Die Bedeutung der Minne in Kreuzliedern des späten 12. Jahrhunderts


Examensarbeit, 2002
79 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gattung Minnesang
2.1. Entstehung und Entwicklung des Minnesangs
2.2 Das Gattungsproblem ´Kreuzlied`

3. Politische und gesellschaftliche Situation
3. 1. Die politische Situation: Die Kreuzzüge
3. 1. 1. Der Dritte Kreuzzug 1187- 1192
3. 1. 2. Der Vierte Kreuzzug (1198- 1204)
3. 2. Die gesellschaftliche Situation: Das Rittertum
3. 3. 1. Ursprung und Entwicklung des Ritterbegriffs
3. 2. 2. Das ritterliche Tugendsystem
3. 2. 3. Der Frauendienst
3. 2. 4. Die Dichter

4. Minnekreuzlieder des späten 12. Jahrhunderts
4. 1. Friedrich von Hausen
4. 2. Albrecht von Johansdorf
4. 3. Hartmann von Aue
4. 4. Heinrich von Rugge

5. Argumente der Kreuzpredigt

6. Fazit

7. Bibliographie
7. 1. Primärtexte
7. 2. Sekundärtexte

1. Einleitung

Über zwei Jahrhunderte prägten die Kreuzzüge die abendländische mittelalterliche Welt. Neben politischen und gesellschaftlichen Veränderungen hatten die Kreuzzüge auch Einfluss auf die Literatur in Frankreich, England und Deutschland. Parallel zu den Kreuzzugspredigten und –aufrufen aus kirchlichen und geistlichen Kreisen entstand in diesen Ländern volkssprachliche Literatur, die sich gleichfalls mit dem Thema der Kreuzfahrt und Kreuznahme beschäftigte.

Diese von weltlichen Dichtern verfasste Dichtung verband die religiösen Motive der Kreuzfahrt mit weltlichen Themen, vorrangig mit dem Motiv der Minne. Die Verbindung dieser beiden Themenbereiche in der hochhöfischen Dichtung am Ausgang des 12. Jahrhunderts soll hier Thema sein. Dabei stellt sich vor allem die Frage, welche Bedeutung der Minne in den mittelhochdeutschen Liedern zuzuschreiben ist und welche Funktion sie in den Liedern übernimmt.

In der Forschung zu mittelhochdeutschen Minnekreuzliedern lassen sich vor allem zwei Positionen festmachen. Zum einen wird davon ausgegangen, dass die Minne nur Mittel und Zweck für eine von den Dichtern intendierte Kreuzzugspropaganda ist. Das bedeutet, dass das höfische Publikum durch das ihm bekannte Motiv der Minne zur Kreuznahme und –fahrt motiviert werden soll.

Die andere Position vertritt die Ansicht, dass die Dichter unter dem Eindruck eines Kreuzzugsaufrufes oder eines Kreuzzuges literarisch einen Konflikt auf persönlicher Ebene darstellen. Die Minne wird bei dieser Position im Hinblick auf ihre Intention ernst genommen und das Phänomen der Minne öffnet sich ins Persönliche und Private. Das Publikum soll bei dieser These nicht explizit zum Kreuzzug aufgefordert werden.

Diese beiden Positionen sollen im Folgenden durch die Interpretation ausgewählter Lieder einander gegenüber gestellt und beurteilt werden. Es ist allerdings zu beachten, dass die Lieder nicht pauschal beurteilt werden können, da bei den einzelnen Dichtern große Unterschiede in der Behandlung der Thematik zu verzeichnen sind. Die Lieder der verschiedenen Dichter akzentuieren sehr unterschiedlich und eine pauschalisierende Antwort, die auf alle Lieder zutrifft, kann nicht gegeben werden. Eine autorspezifische Untersuchung ist von daher unerläßlich, es lassen sich lediglich übergreifende Tendenzen innerhalb der Lieder darstellen.

Der Einzelinterpretation der Lieder sollen einige allgemeine Themenbereiche vorangestellt werden, da sie als Grundlage dienen, um die Lieder aus historischer und literaturwissenschaftlicher Sicht umfassend betrachten zu können. Zunächst ist es notwendig, einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Gattung Minnesang zu geben, da die hier zu betrachtenden Lieder das Bild der Minne in der höfischen Zeit repräsentieren. Ebenfalls bilden der Frauendienst und das Verständnis desselben für die Dichter der Kreuzlieder die Grundlage für eine umfassende Interpretation. Die Arbeit von Kasten[1] gibt eine guten Überblick über die verschiedenen Phasen des Minnesangs und wird für diese Betrachtung herangezogen werden.

Das Problem der Gattung muss erörtert werden, da eine Forschungskontroverse über die Einordnung der Lieder in die Gattung ´Kreuzlied` besteht, die Einfluss auf die Bedeutung der Minne in den Liedern hat. Die umfangreiche Arbeit Hölzles[2] soll dabei den Arbeiten von Ortmann[3] und Wentzlaff- Eggebert[4] gegenüber gestellt werden, die bei der Definition der Gattung zu unterschiedlichsten Ergebnissen gekommen sind und jeweils andere Lieder als zur Gattung zugehörig einordnen.

Die Kreuzlieder mit Minnethematik entstammen alle der Zeit zwischen 1180 und 1200 und entstanden unter dem Eindruck des Dritten oder Vierten Kreuzzuges. Aus diesem Grund ist eine Darstellung der politischen Ereignisse unerläßlich. Gleichzeitig sind die Dichter, ebenso wie ihr Publikum, Träger des sich entwickelnden Ritterstandes. Dessen Ideale und sein Weltbild sind eine wichtige Voraussetzung, um die entstandenen Kreuzlieder interpretieren zu können. Für die Darstellung dieses Themengebietes sollen vor allem Ehrismann[5], Bumke[6], Fahrner[7] und de Boor[8] herangezogen werden, da in ihren Arbeiten die Grundlagen des Ritterstandes umfassend dargestellt werden.

Friedrich von Hausen, Albrecht von Johansdorf, Heinrich von Rugge und Hartmann von Aue haben Lieder verfasst, die im Folgenden betrachtet werden. Aus deren Werk werden repräsentative Lieder ausgewählt, die die Grundtendenz der Lieder deutlich machen, da eine Interpretation aller verfassten Kreuzlieder den Rahmen der Arbeit sprengen und von der Fragestellung wegführen würde. Es existieren weitere Kreuzlieder mit Minnethematik, so zum Beispiel von Reinmar dem Alten und von Walther von der Vogelweide; doch dienen diese Lieder nicht unbedingt dazu, die Frage nach der Funktion der Minne in gänzlich anderer Richtung zu beantworten. Sie werden aus diesem Grund außen vor bleiben.

Wentzlaff- Eggeberts Arbeit über die Kreuzzugsdichtung des Mittelalters[9] bietet einen umfassenden Überblick über die einzelnen Lieder der genannten Dichter, ebenso wie die Arbeiten von Hölzle[10] und Ingebrand[11], die die Kreuzlieder der Minnesänger zum thematischen Schwerpunkt ihrer Diskussion machen.

Für die Interpretation der Lieder Friedrichs von Hausen sind zusätzlich die Arbeiten von Schnell[12] und Haubrichs[13] für die Bearbeitung der Thematik von Bedeutung. Die Lieder Albrechts von Johansdorf wurden umfassend von Bergmann[14], Ortmann und Ragotzky[15], sowie von Raitz[16] beurteilt. Mertens[17], Reusner[18], Ortmann[19] und Schnell[20] sind grundlegend für die Interpretation der Lieder Hartmanns von Aue und der Kreuzleich sowie das Kreuzlied Heinrichs von Rugge wird hauptsächlich von Raitz[21] beurteilt.

Abschließend werden die in den Liedern auftretenden Motive zum Kreuzzug mit den Predigten und Aufrufen des 12. Jahrhunderts in Beziehung gesetzt. Die neuere Forschung hat sich mit dem Zusammenhang von Kreuzpredigt und Kreuzlied nicht intensiv auseinander gesetzt und die Inhalte der Predigten, Sendschreiben, Bullen und Aufrufen treten in den meisten Arbeiten nur am Rande auf. Lediglich Wentzlaff- Eggebert[22], aber vor allem Wolfram[23] beschäftigen sich mit den Argumenten der Predigttexte und beziehen sie auf die volkssprachliche literarische Entwicklung. Diese beiden Arbeiten bilden daher die Grundlage für die Verbindung der Argumente in den Predigten mit den Liedern des späten 12. Jahrhunderts. Die Argumentation der Predigten und Aufrufe findet sich an vielen Stellen in den Liedern, doch welchem Zweck dient sie?

Grundlage der im späten 12. Jahrhundert entstandenen Lieder ist auf der einen Seite die Kreuzzugspropaganda und andererseits der Minnesang. Doch ist der Grund für die Verflechtung dieser beiden großen Themenkomplexe nicht problemlos und offensichtlich zu erkennen. Die Antwort auf diese Frage können nur das mittelalterliche Weltbild, die Umstände der Entstehung und eine umfassende Interpretation der Lieder geben.

2. Die Gattung Minnesang

2.1. Entstehung und Entwicklung des Minnesangs

In Deutschland entwickelt sich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts neben der geistlichen Dichtung allmähliche eine weltliche. An den deutschen Höfen löste man sich nach der Katastrophe des verlorenen Zweiten Kreuzzuges von der „geistlichen kulturellen Vorherrschaft“[24] und in der sich entwickelnden Hofkultur entstand eine volkssprachliche, weltliche Literatur. „Ein besonderes Kennzeichen der neuen höfischen Dichtung ist die Vorherrschaft der Minnethematik.“[25]

Die erste Phase des Minnesangs ist der um 1150/60 entstehende sogenannte donauländische Minnesang, bei dem noch kaum romanische Einflüsse erkennbar sind. Die Struktur dieser Minnelieder steht noch in der „Tradition der heimischen volkssprachlichen Dichtung“[26], die Lieder bestehen größtenteils aus einzelnen Strophen, in der Form dominieren Langzeilen, wie die der Nibelungenlied- Strophe. Inhaltlich unterscheiden sich die Lieder des frühen Minnesangs von den Liedern der Trobadors, da hier nicht nur der Mann, sondern auch die Frau Träger der Liebeserfahrung ist. Die Frauenstrophen bilden innerhalb der Lieder sogar einen wichtigen Bestandteil und stehen mit den Männerstrophen „formal und inhaltlich im Zusammenhang“[27]. Die Liebe von Mann und Frau steht in den Liedern im Widerspruch zu den Normen der herrschenden Moral, der Liebe sind Aufsichtsinstitutionen zur Seite gestellt, die die gesellschaftliche Moral repräsentieren und die Vereinigung der Liebenden verhindern.

Die Frau erlebt die Liebe eher als Leid und als Verzicht, sie kann nichts anderes tun, „als Treue und Liebe trotz der Trennung zu beschwören“[28]. Für den Mann stellt sich die Liebeserfahrung vollkommen anders dar. Durch die Liebe wird sein ritterliches Selbstwertgefühl erhöht, die Liebeserfahrung ist für ihn „exklusiver Zeitvertreib“, die einen Anlaß bietet, „Lebensart und Kompetenz des <ritterlichen> Mannes unter Beweis zu stellen.“[29] Als die ältesten Minnesänger gelten unter anderem Der von Kürenberg, Dietmar von Aist sowie Meinloh von Sevelingen.

Die zweite Phase des Minnesangs ist zeitlich auf 1170- 1190/1200 zu datieren[30] und steht in enger Verbindung mit dem Stauferhof. Diese erste Hochphase wird als ´rheinischer Minnesang` bezeichnet und in dieser Zeit vollzieht sich die „Romanisierung des Minnesangs“[31]. Ein führender Vertreter dieser Dichtung ist Friedrich von Hausen, als weitere bedeutende Dichter gelten Ulrich von Gutenberg, Kaiser Heinrich VI., Graf Otto von Botenlouben, Heinrich von Veldecke und Heinrich von Rugge.

Formal nähert sich die Dichtung der romanischen Formkunst an, schwierige Reimschemata und anspruchsvollere Formen werden bevorzugt. Die romanische Strophenform wird übernommen, variiert oder imitiert. Die neue Strophenform ist die dreigliedrige romanische Kanzonenstrophe, die mit dem Aufgesang, bestehend aus zwei gleichen Teilen, den Stollen, beginnt und dem kürzeren, anders gebauten Abgesang endet. Die Lieder bestehen nun zumeist aus mehreren zusammenhängenden Strophen.

In den Mittelpunkt der Lieder tritt thematisch die Hohe Minne, auch diese Entwicklung ist auf den romanischen Einfluss zurückzuführen. Träger der Hohen Minne als Liebeserfahrung ist nun ausschließlich der Mann, Frauenstrophen finden sich in diesen Liedern nur noch sehr selten. In den Liedern klagt der Mann über die Gleichgültigkeit der Frau und verleiht seinem Leid über die unerfüllte Liebe Ausdruck. Gleichzeitig beteuert er, am Ziel der Werbung, trotz Vergeblichkeit, festzuhalten. Das Bild der Frau verändert sich, sie wird zur sittlich hoch über dem Mann stehende Dame und erscheint als Inbegriff der Tugend, dadurch wird sie für den Mann unerreichbar. Der Frauendienst, auf den ich später im einzelnen zu sprechen komme, wird in diesen Liedern zum Konzept.

Im sogenannten Klassischen Minnesang, er setzt um 1200, der zweiten Hochphase des Minnesangs ein, deren Repräsentanten vor allem Heinrich von Morungen, Hartmann von Aue, Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide sind, erfährt der Minnesang und die Hohe-Minne-Ideologie eine „virtuose Weiterentwicklung“[32]. Es kommt in dieser Phase zu einer intensiveren literarischen Diskussion, die sich besonders anhand der Dichterfehden zeigt. Die intertextuellen Bezüge verstärken sich und es kommt zur Bildung von Liederreihen sowie zur Ästhetisierung des Frauendienstes. Bereits in dieser Phase beginnt die Kritik gegen die übertriebene Stilisierung des Frauenbildes und des unerfüllten Werbens ohne eine Hoffnung auf Lohn, vor allem durch Walther von der Vogelweide, der in seinen Mädchenliedern die Niedere Minne preist.

Der späte Minnesang ist durch die Abkehr vom Ideal der Hohen Minne geprägt. Die Hohe Minne ist „zwar überall präsent, aber nicht mehr Gegenstand einer substanziellen Auseinandersetzung.“[33] Neidhart von Reuental persifliert in seinen Sommer- und Winterliedern die Inhalte des hohen Minnesangs und verfremdet sie in dörperliche Poesie, in der der Bauer als Gegenentwurf zum höfischen Ritter dargestellt wird. „Konstitutiv für die Lieder Neidharts ist der Gegensatz zwischen dem <ritterlichen> Sänger, der jedoch keine normative Instanz mehr repräsentiert und der <dörperlichen> Welt, in die er hineingestellt ist.“[34]

Die hier zu betrachtenden Minnekreuzlieder sind fest in der Tradition der Ideologie der Hohen Minne verwurzelt und Repräsentanten dieser Phase des Minnesangs.

2.2 Das Gattungsproblem ´Kreuzlied`

Der Gattungsbegriff ´Kreuzlied` und die Frage nach den Aspekten, die ein Lied zu einem Kreuzlied machen, wirft in der Forschung einige Fragen auf. So ist weder der Begriff ´Kreuzzug`, noch die Bezeichnung ´Kreuzlied` in mittelhochdeutschen Zeugnissen häufig zu finden. Beide Begriffe werden in den meisten Fällen durch heute ungebräuchliche Bezeichnungen umschrieben.

Die Bezeichnung ´Kreuzlied` findet sich in der Literatur des Mittelalters nur einmal bei Reinmar dem Videler als „crúzeliet“ in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift.[35] Ebenso ist die Bezeichnung ´Kreuzzug` im Mittelalter weitgehend ungebräuchlich. In Jan Enikels „Fürstenbuch“ gibt es die Bezeichnung „kruize vart“[36], doch scheint die geläufigere Bezeichnung für den Kreuzzug gotes verte (Hausen MF 48,18) oder varn über mer (Johansdorf MF 87,16) zu sein.[37] Erst im 18. Jahrhundert gewinnt die Bezeichnung ´Kreuzzug` an Popularität und wird allgemein gebräuchlich.

Neben der Frage nach dem Begriff ´Kreuzzug` besteht in der historischen Forschung keine Einigkeit über die Definition des Phänomens Kreuzzug. In der Interpretation der Kreuzzüge erhält der Begriff entweder extensive oder restriktive Definitionen, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen, da sie für die Eingrenzung des Gattungsbegriffes ´Kreuzlied` durchaus von Interesse sind. Stellvertretend sollen hier zwei gegensätzliche Definitionsansätze vorgestellt werden.

Nach Claude Cahens ist der Kreuzzug „a war for the defence or liberation of opressed coreligionists“[38] und damit ist eine extensive Sicht auf die Kreuzzüge intendiert, da Cahen keine geographische Eingrenzung der Kreuzzugsunternehmungen vornimmt. Eingeschlossen sind neben den Kreuzzügen ins Heilige Land auch die innereuropäischen Kriege gegen Ketzer, wie beispielsweise die Kämpfe gegen die Waldenser in Frankreich und die Reconquista in Spanien.

Mayer hingegen fasst die Kreuzzugsdefinition wesentlich enger. Der Kreuzzug ist für ihn „(...) ein Krieg, der vom Papst ausgeschrieben wird, in dem das Gelübde verlangt, der Ablaß und die weltlichen Privilegien bewilligt werden und der (das scheint wesentlich) auf die Erlangung eines ganz bestimmten, geographisch fest umrissenen Zieles gerichtet ist: auf die christliche Herrschaft über das Grab in Jerusalem.“[39] Die geographische Fixierung auf Jerusalem zeigt den restriktiven Charakter dieser Definition. Die mittelalterlichen Zeugnissen zeigen jedoch häufig, dass alle kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Heiden, Ketzer und Schismatiker von Päpsten und Geschichtsschreibern als Heilige Kriege, und damit als Kreuzzüge, verstanden wurden. „Dafür bürgt der bedeutendste mittelalterliche Kreuzzugshistoriker, Wilhelm von Tyrus, der den fünf Jahrhunderte zurückliegenden Krieg zwischen Byzantinern und Persern im Vorderen Orient (610- 629 n. Chr.) in seine Geschichte der Kreuzzüge einschließt.“[40] Ebenso definieren Heinrich von Segúisa und Thomas de Cantimpré in ihren Werken die heiligen Kriege gegen Ketzer und Schismatiker genauso als Kreuzzüge wie die Züge zur Befreiung Jerusalems.[41]

„Eine solchermaßen extensiv gefasste Kreuzzugsdefinition hat die ebenso extensive Definition des Kreuzliedes zur Folge.“[42] Ein Kreuzlied ist folgerichtig ein Lied, dass den Krieg gegen die Heiden im Allgemeinen zum Thema hat. Doch auch diese Position ist in der Forschung umstritten, vor allem wenn es um die Einordnung bestimmter Lieder in die Gattung ´Kreuzlied` geht. Auch hier steht einer eng gefassten Definition eine weitläufigere gegenüber.

Schneider und Wentzlaff- Eggebert fassen die Kreuzzugsliteratur sehr weitläufig und erkennen alles als Kreuzzugsdichtung an, was „den Kreuzzugsgedanken in poetischer Form“[43] vertieft. Desgleichen auch Müller. Für ihn gilt „jede Dichtung, die in irgendeiner Weise das bellum Deo auctore oder die Pilgerfahrt ins Heilige Land zum Thema hat“[44] als Kreuzzugsdichtung. Und auch Böhmer schließt sich der weiter gefassten Definition an und wählt anhand dieser die von ihr betrachteten Lieder aus.

Dem widerspricht Hölzle, dessen Kreuzlieddefinition die deutschen, okzitanischen, französischen und lateinischen Lieder umfasst. Kreuzlieder sind dementsprechend die Lieder, „die in der Mehrzahl ihrer Strophen oder Verse mit direkten und / oder indirekten Appellen (...) oft in Parallele zur Kreuzpredigt zur Kreuzfahrt aufrufen.“[45]

Mit diesen beiden Definitionen kommt es zu durchaus unterschiedlichen Einordnungen der Lieder in die Gattung ´Kreuzlied` und so erfüllt beispielsweise nur ein Lied der Auswahl Wentzlaff- Eggeberts in den Studien zur Kreuzzugslyrik[46] die Forderung Hölzles, wie Ranawake anmerkt.[47] Das Problem der Einordnung ist offensichtlich. Während Hölzle eine quantitative Definition bevorzugt, wird in anderen Publikationen dem inhaltlichen Aspekt Rechnung getragen. Die im Folgenden behandelten Kreuzlieder ergeben sich aus der weitgefassten Definition, sind also Lieder, die in irgendeiner Weise das Thema Kreuzzug ansprechen. Die Frage danach, inwieweit die Definition überzeugend ist, oder welche Aspekte für die andere Definition sprechen, soll hier nicht gestellt werden, da sie nicht Thema der Arbeit ist.

Inhaltlich lassen sich die Kreuzlieder in drei verschiedene Bearbeitungsarten unterteilen. Zum einen entstehen geistliche Propagandalieder. Die darin vorgetragenen Gedanken erinnern an die zeitgenössische Predigt. Thema der Lieder ist der Zorn Gottes über die Sünden der Menschen und der daraus resultierende Verlust des Heiligen Landes. Gleichzeitig wird der Anspruch auf die ewige Seligkeit verdeutlicht, wenn der Angesprochene am Kampf um das Heilige Land teilnimmt. Neben recht unpersönlichen Liedern, wie Bruder Wernhers Lied ich wil dem kriuze singen..., stehen Lieder mit einer Verbindung von Predigtinhalt und individuellen Motiven zur Kreuzfahrt. Zum Teil klingen in den Minnekreuzliedern auch diese Themen an, dies variiert jedoch bei den einzelnen Dichtern und ist nicht Hauptthema des Liedes.

Eine weitere inhaltliche Variante ist die politische Kreuzzugsdichtung. Diese ist meist in Spruchform überliefert. Die strittige Frage nach der Definition von Lied und Spruch soll hier keine weitere Erwähnung finden. Besonders bedeutsam sind hier die politischen Sprüche Walthers von der Vogelweide, in denen Papst und Kaiser hinsichtlich der Kreuzzugsunternehmungen gelobt oder getadelt werden. Doch bleibt auch bei diesen Sprüchen „trotz politischer Seitenhiebe die geistliche Thematik erhalten“.[48]

Einen weiteren umfangreichen Bereich nehmen die von Schneider und Wentzlaff- Eggebert als „Abschiedslieder“[49] bezeichneten Texte ein. Dijkstra und Gosman unterteilen die Kreuzlieder in Aufrufslieder und „emotionally coloured texts like the seperation songs“.[50] Diese Lieder greifen andere literarische Bereiche der höfischen Gesellschaft auf und verbinden sie mit dem Problem des Kreuzzugs. Der Kreuzzug ist hier nicht mehr nur der Kampf um das Heilige Land, auch die für den Kreuzritter auftretenden Probleme vor oder während der Kreuzfahrt werden thematisiert. Ortmann deutet in ihrer Definition an, dass Kreuzlieder Lieder sind, „die die Situation der Kreuzfahrt (Ferne) oder Kreuznahme (Abschied) ansprechen.“[51] Die Kreuzzugsthematik wird besonders in den letzten beiden Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts mit der Minnethematik verwoben. In der höfischen Liedkunst der Romania besteht diese Themenverbindung bereits und deren Tradition wird in Deutschland übernommen. Träger dieser Minnekreuzlieder sind die höfischen Minnedichter und in den Liedern wird die Problematik der Minne in direkten Zusammenhang mit der Situation des Kreuzzugs gesetzt. Entscheidend für diese Textart ist, dass „the traditional elements/themes are confronted with references to a recognizable outside world“.[52] Thematisch können die Minnekreuzlieder, im Unterschied zum Minnelied also, „auf die politische Aktualität konkreter Kreuzzugsunternehmen bezogen sein.“[53] Die Situation des Abschiednehmens bietet sich für eine derartige Themenverknüpfung besonders an. So verdeutlichen die Lieder einerseits das persönliche Problem des lyrischen Ichs, und dienen andererseits dazu, zur Kreuznahme und zum Kreuzzug aufzurufen, wie es auch andere Texte, zum Beispiel die Kreuzzugspredigten, tun. Ob die Minne in den Kreuzliedern nur dazu verwendet wird, um einen Kreuzzugsaufruf durch eine traditionelle lyrische Form darzustellen, oder ob auch eine persönliche Intention des Dichters dahintersteht, soll im Folgenden geklärt werden.

Die Kreuzlieder mit Minnebezug werden in jedem Falle in den „Kontext der Gattung Minnesang“[54] gestellt und stellen eine „Situationsvariante des hohen Minneliedes“[55] dar. Die Entscheidung zur Kreuzfahrt ist in den Liedern bereits gefallen. Es wird die ritterliche Bewährung im Gottesdienst mit der ritterlichen Bewährung im Minnedienst konfrontiert und nach einer möglichen Lösung dieses Konfliktes gesucht. Die Minnedichter kommen, wie wir noch sehen werden, zu durchaus unterschiedlichen Lösungen dieser Problematik. „Die Situation der Kreuzfahrt bzw. Kreuznahme ist (...) strukturiert durch den minnesangspezifischen Appell des Dienstes.“[56] Und der Dienst als Teil der ritterlichen Lebensform wird in den Minnekreuzliedern diskutiert und verdeutlicht, wobei die höfischen Verhaltensformen mit der Frage des Gottesdienstes konkurrieren.

3. Politische und gesellschaftliche Situation

3. 1. Die politische Situation: Die Kreuzzüge

3. 1. 1. Der Dritte Kreuzzug 1187- 1192

Obwohl die zeitliche Einordnung vieler Minnekreuzlieder schwierig ist, beziehen sie sich häufig auf bestimmte Kreuzzugsunternehmungen. Besonders in den politischen Sprüchen, aber auch vor dem Hintergrund der Abhängigkeit der Dichter von Gönnern, wird der Bezug der Kreuzlieder auf historische Ereignisse deutlich. Albrecht von Johansdorf, Friedrich von Hausen, Hartmann von Aue und Heinrich von Rugge beziehen sich in ihren Liedern mit Sicherheit auf den Dritten (1187- 1192) oder den Vierten (1198- 1204) Kreuzzug, da sich die Lebensdaten dieser Dichter im Zeitraum zwischen 1150 und 1230 ansiedeln lassen. Die Kreuzlieder können jedoch in den wenigsten Fällen konkret auf einen der beiden Kreuzzüge datiert werden. „Die Hauptphase der mhd. Kreuzzugslyrik (des 12. Jh.s.) dürfte im Vorfeld (>Hoftag Jesu Christi<, 1187) und Umkreis des 3. Kreuzzuges (...) anzusetzen sein, (...)“[57] Sicher lassen sich jedoch nur die Lieder Friedrichs von Hausen einordnen, da sein Tod auf dem Kreuzzug 1190 bezeugt ist, ebenso wie der Leich Heinrichs von Rugge, der eine Klage auf den Tod Friedrich Barbarossas ist, also in jedem Falle nach 1190 entstanden ist.

Die folgende Darstellung der politischen Situation am Ende des 12. Jahrhunderts und der historischen Ereignisse des Dritten und Vierten Kreuzzuges ist notwendig, um die Minnekreuzlieder in ihren historischen Kontext stellen zu können.

Nach dem fatalen Ende des Zweiten Kreuzzuges (1145- 1149) war Europa zunächst kreuzzugsmüde. Doch mehrten sich seit den sechziger Jahren des 12. Jahrhunderts die Hilferufe der Kreuzzfahrerstaaten aus dem Heiligen Land. Für Friedrich I. Barbarossa (1152- 1190) war die politische Situation im Reich für einen weiteren Kreuzzug zu diesem Zeitpunkt nicht günstig. Seit 1158 war er mit der Wiederherstellung der Reichsrechte in Italien beschäftigt, die ihn in militärische Auseinandersetzungen mit den lombardischen Städten verwickelten und erst 1183 im Konstanzer Frieden beigelegt werden konnten. Zwischen 1159 und 1177 kam es zudem zu Auseinandersetzungen mit Papst Alexander III., und im Reichsinnern hatte Friedrich I. mit dem welfischen Fürsten Heinrich dem Löwen und der Opposition zu kämpfen.

Erst 1184, als Friedrich I. auf dem Mainzer Pfingstfest seine Macht präsentieren konnte, war er für Kreuzzugsunternehmungen abkömmlich und diese zählten dann auch in seinen Interessensbereich, da er erkannte, dass „es dem kaiserlichen Ansehen sehr abträglich wäre, wenn der Kreuzzug allein den westeuropäischen Herrschern überlassen bliebe.“[58]

1184 schickte das Heilige Land eine außerordentliche Gesandtschaft nach Europa, um den dortigen Machthabern den Ernst der Lage vor Augen zu führen. In Verona traf die Gesandtschaft im November 1184 mit dem Papst und mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa zusammen und Barbarossa versprach dort für 1186 einen Kreuzzug. In Frankreich und England blieb die Gesandtschaft mit ihrer Bitte um Hilfe erfolglos.

Die verlorene Schlacht bei Hattin im Sommer 1187 brachte in der europäischen Politik einen Umschwung und der Erste, der das Kreuz nahm, war Richard Löwenherz, Graf von Poitou, gegen den Willen seines Vaters Heinrich II. Nun wurde auch die öffentliche Meinung durch vielfältige Weise in Begeisterung versetzt. „Die Dichter verfassten Kreuzlieder und elegische Klagen über den Fall von Jerusalem in Latein und in den Volkssprachen; (...) aus Tyrus kamen unablässig Lageberichte und Hilferufe.“[59] Die Kardinallegaten Heinrich von Albano und Joscius von Tyrus konnten einen unverhofften Ausgleich im Konflikt zwischen England und Frankreich erreichen, so dass die Könige beider Reiche im Januar 1188 das Kreuz nahmen. Der Kaiser nahm auf dem Hoftag Jesu Christi zu Mainz das Kreuz, nachdem sich ihm dort sein Gegner, Erzbischof Philipp von Köln, unterwarf. Da Friedrich I. Barbarossa sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Macht befand und alle seine Gegner unter seine Kontrolle gebracht worden waren, „verband sich in dem Kreuzzugsplan persönliches Frömmigkeitsstreben mit dem Wunsch nach einer letzten krönenden Dokumentierung seiner kaiserlichen Macht.“[60] Im Gegensatz zu den vorherigen Kreuzzugsunternehmungen „trat hier zum ersten Mal die Kreuzzugsidee in Verbindung mit der Machtpolitik eines weltlichen Herrschers.“[61]

Das Kreuzheer brach am 11. Mai 1189 von Regensburg aus auf und traf bereits in byzantinischem Gebiet auf Schwierigkeiten, da sich der byzantinische Kaiser Isaak II. Angelos (1185- 1195) in ein Doppelspiel zwischen Saladin und Barbarossa begeben hatte. Doch konnte sich das Kreuzfahrerheer gegen Byzanz erfolgreich zur Wehr setzen.

In Anatolien kam es zu weiteren, diesmal großen Verlusten, und als das Heer das christliche Kleinarmenien erreichte, ertrank der Kaiser am 10. Juni 1190 im Fluss Salef. „Des Kaisers Tod ließ den deutschen Kreuzzug völlig zusammenbrechen.“[62] Das stark dezimierte deutsche Heer kam im Oktober 1190 in Akkon an, spielte aber beim weiteren Verlauf des Kreuzzuges keine Rolle mehr und ging im englisch- französischen Heer auf. Doch konnte auch von hier kein grundlegender Erfolg erzielt werden. „Persönlicher Ehrgeiz und ritterliche Freude am Kampf bestimmten (...) die Kriegführung Richard Löwenherz`, des späteren Führers des dritten Kreuzzuges.“[63] Es gab keinen einheitlichen strategischen Plan und die Kräfte des Heeres wurden dabei zersplittert und konnten sich gegen die Macht von Saldins Heer nicht durchsetzen. Die Erfolge im Heiligen Land blieben dem entsprechend gering: so wurde lediglich ein Waffenstillstand auf drei Jahre erreicht, der den Pilgern einen ungestörten Zugang zu den heiligen Stätten zusicherte.

Der bereits verlorene zweite Kreuzzug bewirkte, dass man in Europa den Islam als eigenständige Weltmacht mehr und mehr anerkannte und begann, die islamischen Kräfte als ebenbürtig anzusehen. Die Person des Sultans Saladin trug sicherlich viel zu diesem neuen Bild bei, „der in der zeitgenössischen Überlieferung als eine kultivierte ritterliche Gestalt erscheint.“[64] Dies zeigt sich auch in den Verträgen Friedrich Barbarossas mit mohammedanischen Herrschern und den Waffenstillstandsverhandlungen Richard Löwenherz` am Ende des dritten Kreuzzuges. Die Herrscher demonstrierten eine Haltung, „die der Vernichtungsparole der ersten beiden Kreuzzüge genau entgegengesetzt ist.“[65] Wichtig erscheint hier, dass die Kreuzzüge nun nicht mehr ausschließlich den Charakter reiner Glaubenskriege trugen, sondern sich immer mehr den Machtkämpfen zwischen weltlichen und geistlichen Herrschern anglichen, in denen nicht mehr das große Ziel der Befreiung Jerusalems vorrangig war, sondern günstig erscheinende Einzelunternehmungen an Bedeutung gewannen.

3. 1. 2. Der Vierte Kreuzzug (1198- 1204)

Kurz nach der Niederlage des Kreuzfahrerheeres plante der deutsche Kaiser Heinrich VI. (1190- 1197) bereits einen neuen Kreuzzug, bei dem „sehr stark politische Motive mitspielen.“[66] 1194 verlobte er seinen Bruder Philipp mit der Tochter des byzantinischen Kaisers Isaak II. Angelos. Diese Verbindung verschaffte der Familie einen dynastischen Erbanspruch auf Byzanz. Als Isaak II. Angelos den Thron an seinen Bruder Alexios III. (1195- 1203) verlor, bekam Heinrich VI. die Chance, den Druck auf Byzanz zu verstärken. Ostern 1195 nahm Heinrich VI. das Kreuz und ließ ohne Wissen des Papstes zum Kreuzzug aufrufen. Da die politische Lage im Orient jedoch durch den Tod Saladins 1193 günstig war, unterstützte der Papst das Kreuzzugsunternehmen wenige Monate später. Durch die Festigung des staufischen Anspruchs in Oberitalien und in Sizilien, sah sich der Papst in einer ihn gefährdenden Umklammerung und die „Kreuznahme diente Heinrich dazu, Verhandlungen mit dem Papst zu erzwingen und gleichzeitig seine Herrschaftsansprüche im Orient durchzusetzen.“[67] Religiöse Motive spielten in diesem Kreuzzug keine Rolle mehr, die religiöse Begeisterung der Ritter wurde in den Dienst der staufischen Machtpolitik gestellt. So stellte der Kaiser ein eigenes Söldnerheer auf, welches auf den Kaiser verpflichtet wurde, doch dürfen die Truppen nicht unbeachtet bleiben, die auch hier noch den Kreuzzug nutzten, um im Dienste Gottes das Heilige Land von den Heiden zu befreien und dadurch ewiges Seelenheil zu erlangen. Dieser Kreuzzug wurde allerdings nicht zu Ende geführt, da Heinrich im September 1197 unerwartet starb und dem Reich nur ein Kind als Nachfolger hinterließ.

1198 wurde Innocenz III. (1198- 1216) auf den Papstthron erhoben. Er rief im gleichen Jahr zum Kreuzzug auf. Motiv für diesen Aufruf war zum einen sein Wunsch, dass Kreuzzugsereignis wieder in die Hände der Kirche zu geben, zum anderen hatte er ein ernsthaftes Interesse daran, das alte Königreich Jerusalem wieder herzustellen. Der Papst rief vor allem die Geistlichkeit, den italienischen Hochadel und die italienischen Seestädte zur Kreuznahme auf, wandte sich jedoch nicht an die Könige in Deutschland, England und Frankreich. Neben dem Umstand, dass England und Frankreich mit ihren wieder aufflammenden alten Auseinandersetzungen zu tun hatten und in Deutschland Philipp von Schwaben und Otto IV. um die Königskrone kämpften, hatte der Papst kein Interesse an ihrer Teilnahme, „denn er hob in seinen Schreiben eindringlich das Scheitern der national geführten Kreuzzüge hervor.“[68]

Ohne Zustimmung des Papstes eroberte ein Kreuzfahrerheer 1202 unter Führung Markgraf Bonifaz von Montferrat die von Venedig abgefallen Stadt Zara in Ägypten auf Grund eines Schuldenmoratoriums. Das gesamte Heer verfiel daraufhin der Exkommunikation und konnte nur unter größten Schwierigkeiten wieder vom Bann befreit werden, mit Ausnahme der Venezianer.

Auf Bitten des vom Thron in Byzanz gestürzten Kaisers Isaak II. Alexios begab sich das Kreuzfahrerheer nach Konstantinopel, um den Thron wieder in seine Hand zu bringen. Alexios versprach für diese Unterstützung die Kirchenunion mit Rom, hohe Geldzahlungen an die Kreuzfahrer und die Venezianer, sowie die Unterstützung des Kreuzzuges, wenn er wieder an der Macht sei. Im Frühjahr wurde Konstantinopel durch das Kreuzfahrerheer besiegt und geplündert. Balduin von Flandern wurde im gleichen Jahr von den Kreuzfahrern zum Kaiser von Romania, dem lateinischen Kaiserreich von Konstantinopel gewählt, da Alexios und sein Sohn kurz zuvor bei einem Aufstand ums Leben gekommen waren. Der Kreuzzug war damit beendet und der Vorsatz, das Heilige Land zu befreien, war vergessen. „Der Papst und das Abendland waren zunächst begeistert über den Fall des verhaßten Konstantinopel“[69]. So endete dieser Kreuzzug ebenso folgenlos für die Lage in Jerusalem wie die voran gegangenen.

Dieses Kreuzzugsunternehmen hatte sich ausschließlich gegen christliche Städte gerichtet, und trotz vereinzelter Widerstände innerhalb des Kreuzfahrerheeres war es möglich geworden, Machtpolitik mit der Institution des Kreuzzuges zu betreiben und die Inhalte des Kreuzzuges so zu verändern, dass Kreuzfahrten in beliebige, unbequem gewordene Gebiete unternommen werden konnten. Die im 13. Jahrhundert zunehmende Kritik an den Kreuzzügen, die auch in der Literatur zum Ausdruck kommt, findet in einer derartigen Umdeutung des Kreuzzugsgedankens ihren Ursprung.

3. 2. Die gesellschaftliche Situation: Das Rittertum

3. 3. 1. Ursprung und Entwicklung des Ritterbegriffs

Bereits in der Anfangszeit der christlichen Kirche existierten die Begriffe milites Christi oder milites Dei und sie nahmen einen festen Stellenwert in der kirchlichen Lehre ein. In der Frühzeit standen sie für Mönche, Asketen und Märtyrer, „die mit geistlichen Waffen im Dienst Christi gegen den Teufel kämpften.“[70] Die militia Dei stand in extremem Gegensatz zur weltlichen Ritterschaft (militia saecularis) und war zunächst mit dieser in keiner Weise vergleichbar. Ende des 11. Jahrhunderts kam es zu einer Wandlung dieser Terminologie und es wurde das erste Mal der Begriff militia Christi auf weltliche Ritter und Herren angewandt, die im Dienst der Kirche kämpften und den christlichen Glauben mit Waffengewalt verteidigten.

Diese Begriffswandlung wurde vor allem durch die Kirche selbst herbeigeführt, die durch die Einführung des Gottesfriedens „dem vielfach verrohten Rittertum“[71] entgegentreten wollte und sich „um eine gewisse Spiritualisierung und Verinnerlichung des Laientums“[72] bemühte. Die Laien sollten durch diese Maßnahmen stärker an die ordnenden Kräfte der Kirche gebunden werden.

Damit übernahm die Kirche Teile der Friedenswahrung, die ursprünglich Aufgabe der weltlichen Gewalt gewesen war. Durch den auf lokaler Ebene eingeführten Treuga Dei (Gottesfrieden) wurden Kriegshandlungen an bestimmten Tagen im Jahr verboten, ebenso wurde das Fehderecht eingeschränkt. „Das bedeutete (...) eine entscheidende Hinwendung der Kirche zum Krieg, ja es forderte geradezu eine aktive Beteiligung heraus.“[73] Es wurden Friedensmilizen aufgestellt und die Teilnahme an diesem Waffendienst „galt als verdienstvolle Tat.“[74]

[...]


[1] Kasten, Ingrid: Minnesang. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Hg. von Horst Albert Glaser. Bd 1: Aus der Mündlichkeit in die Schriftlichkeit: Höfische und andere Literatur 750- 1320. Hamburg 1988. S. 164- 184.

[2] Hölzle, Peter: Die Kreuzzüge in der okzitanischen und deutschen Lyrik des 12. Jahrhunderts. Das Gattungsproblem ´Kreuzlied` im historischen Kontext. Göppingen 1980

[3] Ortmann, Christa: Minnedienst- Gottesdienst- Herrendienst. Zur Typologie des Kreuzliedes bei Hartmann von Aue. In: Lied im deutschen Mittelalter: Überlieferung, Typen, Gebrauch. Chiemsee- Colloquium 1991. Hg. von Cyril Edwards. Tübingen 1996. S. 81- 99

[4] Wentzlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: Kreuzzugsdichtung des Mittelalters. Studien zu ihrer geschichtlichen und dichterischen Wirklichkeit. Berlin 1960

[5] Ehrismann, Gustav: Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems (1919). In: Ritterliches Tugendsystem. Hg. von Günther Eifler. Darmstadt 1970. S. 1- 84

[6] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Bd 2. München 1987

[7] Fahrner, Rudolf: West- östliches Rittertum. Das ritterliche Menschenbild in der Dichtung des europäischen Mittelalters und der islamischen Welt. Hg. von Stefano Bianca. Graz 1994

[8] de Boor, Helmut: Hövescheit. Haltung und Stil höfischer Existenz (1953). In: Ritterliches Tugendsystem 1970. S. 377- 400

[9] Vgl. Anm. 4

[10] Vgl. Anm. 2

[11] Ingebrand, Hermann: Interpretationen zur Kreuzzugslyrik Friedrichs von Hausen, Albrechts von Johansdorf, Heinrichs von Rugge, Hartmanns von Aue und Walthers von der Vogelweide. Diss. Frankfurt a.M. 1966

[12] Schnell, Rüdiger: Kreuzzugslyrik. Variation der Argumentation. In: Spuren. Festschrift für Theo Schumacher. Hg. von Heidrun Colberg und Doris Petersen. Stuttgart 1976. S. 170- 215

[13] Haubrichs, Wolfgang: Reiner muot und kiusche site. Argumentationsmuster und situative Differenzen in der staufischen Kreuzzugslyrik zwischen 1188/89 und 1227/28. In: Stauferzeit. Geschichte, Literatur, Kunst. Hg. von Rüdiger Krohn u.a. Stuttgart 1978. S. 295- 324

[14] Bergmann, Robert: Untersuchungen zu den Liedern Albrechts von Johansdorf. Diss. Zwittau 1963

[15] Ortmann, Christa; Ragotzky, Hedda: Das Kreuzlied. Minne und Kreuzfahrt. Albrecht von Johansdorf: Guote liute, holt die gâbe. In: Gedichte und Interpretationen Mittelalter. Hg. von Helmut Tervooren. Stuttgart 1993. S. 169- 190

[16] Raitz, Walter: Über die gesellschaftliche Funktion von Kreuzzugslyrik und Minnesang zur Zeit der Kreuzzüge Friedrichs I. und Heinrichs VI. In: Mittelalterliche Texte im Unterricht. Bd. 2 Hg. von Helmut Brackert u.a. München 1976. S. 170- 215

[17] Mertens, Volker: Kritik am Kreuzzug Kaiser Heinrichs? Zu Hartmanns 3. Kreuzlied. In: Stauferzeit 1978. S. 325- 333

[18] Reusner, Ernst von: Kreuzzugslieder: Versuche, einen verlorenen „Sinn“ wiederzufinden. In: Stauferzeit 1978. S. 334- 347

[19] Vgl. Anm. 3

[20] Vgl. Anm. 12

[21] Vgl. Anm. 16

[22] Wentzlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: „Devotio“ in der Kreuzpredigt des Mittelalters. Ein Beitrag zum ritterlichen Tugendsystem. In: Volk Sprache Dichtung. Festgabe für Kurt Wagner. Hg. von Karl Bischoff und Lutz Röhrich. Gießen 1960. S. 26- 33

[23] Wolfram, G.: Kreuzpredigt und Kreuzlied. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur (ZfdA) 30 (1886). S. 89- 132

[24] Schweikle, Günther: Minnesang. Stuttgart 1995². S. 82

[25] Ders. S. 83

[26] Kasten, Ingrid: 1988. S. 171

[27] Ebd.

[28] Dies. S. 172

[29] Ebd.

[30] Diese Einteilung in Phasen dient nur der Systematisierung des Minnesangs. Die Übergänge zu den einzelnen Phasen sind fließend oder laufen parallel zueinander. Innerhalb der Entwicklung entstehen neue formale und thematische Bereiche, während frühere Formen noch lange beibehalten werden.

[31] Kasten, Ingrid 1988. S. 173

[32] Schweikle, Günther 1995. S. 83

[33] Kasten, Ingrid 1988. S. 178

[34] Dies. S. 179

[35] Ich folge hier Peter Hölzle, der diesen Beleg als den einzigen Hinweis angibt: Hölzle, Peter 1980. Vgl. S. 41

[36] Ich folge Peter Hölzle 1980. Vgl. S. 32

[37] Im Folgenden werden alle mittelhochdeutschen Minnekreuzlieder zitiert nach. Moser, Hugo; Tervooren, Helmut (Hrsg.): Des Minnesangs Frühling. Texte I. Unter Benutzung der Ausgabe von Karl Lachmann und Moritz Haupt, Friedrich Vogt und Carl von Kraus. 36., neugestaltete und erweiterte Auflage. Stuttgart 1977

[38] Cahen, Claude: Crusades. In: Encyclopaedia of Islam. New Edition. Hg. von Bernard Lewis u. a. Leiden 1965. Bd. II. S. 63- 66 S. 64

[39] Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart 1965. S. 263

[40] Hölzle, Peter 1980. S. 37

[41] Ich folge den Angaben Hölzles 1980. Vgl. S. 37

[42] Ders. S. 40

[43] Schneider, H.; Wentzlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm.: Kreuzzugsliteratur. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Begr. von Paul Merker; Wolfgang Stammler. 2. Aufl. Hg. von Werner Kohlschmidt, Wolfgang Mohr. Berlin 1958. S. 885

[44] Müller, Ulrich (Hrsg.): Kreuzzugsdichtung. Tübingen 1985. S. V

[45] Hölzle, Peter 1980. S. 101 ff.

[46] Wentlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: Kreuzzugsdichtung 1960

[47] Ranawake, Silvia: „Spruchlieder“: Untersuchung zur Frage der lyrischen Gattungen am Beispiel von Walthers Kreuzzugsdichtung. In: Lied im deutschen Mittelalter: Überlieferung, Typen, Gebrauch. Chiemsee- Colloquium 1991. Hg. von Cyril Edwards. Tübingen 1996. S. 67- 79

[48] Schneider, H.; Wentzlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: Kreuzzugsliteratur 1958. S. 893

[49] Dies. S. 893

[50] Dijkstra, C.T.J.; Gosman, M.: Poetic fiction and poetic reality: The case of the romance crusade lyrics. In: Neophilologus 79 (1995).S. 13- 24. S 15

[51] Ortmann, Christa 1996. S. 81

[52] Dijkstra; Gosman 1995. S. 13

[53] Ortmann, Christa 1996. S. 82

[54] Ranawake, Silvia 1996. S. 81

[55] Dies. S. 82

[56] Ortmann, Christa 1996. S. 82

[57] Schweikle, Günther1995². S. 145

[58] Mayer, Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart 1985. 6. Aufl. S. 125

[59] Ders.: S. 127

[60] Wentzlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: Kreuzzugsdichtung 1960. S. 132

[61] Ebd.

[62] Mayer, Hans Eberhard 1985 S. 129

[63] Wentzlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: Kreuzzugsdichtung 1960. S. 134

[64] Ebd.

[65] Ders. S. 135

[66] Mayer, Hans Eberhard 1985. S. 137

[67] Wentlaff- Eggebert, Friedrich Wilhelm: Kreuzzugsdichtung 1960. S. 135

[68] Mayer, Hans Eberhard 1985. S. 173

[69] Ders. S. 181

[70] Bumke, Joachim 1987. Bd. 2. S. 399

[71] Mayer Hans Eberhard 1985. S. 21

[72] Ebd.

[73] Ebd.

[74] Bumke, Joachim 1987. Bd. 2. S. 400

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Minne in Kreuzliedern des späten 12. Jahrhunderts
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Germanistik)
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
79
Katalognummer
V15804
ISBN (eBook)
9783638208222
ISBN (Buch)
9783638723312
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Minne, Kreuzliedern, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Julika Stark (Autor), 2002, Die Bedeutung der Minne in Kreuzliedern des späten 12. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15804

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