Der Mann Freud, ein wahrer Jude?

Eine Auseinandersetzung mit dem jüdischen Denken in Sigmund Freuds


Seminararbeit, 2010

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Prolog
1.1 Die Figur Mose
1.1.1 Moses in der Bibel
1.1.2 Moses in der Archäologie

2 Sigmund Freund
2.1 Freuds Biographie
2.2 Freuds Entwicklung seiner Religionstheorien

3 Der Mann Moses und die monotheistische Religion

4 Yosef Hayim Yerushalmi
4.1 Freuds Moses, Endliches und unendliches Judentum

5 Epilog

6 Quellen

1 Prolog

Siegmund Freud, ein Name der bei den meisten Menschen Reaktionen der Ablehnung, des Zweifels und der Kritik hervorruft. Der Mann, welcher hinter diesem Namen steht, erntete auch Zeit seines Lebens Kritik und Ablehnung, spaltete und erhitzte die Gemüter seiner Mitmenschen. Aber warum? Er war ein Mann, ein Jude, der sein gesamtes Leben gegen den Strom schwamm. Er brach Tabus. Er entwickelte eine Psychotherapieform, welche die Ursachen des menschlichen Verhaltens ausschließlich in den Frühstadien der Hirnentwicklung ansiedelte, so auch bei Phänomenen wie der Kultur und der Religion. Eine These die viel Kritik hervorrief. Ein weiteres Problem der Psychoanalyse war der Tatbestand, dass ihre Vertreter Anfangs ausschließlich Juden waren und sie deshalb gegen den Ruf als rein „jüdische Wissenschaft“ zu gelten, ankämpfen mussten. Das war auch der Grund warum Freud sich öffentlich nicht als „jüdisch“ bezeichnete und Kenntnisse über Sprachen und Brauchtum leugnete. Er erfuhr sein Leben lang antisemitische Anfeindungen, welche im Nationalsozialismus gipfelnd, ihn nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland in das englische Exil trieben. Seine größte Angst war es, dass sein Lebenswerk – die Psychoanalyse- dem Antisemitismus zum Opfer fallen könnte und so verloren gehe. Obwohl Freud Atheist war, verspürte er lebenslang ein Gefühl der jüdischen Identität, welches er nicht in Worte zu fassen vermochte, deshalb beschäftigte er sich gegen Ende seines Lebens besonders mit der Entwicklungsgeschichte des Judentums. Er schrieb dazu: „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“, dieses letzte großes Werk erschien 1939 und rundet seine, rein psychoanalytische Sicht auf die Religionsgeschichte ab. Dabei versuchte er dem jüdischen Gefühl in sich eine Definition zu geben indem er die israelitische Geschichte analysierte und ihr, seiner atheistischen Einstellung folgernd, eine „Gottlosigkeit“ attestierte. Da die jüdische Identität aber auf der Auserwähltheit der Israeliten beruht, durfte kein Hebräer den Monotheismus geformt haben, sondern ein Fremder. Und so musste Moses als Ägypter identifiziert werden.

In meiner Arbeit versuche ich darzulegen, dass Sigmund Freuds Werk „Der Mann Moses…“ ein rein jüdisches Denken widerspiegelt. Ein Denken, welches gerade durch seinen radikalen Atheismus eine Form des Monotheismus darstellt und für Freud eine Definition seiner jüdischen Identität ermöglichte. Dabei geht es mir nicht um eine Widerlegung der archäologischen und ethnologischen Thesen Freuds, diese sind schier wissenschaftlich unhaltbar (was ich kurz im Punkt 1.1.2. anreißen werde). Auch kann und möchte ich mich nicht mit der Korrektheit der psychoanalytischen Ergebnisse von dem Freudschen Theorem auseinandersetzen. Ich möchte am Ende meiner Arbeit bewiesen haben, dass Sigmund Freud nicht der taktlose Atheist war, welcher zu Beginn der Judenverfolgung seinem Volk die Paradigmen zerstören wollte, sondern ein Mann, welcher, wie einst Jochanan ben Sakkai[1], den Juden an einem Wendepunkt ihrer Geschichte eine neue Identifikationsmöglichkeit bieten wollte. Wenn auch in erster Linie sich selbst. Um dies zu ermöglichen, werde ich mich auf das Buch „Freuds Moses Endliches und unendliches Judentum“ von dem New Yorker Historiker Yosef Hayim Yerushalmi beziehen, es vorstellen und in meine Deutung einbauen.

1.1 Die Figur Mose

Die Gestalt des Propheten Moses (hebräisch–Mosche-) bildet das Fundament für den Glauben und das Leben der Juden in allen Zeiten. Denn Mose war es, der die Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens vierzig Jahre durch die Wüste bis in das versprochene Land – Kanaan- führte. In diesen vierzig Jahren musste er sein Volk immer wieder auf Gott einschwören und sie vom Polytheismus abbringen. Er brachte ihnen die göttlichen Gebote und Gesetze, welche das gesamte Leben von den Speisegesetzen (Kashrut) über die Ehe- und Familiengesetze bis hin zu den religiösen Riten bis heute regeln und bestimmen. Daher gilt Moses als Stifter der israelitischen Religion und des Monotheismus.

1.1.1 Moses in der Bibel

Die ersten fünf Bücher der hebräischen Bibel sind nach Mose benannt, da man Mose mit der Autorenschaft in Verbindung brachte. Die Bücher heißen auf Hebräisch: „Bereschit“ (am/im Anfang), „Schemot“ (dies sind die Namen), Wajikhra (und er rief), „Bemidbar“ (in der Wüste) und „Devarim“ (die sind die Worte), wobei jeder dieser Namen das erste Wort des jeweiligen Buches ist und gemeinsam bilden die fünf Bücher Mose die Tora –die Weisung-. Von Mose erzählt die Bibel ab dem Buch Schemot.

Moses levitische Eltern Amram und Jochebed lebten als Sklaven in Ägypten und da der Pharao befohlen hatte alle männlichen Kinder der Israeliten zu töten, setzten sie ihren Sohn im Nil aus. Dort fand ihn die Pharaonentochter und nahm ihn als Sohn an. Nach dem Mose als junger Mann einen Ägypter getötet hatte, musste er in das benachbarte Land Midian fliehen, wo er Zippora, die Tochter des Priesters Jithro heiratete und als Hirte lebte. Mose erfährt beim Viehhüten am Berg Horeb eine Epiphanie – eine Gotteserscheinung-, im brennenden Dornenbusch. Er wird zu der Errettung der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft berufen. Mit Hilfe der zehn Plagen und der Teilung des Roten Meeres erzwingen Mose und sein Bruder Aaron die Befreiung der Israeliten und eine vierzigjährige Wanderung beginnt. Dabei werden sie von Gott durch eine Rauch- und Feuersäule geführt, versorgt und besiegen ihre Feinde. Im dritten Monat nach dem Auszug überreicht Gott Mose auf dem Berg Sinai die 10 Gebote und schließt einen neuen Bund mit den Israeliten. Aber Gott straft die Israeliten wegen ihres Zweifels und Götzendienstes und lässt erst die nächste Generation in das gelobte Land einziehen. Auch Mose erreicht Kanaan nicht mehr und stirbt auf dem Berg Nebo.

Die Mose Bücher 3-5 erzählen nähere Details der Wüstenwanderung und beinhalten Themen wie die rituellen Gesetze (in Wajikhra), Volkszählungen, verschiedene Gesetze, den Priestersegen, Aufstände und Kriege während der Wanderung (in Bemidbar) und das Leben des Mose als Mittler zwischen Gott und dem Volk bis hin zu seinem Tod, dem Bund und der Ordnung des Gottesdienstes (in Devarim). Dagegen berichtet Bereschit von der Erschaffung der Welt, der Sintflut, den Erzvätern Israels und Gottes Bund mit ihnen.

1.1.2 Moses in der Archäologie

Die Figur des Moses ist wissenschaftlich nicht fassbar, da nur die Bibel von ihm erzählt und auch diese Quelle ist widersprüchlich. Schon sein Name ist etymologisch nicht klar zuzuordnen. Der Name könnte vom ägyptischen Verb „msj“- gebären abstammen, wie bei Thutmosis (von Thot geboren) und Ramses (von Ra geboren)[2], aber auch von dem ägyptischen Wort „mos“- Sohn oder Kind. Wenn man der volksetymologischen Deutung aus Ex.2, 10 („‘(…)Und sie gab ihm den Namen Mose, indem sie sagte: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen.“[3] ) Rechnung tragen möchte, muss man die Namensdeutung auf die koptischen Worte „mo“-Wasser- und „usseh“-retten- beziehen.[4] Am wahrscheinlichsten ist es, dass die Figur des Moses aus semitischen Volkssagen entspringt, eine These welche schon Otto Rank 1909 aufstellte. Ranks These besagt, dass die meisten der großen Kulturvölker ihre Entstehung und/oder Rettung großen „Nationalheronen“ (so zum Beispiel Herkules, Remus & Romulus, Jason (Anmerk. des Verf.)) verdanken und diese dann in Sagen und Mythen verewigen. So haben diese Helden auch alle ähnliche Schicksale. Alle können durch äußere Umstände nicht bei Ihren Eltern aufwachsen, müssen nach Konflikten fliehen und erretten dann durch Heldentaten ihr Volk.[5]

2 Sigmund Freund

2.1 Freuds Biographie

Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Ältestes der acht Kinder seiner Mutter Amalie im österreichischen Freiberg in Mähren geboren. Der Vater Freuds, ein orthodoxer Wollhändler namens Jakob, lebte mit Amalie bereits in der 3. Ehe und war bei der Eheschließung schon Großvater. Mit 4 Jahren zog Sigmund mit seiner Familie nach Wien. Sein familiärer Hintergrund war geprägt von dem Zwang der jüdischen Assimilation in das streng katholische Umfeld in Österreich, andererseits von der naiven volksgläubigen Religiosität seiner jungen Mutter. Früh wurde er von ihr zum Studium der Bibel angehalten. Der Grundstein für Freuds radikale atheistische Haltung wurde auch von dessen katholischem Kindermädchen gelegt. Sie wollte ihn katholisch prägen, indem sie ihm von Himmel, Hölle und dem Jüngsten Gericht erzählte, sowie Freud häufig zur Messe mitnahm. Seine Erfahrungen mit der Volksgläubigkeit beider Religionen veranlassten ihn 1907 zu seiner Schrift: „Zwangshandlung und Religionsausübung“. Freuds schulische Leistungen waren von Bestleistungen geprägt aber wegen des Antijudaismus fühlte es sich nicht wohl und er hatte auch nur wenig christliche Freunde. Auch die Hilflosigkeit von Jakob Freud gegenüber den täglichen Diskriminierungen formte Siegmund und degradierte den Vater in seinen Augen. Seit der Schulzeit wurde Charles Darwin zu einem großen Vorbild für Freud. Nach dem Abitur ging Freud 17- jährig an die Universität und studierte Medizin mit der Spezialisierung Psychologie. 1881 promovierte er.1882 bis 1885 arbeitete Freud in der Neurologie eines Wiener Krankenhauses und bekam dann eine Privatdozentur für Neuropathologie. Da seine Einkünfte minimal waren, eröffnete Freud ein Jahr später eine eigene Praxis als Facharzt für Neurologie. Ein glücklicher Gegenpol zu seinem häufig sehr schweren Leben als Jude, war seine Ehe mit der wohlhabenden Jüdin Martha Bernays, welche er nach vierjähriger Freundschaft 1886 heiratete. Mit ihr hatte er drei Töchter und drei Söhne. Beruflich hatte Freud es schwer, Fuß zu fassen, seine Theorien wurden weitgehend abgelehnt, einerseits wegen des vorherrschenden Antisemitismus, andererseits wegen misslungener Behandlungsversuche seiner Patienten mit Kokain. Er studierte nochmals - diesmal in Paris- Psychologie und erlernte dort die Technik der Hypnose, welche er in Wien weiterentwickelte und mit ihrer Hilfe versuchte er Störungen, körperlicher und seelischer Natur, suggestiv zu behandeln. Erneut stießen seine Thesen auf Widerstand und Zweifel. Ab 1889 entwickelte Freud seine Psychoanalyse mit Thesen zur Verdrängungstheorie, Heilung von Neurosen durch hypnotische Suggestion, wozu er das Sexualleben seiner Patienten untersuchte. 1887 beginnt Freud mit seiner Selbstanalyse, bei welcher er die sexuelle Prägung auf seine Mutter entdeckt. Mit der Traumdeutung beginnt er 1899, was ihm erneut scharfe Kritik einbrachte. Eine außerordentliche Professur erhielt er ab 1902 und ab 1908 arbeitete er mit dem Schweizer Psychiater und Psychologen Carl Gustav Jung zusammen. Er veröffentlicht in den folgenden Jahren mehrere Schriften zu seinen Thesen, wie zum Beispiel: „Das Ich und das Es“ von 1923. In diesem Jahr wird bei ihm auch Gaumenkrebs diagnostiziert, welcher unheilbar war. Er verstarb 83jährig an einer Überdosis Heroin, welcher er in Tötungsabsicht einnahm um von seinen Schmerzen erlöst zu werden.

2.2 Freuds Entwicklung seiner Religionstheorien

Man muss beachten, dass Sigmund Freud in seinem Leben eine epochale Wende in der Naturwissenschaft miterlebte. Als Menschen dieser Ära glaubte Freud jegliche Entwicklung der Natur mit physikalisch-mechanischen Gesetzen erfassen zu können. Besonders die Evolutionstheorie des Charles Darwin beeinflusste Freuds Denken sehr, denn diese Theorie ermöglichte Freud nun ein universelles Erklärungsmodel für den menschlichen Geist und dessen Störungen zu entwickeln. Nämlich: – alle Ursachen sind in der Kindheit zu suchen -. Was die frühkindliche Entwicklung für den einzelnen Menschen fundamentiert, fundamentiert der frühzeitliche Mensch in der Entwicklung der Gesellschaft. Diese Idee entnimmt Freud aus der darwinschen Vermutung, dass die Menschen der frühen Gesellschaften in Horden lebten. Dieser Fakt führte zur Entstehung des Totemismus, bei welcher sich Freud vornehmlich auf Frazers „Totemism and Exogamy“ stützt. Auch die zahllosen Berichte der Reisenden und Forscher, über die Kulturen der im 18. und 19. Jahrhundert neu entdeckten Kolonialgebiete beeinflussten Freud sehr stark. Er studierte diese Berichte sehr intensiv und baute sie in sein Resümee über Entstehung des menschlichen Bedürfnisses nach Religion ein. Um Sigmund Freuds Religionstheorie zu verstehen, muss man sich mit deren Entwicklung erst einmal vertraut machen.

1907 befasst sich Sigmund Freud zum ersten Mal öffentlich und ausführlich mit dem Phänomen der Religion in seinem Essay „Zwangshandlung und Religion“. Darin analysiert Freud das private Zeremoniell neurotischer Zwangshandlungen einiger Patienten. Diese Riten werden als unbewusste Schutzmaßnahmen dargestellt, welche der Vermeidung von Versuchung und Nachlässigkeit dienen. Dabei vergleicht Freud rituelle Handlungen der Neurotiker mit denen der Religionen. Wobei er schließlich resümiert, dass eine Zwangshandlung ein Zerrbild einer Privatreligion und die Religion eine globale Zwangsneurose sei. Der Unterschied zwischen beiden Arten ist der Fakt, dass die Zwangsneurose immer im sexuellen Trieb wurzelt, wobei die Religion stets im Egoismus keime.

In seiner Zeitschrift „Imago“ veröffentlicht Freud in den Jahren 1912 und 1913 seine vier Aufsätze, welche 1913 als Gesamtwerk unter den Namen „Totem und Tabu“ erscheinen werden, erneut ausschließlich mit der Thematik Religion. In den vier Essays mit den Titeln: „Inszestscheu“, „Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregung“, „Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken“ und „Die infantile Wiederkehr des Totemismus“, erläutert Freud, mit Hilfe der religiös begründeten Verhaltensweisen der Naturvölker, fundamentale Tabus. Welche er mit den Verhalten von Neurotikern gleichsetzt und dabei speziell den Ödipuskomplex als Grund für die Entwicklung des Totemismus ansieht. Er schreibt (Totem und Tabu, S.174f): "Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter Despot alle Frauen für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen gefährlichen Söhne getötet und verjagt. Eines Tages aber taten sich diese Söhne zusammen, überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemeinsam, der ihr Feind, aber auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat waren sie außerstande, sein Erbe anzutreten, da einer dem anderen im Wege stand. Unter dem Einfluss des Misserfolgs und der Reue lernten sie, sich miteinander zu vertragen, banden sich zu einem Brüderclan unter den Satzungen des Totemismus, welche die Wiederholung einer solchen Tat ausschließen sollten, und verzichteten insgesamt auf den Besitz der Frauen, um welche sie den Vater getötet hatten. Sie waren nun auf fremde Frauen angewiesen; dies der Ursprung der mit dem Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totemmahlzeit war die Gedächtnismahlzeit der ungeheuerlichen Tat, von der das Schuldbewusstsein des Menschen (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale Organisation, Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren Anfang nahmen." Er zeigt damit auf, dass zur Vermeidung asozialer Triebe und dem Versuch, die damit verbundenen gemeinschaftsschädlicher Taten zu verhindern, strenge Verbote entstanden, welcher den Beginn der Religionsentwicklung darstellen. Auch wurzelt im Ödipuskomplex jede Art der Neurose.

Im Jahre 1927 erscheint Freuds Schrift: "Die Zukunft einer Illusion", dabei handelte es sich weniger um eine Analyse der Tiefen des religiösen Gefühls der Menschheit, als vielmehr um eine Erklärung der persönlichen Spiritualität. Also eine Analyse des Systems von Lehren und Verheißungen, welches einerseits die Rätsel der Welt aufklärt und anderseits die Zuversicht vermittelt, dass eine Vorsehung über das Leben wache und etwaige Versagungen in einer jenseitigen Existenz wieder gutmache. Für Sigmund Freud sind religiöse Vorstellungen, Realitäten (seien sie äußerer oder innerer Natur), welche Erfahrungen ausdrücken, die man selbst nicht gemacht hat aber für möglich und für wahr hält. Diese Vorstellungen spiegeln aber nur die tiefsten Wünsche der Menschheit wider. So steht für Freud fest: umso stärker der Glauben eines Menschen ist, desto intensiver sind auch dessen Wünsche. Für ihn ist der Versuch, die Rechtmäßigkeit einer Religion mittels ihrer göttlichen Offenbarung zu beweisen abwegig, denn die Annahme einer solchen Rechtmäßigkeit setzt schon den Glauben an eine von Gott gesandte Offenbarung voraus. Daher ist für Freud klar, dass es sich bei den religiösen Paradigmen um reine Illusionen handelt, welche die Erfüllung der tiefsten Wünsche der Menschheit darstellen. Dabei hätten die religiösen Institutionen versagt, denn sie haben es nicht geschafft, trotz mannigfaltiger Strafen, die Menschheit zu Tugendhaftigkeit und sozialen Verhalten zu erziehen. So schreibt er in „ Die Zukunft einer Illusion“ auf Seite 360ff: „Die religiösen Gebote wurden geschaffen um ein Fundament für das Zusammenleben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Sie sind aber Allgemeingültig und Weltumfassend. Diese rationelle Begründung des Verbots zu morden teilen wir aber nicht mit, sondern wir behaupten, Gott habe das Verbot erlassen . . . Indem wir so verfahren, umkleiden wir das Kulturverbot mit einer ganz besonderen Feierlichkeit, riskieren aber dabei, dass wir dessen Befolgung von dem Glauben an Gott abhängig machen. Wenn wir diesen Schritt zurücknehmen, unseren Willen nicht mehr Gott zuschieben und uns mit der sozialen Begründung begnügen, haben wir zwar auf jene Verklärung des Kulturverbots verzichtet, aber auch seine Gefährdung vermieden“. Für Freud steht dabei fest, dass nur so ein Verständnis für die Tugenden des Zusammenlebens geschaffen werde und die Menschheit fernab von Religiosität, versöhnt und gleichberechtigt miteinander leben kann. (S. Freud, Die Zukunft einer Illusion)

Freuds letzte große Schrift zu der Religionsthematik verfasst er zwischen 1937 und 1939. In ihr fügt er die beiden bisher erarbeiteten Argumentationsstränge zusammen. Mit diesem Werk, „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ möchte ich mich nun intensiver auseinandersetzen.

[...]


[1] Jochanan ben Sakkai (hebräisch:) lebte um das Jahr 70 n. Chr., wurde führender Lehrmeister und Initiator der Erneuerung des jüdischen Glaubens nach der Zerrstörung des 2. Tempels in Jerusalem. Er überführte die bisher mündliche Gesetzestradition in eine Schriftliche, so dass das Überleben der Religion ermöglichte und die Basis des rabbinischen Judentums gebildet wurde. (vergl. Der Brockhaus Religionen Glauben, Riten, Heilige, F. A. Brockhaus, Leipzig 2004 S.319)

[2] vergl. Haag, Herbert: Herders bibl. Wörterbuch, Hohe Verlag, Erftstadt, 2007, S.286f

[3] Die Bibel, Elberfelder Übersetzung, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal, 1991

[4] vergl. Der Brockhaus Religionen, Glauben, Riten, Heilige, F.A. Brockhaus, Leipzig 2004, S. 446

[5] vergl. Freud, Sigmund: „Der Mann Moses und die monotheistische Religion – Schriften über die Religion“ 15. Auflage, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2009, S. 27f

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Mann Freud, ein wahrer Jude?
Untertitel
Eine Auseinandersetzung mit dem jüdischen Denken in Sigmund Freuds
Hochschule
Universität Potsdam  (Religionswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V157980
ISBN (eBook)
9783640704415
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jude, Eine, Auseinandersetzung, Denken, Sigmund, Freuds, Religion, Moses, Judentum, Religionstheorie
Arbeit zitieren
Yvonne Büchner (Autor), 2010, Der Mann Freud, ein wahrer Jude?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157980

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