In dem vorliegenden Essay werden antike Geschlechterbilder, wie das stoische Männlichkeitsideal, mit der Darstellung von Jesus Christus im Neuen Testament verglichen.
Dazu werden Texte der römischen Geschichtsschreiber Tacitus und Ammianus Marcellinus mit den Evangelien verglichen. Ergänzt wird der Essay durch die moderne Forschung wie Susanna Asikainen, Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer und Colleen Conway.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das stoische Männlichkeitsideal in Tacitus´ Annalen
3. Das stoische Männlichkeitsideal bei dem römischen Kaiser Julian „Apostata“
4. Hegemoniale Männlichkeit bei Aristoteles und im Neuen Testament
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion von Männlichkeit im Vergleich zwischen der griechisch-römischen Antike und der Darstellung Jesu Christi im Neuen Testament. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwieweit antike Männlichkeitsideale – namentlich das stoische und das hegemoniale Ideal – zur Interpretation christologischer Texte herangezogen werden können und ob das Verhalten Jesu in seiner Passion nach diesen Maßstäben als „unmännlich“ oder vielmehr als Entsprechung eines spezifischen Männlichekitsideals zu bewerten ist.
- Unterscheidung zwischen stoischem und hegemonialem Männlichkeitsideal.
- Analyse des stoischen Todesverständnisses in den Annalen des Tacitus.
- Untersuchung des idealisierten Kaiserbildes in der Biografie Julians „Apostata“.
- Vergleichende Lektüre der Leidensgeschichte Jesu im Licht antiker Männlichkeitskonzepte.
- Reflexion über die kulturelle Prägung heutiger Wahrnehmung von Männlichkeit in biblischen Texten.
Auszug aus dem Buch
Das stoische Männlichkeitsideal in Tacitus´ Annalen
Der römische Historiograph Publius Cornelius Tacitus lebte von 55 bis 120 n. Chr. und beschreibt in seinem zweiten großen Geschichtswerk, den „Annalen“, die römische Geschichte, vom Tod Kaiser Augustus bis zum Tod Kaiser Neros. In seinem Geschichtswerk lassen sich zwei gute Beispiele dafür finden, wie das stoische Männlichkeitsideal zu Geltung kommt.
Im ersten Buch seiner „Annalen“ beschreibt Tacitus die Hinrichtung von Sempronius Gracchus, der, zur Zeit Kaiser Augustus, dessen Tochter Iulia verführt haben soll, als diese eigentlich mit Marcus Agrippa verheiratet gewesen sei. Später musste Iulia auf Geheiß ihres Vaters den späteren Kaiser Tiberius (unter dem Jesus Christus 33 n. Chr. hingerichtet wurde) heiraten. Laut Tacitus habe Sempronius Gracchus seine Geliebte Iulia „zu Trotz und Haßausbrüchen gegen“ ihren eigentlichen Gatten Tiberius angestachelt. Außerdem habe er Iulia veranlasst einen Brief „voller Gehässigkeit“ gegen Tiberius an Augustus zu schreiben. Daraufhin sei Gracchus von Augustus auf die Insel Cercina (heute Kerkenna-Insel vor Tunesien), vor der afrikanischen Küste, verbannt worden. Dort habe Sempronius Gracchus 14 Jahre in der Verbannung gelebt. Bis schließlich Kaiser Tiberius an die Macht kam und ihn aus später Rache heraus ermorden ließ. Tacitus beschreibt im Folgenden mit Hochachtung das Verhalten des Sempronius während seiner Ermordung:
„Dann fanden die zu seiner Ermordung entsandten Soldaten ihn, der nichts Erfreuliches erwartete, auf einem Vorsprung des Gestades. Bei ihrem Eintreffen bat er um eine kurze Frist, um seinen letzten Willen seiner Gattin Alliaria schriftlich mitzuteilen, und bot dann den Mördern seinen Nacken dar, durch Standhaftigkeit im Tod nicht unwürdig des Namens Sempronius: im Leben hatte er sich entartet gezeigt.“
Tacitus schätzt also am Tod von Sempronius seine „Standhaftigkeit im Tod“ (constantia mortis). Also, dass er vor seiner Hinrichtung nicht wegläuft, sich gar wehrt und sie wie Sokrates akzeptiert. Er hat keine Angst, entspricht dem stoischen Ideal und verhält sich männlich. Unmännlich wäre es gewesen zu jammern und Angst zu zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Gender-Theorien von Foucault und Butler ein und definiert das Ziel der Arbeit, männliche Rollenbilder der Antike mit der Darstellung Jesu Christi zu vergleichen.
2. Das stoische Männlichkeitsideal in Tacitus´ Annalen: Das Kapitel analysiert anhand der Todesbeschreibungen von Sempronius Gracchus und Seneca, wie das stoische Ideal der „Standhaftigkeit im Tod“ als männliche Tugend in den Annalen dargestellt wird.
3. Das stoische Männlichkeitsideal bei dem römischen Kaiser Julian „Apostata“: Hier wird untersucht, wie Ammianus Marcellinus den Kaiser Julian als Verkörperung stoischer Kardinaltugenden und als Idealgestalt interpretiert.
4. Hegemoniale Männlichkeit bei Aristoteles und im Neuen Testament: Dieses Kapitel kontrastiert das stoische Ideal mit dem hegemonialen Männlichkeitsmodell und identifiziert Elemente dieser Dominanz in biblischen Szenen wie der Tempelreinigung.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass stoische Topoi in den Berichten über Jesu Passion eine zentrale Rolle spielen und dass heutige Betrachter das Fehlen von Widerstand bei Jesus oft fälschlicherweise als Schwäche deuten, während es antiken Idealen entsprach.
Schlüsselwörter
Männlichkeit, Stoisches Männlichkeitsideal, Hegemoniale Männlichkeit, Tacitus, Jesus Christus, Passion, Antike, Geschlechtsidentität, Sokrates, Seneca, Julian Apostata, constantia mortis, Gender, Gender Studies, Neutestamentliche Exegese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie männliche Rollenbilder der griechisch-römischen Antike die Darstellung von Jesus Christus im Neuen Testament beeinflusst haben könnten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das stoische Männlichkeitsideal, das hegemoniale Männlichkeitsmodell sowie die literarische Analyse von antiken Historiographen und den Evangelien.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor mit dieser Forschung?
Ziel ist es herauszufinden, ob das Verhalten Jesu in der Passion nach antiken Maßstäben als männlich oder unmännlich gewertet wurde und wie diese Texte im Kontext ihrer Zeit verstanden werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftlich-theologische Vergleichsanalyse, die historische Quellen und biblische Texte in Bezug zu sozialwissenschaftlichen Männlichkeitskonzepten setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Tacitus' Berichte über stoische Tode, das idealisierte Bild von Kaiser Julian bei Ammianus Marcellinus und vergleicht diese mit den Beschreibungen von Jesus, einschließlich der hegemonialen Aspekte in biblischen Passagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie stoisches und hegemoniales Männlichkeitsideal, antike Gender-Konzepte und die christologische Exegese definieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung Jesu im Matthäus-Evangelium vom Lukasevangelium im Hinblick auf das stoische Ideal?
Während Jesus im Matthäus-Evangelium verzweifelt und klagend erscheint, zeigt er sich im Lukasevangelium gefasster und souveräner, was stärker dem stoischen Ideal der Standhaftigkeit entspricht.
Warum wird Kaiser Julian „Apostata“ in die Analyse einbezogen?
Kaiser Julian dient als prominentes Beispiel für die bewusste Pflege eines stoischen Selbstbildes in der Spätantike und veranschaulicht, wie Historiker Tugenden wie Selbstbeherrschung und Klugheit idealisierend darstellten.
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- Felix Ludewig (Author), 2024, Vergleich griechisch-römischer Männlichkeitsideale mit der Darstellung von Jesus Christus im Neuen Testament, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1582503