Kollaboration im Reichskomissariat Niederlande


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Kollaboration

3. Das Reichkommissariat
3.1. Die Eroberung der Niederlande
3.2. Die Niederländische Union
3.3. Die Besatzungszeit

4. Kollaboration
4.1. Kollaboration von Parteien, Verbänden und der Presse
4.2. Die administrative Kollaboration
4.3. Ökonomische Kollaboration
4.4. Die faschistische Kollaboration

5. Die Niederlande in der Nachkriegszeit

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Bis weit in die sechziger Jahre hinein waren sich die Niederländer einig, dass die Besatzungszeit eine schwere Herausforderung gewesen ist, aber das Volk standhaft geblieben war. Die minimale Mitgliederanzahl der Nationalsozialistischen Partei NSB (Nationaal Socialistische Beweging) und der einzige in Europa stattgefundene Protest gegen die Judenverfolgung im Februar 1941 dienten beispielsweise der Legitimierung dieser Auffassung. Gegen Ende der sechziger Jahre begann der Mythos vom Widerstand der Niederländer gegen die deutschen Okkupanten zu bröckeln. Eine Debatte um Kollaboration und Widerstand entbrannte, die auch heute noch nicht abgeschlossen ist.

Genau wie im besetzten Norwegen lag auch in den Niederlanden die Exekutive bei einem Reichskommissar. Die einheimischen faschistischen Parteien oder Bewegungen wurden von den Deutschen benutzt, ohne sie an der Macht teilhaben zu lassen.

Meine Arbeit befasst sich näher mit der fünfjährigen Besatzungszeit der Niederlande und legt einen Schwerpunkt auf die Kollaboration der Holländer mit den Deutschen. Welche Personen oder Gruppen kollaborierten genau? Wie sah diese Art der „Zusammenarbeit“ aus und welche Ziele und Intentionen verfolgten die Partner?

Die fünfjährige Herrschaftszeit der Deutschen über die Niederländer wird als „effektiv“ beschrieben.[1] Insbesondere gilt dies für die ersten zwei Jahre der Besatzung. Die Deportation der jüdischen Bevölkerung gelang in großem Umfang, Ruhe und Ordnung wurde lange bewahrt und die wirtschaftliche Ausbeutung war außerdem sehr erfolgreich. Reichskommissar Seyss-Inquart konnte viele seiner politischen Ziele erreichen, eine Nazifizierung der niederländischen Bevölkerung gelang jedoch nicht. Nur wenig Einheimische verließen den Staat, so dass das holländische Beamtentum erhalten blieb und häufig loyal mit den neunen Machthabern zusammenarbeitete.[2]

2. Zum Begriff Kollaboration

Der Begriff Kollaboration gilt nicht als ein wertneutraler Begriff.[3] Übersetzt bedeutet er Zusammenarbeit. Es vergeht kaum ein Tag, an dem dieses Schlagwort nicht in der Presse auftaucht. Dieses ständige Auftreten steht im ungekehrten Verhältnis zu seinem Erkenntnisgewinn. Häufig meint Kollaboration nur militärische, politische und ideologische Aspekte, so dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge nur am Rande Beachtung finden.

3. Das Reichskommissariat

3.1. Die Eroberung der Niederlande

Nach der Besetzung von Norwegen und Dänemark begann das Deutsche Reich mit der Westoffensive gegen die Benelux Staaten und Frankreich. Im Zuge der Westoffensive griffen am 10. Mai 1940 deutsche Verbände die neutralen Niederlande an. Die Pläne dafür kamen von Generalleutnant Erich von Manstein. Die Operation „Sichelschnitt“ der Heeresgruppe B zwang die Niederlande bereits am 15. Mai zur Kapitulation. Vorausgegangen waren da die Bombardierung Rotterdams und Luftlandeunternehmen.[4] Hitler wendete auch hier die Strategie des Blitzkrieges an, welche sich bereits in Polen bewährt hatte. Bereits am ersten Kriegstag gelang der 18. Armee mit Panzerverbänden ein schneller Vorstoß ins Land hinein, da der Widerstand von Seiten der Niederländer nur gering war. Die Holländer verfügten nicht über einen gemeinsamen Verteidigungsplan mit den Alliierten, da sie darauf hofften, sich wie zuvor im Ersten Weltkrieg auch nun aus dem Kriegsgeschehen heraushalten zu können. Hitlers vorheriges Versprechen, die Neutralität der Niederlande zu wahren, unterstützte diesen Irrglauben. Die niederländische Armee war den deutschen Truppen zahlenmäßig und technisch weit unterlegen, so dass sie immer weiter zurückgedrängt wurde. Anrückende französische Verbände zogen sich nach Belgien zurück, so dass die niederländische Armee bald isoliert dastand. Die letzte Verteidigungslinie der niederländischen Armee war die sogenannte „Festung Holland“ um die Städte Amsterdam, Utrecht und Rotterdam. Die Aussicht auf alliierte Unterstützung schien hoffnungslos und die Bombardierung Rotterdams forderte viele zivile Todesopfer. Am 14.Mai1940 fielen cirka 90 Tonnen Bomben auf Rotterdam nieder. Dabei wurde 25000 Häuser zerstört, über 800 zivile Opfer und 78000 Obdachlose waren die Folgen. Die Deutschen drohten mit anderen Städten genau wie mit Rotterdam zu verfahren, so dass die Niederlande schließlich am 15. Mai 1940 kapitulierten. Königin Wilhelmina floh bereits zwei Tage vor Kriegsende mit der Regierung ins Exil nach London. Sie proklamierte die englische Hauptstadt als neuen Sitz der niederländischen Regierung und wollte so das legale Fortbestehen des Königreichs Niederlande sichern. Die Königin zeigt dann auch im Exil ein ausgesprochenes Fluchtverhalten. So ging sie so gut es ging ihren Ministern aus dem Weg, nach Spannungen litt sie an Krankheiten und versuchte sich abzukapseln und sich herauszureden. Nach dem Krieg erklärte sie, dass es für sie wichtiger war in der Nähe der Alliierten zu sein, als einen legalen Regierungssitz in Niederländisch Ostindien zu beziehen, außerdem war es ihr dort zu warm.[5]

Mit der Flucht nach London wollte die Königin einen Beitrag zu den Kriegsanstrengungen an der Seite der Alliierten leisten. In der realistischen Nachbetrachtung hatte sie aber nie eine gleichberechtigte Rolle neben den Briten und den USA. Ihr Ansehen in London war nicht groß und so hielt man sie aus allen wichtigen Entscheidungen heraus. In der direkten Nachkriegszeit wurde aber gerade ihre Rolle durch die Geschichtsschreibung verändert. Ihre Flucht wurde da als notwendig und richtig und die einzig wahre Lösung beschrieben. Als einen positiven Aspekt kann man dann aber doch den Aufbau eines unabhängigen Radiosenders „Radio Oranje“ in London benennen. Dieser ging ab dem 28. Juli 1940 auf Sendung und wurde als Mittel der Propaganda verwendet. Die Königin versuchte darüber der niederländischen Bevölkerung Mut zu machen und ihr beschädigtes Image zu verbessern.[6] „Radio Oranje“ wird im Verlauf dieser Arbeit noch einmal genannt werden.

Per Führerdekret ging dann am 18. Mai 1940 die oberste Regierungsgewalt im zivilen Bereich, sowohl exekutiv als auch legislativ, auf Dr. Arthur Seyß-Inquart über. Diese Maßnahme, mit der die Besatzer die „tatsächliche Souveränität an sich zog“, verstieß gegen die Haager Friedenskonvention von 1907. Der neuernannte „Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete“, Dr. Seyß-Inquart, ein österreichischer Rechtsanwalt, welcher schon im Jahre 1938 für Deutschland den „Anschluß“ Österreichs geregelt hatte, trat „sein Amt in feierlicher Form am 25. Mai“ an.[7]

Ziel der Besatzungspolitik war es, dass „artverwandte germanische Volk“ der 8,8 Millionen Niederländer systematisch zu nazifizieren, und nach dem Endsieg, die Niederlande in das Großgermanische Reich zu integrieren. Als weiteres Ziel stand die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes und seiner Bevölkerung im Mittelpunkt. Vor dem zweiten Weltkrieg waren die Niederlande einer der größten Nahrungsmittelexporteure Europas. Als weiteren Punkt muss man hier die 100 tausenden Zwangsarbeiter erwähnen, die überall für die Deutsche Industrie arbeiten mussten. Um diese Ziele zu erreichen, versuchten die Deutschen Besatzer einer gemäßigte Verwaltung aufzubauen und durch eine milde Besatzungspolitik diese Ziele zu erreichen. Diese Zurückhaltung hielt aber nur bis 1941 an, danach wurde die Besatzungspolitik zunehmend repressiver.[8]

3.2. Die Niederländische Union

Im Juni 1940 erwachten die niederländischen Parteien aus ihrer Teilnahmslosigkeit, nachdem der Schock der „Maitage“ vorüber war.[9] Ideologische Unterschiede traten nun in den Hintergrund, um über das Bilden einer repräsentativen politischen Einheit zu beratschlagen. Am 1.Juli 1940 trafen sich die Vorsitzenden der Römisch-katholischen Staatspartei, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der Antirevolutionären Arbeiterpartei, der Christlich- Historischen Union und der Demokratischen Staatspartei. Gemeinsam wurde beschlossen, das Nationale Komitee zu gründen. Dieses sollte ein nationaler Block sein, der als politischer Gesprächspartner für die Besatzungsmacht konzipiert war. Ein Maifest wurde ausgearbeitet, das die Unabhängigkeit der Niederlande und Treue zum Königshaus betonte. Diese beiden Grundprinzipien stellten sich als untragbar für die Besatzungsmacht heraus, so dass die Blockbildung vorerst scheiterte.

Trotz aller Unstimmigkeiten über die genaue politische Linie wurde am 24. Juli die Niederländische Union von dem früheren königlichen Kommissar Johannes Linthorst Homan, dem Regierungskommissar für Arbeitsorganisation Jan Eduard de Quay und dem Polizeihauptkommissar von Rotterdam Louis Einthoven gegründet. Von Beibehaltung der Monarchie und der nationalen Unabhängigkeit war nun keine Rede mehr. Vielmehr galt es, sich den aktuellen Gegebenheiten und der Überlegenheit des Deutschen Reichs anzupassen. Wie bereits ursprünglich geplant, war es das Ziel der Unie, während der Besatzung die Rechte und Belange des niederländischen Volkes zu regeln.

Reichskommissar Seyß-Inquart plante die englandfreundliche Einstellung der Niederländer in eine deutschfreundlich zu ändern, so dass enge wirtschaftliche Beziehungen zum „germanischen Brudervolk“ aufgebaut werden können. Er wollte sein Ziel nicht mithilfe der kleinen niederländischen Faschistenparteien erreichen, da diese nur auf minimalen Rückhalt in der Bevölkerung stießen. Vielmehr setzte er seine Hoffnungen auf die Niederländische Union, die nicht nationalsozialistisch orientiert war, sondern eher national und bürgerlich.

Die Niederländische Union entwickelte sich schnell zu der von dem Politiker Hendrikus Colijn, der 1940 in einem Essay („Op de grens van twee werelden“) zur Anerkennung der deutschen Überlegenheit in Europa aufgerufen hatte, geforderten überparteilichen Massenbewegung. Allerdings blieb die offizielle Mitwirkung der Parteien weitestgehend aus. Die Mitgliederzahl stieg in den ersten Wochen dank einer Werbekampagne auf 250000 an. Im Februar des Folgejahres zählte die Partei sogar 800000 Mitglieder. Die Führung der Unie forderte die Anerkennung der Führungsrolle Deutschlands in Europa, so dass eine Basis für politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht geschaffen wurde. Der gewaltige Zuspruch von Seiten der Bevölkerung lässt sich nicht aus dem politisch-ideologischen Konzept der Unie erklären, sondern vielmehr aus der Überzeugung, dass nur eine überparteiliche Einheitsbewegung die Niederländer aus der moralischen und politischen Kriese führen kann.[10] Der Ausfall der parlamentarischen Parteien und die seit Jahren geübte Kritik an den Mängeln der parlamentarischen Demokratie bestärkten den Willen sich für die Unie zu entscheiden. Die konservative Einstellung der Unie-Führung und der propagierte Antikommunismus machten sie zusätzlich attraktiv für viele Bürger. Anhand der Niederländischen Union konnten Niederländer ihrer nationalen Identität Ausdruck verleihen und sich zusätzlich von der NSB distanzieren.[11] Das Entstehen dieser Massenpartei war überhaupt erst möglich gewesen, da der Reichskommissar die Absicht verfolgte, sich eine größt mögliche Basis in der Bevölkerung zu verschaffen. Dies sollte sein Konzept von der „Selbstnazifizierung“ zum Durchbruch verhelfen. Die Unie war nicht die von Seyss-Inquart erhoffte Kollaborationsbewegung, sondern vielmehr ein heterogenes Gebilde, das sowohl Kollaborateure als auch Elemente des späteren Widerstandes beinhaltete.[12]

[...]


[1] Vgl. Hirschfeld, Gerhard: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940–1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, S.8

[2] Vgl. Johannes Houwink Ten Cate: Der Befehlshaber der Sipo und des SD in den besetzten niederländischen

Gebieten und die Deportation der Juden 1942-1943, In Benz (Hrsg): Die Bürokratie der Okkupation. Strukturen

der Herrschaft und Verwaltung im besetzten Europa. Metropol, Berlin 1998 S.197

[3] Vgl. Hirschfeld, Gerhard: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940–1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, S.7

[4] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/niederlandebes/index.html, Stand 23.01.2010

[5] Vgl. van der Zee, Nanda: „Um Schlimmeres zu verhindern...“ Die Ermordung der niederländischen Juden: Kollaboration und Widerstand. Carl Hanser Verlag. München 1999, Seite 215

[6] Ebenda, Seiten 245-248

[7] Vgl. Freiherr du Prel, Max, Janke, Willi (Hrsg): Die Niederlande im Umbruch der Zeiten, Würzburg 1941, Seite 83

[8] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/kriegsverlauf/niederlandebes/index.html, Stand 23.01.2010

[9] Hirschfeld, Gerhard: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940–

1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, S.45

[10] Vgl. Hirschfeld, Gerhard: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940–1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, S.197

[11] Vgl. Kwiet, Konrad: Reichskommissariat Niederlande. Versuch und Scheitern nationalsozialistischer Neuordnung.Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968, S. 119

[12] Vgl. Hirschfeld, Gerhard: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940–1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984, S.198

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kollaboration im Reichskomissariat Niederlande
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V158039
ISBN (eBook)
9783640715121
ISBN (Buch)
9783640715428
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Niederlande, Kollaboration
Arbeit zitieren
Silvan Schütt (Autor), 2009, Kollaboration im Reichskomissariat Niederlande, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158039

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