Der Antiheld Oskar Matzerath in "Die Blechtrommel" von Günther Grass


Hausarbeit, 2009
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Oskars Auf- und Ausbruch aus seiner Umwelt
2.1 Dimensionen der selbst gewählten Existenz Oskars
2.2 Oskars Verhältnis zum kleinbürgerlichen Umfeld

3. Oskar Matzerath- der ambivalente Protagonist
3.1 Christ und Antichrist
3.2 Oskars Verhältnis zum Nationalsozialismus und Krieg

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit bezieht sich auf Günther Grass´ Roman „Die Blechtrommel“. Selbst wenn der Autor den Roman „Hundejahre“ für gelungener hielt, neben „Katz und Maus“ der dritte Teil der Danziger Trilogie, hat die „Blechtrommel“ letztlich seinen Ruhm begründet.[1] Den großen Erfolg dieses Romans verdankt Grass meiner Meinung nach besonders dem Protagonisten Oskar Matzerath, welcher als Antiheld das Geschehen des Buches bestimmt. Glaubt man als Leser doch meist, mit der Romanfigur verbunden zu sein und diese am Ende der Handlung besser zu kennen, habe zumindest ich dieses Gefühl beim Lesen der „Blechtrommel“ nie bekommen.

Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass der Leser emotionslos zum Protagonisten steht. Nicht umsonst findet man ihn beschrieben als „trommelnder Gnom[2] “ oder „Blechtrommler, Krüppel, Idiot“[3]. Grass selbst sagt über ihn: „Ein Böser, er ist ein Darsteller des Bösen, er spielt mit dem Bösen und sieht sich auch gern in der Rolle des Bösen“[4].

Die Gefühle, die dieser ambivalente Protagonist beim Leser wecken kann, reichen von tiefem Mitleid bis zum gänzlichen Abgestoßensein, von Sympathie über Hass, von Verständnis seiner Sichtweise bis zur totalen Irritation.

Was ist dieser Mensch nun? Held oder Antiheld? Gesund oder psychisch krank? Ein ewiges Kind oder ein Monster?

Die Verwirrung über Oskar Matzerath ließ mich den Gedanken fassen, mich in meiner Hausarbeit näher mit diesem Thema zu befassen und das Rätsel Oskar Matzerath, der Junge, der beschlossen hatte, mit dem Wachsen aufzuhören, ein wenig zu lüften.

Dazu werde ich mit zunächst mit Oskars Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Gesellschaft und den Dimensionen seiner selbst gewählten Existenz beschäftigen. Hierbei versuche ich zu ergründen, was es nun mit der „Wachstumsverweigerung“, der „Blechtrommel“ oder der „Fähigkeit des Glaszersingens“ auf sich haben kann und wie diese Gegebenheiten philosophisch betrachtet werden können. Im zweiten Teil werde ich die Erkenntnisse zu Grunde legen, um die ambivalente Persönlichkeit Oskars teilweise zu entschlüsseln. Mich beschäftigen besonders die Fragen, in welcher Beziehung Oskar Matzerath zu der Kirche bzw. Satan sowie zum Nationalsozialismus bzw. Krieg allgemein steht. Der zweite Punkt ist für mich deshalb so interessant, weil die Blechtrommel oft als „Warnliteratur“ bezeichnet wird.

Als Abschluss meiner Arbeit werde ich ein Fazit ziehen.

Ich werde hauptsächlich werkimmanent arbeiten.

2. Oskars Auf- und Ausbruch aus seiner Umwelt

Um Oskar Matzeraths ambivalente Person ein Stück weit zu entschlüsseln, ist es unabdinglich, seine direkte Umwelt vor allen Dingen durch seine Augen zu betrachten. Hierzu werde ich zunächst auf die Dimensionen seiner selbst gewählten Existenz als Außenseiter eingehen. Im Wesentlichen umschließen diese Dimensionen seine Wachstumsverweigerung, die Obsession seiner Blechtrommel und seine Fähigkeit des „Glaszersingens“. Ebenso wird seine selbst herbeigeführte Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Beachtung finden.

In einem zweiten Schritt werde ich in diesem Kapitel versuchen, Oskars Beziehungen zu seinen Mitmenschen zu verdeutlichen. Da es im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich ist, auf jede einzelne der zahlreichen Nebenpersonen in Oskars Welt einzugehen, werde ich versuchen, diverse Einzelpersonen zu Personengruppen zusammenzufassen. Sie alle spiegeln Oskars pessimistische und teilweise sogar nihilistische Weltanschauung wider. Oskars Erzählungen über seine Mitmenschen verdeutlicht vor allen Dingen die Schwäche und Verführbarkeit der Menschen, welche sie in Oskars Augen scheinheilig und verlogen hinter einer spießbürgerlichen Fassade verstecken, während Oskar frei zu seiner teilweisen Amoralität steht.

2.1 Dimensionen der selbst gewählten Existenz Oskars

Oskar Matzerath beansprucht für sich, dass seine geistige Entwicklung bereits bei seiner Geburt abgeschlossen gewesen wäre und fühlt sich damit demnach den meisten Menschen weit überlegen. Er spricht von dem Geburtsvorgang als einen Kraftakt seinerseits und rang damals schon mit der Vorstellung, sich wirklich dem Leben zuzuwenden. Schon seit der Stunde seiner Geburt fühlte Oskar sich den Menschen, auch seiner Familie, weit überlegen und emotional nicht wirklich verbunden.

„Nach all diesen Spekulationen, meine Zukunft betreffend, bestätigte ich mir: Mama und jener Vater Matzerath hatten nicht das Organ, meine Einwände und Entschlüsse zu verstehen und gegebenenfalls zu respektieren. Einsam und unverstanden lag Oskar unter den Glühbirnen, folgerte, daß das so bleibe, bis sechzig, siebenzig, Jahre später ein endgültiger Kurzschluß aller Lichtquellen Strom unterbrechen werde, verlor deshalb die Lust, bevor dieses Leben unter Glühbirnen anfing; und nur die in Aussicht gestellte Blechtrommel hinderte mich damals, dem Wunsch nach Rückkehr in meine embryonale Kopflage stärkeren Ausdruck zu geben.“ ( Günther Grass: Die Blechtrommel. Dtv. S. 54f)

Dieses von Anfang an empfundene pessimistische Welt- und Menschenbild wird im Laufe der Blechtrommel in Oskars Erfahrungen immer wieder bestätigt. Somit fühlte sich Oskar seit seiner Geburt als Außenseiter, zur Einsamkeit verdammt, und suchte nun gleichermaßen nach Möglichkeiten, sich von der Welt abzugrenzen.

Einen physiologischen Grundstein zur Abgrenzung von der restlichen Welt und seiner bewusst herbeigeführten Außenseiterposition legt Oskar an seinem dritten Geburtstag, als er beschließt, mit dem Wachsen aufzuhören. Dies scheint die ihm gemäße Form, seinen Widerwillen gegen die Welt der Erwachsenen zum Ausdruck zu bringen.

Hinter der Maske des Kindes oder auch Gnoms fühlt er sich wohl, schützt sie ihn doch vor gesellschaftlichen Zugriffen auf seine Person, seien sie erzieherischer oder auch lebensbedrohlicher Art. Im zweiten Fall rettete die Kleinwüchsigkeit ihm bei der Belagerung der polnischen Post das Leben. Auch bewahrte seine äußere Erscheinung Oskar vor einem langen Gefängnisaufenthalt, da er während des Prozesses wegen seiner Rolle als Anführer in der berüchtigten Stäuberbande in die Rolle des zurückgebliebenden Dreijährigen schlüpft und damit alle Anwesenden täuscht und letztlich ohne Strafe den Gerichtssaal verlassen kann.

Aus der Distanz, die sich in geistig überlegener und körperlich unterlegener Form zeigt, legt Oskar die Gebrechlichkeit und Unzulänglichkeit der Erwachsenenwelt in aller Schonungslosigkeit offen, ohne sich dabei selbst als positiven Gegenentwurf zu präsentieren.

[...]


[1] Bernhardt, Rüdiger (2003): Günther Grass. Die Blechtrommel. Königs Erläuterungen und Materialien. Holfeld: Bange. S.5

[2] Nolte, Jost: Oskar, der Trommler kennt kein Tabu. In: Die Welt. Hamburg. 17.10.1959. Abgedruckt in: Neuhaus, Volker (1997): Günther Grass. Die Blechtrommel. S.105 Stuttgart: Reclam

[3] Enzensberger, Hans Magnus: Wilhelm Meister, auf Blech getrommelt. Über Günther Grass. Süddeutscher Rundfunk. 18.11.1959. Abgedruckt in: Neuhaus, Volker (1997): Günther Grass. Die Blechtrommel. S.117 Stuttgart: Reclam

[4] Grass, Günther/Zimmermann, Harro (2000): Vom Abenteuer der Aufklärung. Werkstattgespräche. Göttingen: Steidl. S. 58

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Antiheld Oskar Matzerath in "Die Blechtrommel" von Günther Grass
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V158194
ISBN (eBook)
9783640708437
ISBN (Buch)
9783640708222
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Günther Grass, Blechtrommel, Oskar Matzerath, Matzerath, Hundejahre, Katz und Maus, Danziger Trilogie, Antiheld
Arbeit zitieren
Sarah Weihrauch (Autor), 2009, Der Antiheld Oskar Matzerath in "Die Blechtrommel" von Günther Grass, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158194

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