Identität und Sinn in der Netzwerkgesellschaft

Zu Manuel Castells‘ "Das Informationszeitalter"


Seminararbeit, 2009

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Die Gesellschaftstheorie Manuel Castells‘

2 Zur Person Manuel Castells‘

3 Die Netzwerkgesellschaft und soziale Bewegungen

4 Die Konstruktion von Identität
4.1 Definition der Begriffe Sinn und Identität
4.2 Arten der Identitätskonstruktion
4.2.1 Die Legitimierende Identität
4.2.2 Die Widerstandsidentität
4.2.3 Die Projektidentität
4.2.4 Identitäten und sozialer Wandel
4.3 Religiöser Fundamentalismus als Beispiel kollektiver Identitätskonstruktion..

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Die Gesellschaftstheorie Manuel Castells‘

Der Siegeszug des Computers ist unaufhaltsam: Er dominiert das Berufs- und Privatleben der Menschen in weiten Teilen. Kaum jemand kann sich der technisierten Welt entziehen, ist direkt oder indirekt betroffen. Das Internet revolutionierte die zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion. Teile der Lebenswelt sind in Bits und Bytes zerfallen und finden in der Datenautobahn abseits sinnlich wahrnehmbarer Welten statt. Die Gesellschaftstheorie Manuel Castells‘ setzt an dieser Stelle an. In seiner Triologie „Das Informationszeitalter“ skizziert er die Auswirkungen der technischen Neuerungen auf das zwischenmenschliche Zusammenleben und die Sozialstruktur (vgl. Brock 2004: 12) und hat damit ein Werk geschaffen, das mit Enthusiasmus (vgl. Treibel 2006: 268) und Skepsis (vgl. Brock 2004: 18) zugleich in der Wissenschaftswelt rezipiert wird. Manuel Castells‘ Werk lässt sich charakterisieren als „eine empirisch dichte, kulturvergleichende sozialwissenschaftliche Theorie der globalen informationellen Gesellschaft“ (Thumfart 2004: 86f). Auf Basis einer immensen Breite an empirischem Daten- und Informationsmaterial stellt sich der Soziologe der Frage nach dem Verhältnis des „Netzes“ zum „Ich“. Grundlegende Frage ist dabei, wie sich der unpersönliche Raum der Ströme auf der einen und personale sowie soziale Identitäten auf der anderen Seite gegenüberstehen (vgl. Berger/Kahlert 2004: 3). Identitäten sind ein zentrales Thema Castells‘ in seiner Trilogie. Ihnen widmet der Autor weite Teile des zweiten Bandes seiner Abhandlung. Hier skizziert er „die Folgeprobleme des Informationszeitalters, wie sie sich für die aus den neuen Möglichkeiten weitestgehend Ausgeschlossenen darbieten“ (Brock 2004: 13). Welche Rolle Identität und Sinn in der von Castells beschriebenen Netzwerkgesellschaft spielen und wie es zur Identitätskonstruktion kommt, wird in den folgenden Ausführungen dargestellt. Die Arbeit basiert im Wesentlichen auf Auszügen des zweiten Teils der Trilogie und integriert Ausführungen aus grundlegenden Standardwerken, Rezensionen und Studien, die Manuel Castells‘ Werk thematisieren.

2 Zur Person Manuel Castells‘

Der als „Protagonist einer neueren Soziologie der Weltgesellschaft“ (Treibel 2006: 268) gefeierte Soziologe Manuel Castells wurde 1942 in Spanien geboren (vgl. UOC Library and Fundación Telefónica o.J.). Im Jahr 1958 nahm er sein Studium der Rechtswissenschaften und Ökonomie in Barcelona auf. Als Aktivist gegen die Franco-Diktatur musste er jedoch nach vier Jahren Studium Spanien verlassen und floh 1962 ins Exil nach Paris (vgl. Treibel 2006: 268). Dort promovierte er 1967 in Soziologie und erhielt ein Doctorat d’État des Lettres et Sciences Humaines der Sorbonne. Ein Jahr lang war er als Hochschullehrer an der neu gegründeten Universität Paris tätig bevor er 1968 aufgrund seiner Beteiligung an Studentenunruhen ausgewiesen wurde. Bereits 1970 kam er nach Paris zurück und lehrte bis 1979 an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (vgl. Thumfart 2004: 85). Eine weitere wesentliche Etappe seiner wissenschaftlichen Laufbahn absolvierte Castells in den Jahren 1988 bis 1993 als Professor und Direktor am Instituto de Sociologia de Nuevas Tecnologias an der Universidad Autonoma de Madrid. Manuel Castells ist seit 1996 Professor an der Consejo Superior de Investigaciones Cientificas in Barcelona und bekleidet außerdem seit 1997 einen Lehrstuhl für Soziologie an der University of California, Berkely (vgl. Treibel 2006: 268). Er hält Gastprofessuren an 15 Universitäten in Europa, den USA, Kanada, Asien sowie Lateinamerika (vgl. Degele 2004: 19), trägt die Ehrendoktorwürde von 12 Universitäten und wurde vielfach für seine wissenschaftlichen Leistungen ausgezeichnet. Castells hat 19 Bücher verfasst, darunter seine Trilogie „Das Informationszeitalter“, die in 23 Sprachen übersetzt wurde und Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist. Zudem ist Castells Koautor und Herausgeber diverser anderer Werke (vgl. UOC Library and Fundación Telefónica o.J.).

3 Die Netzwerkgesellschaft und soziale Bewegungen

Die Beschreibung und das Verständnis von Identität nach Castells setzt eine kurze Skizze der Netzwerkgesellschaft, wie sie der Autor der Trilogie versteht, voraus. Die Gegenwart, so Castells, ist gezeichnet und bestimmt durch den Konflikt zwischen Globalisierung und Identität. Die Revolution der Informationstechnologie einerseits und die Restrukturierung des Kapitalismus andererseits haben eine neue Gesellschaftsform hervorgebracht: die Netzwerkgesellschaft (vgl. Castells 2002: 3). Die gesellschaftliche Struktur, die die Netzwerke begründen, ist „ein hochgradig dynamisches, offenes System, das erneuert werden kann, ohne dass das Gleichgewicht in Gefahr geriete.“ (Castells 2001: 529). Die Terminologie Castells‘ reiht sich ein in eine Vielzahl von Beschreibungen des gesellschaftlichen Wandels und steht neben jenen der „Informationsgesellschaft“, „Kommunikationsgesellschaft“ oder auch „Wissensgesellschaft“ – Begrifflichkeiten, derer sich auch Castells bedient (vgl. Treibel 269). Ein weiteres, prägendes Element der Ausführungen zur Netzwerkgesellschaft und eines ihrer wesentlichen Charakteristika ist das Aufblühen bzw. die Entstehung (neuer) kultureller sozialer Bewegungen (vgl. Berger/Kahlert 2004: 3f). Castells‘ Werk ist insgesamt durchzogen von Beispielen sozialer Bewegungen. Er definiert sie als „zielgerichtete soziale Handlungen, deren Ergebnis in Sieg oder Niederlage die Wert und Institutionen der Gesellschaft transformiert.“ (Castells 2002: 6) Die Bedeutung dieser Bewegungen wird deutlich, wenn Castells von kollektiven Identitäten spricht: Letztere bilden sich in Reaktion auf die Charakteristika der Netzwerkgesellschaft heraus. Die Quellen kollektiver Identität leisten Widerstand gegen die globalen Prozesse (vgl. ebd.: 4). Bereits im ersten Teil seiner Trilogie begründet er, weshalb Identitäten in der Gesellschaft, in der die Menschen heute leben, so wichtig ist: „In einer Welt der globalen Ströme von Reichtum, Macht und Bildern wird die Suche nach Identität […] zur grundlegenden Quelle gesellschaftlicher Sinnstiftung.“ (Castells 2001: 3) Diese Entwicklung sei keineswegs neu, da aber klassische Organisationen und Institutionen an Legitimität und traditionelle soziale Bewegungen an Bedeutung verlören, begründe letztlich nur noch die Identität einen Sinn (vgl. ebd.: 3). Da Macht und persönliche Erfahrung in der Netzwerkgesellschaft nicht mehr zeitlich und räumlich zusammenfallen, werden die Erfahrungsräume jedes Einzelnen unsicher. Die entstehenden kollektiven Identitäten sind Spiegelbild des Protests gegen diese Entwicklung (vgl. Degele 2004: 23). „Die Menschen organisieren Sinn immer weniger um das herum, was sie tun, sondern vielmehr auf der Grundlage dessen, was sie sind, oder doch zu sein glauben.“ (Castells 2001: 3). Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass die Quellen und Träger von Identitäten nicht mehr Klassen, sondern soziale Bewegungen sind (vgl. Degele 2004: 23).

4 Die Konstruktion von Identität

Die Ausführungen zur Charakteristik der Netzwerkgesellschaft und ihrer Beziehung zu kollektiver Identität macht deutlich: Im Informationszeitalter hat sich ein Dipol herausgebildet aus der Macht der Netzwerkgesellschaft einerseits und der Identität als Gegenmacht andererseits. Jedoch hat die gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer netzwerkartigen Struktur die „alten“ Prozesse des Identitätsaufbaus in Frage gestellt (vgl. Castells 2002: 13). Der soziale Wandel selbst hat dadurch eine neue Form erhalten (vgl. Treibel 2006: 269). Im Folgenden sollen das Verständnis Castells‘ von Identität, Konstruktionsprozesse von Identität sowie ihre Bedeutung für den sozialen Wandel dargestellt werden und abschließend ein Beispiel für einen Prozess der Identitätskonstruktion skizziert werden.

4.1 Definition der Begriffe Sinn und Identität

Eine Identität ist, so Castells, „die Quelle von Sinn und Erfahrung“ (Castells 2002: 8). Damit stellt sich zunächst einmal die Frage nach der Definition des Begriffs „Sinn“, welcher laut Autor „die symbolische Identifikation des Ziels einer Handlung durch einen sozial Handelnden“ (Ebd.: 9) beschreibt. Folglich ist den Worten Castells‘ folgend Identität ein Prozess der Sinnkonstruktion. Er vollzieht sich „auf der Grundlage eines kulturellen Attributes“ (Ebd.: 8). Dieses Attribut – es kann sich auch um mehrere handeln – wird gegenüber anderen kulturellen Attributen als Quelle von Sinn bevorzugt (vgl. ebd.: 8). Damit ist klar, dass sich der Sinn aus der Identität ergibt, aber wo liegen die Quellen der Identität? Als zentralen Bezugspunkt identifiziert Castells „primäre“ Identitäten, also jene, „die über Zeit und Raum hinweg selbsterhaltend ist“ (Ebd.: 9). Rezensenten monieren an dieser Stelle, dass eine genaue Erklärung dieser primären Identitäten nicht erfolgt und damit offen bleibe, ob es sich beispielsweise um die Attribute Klasse, Rasse oder Geschlecht handele (vgl. Berger/Kahlert 2004: 8). Als Baumaterialein von Identitäten benennt Castells Aspekte wie Geschichte, Geografie, Biologie, produktive Institutionen, kollektives Gedächtnis, persönliche Phantasien, Machtapparate und religiöse Offenbarungen. Die Verarbeitung dieser Quellen erfolgt auf Basis der Sozialstruktur der Menschen. Diese Liste lässt bereits erahnen, was Castells auch ausdrücklich hervorhebt: Eine Person kann Träger mehrerer Identitäten sein, die jedoch in Selbstdarstellung und sozialem Handeln in Konflikt und/oder Widerspruch zueinander stehen können. Wichtig ist an dieser Stelle die Unterscheidung von „Identität“ und „Rolle“ in der Soziologie. Institutionen und Organisationen strukturieren Normen; diese Normen definieren wiederum spezifische Rollen (z.B. Arbeiterin, Mutter, Nachbarin, Gewerkschaftsmitglied etc.) (vgl. Castells 2002: 8f). Wie stark die Rollen das Verhalten beeinflussen, hängt von der Beziehung zwischen den Individuen und den Institutionen ab. Während Rollen durch die institutionelle Komponente geprägt sind, entstehen Identitäten „im Verlauf eines Prozesses der Individuation“ (Ebd.: 9). Identitäten können auch von Institutionen ausgehen, aber sie werden erst dann zu Identitäten, wenn der sozial Handelnde sie verinnerlicht und darauf aufbauend Sinn konstruiert. Zudem ist es möglich, dass die Rolle mit einer Identität übereinstimmt (vgl. ebd.: 9). Allgemein lässt sich jedoch sagen „organisieren Identitäten Sinn, während Rollen Funktionen organisieren“ (Ebd.: 9). Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass Castells in seinen Ausführungen auf kollektive und nicht auf individuelle Identität zielt (vgl. Treibel 2006: 269).

4.2 Arten der Identitätskonstruktion

Die soziale Konstruktion von Identität erfolgt immer in einem von Machtbeziehungen geprägten Zusammenhang. Castells unterscheidet daher drei verschiedene Formen der Identitätskonstruktion (vgl. Castells 2002: 9f). Eine Identität an sich außerhalb ihres historischen Kontextes gebe es nicht (vgl. Berger/Kahlert 2004: 8f).

[...]

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Details

Titel
Identität und Sinn in der Netzwerkgesellschaft
Untertitel
Zu Manuel Castells‘ "Das Informationszeitalter"
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Einführung in die soziologischen Theorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V158288
ISBN (eBook)
9783640713639
ISBN (Buch)
9783640713714
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Sinn, Netzwerkgesellschaft, Manuel, Castells‘, Informationszeitalter
Arbeit zitieren
Timo Evers (Autor), 2009, Identität und Sinn in der Netzwerkgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158288

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