Systemtheorie Parsons und Luhmanns

Ein Vergleich


Seminararbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Auf dem Weg zur Systemtheorie

2 Talcott Parsons strukturelle Systemtheorie

3 Niklas Luhmanns funktionale Systemtheorie

4 Die Theorien Parsons und Luhmanns im Vergleich

5 Praxis: Systemtheorien im Journalismus

Literaturverzeichnis

1 Einleitung – Auf dem Weg zur Systemtheorie

Die Frage nach Gesellschaften und Systemen beschäftigt Wissenschaftler schon seit der Antike. Nicht nur Soziologen, sondern auch Akademiker anderer Disziplinen wie der Politikwissenschaft und der Philosophie gingen der Frage nach, unter welchen Voraussetzungen und vor allem zu welchem Zweck sich Akteure zu sinnhaften Einheiten zusammenschließen. Rühl bezeichnete diese Forschungen „zum geschätzten und verbreiteten Erkenntnisinstrumentarium der Wissenschaften.“ ( Rühl 1969: 185)

Die prägende Bedeutung dieser Studien zeigte sich vor allem in der Aufklärungsepoche, in der nahezu die gesamte Staatsauffassung von systemischem Denken geprägt war. Spätaufklärungsphilosophen wie Kant, Fichte und Hegel beschäftigten sich mit einer Menge von Elementen und ihren Beziehungen zueinander und die Bewusstseinsphilosophen Schelling und Feuerbach gingen den Phänomenen systemischer Organisation nach. (vgl. Hohlfeld 1999: 13)

In der modernen Systemtheorie war es der Biologie vorbehalten, ein neues wissenschaftliches Paradigma zu schaffen. Ludwig von Bertalanffy entwickelte eine allgemeine Systemtheorie als Gegenentwurf vor allem zur Physik, die versuchte gemeinsame Gesetzmäßigkeiten in physikalischen, biologischen und sozialen Systemen zu finden und zu formalisieren. Er kritisiert darin vor allem die Betrachtung von Einzelphänomenen und hält diese für nicht realitätsnah genug, um komplexe Umweltstrukturen zu beschreiben, vielmehr sei die Betrachtung von Vernetzungen nötig: „There exist models, principles, and laws that apply to generalized systems or their subclasses, irrespective of their particular kind, the nature of their component elements, and the relation or 'forces' between them. It seems legitimate to ask for a theory, not of systems of a more or less special kind, but of universal priciples applying to systems in general. In this way we postulate a new discipline called General System Theory. Its subject matter is the formulation and derivation of those principles which are valid for systems in general.” (Bertalanffy 1968: 34)

Aufbauend auf der Basis, dass jedes System mehrere, spezifisch angeordnete Bestandteile hat, ergibt sich die Folgerung, dass alle Bestandteile, die nicht zu einem System gehören, dessen Umwelt ausmachen. Das Paradigma, welches dieser System-Umwelt-Differenz zu Grunde liegt, ist entscheidend für die zwei zu behandelnden Theorien dieser Hausarbeit. Parsons Strukturfunktionalismus und vor allem Luhmanns funktionale Differenzierungstheorie sind die beiden herausragenden und meist diskutierten Systemtheorien in der Fachwelt. In dieser Hausarbeit soll eine kurze Einleitung in beide Theorien versucht werden. Um dem quantitativen Rahmen der Arbeit gerecht zu werden, wird an manchen Stellen jedoch lediglich mit Hinweisen auf Sachverhalte gearbeitet, die in ihrer Bedeutung nicht komplett ausgeführt werden können. Als Abschluss sollen beide Theorien miteinander verglichen und auf das System des Journalismus hin angewendet werden.

2 Talcott Parsons strukturelle Systemtheorie

Der amerikanische Soziologe Talcott Parsons gilt als der einflussreichste Systemtheoretiker nach dem II. Weltkrieg. Die Grundposition seines Strukturfunktionalismus ist die Ausgestaltung einer handlungsorientierten Theorie, in der das Individuum im Mittelpunkt steht: „Die Grundeinheit aller sozialen Systeme ist das Individuum als Handelnder, d.h. als eine Einheit, die grundsätzlich dadurch gekennzeichnet ist, dass sie die Erreichung von Zielen anstrebt, dass sie Gegenständen oder Ereignissen gegenüber emotional oder affektiv reagiert und dass sie ihre Situation, ihre Ziele und sich selbst bis zu einem gewissen Grade kognitiv kennt oder versteht“ (Parsons 1962: 52). Neben dem sozialen System beschreibt Parsons noch drei weitere Systeme: das kulturelle System, das Persönlichkeitssystem und Verhaltensorganismen (vgl. Parsons 2009: 12).

Ziel des Systems ist immer seine eigene Erhaltung und Reproduktion, die es durch eine spezifische Anordnung seiner funktionalen Subsysteme erreicht. Rühl spricht in diesem Zusammenhang von einer „Bestandserhaltung und Regulierung des Systems“ (Rühl 1969: 188). Parsons ordnet jedem Subsystem eine bestimmte Funktion zu, die es zur Erhaltung des Systems beiträgt. Das soziale System dient ihm zur Integration, das kulturelle System zur Normenerhaltung, das Persönlichkeitssystem zur Zielverwirklichung und der Verhaltensorganismus zur Anpassung (vgl. Parsons 2009: 13). Diese vier Funktionen fasst Parsons in seinem berühmten AGIL-Schema zusammen, das die erforderlichen Leistungen für den Systemerhalt darstellt.

Der Ansatz des Strukturfunktionalismus beruht also auf dem Willen des Individuums zur Ordnung. Es hat Interesse an der Stabilisierung seiner Beziehungen zur Umwelt, wie das System Interesse an der eigenen funktionellen Gestaltungsmöglichkeit hat (vgl. Kiss 1977: 166). Kiss führt hierzu weiter aus: „Angesichts der Grundannahme eines anthropologisch verstandenen und universal gültigen Strebens aller Menschen nach einem biologischen und normativen Gleichgewichtszustand müsste individueller Wille zu einer zieltendierten Handlung führen, die normalerweise die Übereinstimmung mit den kollektiv gesetzten Wertmaßstäben sucht“ (Ebd.: 166). Obwohl Parsons das System der Gesellschaft als ein System mit einem Höchstmaß an Selbstgenügsamkeit definiert (vgl. Parsons 2009: 16), weist er auf der anderen Seite darauf hin, dass „jede Gesellschaft (…) hinsichtlich ihrer Erhaltung als System auf die Eingaben (inputs) aus dem Austausch mit Systemen ihrer Umgebung angewiesen [ist]“ (Ebd.: 16). So dienen die von Kiss angesprochenen kollektiven Wertmaßstäbe auf der sozialen Ebene als „institutionalisierte Wertemuster“ (Ebd.: 18), die bestimmen, in welchen Umfang Typen des Systems als sozial wünschenswert gelten. Die Durchlässigkeit der Systeme ermöglicht aber auch die Analyse der Strukturkomponenten in verschiedenen Subsystemen. Auf kultureller Ebene gelten soziale Werte zum Beispiel nur als Teil eines umfassenden Wertesystems, das seine Legitimität vor allem durch die Zielorientierung des religiösen Systems erlangt (vgl. Ebd. 18). Das Hauptverbindungsglied des sozialen System ist aber das Persönlichkeitssystem. Diese Durchlässigkeit der Systeme zeigt sich im Status der Mitgliedschaft. Die Gesellschaft funktioniert in diesem Kontext also nur so lange, wie jedes Mitglied seinen Beitrag zur Erhaltung des Systems einbringt. Welche Beiträge wertvoll sind, ergeben sich dann durch die institutionalisierten Normen und Werte. Hahn schreibt dazu: „Einerseits tendiert die Konformität mit den Mustern infolge ihrer Internalisierung dazu, persönliche bzw. instrumentale Bedeutung für Ego anzunehmen. Andererseits ist der Sanktionscharakter der Reaktionen von Alter gegenüber Ego eine Funktion seiner Konformität mit den Mustern. Konformität als direkter Weg der Erfüllung der eigenen Bedürfnisse tendiert dazu, mit Konformität als Bedingung günstiger Reaktionen und der Vermeidung ungünstiger Reaktionen der Umwelt zu verschmelzen. Sobald in einem Handlungssystem die Konformität mit dem Wertorientierungs-Muster beide Kriterien aufweist, d.h. auf Seiten der Handelnden sowohl als Weg der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse als auch als Bedingung der Optimierung der Reaktionen empfunden und anerkannt wird, dann bezeichnet Parsons dieses Muster als institutionalisiert“ (Hahn 1965: 57f). Die Einhaltung normierter Handlungsmuster hat also eine positive Sanktionierung der Umwelt des Individuums zur Folge. „Die Verinnerlichung und das Erlernen einer, von der Gesellschaft geforderten Wertorientierung verwandelt sich damit zu einem Bedürfnis des Individuums“ (Kiss 1977: 167).

Will man nun ein Sozialsystem analysieren, liefert Parsons die Eckpfeiler dieser Analyse wie folgt: Die „Kernkategorie“ (Parsons 1999: 22) ist die gesellschaftliche Gemeinschaft oder auch „Sozietäre Gemeinschaft“ (Kiss 1977: 183), wobei die Hauptfunktion dieses integrativen Subsystems in der Bestimmung von Loyalitätspflichten der Mitglieder, aber auch der differenzierten Rollen in der Gesellschaft, gegenüber der gesellschaftlichen Gesamtheit besteht. Im Allgemeinen sind es Regierungsinstanzen, die an die Loyalität appellieren und die daran geknüpften Normen realisieren, aber es kann durchaus der Fall eintreten, dass Regierung und berechtige Gemeinschaftsinstanz sich nicht decken (vgl. Parsons 1999: 22).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Systemtheorie Parsons und Luhmanns
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Mikrosoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V158286
ISBN (eBook)
9783640721177
ISBN (Buch)
9783640721696
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemtheorie, Parsons, Luhmanns, Vergleich
Arbeit zitieren
Timo Evers (Autor), 2010, Systemtheorie Parsons und Luhmanns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158286

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