegen sollte subjektiv, fordernd und gegen die herrschende Machtstruktur gerichtet sein.[7] Hermann Broch nannte Kitsch ,,das Bose im Wertesystem der Kunst“ [8]. Indem Kitsch Formeln der Kunst kopiere, so Broch, plundere es die Kunst aus. Dennoch sind schlechte Kunst und Kitsch fur ihn nicht dasselbe: Im Gegensatzzur Kunst sei das Ziel von Kitsch nicht ,Wahrheit’, sondem ,Schonheit’ - Eine These, die in ahnlicher Form auch von Greenberg ubernommen wurde.

Auf,Avant-Garde and Kitsch“ folgten etliche weitere Aufsatze, in denen der Kritiker gleichermahen seine eigenen Kriterien zur Bewertung von Kunst herausarbeitete. Von einigen wird im Laufe dieser Arbeit noch die Rede sein. Greenbergs Theorien beeinflussten auch einige bekannte Kritiker derjungeren Generation, unter ihnen Michael Fried und Rosalind Krauss.

1. „Avant-garde and Kitsch“

In diesem, ersten Aufsatz versucht der Autor, anhand von qualitativen Unterschieden und kunsthistorischen Untersuchungen ein sozialgeschichtliches Erklarungsmodell fur eine eigene Kunsttheorie zu entwickeln. Die einzelnen Etappen dieses Entwurfs will ich im Folgenden kurz skizzieren. In dem Text schwingt mehr oder minder unterschwellig der Marxismus der 30er Jahre mit.[9]

1.2 Kapitel I: Avantgarde und Gesellschaft

Im Laufe der Entwicklung der Gesellschaft, meint Greenberg, wurden alle Forme(l)n und Wahrheiten bereits erfunden, verwendet, in Frage gestellt und verworfen. Dies birgt ein Dilemma fur den Kunstler: seine Kreativitat schrumpf zur „Virtuositat informalen Details“[10], zu immergleichen, mechanischen Variationen bereits abgehandelter Themen. Dem entgegen tritt nun eine neue, „uberlegene“ Form[11] der Gesellschaftskritik. Den Beginn dieses neuen, revolutionaren Denkens legt Greenberg auf die Entstehung der Boheme zu Anfang des 19. Jahrhunderts.

Die Avantgarde-Kunstler fluchten sich also zunachst mutig aus dem Burgertum (und damit weg von allen sicheren kapitalistischen Kunstmarkten) in die Boheme, losen sich aber schon kurz darauf wieder von allen politischen Ambitionen und beschranken sich von nun an auf die „reine“, „absolute“ Kunst unter Aussparung samtlicher Inhalte und Sujets[12]. Der (asthetische) Wert des Kunstwerkes soil allein in ihm selbst liegen; sein Inhalt soil derart in der Form aufgehen, dass das Werk auf nichts auBerhalb von sich selbst zuruckzufuhren sei. Das war, nach Greenberg, die Geburtsstunde des Abstrakten: Der Kunstler imitiert nicht weiter seine Umwelt, sondern vielmehr die Prozesse, sein (handwerkliches) Medium[13] Matisse und die anderen bereits in der Einleitung[14] erwahnten Maler beschaftigen sich in erster Linie mit der Erfindung von Raum, Oberflache, Form und Farbe - und lassen dabei alles nicht ausdrucklich Zugehorige auBer Acht. Auch bewerten soll der Avantgarde-Kunstler daher nicht, weder im positiven, noch im negativen Sinne.

Zwar ist die Avantgarde selbstbezogen, aber dennoch in Bewegung und daher lebendig, was sie vom Akademismus/ Alexandrismus unterscheidet.

Die groBte Gefahr fur die neue, rettende Kunstbewegung sieht der Kritiker schlieBlich in der allmahlichen Abwendung der „herrschenden Klasse “[15] denn zwar hatten die Massen kulturellen Fortentwicklungen schon immer gleichgultig gegenubergestanden, doch „No culture can develop without a social basis, without a source ofstable income.“[16].

1.3 Kapitel II: Avantgarde und Ersatzkultur

Das Phanomen ,,Kitsch“ - populare und kommerzielle Kunst - kam nach Greenberg im Zuge der industriellen Revolution und der damit verbundenen allgemeinen Alphabetisierung nach Westeuropa und Amerika und verbreitete sich schnell auch in den entlegensten Gebieten. War vor der ,,Urbanisierung der Massen“ die gehobene Kultur noch der Elite vorbehalten, welche gleichermaBen uber Geld und Freizeit verfugte, ging dieser mit der Alphabetisierung ihr Alleinanspruch verloren[17]. Mit der Landflucht der Bauern in die Stadte kam ebendiesen ein GroBteil ihrer volkstumlichen, originaren Kultur abhanden; gleichzeitig verfugten sie aber uber zu wenig freie Zeit, um die gehobene Kultur als ihre neue, eigene Kultur annehmen zu konnen. So wuchs der Ruf nach einer Kultur, die fur den Konsum der urbanen Massen geeignet war, einer universalen „Ersatzkultur“.[18]

Kitsch definiert der Autor hier als akademisierte Kopie ,echter’ Kunst, der mechanisch und mittels standardisierter Formeln beliebig oft produziert werden kann. Dabei entsteht Kitschgewissermafien parasitar, auf Grundlage einer bestehenden ausgereiften kulturellen Tradition, deren Methoden er ausplundert und verwassert in hoher Auflage reproduziert. Als Produkt der industriellen Fertigung ist der Kitsch integraler Bestandteil des Produktionssystems geworden. Dadurch gehorcht er freilich den Gesetzen des Marktes und muss entsprechende Ertrage abwerfen.[19]

Die nachgemachten Artikel andern sich mit der Mode und sind so trugerisch, dass selbst Kritiker zuweilen ihrem Charme erliegen. Und auf einige Kunstler und Schriftsteller wirkte Kitsch gar so reizvoll, dass sie ihm ihre Arbeit widmeten. Die so entstandenen Grenzfalle sind so verwickelt, dass sie selbst von Experten nur schwer ausgemacht werden konnen.[20] Im Folgenden fuhrt Greenberg ein recht verwirrendes Beispiel aus der sowjetischen Kultur heran: Anhand eines Artikels des Filmkritikers DwightMacDonald, ebenfalls erschienen in der Partisan Review, bemuht er sich, nachzuweisen, dass Politik zwar grundlegend Einfluss auf den Grad der (kulturellen) Bildung der Bevolkerung habe, die „Konditionierung“ allein jedoch keine ausreichende Erklarung fur die ungeheure Anziehungskraft der Ersatzkultur sei.

[21] Anhandjenes Beispiels ermittelt Greenberg im Vergleich zweier Werke von Repin und Picasso konstante Werte und Normen fur sein Erklarungsmodell. Repins ,,Schlachten- gemalde“, so der Kritiker, sei voll von unmittelbar einsichtigen Bedeutungen; es erzahlt eine Geschichte und dramatisiert sie in dekorativer Weise. Picassos Bildinhalte aber liegen in einer zweiten Ebene der Bedeutung verborgen, die sich dem Betrachter nur durch Reflexion erschliefit. Im Grunde empfinden beide, ,,Bauer“ und „Avantgardist“, dasselbe; Nur mussen diese Werte bei Kunstlern wie Picasso (die sich mit der Entstehung des Bildes, ihrem Medium, auseinandersetzen) erst ins Bild projiziert werden, wahrend der Betrachter die Bilder Repins unreflektiert konsumiert: ,,Where Picassopaints cause, Repin paints effekt.“[22]

1.4 Kapitel III: Effekt und Effekthascherei

Die im vorangegangenen Kapitel beschriebenen Klassenunterschiede - die Minderheit der Machtigen und Kultivierten und auf der anderen Seite die Masse der Armen und Ungebildeten - und die damit einhergehenden kulturellen Verschiedenheiten waren, so Greenbergs Meinung, schon immer vorhanden und immer mehr oder minder offensichtlich.

Nur trate eben die kulturelle Kluft in einer stabilen Gesellschaft ohne Klassenkampfe in den Hintergrund.[23] Auch, wenn der im Greenbergschen Sinne avantgardistische Kunstler erstmals mit dem freien „einsamen Kunstler“ Rembrandt und mit Beilegung der uneingeschrankten Auftragsarbeit auftritt. Selbst solche ,Verstofie’ gegen das technisch perfektionierte Abbilden, so der Autor, verzeihe der „gewdhnliche“ Mensch aufgrund seiner Ehrfurcht vor dem ausgefeilten Handwerk. Erst, wenn er mit der Gesellschaftsordnung, fur die die Kunst einsteht, unzufrieden wird, beginnt er, Kultur zu kritisieren und gegen sie vorzugehen - oftmals im Zusammenhang mit ruckwarts gerichteten, konservativen Tendenzen in der Gesellschaft, wie beispielsweise im Faschismus.[24]

1.5 Kapitel IV: Avantgarde und Kulturpolitik

Dass „Avant-garde and Kitsch“ durchaus auch ein politisch motiviertes Essay war, wird besonders deutlich im letzten Kapitel. Dass Konditionierung der Burger nicht ausreicht, um diese kulturell umzuorientieren, hat Greenberg bereits im zweiten Kapitel erlautert. Im letzten Abschnitt geht er sogar noch weiter, wenn er behauptet, nicht die Machtinhaber bestimmten den kulturellen Kanon, sondern die Masse. Die Forderung von Kitsch sei keineswegs Stumpfsinn, sondern vielmehr eine gut durchdachte Methode, um sich bei den ,Untergebenen’ beliebt zu machen. Avantgarde-Kultur eigne sich nicht in erster Linie deshalb schlecht zu solchen Zwecken, weil sie zu kritisch sei, sondern weil sie sich nicht zu Propagandazwecken eigne.[25]

Obwohl es fur die Diktatoren (speziell die Faschisten) von grbfierem Vorteil war, auf die Wunsche der breiten Masse einzugehen, reflektiert Greenberg, gab es anfangs Versuche, sich bei einigen Avantgardisten einzuschmeicheln und deren Ansehen in der Offentlichkeit fur eigene Zwecke zu nutzen. Mussolini beispielsweise liefi den Futuristenjahrelang freie Hand beim Bau diverser Bahnhofe und Wohnhauser, verriet den Futurismus aberjah und rief den sog. Neuen Imperialen Stil aus. Die Wuchtigkeitjener Bauten spricht hier fur Greenbergs Auffassung, dass man ,,den Massen etwas zum Staunen und Bewundern geben“ muss, die Elitejedoch darauf verzichten konne.[26]

Die einzige Losung fur das Problem, welchem der Kapitalismus gegenuber steht (namlich dass ,,alles, was er an Qualitat noch hervorzubringen vermag, ihmfast ausnahmslos zur

[...]


[1] Schummer 2000, S.25

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Clement_Greenberg

[3] Tatsachlich war Greenberg zunachst weit mehr an Literatur- als an Kunstkritik interessiert (Vgl. dazu http://www.sharecom.ca/greenberg/bio.html), und viele Stellen in ,.Avant-garde andKitsch“ behandeln ausfuhrlich auch Probleme der Dichtung - ich will die speziellen Aspekte von Poesie und Lyrik hier einmal auBer Acht lassen, um mich kurz fassen zu konnen und nicht zu verwirren.

[4] Schummer 2000, S.25

[5] Greenberg 1939, S.7

[6] Ebd., S. 7f.

[7] http://en.wikipedia.org/wiki/Kitsch. Adorno tadelte den Kitsch als ,,Parodiejeglichen asthetischen Bewusstseins“. Vgl. auch Adorno, TheodorundBernstein, J.M. 2001. ,,Culture Industry*/ Routledge.

[8] Broch, Hermann 2003. “Geist and Zeitgeist: The Spirit in an Unspiritual Age”. Counterpoint Press.

[9] Besonders deutlich wird das im letzten Kapitel, z.B.: ,,Capitalism in decline finds that whatever of quality it is still capable of producing becomes almost invariably a threat to its own existence. (,..)Here, as in every other question today, it becomes necessary to quote Marx wordfor word. Today we no longer look toward socialism for a new culture -- as inevitably as one will appear, once we do have socialism.“ Greenberg 1939, S.21

[10] Greenberg 1939, S.4

[11] Ebd., S.4

[12] Greenberg 1939, S.5

[13] Die erzeugte Form darf folgerichtig keinesfalls zufallig sein, wie sie ist, sondern soll aus bestimmten Auseinandersetzungen des Kunstlers heraus entstehen. Greenberg 1939, S.8

[14] vgl. dazu Kapitel 0.

[15] Greenberg 1939, S.9

[16] Ebd., S.8. So scheint die Avantgarde letztlich doch von der Klasse abhangig zu sein, die die Macht inne hat und von der sie sich anfangs abgewandt hat. Ein Paradox, fur das auch Greenberg (vorerst) keine Losung bereit halt.

[17] Ebd., S.9f.

[18] Ebd., S.10

[19] Greenberg 1939, S.11

[20] Ebd., S.12

[21] Ebd., S.13

[22] Ebd., S. 15. 1972 nahm Greenberg die Beschreibung Repins als ,,einer der fuhrenden Vertreter des russischen akademischen Kitsches“ zuruck. In einer Fufinote, die allennach ’72 erschienenen Auflagen angefugt wurde, musste er eingestehen: ,,To my dismay I learnedyears after this sawprint that Repin never painted a battle scene (...) That showed myprovincialism with regard to Russian art in the nineteenth century.“

[23] Greenberg 1939, S.16

[24] Ebd., S.17

[25],,Kitsch keeps a dictator in closer contact with the "soul" of thepeople.“ Greenberg 1939, S.19

[26] Ebd., S.21

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Dogma der "Reinen Kunst"
Untertitel
Über Clement Greenbergs „Avant-garde and Kitsch“
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe  (Institut für Philosophie und Ästhetik)
Veranstaltung
Seminar „Künstlerische Praxis zwischen Hoch- und Massenkultur“
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V157918
ISBN (eBook)
9783640714872
ISBN (Buch)
9783640715206
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Avantgarde, Greenberg, Krauss, Benjamin, Kitsch, Kunstkritik
Arbeit zitieren
Franziska Beyer (Autor), 2005, Das Dogma der "Reinen Kunst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157918

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