Analyse der Überlegungen zum Innatismus und zum Bewusstsein von Gottfried Wilhelm Leibniz


Seminararbeit, 2010

17 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 John Locke. Kritik am Innatismus

3 Gottfried Wilhelm Leibniz

4 Kritische Analyse

5 Resumé

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Arbeit wird es vor allem darum gehen, woher unsere Erkenntnisse stammen, und ob der Innatismus eine adäquate Antwort auf diese Frage ist. Auch welche Rolle das Bewusstsein bei der Beantwortung dieser Frage spielt, wird ein wichtiger Punkt sein.

Dabei werden zwei Philosophen besondere Beachtung erhalten. Gottfried Wilhelm Leibniz wird dabei die Hauptfigur sein, wobei auch John Locke eine große Rolle spielen wird, da Leibniz sein gesamtes Werk „Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand“[1] an Lockes Werk „Essay concerning human understanding“[2] anlehnt. Um zu verstehen, worauf sich Leibniz gerade bezieht, muss man also auch Lockes Thesen kennen. Auch Locke geht es in seinem Buch hauptsächlich um die Ursprungsfrage der Ideen. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass Locke die Erfahrung als die wichtigste Quelle des Erkenntnismaterials betrachtet und er den Innatismus ablehnt. Locke gilt somit als Vertreter des Empirismus, der grob gesagt behauptet, dass es keine apriorische sondern nur erfahrungsabhängige, aposteriorische Erkenntnis gibt. Leibniz zählt zu den Vertretern des Rationalismus. Rationalisten behaupten, dass die Vernunft des Menschen in der Lage ist, Teile der Realität zu erkennen, ohne dabei der Erfahrung zu bedürfen. Leibniz meint, dass unsere Sinne zwar notwendig aber nicht hinreichend für unsere Erkenntnisse sind. Diese unterschiedlichen Anschauungen werden natürlich auch in der Bearbeitung der Frage nach dem Erkenntnisgewinn eine große Rolle spielen. Was ist nun der Innatismus. Der Innatismus wird auch als Lehre von den eingeborenen Erkenntnissen bezeichnet. Diese kann zwei Formen annehmen. Die eine Form nennt man naive oder auch extreme These. Sie besagt, dass bestimmte Ideen und Prinzipien schon bei der Geburt von Gott eingeprägt werden. Die zweite, oder auch gemäßigte These behauptet, dass ein implizites Wissen von den Ideen oder Prinzipien eingeboren ist, aber wir müssen diese erst selbst entdecken. Es handelt sich dabei also um Dispositionen oder Fähigkeiten. Wie wir sehen werden, bringen beide Versionen einige Probleme mit sich. Wichtig ist, dass Leibniz versuchen wird, einen Mittelweg zwischen beiden zu finden, um so Lockes Kritik am Innatismus unschädlich zu machen.[3]

2 John Locke. Kritik am Innatismus

Ich möchte mit einer Darstellung von Lockes Sichtweise beginnen, weil ich der Meinung bin, dass dies nötig ist, um später die Theorien von Leibniz besser verstehen zu können.

Locke möchte in dem ersten Buch seines Werkes klarmachen, dass wenn man die These vertritt, dass es angeborene Ideen gibt, man auch so weit gehen muss zu sagen, dass ein Kind bereits bei seiner Geburt das Identitätsprinzip kennt. Aber Locke geht es in seinem ersten Buch nicht nur um die Erkenntnisfrage. Das wird vor allem bei der Betrachtung seiner Argumente klar. Einen Teil seiner Argumente nehmen politische Argumente ein. Damit kann man das erste Buch nicht nur als eine Abhandlung über die Erkenntnislehre, sondern auch als ein Manifest eines Aufklärers sehen. Er möchte die Menschen dazu anregen selbst nachzudenken. Er sieht den Innatismus als eine Gefahr für das Selbst-Denken. Politiker und andere Autoritäten können den Innatismus ausnützen, um Macht über Menschen auszuüben.[4] Es ist wichtig auch diese Komponente in Lockes Kritik am Innatismus wahrzunehmen.

Im ersten Kapitel des zweiten Buchs von Locke geht es dann hauptsächlich um die Frage, ob die Seele des Menschen immer denkt oder nicht. Locke geht davon aus, dass keine Ideen in unserem Geist sind, die nicht aktuell von uns perzipiert werden. Ideen bestehen nicht länger als der Erkenntnisakt selbst und sie hören auf etwas zu sein, sobald sie nicht mehr wahrgenommen werden. Damit sind die Ideen an den Denkakt gebunden. Diese Überzeugung gleicht der Ockham´schen Ideenlehre, welche behauptet, dass während eines Erkenntnisaktes keine Abbilder entstehen können, welche zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorgeholt werden können. Damit ist für Ockham auch der Denkinhalt vorüber, sobald der Denkakt vorüber ist. Locke hingegen meint, dass Ideen nicht verschieden von unserem Denkakt sind und sie ihn daher nicht überdauern, aber wir können Ideen mittels unserer Fähigkeit uns zu Erinnern „wiederholen“.[5]

Locke vertritt die Vorstellung des Geistes als „tabula rasa“. Das bedeutet, dass der Geist zu Beginn gleichsam ein unbeschriebenes Blatt ist, welches erst durch die verschiedenen Erfahrungen (sensation and reflection) „beschrieben“ und damit gestaltet wird. Die einfachen Ideen stammen aus der inneren (reflection) und der äußeren Erfahrung (sensation). Diese einfachen Ideen werden aus der Erfahrung abgeleitet, dazu muss aber keine Aktivität des Verstandes vorherrschen. Das bedeutet, dass der Geist beim „Empfang“ der sinnlichen Erfahrungen nur eine passive Rolle spielt. Damit sind, wie schon in der Einleitung erwähnt, die Sinne die Quelle der meisten unserer Ideen. Es ist wichtig, dass man Lockes Anschauung des Menschen als „tabula rasa“ nicht missinterpretiert. Locke behauptet nicht, dass nichts angeboren ist. Bestimmte Tendenzen und Fähigkeiten können dem Menschen eingeboren sein. Solche Tendenzen wären etwa, dass Menschen Schmerz vermeiden wollen, aber Glück suchen. Locke unterscheidet zwischen Ideen und Prinzipien. Prinzipien bestehen aus Verknüpfungen von Ideen, doch weder die Ideen noch die Prinzipien können laut Locke eingeboren sein. „Was den Ursprung der Ideen betrifft, so glaube ich […], daß es ebensowenig eingeborene Ideen als eingeborene Grundsätze gibt.“[6]

Locke kritisiert sowohl die naive als auch die gemäßigte Version des Innatismus. Er bringt im Wesentlichen zwei Kritikpunkte vor, um zu zeigen, dass die beiden Versionen des Innatismus nicht wahr sein können. Als erstes kritisiert er die Vorstellung, dass es über bestimmte Prinzipien „universal consent“ oder zu Deutsch „allgemeine Übereinstimmung“ gibt. Nach dieser Vorstellung sind bestimmte Prinzipien von Gott eingeboren, da alle Menschen sie akzeptieren. Locke meint, dass die allgemeine Übereinstimmung nur eine notwendige nicht aber eine hinreichende Bedingung ist, um die Angeborenheit von Prinzipien zu beweisen. Es könnte durchaus auch andere Wege geben, wie die Menschen zu dieser Übereinkunft hinsichtlich der geltenden Prinzipien gekommen sind. Was Locke jedoch für noch wirkungsvoller hält, ist der Hinweis darauf, dass es in Wirklichkeit gar keine allgemeine Übereinkunft unter den Menschen hinsichtlich gewisser Prinzipien gibt. „Was aber noch viel schlimmer ist, diese allgemeine Übereinstimmung findet gar nicht statt […]“[7] Das bedeutet, dass nicht einmal die notwendige Bedingung erfüllt ist. Damit widerspricht das Argument des „universal consent“ der empirischen Forschung.

Lockes Kritik an der zweiten Fassung des Innatismus lautet wie folgt: Wenn gewisse Prinzipien in unserem Geist sind, dann müssen wir sie auch erkennen. Wenn jedoch nur die Fähigkeit bestimmte Prinzipien zu erkennen angeboren ist und man den Innatismus auf diese Theorie reduziert, dann löst sich der Innatismus quasi auf, denn die Behauptung, dass es nur Fähigkeiten und nicht Prinzipien sind, die uns eingeboren sind, ist so schwach, dass es gar keine Auseinandersetzung mehr gibt. Locke will mit dieser zweiten Kritik zeigen, dass keine Version des Innatismus vertretbar ist. Die erste, naive Version ist leicht widerlegbar und die zweite Version ist einfach zu trivial. Somit scheint die Lehre des Innatismus in beiden Varianten widerlegt zu sein.[8]

Locke geht nicht davon aus, dass die Seele immer denkt, denn er meint, dass so wie auch Körper ohne Bewegung sein können, auch die Seele ohne Denken sein kann. Der Mensch kann außerdem nicht denken, ohne ein Bewusstsein von seinem Denken zu haben. Damit wird das Denken an das Bewusstsein geknüpft. „Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, daß ein Wesen denken kann, ohne zu merken, daß es denkt.“[9] Zur Untermauerung dieser Annahme wird sehr oft das Beispiel des traumlosen Schlafes vorgebracht.

3 Gottfried Wilhelm Leibniz

Leibniz geht anders als Locke davon aus, dass es in unserer Seele eingeborene Ideen gibt, welche durch die sinnlichen Erfahrungen aktiviert werden können. Die stärkste eingeborene Idee ist die Gottesidee, denn sie findet sich bei allen Völkern und Menschen.[10]

Leibniz geht es nun vor allem darum, einem Mittelweg zwischen den zwei von Locke beschriebenen Varianten des Innatismus zu finden, wodurch es ihm gelingen würde, Lockes Kritik zu entgehen und somit zu zeigen, dass es doch eingeborenen Ideen gibt. Leibniz Haltung lässt sich am besten mit folgendem Satz beschreiben: „ Nihil est in intellectu quod non fuerit in sensu, excipe: nisi ipse intellectus.“[11] Damit stimmt er einerseits mit Locke überein, denn er behauptet, dass nichts im Verstand ist, was nicht zuvor von den Sinnen erfasst wurde. Wichtig ist aber der Zusatz, den Leibniz macht, nämlich, die Ausnahme des Verstandes selbst. Durch diesen Zusatz wird deutlich, worum es geht, nämlich was den Verstand ausmacht und welche Rolle er im Prozess der Erkenntnisgewinnung spielt.

Einfache Ideen können bei Leibniz also durch sich selbst begriffen werden. Diese Ideen sind jedoch als Dispositionen zu verstehen. Wir sind uns dieser Ideen keineswegs immer bewusst, aber wir besitzen die Fähigkeit sie aktiv aus uns hervorzubringen. Leibniz entgegnet Locke also, indem er nicht nur von der Fähigkeit sondern von der Disposition bestimmte Ideen und Prinzipien hervorzubringen, spricht. Um dies zu verdeutlich verwendet Leibniz seine berühmt gewordene Analogie des Marmorblocks. Die Adern, die in einem Marmorblock enthalten sind, sind laut Leibniz als eine Art Disposition zu verstehen, denn der Stein hat durch sie die Disposition zu einer ganz bestimmten Figur und nicht zu irgendeiner Figur zu werden. Er schreibt: „Gäbe es aber in dem Stein Adern, welche die Gestalt des Herkules eher als irgendeine andere Gestalt anzeigten, so würde dieser Stein dazu mehr angelegt sein, und Herkules wäre ihm in gewissem Sinne wie eingeboren, wenn auch Arbeit nötig wäre, um diese Adern zu entdecken […]“[12] Eine weitere Möglichkeit diesen Gedanken auszudrücken hat auch schon Descartes aufgezeigt. Er meint, dass man sagen kann, dass uns Ideen angeboren sind, wie man auch sagen kann, dass bestimmte Krankheiten oder bestimmte Wesenszüge wie Großzügigkeit gewissen Familien angeboren ist. Wenn ich in einer Familie aufwachse, in der schon viele Familienmitglieder an Krebs gestorben sind so ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ich an Krebs erkranke größer. In unserer Familie gibt es dann eine Disposition zu dieser Krankheit. Das bedeutet aber noch nicht, dass es gewiss ist, dass auch ich an Krebs sterben muss[13] Es besteht also sowohl die Möglichkeit als auch die Disposition gewisse Prinzipien in sich selbst zu finden. Trotzdem bedeutet das nicht, dass wir uns alle auch immer aktual dieser Prinzipien bewusst sind.

[...]


[1] Vgl. LEIBNIZ, G.W., 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand , Meiner, Hamburg.

[2] Vgl. LOCKE, J., 2008, An Essay concerning human understanding , Oxford University Press, Oxford.

[3] Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 4 ff.

[4] Vgl. SPECHT, R., 2008, „Über Angeborene Ideen bei Locke“, In: THIEL, U.,(Hrsg), 2008, Essay über den menschlichen Verstand. Klassiker auslegen , Akademie, S. 41 ff.

[5] Vgl. SPECHT, 2008, „Über Angeborene Ideen bei Locke“, S. 44 ff.

[6] Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand , S. 34

[7] Ebd. S. 36

[8] Vgl. JOLLEY, N., 1986, Leibniz and Locke. A Study of the New Essays on Human Understanding , Clarendon Press, Oxford, S.169 ff.

[9] Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand , S. 79.

[10] Vgl. GRABNER-HAIDER, A., 2009, Die wichtigsten Philosophen , Marix, Wiesbaden, S. 111.

[11] Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand , S. 77.

[12] Ebd. S. 8

[13] Vgl. JOLLEY, 1986, Leibniz and Locke , S. 171.

2 von 17 Seiten

Details

Titel
Analyse der Überlegungen zum Innatismus und zum Bewusstsein von Gottfried Wilhelm Leibniz
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V158042
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Innatismus, Bewusstsein, Gottfried Wilhelm Leibniz, John Locke
Arbeit zitieren
Eva Eckhard (Autor), 2010, Analyse der Überlegungen zum Innatismus und zum Bewusstsein von Gottfried Wilhelm Leibniz , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158042

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