Handlungskonzepte und Methoden für die soziale Beratungsarbeit auf systemtheoretischer Grundlage


Diplomarbeit, 2003
72 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verschiedene Beratungsansätze im Überblick
2.1. Klientenzentrierte Beratung
2.2. Lösungsorientierte Beratung
2.3. Psychoanalytische Beratung
2.4. Sozialpädagogische Beratung
2.5. Systemische Beratung

3. Theorie der systemischen Beratung
3.1. Entwicklung und Definition des Begriffs
3.1.1. Entwicklung der Systemtheorie
3.1.2. Definition
3.2. Von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung
3.3. Für die systemische Therapie und Beratung relevante Konzepte
3.3.1 Kybernetik
3.3.2. Homöotase
3.3.3 Synergetik
3.3.4. Autopoiese
3.4. Kernfragen systemischer Beratung
3.4.1 Realität
3.4.2 Kausalität
3.4.3 Sprache
3.5. Systemisches Verständnis von Problemen in Therapie und Beratung
3.5.1. Was ist ein Problem?
3.5.2. Wie entsteht ein Problem?

4. Handlungskonzepte und Methoden der systemischer Beratungsarbeit
4.1. allgemeine systemische Handlungsrichtlinien
4.1.1 Hypothesenbildung
4.1.2. Allparteilichkeit- und Neutralität
4.1.3. Ressourcen und Lösungsorientierung
4.1.4. Kundenorientierung
4.2. Hypothesen
4.2.1. Erste Hypothesen entwickeln
4.2.2. Informationsquellen
4.2.3. Zuweisungskontext
4.2.4. Genogramm
4.2.5. Systemzeichnungen
4.3. Systemisches Fragen
4.3.1. Zirkuläres Fragen
4.3.2. Fragen zur Verdeutlichung von Unterschieden
4.3.3. Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion
4.3.4. Fragen zur Möglichkeitskonstruktion
4.3.5. Anfangs und Abschlussfragen
4.4. Metaphorische Techniken
4.4.1. Familienbrett
4.4.2. Familienskulptur
4.5. Kommentare und Interventionen
4.5.1. Positive- oder wertschätzende Konnotation
4.5.2. Refraiming
4.5.3. Schlussinterventionen
4.6. Reflektierndes Team
4.7. Verlauf und Dauer der Sitzungen

5. Schlussfolgerungen
5.1. Allgemeine Schlussfolgerungen
5.2. Praxisbeispiele
5.2.1. Sachhilfe
5.2.2. Sozialpsychiatrischer Dienst
5.2.3. Heilpädagogik
5.2.4. Organisationskontext und Organisationsberatung
5.2.5. Sozialmanagement
5.3. Grenzen und Kritik
5.4. Vergleich und Verknüpfung verschiedener Beratungsansätze

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Beratung ist die Hauptdisziplin in der sozialen Arbeit. In diversen Arbeitsfeldern wie z. B der Schuldnerberatung oder der Familien- und Paarberatung, aber auch in Ämtern wie dem Sozialamt, Jugendamt, sozialpsychiatrischer Dienst, um nur einige zu nennen, spielt die Beratung eine wesentliche Rolle.

Da ich mich zukünftig in meiner Profession als Sozialarbeiterin in der Beratungsarbeit sehe und ich mich im Studium in vielfältiger Weise mit verschiedenen Beratungsansätzen befasst habe, liegt es nahe zu diesem Thema auch meine Diplomarbeit zu verfassen. Im Rahmen eines dreiteiligen Seminars bei Daimler Chrysler habe ich die systemische Beratung kennengelernt und mich auch anschließend intensiver mit der Thematik beschäftigt.

Ich werde mein Annerkennungsjahr in der Sozialberatung bei Daimler in Bremen absolvieren. Aus diesem Grund erscheint es mir sinnvoll, mich im Rahmen dieser Diplomarbeit intensiv mit der Theorie zu beschäftigen, um gut gerüstet in die Praxis zu gehen.

„Nichts ist praktischer, als eine gute Theorie“ (Kurt Lewin, zitiert nach Heiner et al., 1996, S.7).

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich konkrete Handlungsmethoden für die soziale Beratungsarbeit auf systemtheoretischer Grundlage darstellen. Es wird ein Einblick in systemtheoretische Konzepte und Methoden geboten, die für die soziale Beratungsarbeit relevant sind. Die Arbeit soll als eine Art „Einführung“ verstanden werden, die Lust macht, sich mit der sehr komplexen Materie auch in weiterführender Literatur auseinanderzusetzen und in die Welt der systemischen Sichtweise einzutauchen. Dabei soll der systemische Ansatz, den ich für meine Arbeit gewählt habe, als nur ein möglicher Ansatz gesehen werden. Ich bin der Meinung, das systemische Beratung für die Soziale Arbeit besonders hilfreich und nützlich sein kann, möchte aber gleichzeitig hervorheben, dass es sich dabei um eine Betrachtungsweise handelt, die natürlich keinen Absolutheitsanspruch erhebt.. Unter dem Gesichtspunkt der Vielfältigkeit der Aufgabenfelder der sozialen Beratungsarbeit, gibt es meiner Meinung nach nicht das Konzept und die einzig richtigen Methoden.

Deshalb werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit verschiedene Beratungsansätze vorgestellt, auf die in der Praxis zurückgegriffen wird. Es soll deutlich werden, dass die soziale Beratungsarbeit zwar keine eigenen Konzepte vorzuweisen hat, sich aber in den verschiedenen Beratungs- und Therapiekonzepten auskennen sollte, und diese auch in der Praxis umsetzen kann.

Das dritte Kapitel stellt grundlegende Theorien des systemischen Denkens und ihre Auswirkung bzw. Bedeutung für die beraterische Arbeit dar. Dabei geht es um Definitionen und Erklärung von Begrifflichkeiten und relevanten Konzepten, um die Hintergründe der systemischen Herangehensweise an Probleme zu erläutern. Außerdem wird die Entwicklung von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung am Beispiel des Mailänder Modells aufgezeigt.

Konkrete Handlungskonzepte, sozusagen das „Handwerkszeug“ der systemischen Beratungsarbeit stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Dabei werden allgemeine Grundsätze und Grundeinstellungen der systemischen Beratungsarbeit erläutert. Es folgt eine genaue Darstellung der grundlegenden Methoden wie Hypothesenbildung, systemisches Fragen oder metaphorische Techniken. Diese „Handwerkszeuge“ sind mit vielen Beispielen beschrieben, um sie zu verdeutlichen.

Im fünften und abschliessenden Kapitel dieser Arbeit folgen einige allgemeine Schlussfolgerungen und es wird die Anwendbarkeit des Konzepts an verschiedenen Praxisbeispielen dargestellt. Ausserdem werden Grenzen und Kritikpunkte erläutert. Im letzten Teil werden verschiedene Beratungsansätze miteinander verglichen und verknüpft.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich mich für die männliche Form entschieden. Sie bezieht sich im Singular und Plural auf beide Geschlechter.

Da die gängige Literatur oft Familien für die systemische Beratung als Beispiel zum Gegenstand hat, wird auch in dieser Arbeit der Begriff verwendet. Es soll jedoch deutlich werden, dass man die systemische Beratung in der sozialen Beratungsarbeit auch in anderen Zusammenhängen anwenden kann.

So verhält es sich auch mit den Begriffen Therapie und Beratung. Sie werden als Begriffe synonym benutzt. Die Unterschiede werden in den allgemeinen Schlussfolgerungen jedoch noch einmal dargestellt.

2. Verschiedene Beratungsansätze im Überblick

Im folgenden wird auf fünf verschiedene Beratungsansätze näher eingegangen. Es wird dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Es soll lediglich ein Einblick in unterschiedliche Beratungsmethoden aufgezeigt werden, die in der sozialen Beratungsarbeit Verwendung finden.

2.1. Klientenzentrierte Beratung

Das von Carl Rogers in den 40er Jahren entwickelte Beratungs- und Therapiemodell dürfte in der Beratung auch heute noch zu einem der verbreitetsten Modellen gehören. Durch die Weiterentwicklung und Adaption kommt es in der Fachliteratur zu unterschiedlichen Begriffen, wie nicht- direktive Beratung, klientenzentrierte bzw. klientenbezogene Gesprächstherapie oder personenzentrierte Psychotherapie (vgl. Galuske, 1998, S.163).

„Nicht– direktive Therapie ist eine Bezeichnung für ein psychotherapeutisches Verfahren, das sich von der Psychoanalyse dadurch unterscheidet, daß der Therapeut weder durch Deutungen noch durch suggestionsähnliche Maßnahmen im Gespräch eingreift, sondern durch neutrale und das Reden des Klienten erleichternde Maßnahmen die Voraussetzungen für die ( verbale) Selbstanalyse des Klienten schafft, die insbesondere zu einem besserem Selbstverständnis führen soll“ (vgl. Galuske, 1998, S.164).

Zwei Prinzipien stehen bei der klientenzentrierten Beratung im Vordergrund:

- Die Beratung hat nicht direktiv zu erfolgen.
- Im Zentrum stehen die Personen, nicht die Probleme.

(vgl. Galuske, 1998, S.166)

Das Therapeutenverhalten zeichnet sich insbesondere durch drei wesentliche Merkmalen aus:

- positive Wertschätzung und emotionale Wärme
- Authensität
- Empathie

Nach Rogers sind die drei zentralen Haltungen keine lernbaren Techniken, sondern Grundeinstellungen über die ein Berater verfügen sollte. Aus diesem Grund hat er die Technologisierung seines Ansatzes und die Überbetonung von Gesprächstechniken stets kritisiert (vgl. Galuske, 1998, S.168).

Nach seinem Verständnis ist „ein Berater, der versucht eine Methode anzuwenden, zum Mißerfolg verurteilt, solange diese Methode nicht in seinen eigenen Grundeinstellungen übereinstimmt“ (Rogers, in Galuske 1998, S.168).

In der nachfolgenden Literatur finden sich jedoch eine große Zahl von Übungen, Leitsätzen und technischen Hinweisen die dem Training der zentralen Einstellung dienen. Sie sollen bei der Realisierung der zentralen Haltungen behilflich sein

Einige Beispiele:

- Techniken zur Selbstwahrnehmung und zur Wahrnehmung des Klienten.
- Techniken zur Gestaltung des eigen verbalen und non- verbalen Verhaltens.
- Skalen zur Einschätzung der Einlösung der Variablen.
- Hinweise auf nicht adäquate Verhaltensweisen wie z. B. Bagatellisieren, Diagnostizieren, Dirigieren, Examinieren, sich Identifizieren, Interpretieren, Moralisieren, Intellektualisieren.

(vgl. Galuske 1998, S.169)

Um die zentralen Haltungen zu verdeutlichen, soll an dieser Stelle ein Beispiel für einfühlendes Verstehen/ Empathie darstellt werden. Eine klassische, zentrale Methode ist das „spiegeln“.

Wilfried Weber hat dazu 22 praxisnahe Hinweise in seinem Lehrbuch zur Gesprächspsychotherapie beschrieben. Um die Methode des Spiegelns zu verdeutlichen, ein Beispiel:

„ Ich spiegele vor allem die innere Erlebniswelt des Klienten, also: gefühlsnahe und gefühlsbetonte Äußerungen (wichtigster Punkt!), Wünsche und Ziele..., Wertmaßstäbe und Bewertungen...“

„Wenn ich den Klienten nicht verstanden habe oder wenn er Gefahr läuft, zu schnell über ein Problem oder ein Gefühl hinwegzugehen, kann ich beispielsweise so intervenieren: Ich bin nicht sicher, ob ich Sie ganz verstanden habe.- Ich möchte Sie da noch besser verstehen.- Vielleicht können Sie das noch näher ausführen, damit es uns beiden klarer wird“ (Weber, 1994, S. 73).

2.2. Lösungsorientierte Beratung

Die Idee, sich von Anfang an auf die Lösung eines Problems und nicht auf das Problem selber zu konzentrieren ist nicht neu. Es wird gerade in der Sozialarbeit häufig praktiziert (Ressourcenorientierung). Das wohl bekannteste und radikalste Konzept dazu wurde ab Mitte der siebziger Jahre in Milwaukee (USA) am Brief Family Therapie Center (BFTC) im Team um Steve de Shazer entwickelt (vgl. Geiling, 2002, S.78).

De Shazer, sieht die Aufgabe von Beratern und Therapeuten darin, „den Klienten zu helfen, etwas anders zu machen, ihr Interaktionsverhalten und/oder ihre Interpretationen des Verhaltens und die Situation so zu verändern, dass sich eine Lösung entwickelt, der Knoten ihres Problems sich löst“ (de Shazer, zitiert nach Geilling, 2002, S.79).

Wesentliche Grundannahme des Ansatzes ist, dass Ursache, Genese und Art der Aufrechterhaltung von sozialen Problemen nicht bekannt sein müssen, um eine Lösung finden zu können. Die Lösung steht immer im Vordergrund, auf das Problem wird nicht eingegangen. Der Fokus richtet sich konsequent auf Informationen über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Lösungen (vgl. Geiling, 2002, S.78).

Nach de Shazer werden Ressourcen als vorhanden vorausgesetzt. Aus seinem Verständnis heraus sollte man „das, was die Klienten mitbringen, nutzbar machen und ihnen (...) helfen, es so zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse einzusetzen, daß sie ihr Leben aus eigener Kraft befriedigender gestalten können“ (de Shazer zitiert nach Geiling, 2002, S.80).

Lösungen lassen sich durch folgende Vorgehensweisen im therapeutischen Prozess entdecken:

1. Den Blick auf Ausnahmen lenken. Dadurch wird ressourcenorientiert an bereits bestehende Bewältigungserfahrungen der Klienten angeknüpft. Probleme werden verflüssigt.
2. Probleme werden als Stärke betrachtet. Zum Beispiel könnte man die Beschreibung einer Depression ersetzen durch die sprachliche Umdeutung „ Überforderung“ oder „Nachdenklichkeit“.
3. Hypothetische Lösungen und Visionen in denen das Problem nicht mehr enthalten sein wird entwickeln. Das kann zum Beispiel mit der Wunderfrage geschehen.[1]

(vgl. Geilling, 2002, S.79)

Die therapeutische Sitzung findet in einem Raum mit einer Einwegscheibe statt. Ein Team beobachtet das Gespräch durch die Scheibe, das Interview wird unterbrochen, damit sich das Team besprechen kann. Nach dieser Pause wird ein Schlusskommentar verbunden mit einer Hausaufgabe mitgeteilt. Eine klassische Hausaufgabe wäre zum Beispiel:

„In der Zeit von jetzt bis zu unserem nächsten Treffen möchte ich, dass Sie genau beobachten, was in Ihrem Leben so bleiben soll wie bisher.“

Die meisten Klienten richten ihre Aufmerksamkeit auf ein problematisches Muster und sind nicht in der Lage Abweichungen davon zu erkennen. In etwa 90 % der Fälle berichten sie nach einer solchen Hausaufgabe von Ereignissen, die sie als positiv erlebt haben, die ansonsten aber gar nicht erwähnt worden wären (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2002, S.37).

Das erste Gespräch wird mit dem Ziel der schnellstmöglichen Beendigung angefangen. Es wird in der ersten Sitzung eine Vereinbarung darüber getroffen, woran alle Beteiligten erkennen können, dass das Problem gelöst ist.

De Shazer geht davon aus, dass bereits ein Unterschied, eine Veränderung eines Teils eines Systems zu Rückwirkungen und Transformationen in anderen Teilen des Systems führt. Die Anwesenheit aller oder mehrerer Systemmitglieder ist nach dieser Grundannahme nicht notwendig. Schon sehr kleine Veränderungen werden als Ressource für größere Veränderungen betrachtet und genutzt (vgl. Geilling, 2002, S.80).

2.3. Psychoanalytische Beratung

Sigmund Freud entwickelte die Psychoanalyse als ein Verfahren, das auf drei Ebenen wirksam wird:

1. Als Untersuchungsmethode von seelischen Vorgängen
2. Als Behandlungsmethode neurotischer Störungen
3. Als Gesamtheit psychologischer und psychopathologischer Theoriebildung

Zu 1)

Ziel der psychoanalytischen Therapie ist die Bewusstmachung unbewusst gewordener Interaktionserfahrungen. Genau das stößt auf Widerstände, die mit Hilfe einer speziellen Technik überwunden werden sollen. Am Anfang der Behandlung soll der Patient seinem Therapeuten alles mitteilen, was ihm durch den Kopf geht. Körperempfindungen, Träume oder Gefühle- selbst wenn es ihm lächerlich oder eigenartig vorkommen mag.

Zu 2)

Im Verlauf einer Psychoanalyse werden Gegenwartskonflikte mit aktuellen Bezugspersonen auf Grundkonflikte der Kindheit zurückgeführt und der Patient wird angeregt, die Wurzeln des Konflikts in der Übertragungsbeziehung zum Therapeuten neu zu durchdenken und dabei aufzulösen. Übertragung meint, dass der Patient Personen, die er in seiner Kindheit als prägend empfunden hat, in der Beziehung zum Psychoanalytiker wiedererlebt, sie auf ihn „überträgt“ und im Hier und Jetzt der psychoanalytischen Situation die Gelegenheit hat, sie neu zu verstehen und von ihrer infantilen Bindung zu lösen. Erst wenn frühe Erlebnisweisen nicht nur erinnert, sondern auch emotional nachvollzogen werden, wenn kindliche Ängste, Fehlerwartungen, naive Ansprüchlichkeiten oder Traurigkeit und Verzweiflung noch einmal erlebt und in die erwachsene, realistischere Perspektive erhoben werden, findet Einsicht statt, die zu einer Veränderung führt.

Zu 3)

Ausgehend von der therapeutischen Anwendung, gelangte die Psychoanalyse zu einer empirisch gewonnenen Aussage über die psychische Entwicklung des Menschen. Das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell unterscheidet drei seelische Funktionsbereiche: Das „Es“, „Ich“ und „Über Ich“. Das „Ich“ hat die Aufgabe Triebimpulse aus dem „Es“ mit den Anforderungen des „Über –Ich“ und der Realität abzustimmen. An dieser Stelle wird nicht weiter auf die Thematik eingegangen, da nur ein Überblick aufgezeigt werden soll.

Als neuer Zweig der Psychoanalyse entstand die Gruppen- Psychoanalyse. Patienten mit unterschiedlichsten psychischen Störungen können in einer Gruppentherapie effektiv behandelt werden. Bedingung ist hierbei, dass sie am Gruppenprozess gemeinsam teilhaben. Die Gruppe als Ganzes greift in der Übertragungsbeziehung zum Therapeuten auf entwicklungspsychologisch frühe Interaktionsmuster und- Strukturen zurück und bringt diese zur Darstellung.

(vgl. Fachlexikon der sozialen Arbeit, 1997, S.744-745).

2.4. Sozialpädagogische Beratung

Seit den siebziger Jahren wurden verstärkt aus psychotherapeutischen Ansätzen Beratungskonzepte für typische Felder der Sozialarbeit abgeleitet, wie z.B. in Ehe- Familien- und Erziehungsberatungsstellen (vgl. Galuske, 1998, S.155).

Sozialpädagogische Beratung ist vor allem alltagsorientierte Beratung. Sie ist auf akute Konflikt- und Krisenbewältigung ausgerichtet. Alles was im Alltag zum Problem werden kann, kann auch zum Thema sozialpädagogischer Beratung werden. „Nicht die Methode bestimmt den Verlauf der Beratung, sondern das Problem, der Gegenstand, die Lebensumstände bestimmen die Vorgehensweise“(Galuske, 1998, S.159). Aus dieser Erkenntnis lassen sich nach Thiersch fünf wesentliche Punkte für die sozialpädagogische Beratung ableiten:

1. Diagnose ist immer „teilnehmende Diagnose“ verstanden als gemeinsames Handeln, da sich die Einschätzung von Person, Problem und Bearbeitungsressourcen nur in konkreten Situationen gemeinsamen Handelns eruieren lassen.
2. Hilfe konkretisiert sich durch „Umstrukturierung der Situation“, also durch Erschließung materieller Ressourcen, Neudefinition sozialer Beziehungen, Schaffen neuer Räumlichkeiten ( Freundschaften, Schulwechsel, Arbeitsplatzwechsel usw.).
3. Wenn Alltag durch Selbsttäuschung, Borniertheit usw. gekennzeichnet ist, so muss es Aufgabe sozialpädagogischer Beratung sein, durch Konfrontation hinter die Fassade „öffentlicher“ Problemartikulation zu schauen.
4. Da nicht davon ausgegangen werden kann, dass allein sprachlich vermittelte Erkenntnis zur gewünschten Veränderung führt, gehört auch Training zum Handlungsspektrum.
5. Wenn Beratung sich auf Alltag bezieht, so muss sie auch alltägliche Kontexte (Gruppen, Gemeinschaften etc.) berücksichtigen und sich in ihnen realisieren

( Thiersch, zitiert nach Galuske, 1998, S.160).

Geht man von diesen Punkten aus, lassen sich spezifische Merkmale der sozialpädagogischen Beratung erkennen. Es findet eine Problemanalyse statt, auf der aufbauend gehandelt wird. Struktur ist gegeben, es lässt sich aber keine konkrete Methode für die Beratungsarbeit erkennen.

Es handelt sich also nicht um eine Methodendiskussion. Es verbleibt vielmehr auf einer Ebene von Zielen, Merkmalen und Strukturbedingungen. In diesem Ansatz finden sich auch eine Reihe von Aspekten, die später im Ansatz der lebensweltorientierten sozialen Arbeit[2] weiter verfolgt werden. Aber eine konkrete Handlungsmethode für die sozialpädagogische Beratung gibt es nicht. Hier wird eher nach den klassischen Beratungskonzepten, wie z.B. der Psychotherapie gearbeitet (vgl. Galuske, 1998, S.161).

2.5. Systemische Beratung

Die Wurzeln des sytemischen Ansatzes lassen sich nicht auf eine bestimmte Gründerpersönlichkeit zurückführen. Er entwickelte sich an vielen Orten und in vielen Köpfen parallel oder in rascher Abfolge. Er ist gekennzeichnet durch vielfältige Prozesse der gegenseitigen Befruchtung, aber auch der Abgrenzung (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2002,S.12).

Aus diesem Grund gibt es auch nicht die systemische Therapie oder Beratung. Es ist vielmehr als ein breiter Oberbegriff zu sehen, der sich wie eine Klammer um eine Vielzahl von Modellen zieht, die durchaus auch in sich heterogen sein können (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2002,S.23). Die Systemtherapie kann als Weiterentwicklung der Familientherapie betrachtet werden und zwar als der Versuch, die auf Familien angewandten Prinzipien auch auf andere soziale Systeme zu übertragen und nicht nur mit ganzen Familien zu arbeiten, sondern z.B. auch mit einzelnen, Organisationen, sozialen Netzwerken oder familiären Teilsystemen (vgl. Pfeiffer- Schaupp, 1997, S.21).

Zentrale Ideen systemischer Praxis haben ihre besten und ältesten Traditionen in der Sozialarbeit. Die Betonung und die Bedeutung des Kontextes (früher nannte man das ganz schlicht: „soziales Umfeld“), die Notwendigkeit vernetzten Denkens und ökologische Sichtweisen gehörte zu den Wurzeln der sozialen Arbeit. Auch waren viele WegbereiterInnen der Familientherapie SozialarbeiterInnen. Mit Virgina Satir und Lynn Hoffmann seien nur zwei erwähnt (vgl. Pfeiffer- Schaupp, 1997, S.22).

Die Systemtheoretiker haben viel dafür geleistet, dass von früheren medizinisch- psychiatrischen Krankheitsmodelle Abstand genommen wurde. Der systemischen Sicht zufolge ist nicht das Individuum gestört oder krank, sondern die Beziehung mit und innerhalb seiner (familiären) Umwelt (vgl. Sickendiek et al., 1999, S.165). Individuell auftretende Störungen (wie z.B. Verhaltensauffälligkeiten von Kindern) wurden als Symptome von Konflikten zwischenmenschlicher Art erklärt und verdeutlicht, wie diese Störungen entstehen können. (Sieckendieck et al., 1999, S.172).

Die systemische Therapie und Beratung hat Methoden entwickelt, erstarrte Muster zu erkennen, zu beschreiben und zu verändern bzw. zu „verstören“. Das können Muster im Fühlen (routinemäßige Selbst- Abwertung mit depressiven Gefühlen), im Handeln (Schulden machen als erfolglose Lösungsstrategie), im Denken („Wirklichkeitskonstruktionen“ wie erstarrte Krankheitskonzepte) oder in sozialen Beziehungen (Interaktionsmuster) sein (vgl. Pfeiffer- Schaupp, 1997, S.24).

Einzelne Instrumente und Handwerkszeuge aus der systemischen Therapie und Beratung, wie das zirkuläre Fragen, sind verwendbar, sowohl in der Einzel- als auch in der Familien und Gruppenarbeit, genauso wie in der Organisationsberatung oder in der Selbstevaluation (vgl. Pfeiffer-Schaupp, 1997,S.24).

Die systemische Praxis ist in hervorragender Weise anschlussfähig an sozialarbeiterische Konzepte, die in der Beratungsarbeit mit Klienten von einer Defizit- zur Ressourcenorientierung „umschalten“ und damit an das traditionsreiche, sozialarbeiterische Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe anknüpft (vgl. Pfeiffer-Schaupp, 1997, S.24).

In den folgenden Kapiteln werden die Entwicklung, der theoretische Hintergrund, konkrete Handlungsmethoden, Beispiele in der Praxis, aber auch kritische Sichtweisen zur systemischen Beratung dargestellt.

3. Theorie der systemischen Beratung

Systemische Therapie und Beratung erfordert ein Denken in komplexen Zusammenhängen. Bei der Gestaltung von Lebenswelten greifen biologische, psychische, soziale, wirtschaftliche, politische, religiöse und andere Prozesse ineinander. Das bezeichnet man als Ökosystem.

In diesem Kapitel wird in Punkt 3.1. der Begriff und die Entwicklung der Systemtheorie im allgemeinen erläutert, um die Allgemeingültigkeit und die Anwendbarkeit auf verschiedenste Bereiche darzustellen. Ab Punkt 3.2. wird die spezielle Entwicklung und Anwendbarkeit von Systemtheorien in Bezug auf soziale Systeme in Beratungsprozessen vorgestellt.

3.1. Entwicklung und Definition des Begriffs

3.1.1. Entwicklung der Systemtheorie

Als einen der „Erfinder“ systemtheoretischer Entwicklungen kann man den Biologen Ludwig von Bertalanffy bezeichnen. Schon ab 1928 formulierte er erste Ansätze zum systemischen Denken. Nach dem zweiten Weltkrieg baute er seine Erkenntnisse zu einer „Allgemeinen Systemtheorie“ aus (vgl. Böse und Schiepek, 2000, S.218). Grundlage seiner Theorie ist die sogenannte Systemisomorphie[3]. Damit ist die Annahme gemeint, dass sich ähnliche Struktur und Prozessmerkmale, „die sich über verschiedene Wissensgebiete und Organisationsstufen hinweg von der biologischen Zelle bis zu supra- nationalen Systemen in der belebten wie unbelebten Natur feststellen lassen“ (Böse und Schiepek, 2000, S.218). Es handelt sich hier um eine sogenannte Metatheorie. Die entwickelten Modelle, Prinzipien und Gesetze sind auf Systeme generell anzuwenden, ungeachtet deren besonderer Natur (Böse und Schiepek, 2000, S.17).

Die Allgemeine Systemtheorie muß somit als Metatheorie betrachtet werden, „mit dem Ziel der Integration von verschiedenen in verschiedene Wissensgebiete“(Böse und Schiepek, 2000, S.218).

Nach Ansicht von Böse und Schiepek gibt es bis heute keine einheitliche Systemtheorie in der Wissenschaft. Ein Grund dafür ist, dass sich in den verschiedenen Wissenschaftsgebieten, wie z. B. der Biologie, Physik, Chemie, Ökologie, Soziologie, Philosophie u.a., unabhängig voneinander das sogenannte systemische Denken entwickelt hat (vgl. Böse und Schiepek, 2000, S.218).

3.1.2. Definition

Ein System ist eine geordnete Menge von Elementen zwischen denen Beziehungen bestehen. Dabei muss jedes Element der Menge durch eine oder mehrere Beziehungen direkt oder indirekt mit den anderen Elementen verbunden sein. Die Ordnung wird wertfrei betrachtet; auch eine unzweckmäßige Ordnung wird hier als Ordnung angesehen. Elemente können irgendwelche Bestandteile oder Komponenten eines übergreifenden Ganzen sein. Dieses Ganze ist das betrachtete System. Elemente können Begriffe, Lebewesen, Maschinen oder Kombinationen davon sein. Beziehungen sind Verknüpfungen irgendwelcher Art, durch die zwei Elemente miteinander verbunden werden. Durch die Beziehung werden die Elemente einem übergeordnetem System zugehörig. Isolierte Elemente gehören nicht zu einem System. Die Beziehungen können unterschiedlichster Art sein, müssen aber eindeutig beschreibbar sein. So sind mechanische, soziologische, organisatorische und andere Beziehungen denkbar.

Mit der Struktur eines Systems wird die Anordnung seiner Elemente in Zeit und Raum bezeichnet.

Es gibt verschiedene Arten von Systemen und ihren zugehörigen Elementen:

- Biologische Systeme: Organismen ( mit natürlichen Zellen als Elementen).
- Technische Systeme: Maschinen, technische Einrichtungen ( mit künstlichen Elementen).
- Soziotechnische Systeme: Systematische Zusammenschlüsse von technischen und sozialen Systemen, technische Systeme oder Kombinationen davon. Beispiele sind Organisationen und Betriebe.
- Soziale Systeme: Systematische Zusammenschlüsse von Organisationen (mit biologischen Systemen als Elementen). Soziale Systeme im engeren Sinne sind Zusammenschlüsse von Menschen zu Gemeinschaften: Familie, Dorf, Volk.

(zitiert nach Thomas, M.J, 1978, S.46-49)

3.2. Von der Familientherapie zur systemischen Therapie und Beratung

Es gibt viele verschiedene Wurzeln der Familientherapie. In den 50er Jahren fingen einige Therapeuten damit an, nicht nach den gewohnten Therapien, wie z. B der Einzel und Gruppentherapie zu arbeiten, sondern mit ganzen Familien. Der Begriff Familientherapie entstand und bekam bald viele Anhänger. Es kann dabei nicht von einem Begründer gesprochen werden, der sozusagen das Fundament für weitere Theorienbildung aufbaute. Vielmehr gab zu dieser Zeit einige herausragende Persönlichkeiten[4], die anfingen verstärkt mit Familien zu arbeiten (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2002, S.17). Die verschiedenen Begründer bzw. Institute zu beschreiben, würde an dieser Stelle aber zu weit führen.

Für die Entwicklung der systemische Therapie und Beratung war das Mailänder Modell von besonderer Bedeutung. Deshalb wird im Folgenden auf dieses Konzept eingegangen und in seinen Grundzügen beschrieben.

1975 veröffentlichten Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata,- vier Therapeuten einer Mailänder Arbeitsgruppe- ein geradezu bahnbrechendes Buch mit dem Titel „Paradoxon und Gegenparadoxon“[5]. Das Buch beschreibt einen völlig neuen Therapieansatz im Umgang mit Familien im Bezug auf schizophrene Mitglieder. Bezeichnend war dabei besonders die Kürze des Vorgehens verbunden mit hoher Effektivität (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2002, S.26).

Eine Grundannahme der neuen Therapieform war die veränderte Sichtweise. Die Familie wurde als regelgeleitetes System gesehen. Im Laufe der Zeit entwickeln sich in jeder Familie Regeln, die das Verhalten der einzelnen Mitglieder beschreiben und begrenzen (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2001, S.28). Bei einer Familie mit klinischen Problemen „ist in diesem Prozeß ein System entstanden, das sich über Transaktionen reguliert, die genau auf die jeweilige Symptomatik zugeschnitten sind, die beklagt wird: Die Macht liegt in den Spielregeln“ (Schlippe und Schweitzer, 2002, S.28). Das bedeutet, so sehr die Familie auch leidet, eine Veränderung, also eine Störung des bestehenden Systems, ist nicht im Interesse der Familie. Die Regeln, an die sich alle gewöhnt haben, müssen durchbrochen werden (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2002, S.29). Die Aufgabe der Therapeuten besteht darin, die „Familienregeln“ zu stören und sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist es für den Therapeuten von zentraler Bedeutung sich aus dem „Familienspiel“ heraus zu halten. Pallazolli geht davon aus, dass derjenige, der das Spiel mitspielt schon verloren hat. Um diesen Familien zu helfen, entwickelten die Mailänder das Modell des Gegenparadoxons. Hierbei handelt es sich um Verschreibungen, Aufgaben die so widersprüchlich sind , das es für die Familie unmöglich ist, ihr „Spiel“ nach ihren eigenen gültigen Regeln weiterzuspielen.[6] Genau diese Verschreibungen bzw. Schlussinterventionen haben das Mailänder Team so bekannt gemacht (vgl. Schlippe und Schweitzer, 2001, S.31). Später setzte man diese Methode nicht mehr so häufig ein, da man erkannte, dass das zirkuläre Fragen schon deutliche Veränderungen brachte und die Familie mit eigenen neuen Sichtweisen konfrontierte.

[...]


[1] vgl. Seite 47

[2] vgl. Thiersch, 2000: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit

[3] von Isomorphie wird gesprochen, wenn zwei komplexe Strukturen in der Art zueinander in Beziehung stehen, dass mit jedem Element der einen Struktur ein Element der anderen Struktur übereinstimmt. Die beiden Elemente nehmen dabei eine ähnliche Rolle in der jeweiligen Struktur ein. (vgl. Simon et al.,1999,S.153)

[4] Virgina Satir wird in der Literatur oft als „Mutter der Familientherapie“ bezeichnet

[5] Paradoxon: eine scheinbar widersinnige Behauptung

[6] siehe Seite 53

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Handlungskonzepte und Methoden für die soziale Beratungsarbeit auf systemtheoretischer Grundlage
Hochschule
Hochschule Bremen  (Fachbereich Sozialwesen)
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
72
Katalognummer
V15815
ISBN (eBook)
9783638208307
Dateigröße
889 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handlungskonzepte, Methoden, Beratungsarbeit, Grundlage
Arbeit zitieren
Anja Meyer (Autor), 2003, Handlungskonzepte und Methoden für die soziale Beratungsarbeit auf systemtheoretischer Grundlage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15815

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