Sozialistische Theorien und Utopien im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Sozialistische Theorien und Utopien im Vergleich

1. Einleitung

2. Thomas Morus: Die perfekte Wirtschaft in Utopia

3. Proudhon: Gegen Autoritäten und pro kostenlosem Tausch

4. LaFargue: Arbeit zerstört den Menschen

5. Kropotkin: Das Notwendige für alle

6. Landauers anarchistischer Sozialismus

7. Kritik

8. Zusammenfassung und Vergleiche

9. Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit soll eine Betrachtung einiger sozialistischer Theorien sein. Mit Sozialismus ist hierbei der individualistische Sozialismus gemeint, den einige oft als Anarchismus bezeichnen. In diese Reihe gehören die hier vorgestellten Theorien von Pierre-Joseph Proudhon, Petr Kropotkin und Gustav Landauer. Letzterer hatte Erstere als Vorbild, bildete aus ihrem Besten seine Essenz, weshalb man ihn letztlich als Zusammenfassung und Kulminierung dieser Arbeit sowie als Höhepunkt des Standes der sozialistischen Theorie bis zu diesem Zeitpunkt (1919) ansehen kann. Trotzdem sollen hier noch zwei weitere Autoren Platz finden, die eher in die Tradition von Marx und Engels gehören: Thomas Morus als Startpunkt der sozialistischen Theorie und Paul LaFargue aufgrund einiger wichtiger Erkenntnisse seinerseits, welche die späteren Autoren gut ergänzt. Auch weißt LaFargue durchaus einige individualistische Züge auf, derweil Morus allerdings völlig auf eine staatliche Regierung setzte.

Ziele dieser Arbeit seien nun also: Vorstellung der sozialistischen Ideen von Morus bis Landauer. Als Schwerpunkt werden hierbei die wichtigen ökonomischen sowie sozialen Seiten gesetzt. Weiterhin sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Autoren aufgezeigt werden. Dies geschieht teils bei der Betrachtung der Autoren, vor allem aber in der Zusammenfassung. Eine Frage, die vielleicht beantwortet werden kann ist auch, inwiefern diese Theorien Utopien sind oder ob man sie verwirklichen könnte.

2. Thomas Morus: Die perfekte Wirtschaft in Utopia.

Die Utopia von 1516 des Thomas Morus war der Namensgeber für sämtliche Utopien, auch wenn es bereits andere vor seiner gab, bekannt z.B. vor allem der Staat Platons. Die Utopia schilderte Morus noch als Reisebericht, als Fiktion, äußerte seine Kritik und seine Vorschläge nur versteckt, da es ihn zeitlebens noch fürchten lassen musste. Sie bestach vor allem durch für seine Zeit ungewöhnliche sozialistische Grundideen. Alles gehört dort allen, keiner muss Geld verwenden und gearbeitet wird auch nur wenig, wobei viel Freizeit vorhanden ist. Wie bei vielen frühen Utopien werden der Reichtum des Staates und die Freiheit der Bürger aber vor allem durch Sklaven erreicht, die sich aus Kriegsgefangenen und Verbrechern zusammensetzen. Ein paar von Morus' Ansichten sind aus heutiger Sicht sehr zweifelhaft[1], bei einigen widerspricht er sich selbst, andere dafür sind immer noch revolutionär und teils auch realistisch.

In Utopia ist (fast) alles gleich. Es fängt damit an, dass es 54 absolut gleiche Städte gibt. Eine davon ist aber Sitz des Senats, der Regierung. Im Gegensatz zu den Anarchisten sah er also eine Regierung als notwendig an. Jede Stadt hat Ackerland mit Bauernhöfen. Menschen kommen aus der Stadt um dort für eine festgelegte Zeit zu arbeiten. Dies geschieht in festen Intervallen, so dass immer einige Erfahrene auf den Gehöften zurückbleiben, um Neulinge einzuweisen. Nur wenige, vor allem Freiwillig und Sklaven, arbeiten fest als Bauern.[2] Jeder kann davon abgesehen in der Stadt das Handwerk ausüben, dass er gut beherrscht, muss dafür aber einer entsprechenden Familie angehören, da man das Handwerk seines Vaters ausüben muss. Will man ein anderes, muss man durch Adoption die Familie wechseln, was immerhin möglich ist. Die Arbeitszeit beträgt 6 Stunden. Der Tagesablauf sieht folgendes vor: Eine öffentliche Vorlesung, danach 3 Stunden Arbeit, dann 2 Stunden Pause, danach 3 Stunden weiterer Arbeit, gefolgt von Abendessen und einer Stunde Spielen oder Musizieren. Die restliche Freizeit kann man nach Belieben einteilen, solange man nicht bloß faulenzt. Meist betätigt man sich mit Forschung, Studium, Literatur, Kunst, spielen oder auch – arbeiten. Wer außergewöhnlich gut in der Forschung ist, darf sich auch von der Arbeit freistellen lassen, um sich seiner Begabung zu widmen.[3] Nur Künstler gibt es als Beruf nicht.

Güter dagegen gibt es für alle mindestens genug, da wirklich alle im Staat arbeiten.[4] Auch soll weniger Arbeit anfallen, da Häuser pausenlos ausgebessert werden, so also kaum neue gebaut werden müssen und dies die effektive Arbeitszeit verringert.[5] Ebenso wird nur eine Art Einheitskleidung hergestellt, was weniger Arbeit verursacht[6], aber schon einen guten Ausblick auf die Uniformität der Utopier gibt. Zuletzt noch wird nicht mehr produziert als notwendig ist. Hat man dieses Ziel früher erreicht als erwartet, verfällt die restliche Arbeitszeit und wird zur Freizeit. Damit würde also z.B. die von LaFargue später so angekreidete Überproduktion entfallen.

Jedes der vier gleichen Viertel einer Stadt hat einen Markt. Dort kann der jeweilige Einkäufer alles verlangen, was er möchte, Geld wird hierfür nicht benötigt.[7] Gründe für diese Freizügigkeit sind, dass angeblich genug angebaut wird und nie ein Mangel oder auch nur Furcht vor Mangel herrschen wird. Deshalb wird auch niemand mehr nehmen, als er benötigt. Wozu auch? Zuhause müsste man sich selber um das kümmern, was man woanders auch jederzeit kostenlos bekommt.[8]

Gold und Silber betrachtet man als absolut unnütz. Was will man damit auch? Zu kaufen gibt es nichts; im Inland überhaupt nichts, im Ausland nur selten. So hat man in Utopia gelernt, das Gold, welches außerdem noch so selten und doch so nutzlos ist, zu verachten. Statt für Schmuck nutzt man es für Dinge, anhand derer man lernt negative Assoziationen mit dem Metall zu verbinden: für Nachttöpfe, als Sklavenketten, als Zeichen der Schande sowie als Kinkerlitzchen für die Kinder.[9]

Die Wirtschaft des sozialistischen Utopias ist natürlich perfekt. Für alle werden genug Nahrungsmittel produziert. Ähnlich wie die Einwohner, werden auch die Waren in allen Städten gleichmäßig ausgeglichen. Damit wollen sie erreichen, dass es in keiner Not oder Armut gibt. Der Außenhandel ist jedoch recht beschränkt. Das meiste soll es auch in Utopia selber geben. Als einziges Import gibt es deshalb Eisen, welches für verschiedene Zwecke benötigt wird. Utopia exportiert dagegen nur etwas, wenn jemand Armes bedürftig ist.[10] Da es auch kaum Importe will und an Gold nicht interessiert ist, ist dies nur Rechtens. Dafür hortet es aber überflüssige, in anderen Ländern wertvolle Güter (wie Gold) in Massen für so genannte Notfälle. Dieses betrifft besonders das Anheuern von Söldnern im Kriege oder einfach das – Bestechen von Gegnern. Dazu werden dann übrigens auch goldene Nachttöpfe wieder herausgerückt.

In Utopia werden fast nur Verbrecher als Sklaven gehalten. Die Sklaverei ist immerhin die höchste Strafe in Utopia und immer noch humaner als die Todesstrafe, so Morus. Zu diesen Verbrechern zählen allerdings unter anderem auch Ehebrecher und auch Verbrecher aus dem Ausland, welches dieses nach Utopia entsandt hat. Eine letzte Gruppe machen die Freiwilligen aus. Meist begeben sie sich in die Sklaverei, weil sie in ihrem Heimatland keine Möglichkeit zum Leben haben. Diese Art Sklaven wird auch besser behandelt als die anderen, doch ihre Arbeit ist um so härter, da sie es sich verdienen müssen in Utopia leben zu dürfen. Sie können dafür aber jederzeit kündigen und bekommen dann sogar noch ein Abschiedsgeschenk. Wie sieht nun das Leben eines Sklaven in Utopia aus? Vermutlich nicht groß anders als anderswo. Sie werden für Arbeiten eingesetzt, hier natürlich vor allem solche, die keiner freiwillig tun will und befinden sich in Fesseln.[11] Die Sklaven sind also der Motor Utopias.

Was lässt sich also zusammengefasst über die Ökonomie der Utopia sagen? Ernst Bloch nannte die Utopia kommunistisch und epikureistisch, einen Staat, der freiheitlich und mit Gleichheit nur existieren kann, sobald Eigentum und Geld abgeschafft sind, gleichsam aber bereits eine Art vor-marxistischer sozialistischer Einheitsstaat sei.[12] Das kann ich unterstützen. Alle müssen arbeiten, allerdings weniger als selbst bei uns, keiner ist bedürftig, alle erhalten kostenlos das zum Leben Notwendige[13], Drecksarbeiten werden von Gefangenen ausgeübt und jeder darf seine Freizeit frei gestalten. Nachteile sind jedoch, dass man sich in der Freizeit nicht einmal ausruhen darf, sondern sich selbst da noch betätigen muss und vor allem, dass alle relativ uniformiert werden. Vielleicht übte die Utopia deshalb eine so große Anziehungskraft auf Marx und Engels aus. Dass alle ein wenig arbeiten müssen, jedoch genug zum Leben erhalten, erinnert dagegen an Kropotkin. Als nächstes kommen wir aber zu Proudhon, der einen Punkt der Utopia sicherlich stark angekreidet hätte: Die starke Hierarchie und zentralistische Regierung.

3. Proudhon: Gegen Autoritäten und pro kostenlosem Tausch.

Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) wurde vor allem bekannt durch seinen Ausspruch 'Eigentum ist Diebstahl', dem von ihm beschriebenen System der Volksbank sowie seine Fehde mit Karl Marx. Proudhons Ansichten wirken auf den ersten Blick wie eine Erweiterung von Morus' Sozialismus, ergänzt um den Anarchismus, auch wenn er selber sich gegen den Begriff Anarchismus meist wehrte. Proudhon war weniger Theoretiker denn Praktiker und sagte auch, dass das soziale System so wirklich erst am Ende der Zeiten erfassbar sei, weshalb er das Geschehene bevorzugt nachträglich analysierte.[14]

Er war gegen Herrschaft, gegen Autorität und für ein Leben in Eigenregie – typisch Anarchismus. Jedoch war er auch gegen den Privatbesitz, gegen ein arbeitsloses Einkommen[15] und dafür, dass alle Menschen freie Besitzer aller Produktionsmittel wären. Also nicht der Individualismus des Anarchismus. Dies nannte er den Sozialismus. Der Mensch brauche Herrschaft nicht, notwendig seien nur Gegenseitigkeit, gefestigt durch freiwillige Verträge, organisiert in autonomen Gemeinden. Jedoch gibt es in Proudhons System auch Zwang, so muss z.B. jeder sich in einem Verbund Befindliche mit den anderen zwangsweise übereinstimmen.[16]

Die kapitalistische Wirtschaft ist nach ihm ein Despotismus durch Geldzirkulation. Er erkannte, dass das Eigentum dahin strebte, sich im Besitz weniger zu befinden.[17] Um dem entgegenzutreten brauche es gegenseitige, kostenlose Dienstleistungen und einen freien Tausch von Waren gegen Waren.[18] Die Waren kämen so direkt vom Produzenten zum Verbraucher. Jeder müsste etwas opfern, jeder jedem etwas schulden, dann erst würde keiner etwas verlieren, sondern alle etwas gewinnen. Dazu müssten aber auch alle mitmachen.[19] Solidarität sah er als Gegenseitigkeit, Kommunismus dagegen als Sklaverei, da dieser auch nur einem Staat hörig sei, wie man es auch bei Morus sah.

Proudhon forderte also föderierte und dezentralisierte Kleineigentümer und -produzenten und eine Tauschbank für freie Kredite.[20] Letztere will ich nun vorstellen. Die sogenannte Volksbank existierte einige Monate lang und funktionierte, zumindest laut Proudhon, sehr gut. Sie war freiwillig und keiner Regierung hörig. Sie befand sich im Eigentum aller, die dabei mitmachten, operierte nur zum Wohl ihrer Kunden, forderte weder Zinsen noch Gebühren, lediglich Entschädigungen für Lohn und andere anfallende Kosten. Wie die Entschädigungen jedoch auszusehen hätten, darüber schwieg er sich aus. Ihr Kredit selber war also praktisch kostenlos. Laut Proudhon schadete sie niemanden und griff auch niemandes Eigentum an.[21] Der Kredit aber wurde benötigt als Übergangsphase, bis man das Geld in der Gemeinschaft abschaffen könne und ebenso, um mit der Welt außerhalb des Bereiches der Bank handeln zu können.

[...]


[1] Z.B. die starke zentralistische Hierarchie, die geringe Stellung der Frau, die Uniformität sowie Sklaverei und Geringschätzung anderer Völker.

[2] Vgl. Morus, Thomas: Utopia. Reclam Verlag, Leipzig 19827, S. 51f.

[3] Vgl. Ebd., S. 58f.

[4] Hier widerspricht sich Morus, wenn er später von den Priestern redet. Anfangs meint er noch, wenn alle arbeiten, auch die Priester, wird genug erzeugt, dass alle nicht viel arbeiten müssen. Später jedoch sagt er, die Priester in Utopia müssten nicht arbeiten. Auch ist er nicht ganz ausführlich dabei zu beschreiben, wieviel denn genug sei. Denn scheinbar können sich einige auch etwas Luxus gönnen. Dies wird aufgrund ihrer Stellung in der Hierarchie erteilt. Also sind doch nicht alle gleich?

[5] Vgl. Ebd., S. 62. Ob das aber wirklich weniger Arbeit verursacht, kann ich nicht ganz nachvollziehen, leider aber auch nicht beurteilen.

[6] Vgl. Ebd., S. 63.

[7] Ab dieser Stelle spricht Morus nun nicht mehr von Geld, sondern von Solidarität. Nur: vor dieser Stelle hatte er Geld erwähnt. Wofür ist es in Utopia nützlich? Wie sieht es aus? Das wird nicht geklärt, da später eigentlich auch gesagt wird, dass es kein Geld, noch Gold gibt. Wieder ein Widerspruch.

[8] Vgl. Ebd., S. 65f.

[9] Vgl. Ebd., S. 73f. Diesen Punkt, die Erkenntnis, dass diese Metalle eigentlich für kaum etwas sinnvoll und zum Großteil auch nicht sehr schmuckhaft (oder ebenso gut als Kopie herstellbar) sind, finde ich in Utopia fast noch am besten.

[10] Vgl. Ebd., S. 70.

[11] Vgl. Ebd., a.a.O., S. 92f.

[12] Vgl. Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Zweiter Band. Frankfurt: Suhrkamp 1970, S. 604ff.

[13] So, wie es auch Kropotkin forderte.

[14] Vgl. Proudhon, Pierre-Joseph: Bekenntnisse eines Revolutionärs. Reinbek: Rowohlt 1969, S. 11.

[15] Also gegen Zinsen oder Einnahmen durch die Arbeit anderer.

[16] Vgl. Degen, Hans-Jürgen & Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung. Stuttgart: Schmetterling Verlag 2006, S. 30ff.

[17] Vgl. Proudhon, a.a.O., S. 12.

[18] Vgl. Degen & Knoblauch, a.a.O., S. 33.

[19] Vgl. Proudhon, a.a.O., S. 113ff.

[20] Vgl. Degen & Knoblauch, a.a.O., S. 33.

[21] Vgl. Proudhon, a.a.O., S. 148f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Sozialistische Theorien und Utopien im Vergleich
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V158224
ISBN (eBook)
9783640715527
ISBN (Buch)
9783640715688
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Anarchismus, Arbeit, bloch, degen, Deutschland, dienstleistung, Eigentum, engels, Faulheit, Frankreich, französische revolution, Freiheit, Geld, Gemeinschaft, Gesellschaft, güter, heydorn, Individuum, Kapitalismus, knoblauch, kollektivismus, kommune, Kommunismus, Krieg, kropotkin, LaFargue, Land, Landauer, Leben, link-salinger, london, Marx, Marxismus, maschinen, Mensch, Menschen, Ökonomie, Philosophie, pierre-joseph proudhon, Platon, Politik, priester, Produktion, proudhon, Regierung, Religion, schuchardt, siegbert wolf, Sozialismus, Staat, Thomas Morus, Utopia, valeske, volksbank, volkswirtschaft, Wirtschaft.
Arbeit zitieren
Andre Schuchardt (Autor), 2009, Sozialistische Theorien und Utopien im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158224

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sozialistische Theorien und Utopien im Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden