Flüchtlingsfiguren in der DDR Literatur


Seminararbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1: Einleitung

2: Definitionsversuch „Fluchtmotiv“ unter Berücksichtung der Gegebenheiten in der ehem. DDR

3: Harald Gerlach: „Sprung ins Hafermeer“: Eine subtile Andeutung des „Fluchtmotivs“
3.1: Wolf Biermanns kritischer Umgang mit dem „Fluchtmotiv“
3.2: Sehnsucht und Fluchtmotivation bei Biermann

4: Retrospektive, „andere Fluchtmotive“ bei Monika Marons „Endmoränen“

5: Schlussbeobachtung

6: Literaturverzeichnis
6.1: Primärliteratur
6.2: Sekundärliteratur

1: Einleitung

Ein Fluchtmotiv literarisch zu verarbeiten ist vor allem in der ehemaligen DDR ein Thema, welches man nicht ohne weiteres behandeln konnte. Auch wenn im späteren Verlauf der Geschichte die Führung die Zensur und die Möglichkeiten für Autoren etwas lockerte, war die Zensur der DDR-Führung und der SED ein Damoklesschwert, welches ständig über den Köpfen der Schriftsteller hing und somit den Umgang mit diesem Thema sehr schwierig machte. Trotzdem gab es Literaten, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Manche, wie Wolf Biermann, kritisierten sehr deutlich die Umstände des Landes, andere hielten sich mit dem Fluchtgedanken eher zurück und wieder andere lieferten Werke ab, die eine andere Art von Flucht behandelten. Dies zeigt die Notwendigkeit, dass es zuerst wichtig ist, das Motiv Flucht im Allgemeinen zu definieren und dann noch speziell auf die Eigenarten in der DDR – Literatur einzugehen.

In der Forschung wurde dieses Thema bisher weitestgehend ausgeklammert und mehr auf die deutsch-deutsche Trennung innerhalb der Literatur als Thema von Untersuchungen abgezielt.

Diese Arbeit soll nun untersuchen, wie das Fluchtmotiv per Definition in der Literatur der ehemaligen DDR verarbeitet wurde, und dabei speziell auf Besonderheiten innerhalb der selbigen hinweisen. Hier wurde besonders das Werk von Wolfgang Emmerich „Kleine Literaturgeschichte der DDR“ verwendet. Wichtig hierbei ist es, eine Definition von dem Begriff der Flucht zu erstellen, die auch für die eigene Art von Fluchtmotiv innerhalb der DDR anwendbar ist. Der untersuchte Zeitraum erstreckt sich ungefähr von der Gründung der DDR bis zum heutigen Tage, denn es gibt Schriftsteller aus der DDR, die nun Retrospektiven über diese Zeit liefern und auch in diesen Büchern ein Motiv von Flucht aufgreifen, welches man in der DDR öfters finden konnte.

In dieser Arbeit soll nun zuerst eine Definition über den Begriff des Fluchtmotivs gegeben werden. Im Folgenden soll dann ein Werk von Gerlach untersucht werden, welches einen eher subtilen Umgang mit dem Motiv der Flucht als solche hat, anschließend eine offene, sogar sehr kritischer Verarbeitung von Biermann, gefolgt von einer Analyse zum Thema der Fluchtmotivation. Abschließend soll ein retrospektiver Blick auf die DDR aus heutiger Sicht geworfen werden, mit Monika Marons Buch „Endmoränen“. Im Fazit sollen dann die in dieser Arbeit aufgestellten Thesen nochmals untersucht und analysiert werden.

2: Definitionsversuch „Fluchtmotiv“ unter Berücksichtung der Gegebenheiten in der ehem. DDR

Der Begriff Flucht bezeichnet einen Akt des Entkommens oder Ausbrechens. In der deutschen Literatur ist dieses Thema vor allem in der deutschen Nachkriegsliteratur zu finden, z.B. bei Grass „Im Krebsgang“, in dem die Flucht in ihrer gebräuchlichsten Form thematisiert wird: Eine Familie flieht vor dem anrückenden Krieg auf die Gustloff. In diesem Akt ist ein wichtiger Punkt zu finden, welcher für diese Arbeit von großer Wichtigkeit ist, nämlich der Grund für eine Flucht und die Verarbeitung in der Literatur: Bei Grass fliehen die Flüchtlinge vor dem Krieg, der 1945 über Osteuropa bzw. seine alte Heimat Ostpreußen hereinbrach. Ihre „Motivation“ zur Flucht ist der Krieg und die Angst vor dem mit diesem Krieg verbundenen Leiden. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn so etwas kann man in jedem literarischen Werk wieder finden: Der Flüchtende in dem Werken hat immer eine Motivation. Diese können sehr mannigfaltig sein. Bei Grass’ „Im Krebsgang“ ist es der Krieg, vor dem die Menschen fliehen, bei Schriftstellern der DDR ist dieses Motiv etwas undurchsichtiger. Als Beispiel kann hier „Die Überläuferin“ von Marion Maron angeführt werden. In diesem Werk, welches wegen seines provokanten Titels sofort ins Auge jeder DDR – Zensur gesprungen sein muss, spielt die Autorin sehr vorsichtig mit dem Motiv der Flucht. Es ist verständlich, dass kein Literat in der ehemaligen DDR frei und ohne Repressalien zu befürchten über die Flucht schreiben konnte, nein, vielmehr mussten sie sich, wie eben Maron, eines eher subtilen und undurchsichtigeren Umgangs mit diesem Motiv bedienen. Wenn dies ein Schriftsteller nicht tat, konnte es ihm schnell ergehen wie Wolf Biermann, der nicht nur mehrmals Auftrittverbot bekam, sondern Ende der 60er Jahre sogar komplett ausgewiesen wurde. Von ihm sollen zwei Werke exemplarisch behandelt werden, ebenso wie ein Werk von Monika Maron, „Endmoränen“, welches das literarische Motiv „Flucht als Ausbruch“ beinhaltet und gleichzeitig eine Retrospektive auf die ehemalige DDR nach der Wiedervereinigung abliefert.

„Ausbruch“ kann ebenso wie das Thema „Flucht“ mehrere Ebenen haben. In dieser Arbeit soll hier jedoch der Begriff „Ausbruch“ später als ein Akt des Zurücklassens betrachtet werden: Man lässt das Gewohnte hinter sich, um aus seinem alten Leben „auszubrechen“. Auf diese Art und Weise wurde in den von mir untersuchten Werken umgegangen, aus bereits erwähnten Gründen. Dieses Motiv soll später an einzelnen Textauszügen, vorrangig in Marons Buch untersucht werden, zuerst sollen jedoch Textstellen aus Harald Gerlachs „Sprung ins Hafermeer“ untersucht werden, denn auch dort lassen sich einige Fluchtmotive erkennen und besonders, wie diese in der DDR verarbeitet wurden.

An „Sprung ins Hafermeer“ erkennt man sehr gut die subtile Zurückhaltung, die die Literaten und Schriftsteller angesichts der allgegenwärtigen Zensur und Überwachung üben mussten. Dieses Gedicht jedoch behandelt überraschend offen das Thema „Republikflucht“, auch wenn Gerlach, wahrscheinlich ganz bewusst, keine Hinweise auf die Richtungen macht, von wo nach wo die Flucht geht. Somit gelingt es ihm hier ein Gedicht zu verfassen, welches man einerseits als Flüchtlingsliteratur auffassen kann, aber gleichzeitig jedoch auch mit einem anderen Interpretationsansatz betrachten kann, weit weg von dem Thema „Republikflucht“. Wenn sich nun die Frage aufwerfen würde, warum dieses in der DDR doch so heikle Thema aufgegriffen werden konnte und auch literarisch verarbeitet wurde, kann dies mit dem Umbruch begründet werden, der zu dieser Zeit durch die DDR ging: In Folge des VIII. Parteitages des ZK der SED wurde den Künsten so etwas wie eine Generallizenz erteilt[1], die in diesem Zuge eine Welle von lebendigem, inspiriertem und vor allem auch kontroversem literarischen Leben ins Rollen brachte[2]. Jedoch schützte dies trotzdem nicht andere Literaten, wie Wolf Biermann, dem nach einem Konzert im Westen die Einreise verweigert wurde. Dieser Literat befasste sich offen mit dem Thema „Republikflucht“ und sprach auch in anderen Texten kontroverse Themen der DDR – Gesellschaft an. An zwei Gedichten soll später sein doch sehr spezieller Umgang mit dem Thema Flucht erörtert werden.

3: Harald Gerlach: „Sprung ins Hafermeer“: Eine subtile Andeutung des „Fluchtmotivs“

Das Gedicht „Sprung ins Hafermeer“ versucht in der ersten Strophe eine Längendefinition einer Haferwiese aufzubauen.

Zu durchmessen den Kornschlag[3]

nach Armlängen und

Schrittweiten,[4]

Dies erzeugt eine nüchterne Betrachtungsweise auf die vor dem Erzähler liegende Strecke, die er überwinden will, mit dem Ziel der Flucht[5]. Wenn man in diesem Gedicht versucht die Motivation für diese Flucht zu finden, so findet man sie in der dritten und vierten Zeile, „Wohnstatt suchend in der Flucht falber Strohsäulen .[6] Auffallend ist hier die Hervorhebung der Wörter Schrittweiten und Wohnstatt, die durch einen Enjambement hervorgehoben werden. „Schrittweiten“ deutet hier auf eine Entfernung hin, die bei einer Flucht hinter sich gebracht werden muss und kann als Metapher betrachtet werden für die DDR – Flüchtlinge, die sich ihren Weg in den Westen über die Felder Ungarns nach Bayern gebahnt haben.

Die nächste Strophe beginnt mit einem Rückgriff auf die Kindheit des Erzählers. Dies führt dazu, dass das Gedicht für einen kurzen Moment beim Leser das Gefühl eines naiven und unbeschwerten Erlebnisses hervorruft und das Augenmerk wegführt von dem Fluchtakt, der das eigentliche Thema darstellt. Gerlach beschreibt hier die Flucht durch das „Hafermeer“ als einen „Ritus“ aus seiner Kindheit, der jedoch „zerschellt am Strand des Hafermeeres“[7]. Dies hebt er nochmals besonders hervor durch ein Enjambement und lässt somit die kindliche Naivität hinter sich, die er durch die Rückbesinnung auf Kindertage erzeugt, als ein „Hafermeer“ noch nicht mehr als ein Spielplatz war, welchen man immer wieder zur „Kornzeit“[8] aufsuchen konnte, hinter sich. „Am Strand des Hafermeers“ erlebt der Erzähler diesen Ritus seiner Kindheit zwar aufs Neue, jedoch in einer anderen Art und Weise, wenn er die „endlos(e)“ Strecke betrachtet, die nun vor ihm liegt, die ihm jedoch eine „neue Erdformation“ verheißt[9].

[...]


[1] Mit ständigem Vorbehalt. vgl.: Emmerich, Wolfgang, Kleine Literaturgeschichte der DDR , Herman Luchterhand Verlag GmbH, Darmstadt, 1981, S 181 ff.

[2] Ebd: S.181

[3] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Neue Textedition, Aufbau Verlag, Berlin 1973, S 72

[4] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Zeile 1-3

[5] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Z 4

[6] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Z 3 -4

[7] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Z 7-8

[8] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Z 11

[9] Gerlach, Harald, Sprung ins Hafermeer – Gedichte , Z 9-11

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Flüchtlingsfiguren in der DDR Literatur
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V158068
ISBN (eBook)
9783640709946
ISBN (Buch)
9783640710133
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flüchtlingsfiguren, Literatur
Arbeit zitieren
Ralph Denzel (Autor:in), 2008, Flüchtlingsfiguren in der DDR Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158068

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