Leistungsbewertung in der Grundschule

Alternative Leistungsbeurteilungen mit besonderer Berücksichtigung der Montessori-Pädagogik


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 DER SCHULISCHE LEISTUNGSBEGRIFF

3 DISKUSSION DER ZENSURENGEBUNG
3.1 HISTORISCHE ENTWICKLUNG VON ZIFFERNNOTEN
3.2 ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTLICHER DISKURS

4 ALTERNATIVE BEURTEILUNGSPRAXIS: DAS BEISPIEL DER MONTESSORI- GESAMTSCHULE POTSDAM
4.1 LEISTUNGSBEGRIFF IN DER MONTESSORI-PÄDAGOGIK
4.2 SCHULVERSUCH: VERBALE BEWERTUNG IN DEN JAHRGANGSSTUFEN 5 UND 6 ...

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS
6.1 LITERATUR
6.2 INTERNET

1 Einleitung

Schon seit Jahrzehnten wird über Sinn und Unsinnigkeit der Zensurengebung in Grundschulen diskutiert. Während man in der Fachliteratur auf eine Reihe von kritischen Studien stößt, ist die Wichtigkeit von Schulnoten in der öffentlichen Meinung noch fest verankert. Laut einer Elternbefragung aus dem Jahre 2005 halten 93% der Eltern von Grundschülerinnen und -schülern Noten als eine wichtige Orientierungshilfe. Nur ein Viertel der Eltern finden Noten überflüssig, sofern sie mit ausformulierten Beurteilungen ersetzt werden.1 Die Popularität von Zensuren kann nicht am Mangel an Alternativen liegen, denn in der ersten und zweiten Klasse sind Gesamtbeurteilungen und Berichtzeugnisse - also sprachliche Einschätzungen ohne Noten - in den meisten Bundesländern vorgeschrieben.2 Noten gelten jedoch als exakter und objektiver als verbale Beurteilungen. Befürworter von Leistungsbeurtei- lung durch Zensuren, zu denen auch fachkundige Pädagogen gehören, führen an, dass die Schülerinnen und Schüler ohne Noten kaum noch zu schulischen Anstren- gungen zu motivieren sind.3 Sie sind davon überzeugt, dass die Beibehaltung von Zensuren auch für eine bessere Integration ins Berufsleben steht. Denn früher oder später müssten alle mit Leistungs- und Konkurrenzdruck umgehen können.

Im Vordergrund der Modularbeit steht die Kontroverse um den schulischen Leis- tungsbegriff, der sich auf die Frage konzentriert, ob schulische Leistung allein die Aneignung überprüfbarer Wissensbestände umfasst oder ob der individuelle Bezugs- rahmen des Kindes miteinbezogen werden sollte.4 Oder anders gefragt: Ist die Schule in erster Linie eine Instanz der fachlichen Wissensaneignung oder geht es in der Schule vielmehr darum, Kinder und Jugendliche in ihrer Selbsttätigkeit und sozialen Verantwortlichkeit zu unterstützen? Das klassische Schulnotensystem soll dabei kritisch hinterfragt werden, wobei außer Frage steht, schulische Leistung systematisch zu beurteilen. Doch welche Konsequenzen erfolgen aus einem Schul- system, das die Leistungen seiner Schülerinnen und Schülern mit Ziffern honoriert? Vor diesem Hintergrund soll in einem historischen Rückblick geklärt werden, aus welchen Bedürfnissen heraus Schulnoten entstanden sind und inwiefern diese mit den Ansprüchen an heutige Schulen noch zu verbinden sind. Dabei soll auch deutlich werden, warum Reformpädagogen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Ziffern- zeugnisse ablehnten. Inwiefern waren Zensuren mit ihren Forderungen nach indivi- dueller Förderung, angenehmer Lernumgebung und kindzentriertem Unterricht nicht mehr vereinbar?

In einem kurzen Ausschnitt aus dem erziehungswissenschaftlichen Diskurs über Schulnoten soll dargestellt werden, welche Argumente für und gegen die Erteilung von Zensuren in der Schule sprechen. Dabei interessieren vor allem die Fragen, wie objektiv Schulnoten sind und ob die Kinder durch Schulnoten tatsächlich besser auf ihr Berufs- und Erwachsenenleben vorbereitet werden. Verschiedene Ansätze aus der Fachliteratur sollen miteinander verglichen werden.

Anhand des Schulversuchs der Montessori-Gesamtschule Potsdam sollen auch empirische Ergebnisse in die Thematik einbezogen werden. Es soll gezeigt werden, was es bedeutet, auf Noten ganz zu verzichten.5 Im Rahmen der vorliegenden Modularbeit ist es jedoch nicht möglich, den Schulversuch in seiner Ganzheit darzustellen. Hauptaugenmerk soll daher auf die Ergebnisse aus dem Schulversuch über die verbale Beurteilung in den Jahrgangsstufen 5 und 6 gelegt werden, um einen Einblick in die Umsetzung eines alternativen Beurteilungssystems zu geben.6 Einleitend dazu soll der Leistungsbegriff in der Montessori-Pädagogik diskutiert werden.

In einem Fazit sollen die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengefasst werden.

2 Der schulische Leistungsbegriff

Die Erbringung von Leistung in der Schule ist ein unbestrittenes Unterrichtsziel. Für eine positive Selbstwahrnehmung und Selbstentfaltung braucht ein Kind die Erfahrung, etwas leisten zu können. Doch was bedeutet eigentlich der Begriff Leistung? Ohne spezifische Bezugsfelder lässt sich Leistung nur schwer definieren. Der Leistungsbegriff richtet sich laut Jörg Ziegenspeck nach unterschiedlichen Prioritätensetzungen im Hinblick auf die Verwirklichung verschiedener Zielvorstellungen.7 So kann die Schule ganz unterschiedlichen Zwecken dienen. Sieht man die Schule als Ausbilder von Arbeitnehmern einer freien Marktwirtschaft, ist der Leistungsbegriff anders definiert, als wenn sich die hauptsächliche Erziehungsintension nach der individuellen Persönlichkeitsentwicklung richtet.

Horst Bartnitzky und Reinhold Christiani unterscheiden zwischen einem nicht- pädagogischen und einem pädagogischen Leistungsbegriff.8 Beim nicht- pädagogischen Leistungsbegriff wird die Schule als Teil der Leistungsgesellschaft gesehen, welche den Zugang zu beruflichen und sozialen Positionen allein von der individuell erbrachten Leistung der Schülerinnen und Schülern abhängig machen will.9 Sie ist das Resultat der bürgerlichen Revolution, welche die ständischen Privilegien abschaffte. Sozialer Erfolg sollte nicht mehr auf der Blutlinie sondern, auf dem Leistungsprinzip beruhend, auf den Gesetzen des gesellschaftlichen Wettbe- werbs aufbauen.10 Die beiden Autoren nennen drei Kriterien dieses nicht- pädagogischen Leistungsbegriffes:

- Produktorientiert: Schulleistungen werden ausschließlich an Klassenarbeiten gemessen.
- Konkurrenzorientiert: Soziale Lern- und Arbeitsprozesse rücken zugunsten von rivalisierendem Lernen in den Hintergrund.
- Ausleseorientiert: Schulversager werden als gegeben akzeptiert.

Ein solcher Leistungsbegriff ist laut den Autoren Bartnitzky und Christiani jedoch beschränkt, denn er „bleibt zwangsläufig auf den technologisch-ökonomischen Aspekt verkürzt. Ihm liegt als Zielvorstellung die reibungslose Einpassung in die Wettbewerbsgesellschaft zugrunde.“11 Die individuelle Förderung bleibt auf der Strecke, da sie versucht ist, allein den äußeren Anforderungen der Wirtschaft gerecht zu werden. Kindliche und jugendliche Bedürfnisse haben dabei keine Relevanz.

Die Autoren plädieren daher für einen pädagogischen Leistungsbegriff, der Bildung und Erziehung miteinander verbindet. Neben der inhaltlichen Dimension sollen in der Schule auch die personale und die soziale Dimension gefördert werden. Eine kindliche Persönlichkeit soll sich vielseitig entfalten können und sowohl zur Selbst- verantwortung als auch zu einem sozialen Verantwortungsgefühl erzogen werden.12 Der pädagogische Leistungsbegriff orientiert sich an folgenden drei Kriterien:

- Prozessorientiert: Individueller Lern- und Entwicklungsprozess des Kindes werden beobachtet.
- Gemeinschaftsorientiert: Soziale Kompetenz des Kindes im Klassenverband wird gestärkt.
- Förderungsorientiert: Kinder zu Lernfreude und Anstrengungsbereitschaft ermu- tigen.

Schulische Leistung bezieht sich nach einem pädagogischen Ansatz nicht nur auf die Vermittlung von kognitiven Fähigkeiten, sondern auch auf die emotionale und soziale Dimension der kindlichen Entwicklung. Der pädagogische Leistungsbegriff nimmt neben den Leistungsprodukten vor allem auch die Lernbiographie des Kindes in den Blickwinkel, sodass unterschiedliche und individuelle Persönlichkeitsentwicklungen möglich werden.

[...]


1 Hans Brügelmann u.a.: Sind Noten nützlich - und nötig? Ziffernzensuren und ihre Alternativen im empirischen Vergleich, Frankfurt a. M. 2006, S. 45.

2 Sigrid Altendorfer/Wolfgang Böttcher: Bewerten in der Grundschule. Eine Synopse der geltenden Regelungen, in: Wolfgang Böttcher u. a. (Hg.): Leistungsbewertung in der Grundschule, Weinheim/Basel 1999, S. 122-134.

3 Karin Rieder: Problematik der Notengebung, in: Richard Olechowski/dies.: Motivieren ohne Noten, München 1990, S. 16-55, hier S. 45-46.

4 Eiko Jürgens: Schriftliche Informationen zur Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern in den Jahrgangsstufen 7 und 8 anstelle von Ziffernnoten, in: Jan Hofmann (Hg.): Neue Formen des Lehrens und Lernens. Leistungsbewertung ohne Zensuren und jahrgangsübergreifender Unterricht in der Montessori-Gesamtschule Potsdam, Bad Heilbrunn 2007, S. 92-130, hier S. 96.

5 Jan Hofmann (Hg.): Neue Formen des Lehrens und Lernens. Leistungsbewertung ohne Zensuren und jahrgangsübergreifender Unterricht in der Montessori-Gesamtschule Potsdam, Bad Heilbrunn 2007.

6 Barbara Wegener: Verbale Bewertung in den Jahrgangsstufen 5 und 6, in: Jan Hofmann (Hg.): Neue Formen des Lehrens und Lernens. Leistungsbewertung ohne Zensuren und jahrgangsübergreifender Unterricht in der Montessori-Gesamtschule Potsdam, Bad Heilbrunn 2007, S. 56-85.

7 Jörg W. Ziegenspeck: Handbuch Zensur und Zeugnis in der Schule. Historischer Rückblick, allgemeine Problematik, empirische Befunde und bildungspolitische Implikationen, Bad Heilbrunn 1999, S 31.

8 Horst Bartnitzky/Reinhold Christiani: Zeugnisschreiben in der Grundschule. Beurteilen ohne und mit Zensuren. Leistungserziehung. Schülerbeobachtung. Differenzierte Klassenarbeiten. Freie Arbeit. Übergangsgutachten. Elternberatung, 2. Aufl., Heinsberg 1994, S. 8-10.

9 Bartnitzky/Christiani, S. 8.

10 Unter Berücksichtung der historischen Entwicklung betrachtet Wolfgang Klafki die Leistung als Berechtigungsnachweis für den Erwerb einer beruflichen und sozialen Position zunächst als Element des geschichtlichen Fortschritts, eines Fortschritts der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft im Kampf gegen tradierte Vorrechte, gegen ständische und adelige Privilegien. Doch er räumt ein, dass die Leistung als Maßstab der Zuweisung von Lohn bzw. Verdienst oder Profit und soziale Position fragwürdig ist. Leistung allein reicht meistens nicht, um eine ansehnliche Position in der Gesellschaft zu erreichen. Wolfgang Klafki: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemä- ße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik, Weinheim/Basel 1996, S. 213-222.

11 Bartnitzky/Christiani, S. 9.

12 Bartnitzky/Christiani, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Leistungsbewertung in der Grundschule
Untertitel
Alternative Leistungsbeurteilungen mit besonderer Berücksichtigung der Montessori-Pädagogik
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V158066
ISBN (eBook)
9783640740963
ISBN (Buch)
9783668291546
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zensur, Leistungsbewertung, Grundschule, Montessori, Didaktik
Arbeit zitieren
Theodora Keller (Autor), 2008, Leistungsbewertung in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158066

Kommentare

  • Jürgen Göndör am 29.12.2010

    Warum steht außer Frage, dass die Schule, d.h. die LehrerIn die Leistung systematisch beurteilt? Warum wird die Frage nicht erweitert: "Doch welche Konsequenzen erfolgen aus einem Schulsystem, das die Leistungen seiner Schülerinnen und Schülern systematisch einer Fremdbewertung unterzieht?
    Eine ganz andere Form der Bewertung wird im Offenen Unterricht (www.offener-unterricht.net) vorgestellt: kein Leistungsvergleich in der Klasse sondern Messung des individuellen Lernfortschrittes. Kein Konkurrenzverhalten sondern Interesse am eigenen Lernen. Keine Fehlerdiagnose sondern Klärung der wichtigen Frage: Was kann ich schon und habe ich etwas dazu gelernt?
    Der individuelle Bezugsrahmen wird nicht mit einbezogen sondern ist der einzig wirkliche Rahmen für eine (Leistungs-)Bewertung.
    Ob hier tatsächlich eine 'alternative Leistungsbewertung' vorgestellt wird oder doch wieder nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wird scheint fraglich.
    JG

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