Die Interessenvielfalt in Daniel Defoes "A Journal on the Plague Year"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Pest als literarisches Mittel
3. A Journal on the Plague Year von Daniel Defoe
3.1. Biographie und literarisches Schaffen des Daniel Defoe
3.2. Das Journal
3.3. Der Erzähler H.F.

4. Die Interessenvielfalt im Journal
4.1. Das wissenschaftliche Interesse
4.1.1. Die Pest als medizinisches Phänomen 8 4.1.2. Die Sterblichkeit von Männern und Frauen
4.1.3. Die Pest im Journal
4.2. Das literarisches Interesse 14 4.2.1. Auswirkungen auf das Zusammenleben
4.2.2. Die Pest als Gleichmacher? - Soziale Unterschiede
4.3. Das paränetische Interesse
4.3.1. Die Rolle der Religion
4.3.2. Zusammenbruch einer geordneten Welt

5. Fazit

6. Literaturangaben
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Typhus, Cholera, Pocken - Die Bedrohung der Menschheit durch tödliche Infektionskrankheiten, die sich nicht selten zu verheerenden Epidemien ausweiteten, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Darstellung des gesellschaftlichen Ausnahmezustandes, der durch einen solchen radikalen Einschnitt in das menschliche Leben hervorgerufen und oftmals mit einer apokalyptischen Stimmung und Massenhysterie einhergeht, scheint seit vielen Jahrhunderten, trotz seines Schreckens, eine faszinierende Wirkung auf die Menschen ausgeübt zu haben. Folglich verwundert es nicht, dass es schon früh zu einer literarischen Auseinandersetzung mit diesem Thema kam. Vor allem über einen der drei gefürchteten apokalyptischen Reiter - die Pest - sind zahlreiche schriftliche Zeugnisse vorhanden. Dabei gilt die Pest gemeinhin aufgrund ihrer extremen Ansteckungsgefahr und den damit verbunden Opferzahlen als die katastrophalste Epidemie des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Neben ihren dramatischen Auswirkungen auf die demographische Landschaft Europas waren ihre Auswirkungen darüber hinaus weit hinein bis in die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und geisteswissenschaftlichen Bereiche deutlich spürbar.

Bezüglich der literarischen Auseinandersetzungen mit der Pest lassen sich drei oftmals voneinander getrennt behandelte Intentionen seitens der Autoren erkennen, indem diese ein wissenschaftliches, ein paränetisches oder ein literarisches Interesse verfolgen. In der vorliegenden Arbeit werde ich die Darstellung der Londoner Pest von 1665 in Daniel Defoes A Journal on the Plague Year, erschienen in 1722, in den Mittelpunkt rücken, um letztlich aufzuzeigen, dass Defoe alle der genannten Interessen in seinem Werk aufgreift. Um dies erreichen zu können, werde ich zu Beginn erläutern, welche Interessen einem Werk, das die Pest thematisiert, zugrunde liegen können, damit anschließend Defoes A Journal on the Plague Year auf dieser Grundlage untersucht werden kann. Der Hauptteil wird sich demnach auf die Analyse des Primärtextes stützen, doch werden des Weiteren auch Fachbücher über die Pest in der Frühen Neuzeit komparativ herangezogen.[1]

2. Die Pest als literarisches Mittel

Thomas Paulsen und Christian Schulze bezeichnen die Pest in ihrem Aufsatz Das Motiv der Pest in der Literatur[2] als dankbares Thema für eine literarische Ausgestaltung, bei welcher der Autor entweder einem wissenschaftlichen, einem paränetischen oder einem literarischen Interesse folge.[3] Wissenschaftliches Interesse ist vornehmlich in medizinischen Werken zu finden, die dem Zwang unterworfen sind, objektivierbare Merkmale einer Krankheit zu beschreiben, um den Leser zu einer Diagnose oder Therapie zu befähigen. Paränetisches Interesse hingegen umfasst Werke mit Appellcharakter, so zum Beispiel das Alte Testament, in dem die Pest Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten ist. Durch den mahnenden Charakter solcher Werke soll der Leser befähigt werden, sein zukünftiges Handeln zu überdenken und das Gehörte darauf anzuwenden. Am häufigsten jedoch werde die Pest „literarisch als multifunktional erzählerisches Mittel eingesetzt.“[4]

„Sie bietet spannende Erzählmöglichkeiten, indem sie eine existentielle Extremsituation darstellt, in der sich die besonderen charakterlichen Fähigkeiten und Defizite der Betroffenen entfalten können, sie lädt zur mitleidsvollen Identifikation des Lesepublikums mit den handelnden Personen in ihrem von höchsten Emotionen geprägten Kampf um das eigene Überleben und das der geliebten Menschen ein und bedient bei den Rezipienten die Ängste, die von einer lebensgefährlichen, ansteckenden Bedrohung, welche von unsichtbaren Keimen ausgeht, ihre Opfer entstellt und furchtbar quält, hervorgerufen werden, aber auch eine Art von kathartischem Vergnügen am Schrecken, da man nicht wirklich in das Geschehen involviert ist.“[5]

Hierbei muss der Autor weder eine medizinische Ausbildung genossen haben, wobei eine realistische und detaillierte Beschreibung der Phänomenologie sich selbstverständlich auf den Erfolg auswirken könnte, noch muss sein Kenntnisstand dem der beschriebenen Zeitepoche entsprechen.

Die Pestgeschichtsschreibung zeige nach Ulbricht zudem zwei Extreme auf, nämlich „Stereotypisierung und Fiktionalisierung. Pestforscher greifen entweder auf Topoi zurück oder sie versuchen sich in dramatischer Darstellung“[6], da sie insgeheim einer Pestdramatik huldigen. So werde immer wieder für die Frühe Neuzeit übernommen, was in der Pestzeit des 14. Jahrhunderts zutreffend war. Immer wiederkehrende Topoi seien die Folgenden:

„Der Freund flieht vor dem Freund, der Vater vor dem Sohn, die Mutter läuft dem Kind davon[,] die panikhafte Flucht vom Ort der Pest oder die exzentrische Orgie als Reaktion[,] [d]ie Auflösung der innersten Bande der Gesellschaft, der Zusammenbruch der Familie […]. “[7]

Dies sei jedoch nur ein Sprachbild, da das furchtbare Geschehen nicht anders habe beschrieben werden können, als dadurch, dass die festesten Bande, die Grundlage der Gesellschaft, durch die Seuche gekappt werden.[8]

3. A Journal on the Plague Year von Daniel Defoe

In diesem Kapitel soll vorrangig der Primärtext hinsichtlich seiner vielseitigen Ausgestaltung untersucht werden, dennoch ist ein Verweis auf Defoes facettenreiche Biographie notwendig, da diese von Bedeutung für die Vielseitigkeit des Werkes ist.

3.1. Biographie und literarisches Schaffen des Daniel Defoe

Daniel Defoe wurde vermutlich Anfang 1660, als Sohn von James und Alice Foe, die von Beruf Wachszieher und Kerzenhändler waren, in London geboren. Defoes Familie gehörte seit 1662 den Dissenters an, die sich geweigert hatten, dem „Act of Uniformity“ zuzustimmen, weshalb Defoe als Kind „Academies for Dissenters“ besuchte, an denen er eine Ausbildung erhielt, die mehr an den praktischen Dingen des Lebens orientiert war. Wahrscheinlich resultierte daraus auch seine Grundeinstellung, „daß praktisches Denken und Handeln die Lösung aller Probleme ermöglicht.“[9] Nur wer sich seines Verstandes bediene, könne sich aus misslichen Lagen befreien oder sich vor diesen schützen. „[I]mmer war Defoe darauf bedacht, konkrete Lösungen für den Abbau von Missständen aufzuzeigen und den Leser durch eine Erörterung des Für und Wider zu überzeugen.“[10] Neben Sprachen, Mathematik und Geographie war auch die religiöse Unterweisung in seiner schulischen Ausbildung von großer Bedeutung.[11] So bedurften auch religiöse und moralische Probleme der Veranschaulichung am konkreten Fall, „um erklärt, gelöst und in belehrender Absicht verallgemeinert werden zu können.“[12]

Nachdem er seinen Wunsch presbyterianischer Pastor zu werden verworfen hatte, wurde Daniel Defoe Kaufmann in London. Handel war für Defoe etwas Lebendiges, Organisches, da natürliche Voraussetzungen auf der Welt bestünden, zudem sei er eine lebensnotwendige Einrichtung angelegt im göttlichen Weltplan. Er bezeichnete Kaufmänner als die Stützen der Wirtschaft und Gesellschaft.[13] Ebenso sei Geld etwas wie eine Schicksalsmacht, nämlich notwendig, um dem Einzelnen ein anständiges Leben zu ermöglichen sowie sich aus Unterdrückung und Abhängigkeit zu befreien. Andererseits habe es auch eine große moralisch fragwürdige Macht, da die Menschen für Geld alles opfern würden, es entscheide über den Lauf der Welt.[14] Neben seiner Tätigkeit als Kaufmann begann er seine Karriere als Autor und schrieb hauptsächlich journalistische Texte. Häufig wird angenommen, Defoe habe nicht unbedingt aus Leidenschaft geschrieben, sondern, da er mehrere Male bankrott ging, aus finanzieller Not. Schaut man sich die Zahl der Veröffentlichungen Defoes im Jahre 1722 an, ist anzunehmen, dass er nicht übermäßig viel Zeit in die Produktion des Journals investierte. Aufgrund einiger Wiederholungen und Widersprüche, die im Journal zu finden sind, könnte man diese These bestätigt sehen. Bezüglich des Journals schreibt Bastian, man könne Defoe mit einem Redner vergleichen, der vergas seine Rede vorzubereiten, aber so sehr “master of his subject“ und “skilled at improvisation“ sei, dass kaum jemand den Unterschied spüre.[15] Ihm wird immer wieder ein außerordentliches literarisches Geschick zugeschrieben. Gertrud Kalb betont hierbei seinen Aktualitätsbezug, aber auch seine Vielseitigkeit in der Themenwahl, den Darstellungsweisen und den Perspektiven. Die Vielseitigkeit führe allerdings auch dazu, dass sein Standpunkt schwerlich festzumachen sei, „ja, es ist mitunter schwer, den Ausgangspunkt und die Intention Defoes textintern ohne Rückgriff auf weitere Informationen überhaupt zu rekonstruieren.“[16] Kalb führt zudem an, dass er bei all seine Werken sehr auf „Publikumswirksamkeit bedacht war“, dabei wusste er „rhetorische Mechanismen zur Emotionalisierung“ und die „Suggestionskraft von Sprache“ einzusetzen.[17]

Durch seine Tätigkeit als Geheimagent, der er einige Zeit nachging, dürfte er wahrscheinlich geübt gewesen sein, detailliert und genau zu beschreiben, dennoch war Defoe „gewiß kein objektiver Beobachter seiner Zeit, dessen Aussagen sachliche Informationen und Faktentreue verbürgen könnten; zu sehr war er selbst in das politische Geschehen verwickelt, als daß er distanziert davon hätte berichten können.“[18]

3.2. Das Journal

Kurz vor der Veröffentlichung des Journals hatte eine Pestepidemie London bedroht, so traf Defoe mit seinem Journal on the Plague Year also den Nerv der Zeit .

Schon vor Erscheinen des Journals nutzte Defoe die Pest als Stoff für sein literarisches Schaffen: “In 1711 and 1712 he several times devoted space in his Review to the progress of a plague epedemic […].“[19] Im Februar 1722 erschien Defoes erstes Werk über die Pest Due Preparations for the Plague, as Well for Soul as Body. Das Journal erschien am 17. März 1722 anonym, lediglich mit den Initialen H.F. versehen. Defoe orientierte sein Schreiben an geschichtlichen Fakten und bezog seine Informationen aus öffentlichen Statistiken und Berichten sowie aus medizinischen und theologischen Traktaten, um seine Glaubwürdigkeit zu sichern: „The Journal must be able to pass as genuine, even to those who could remember those events.”[20] So hielt man das Journal lange für den Tatsachenbericht eines Augenzeugens[21], was auch sein Vorwort verspricht:

„Ein Tagebuch aus dem Pestjahr enthaltend Beobachtungen oder Aufzeichnungen von den wichtigsten Ereignissen, öffentlichen oder privaten, die sich in London während der letzten Heimsuchung von 1665 zugetragen haben. Beschrieben von einem Bürger, der die ganze Zeit über in London geblieben war.“[22]

Im Jahre 1780 wurde Defoe jedoch von Richard Gough als Autor identifiziert: “This is professed to be written by a Saddler of Whitechapel, but the real author was Daniel de Foe.”[23] Defoe war allerdings zum Zeitpunkt der in London wütenden Pest erst vier oder fünf Jahre alt, da man davon ausgeht, dass er Anfang 1660 in London geboren wurde. Natürlich wäre bei einem namentlich gekennzeichneten Erscheinen der Eindruck von Authentizität und Faktizität schlecht aufrecht zu erhalten gewesen. Die Initialen H.F, die am Ende des Journals zu finden sind, verweisen wahrscheinlich auf einen Onkel Defoes, Henry Foe, der ein „saddler of High Street Whitechapel“[24] war. Jedoch ist es eher unwahrscheinlich, dass Defoe die Tagebuchaufzeichnungen, deren Existenz ohnehin sehr fragwürdig ist, seines Onkels wirklich genutzt hat. Vielmehr „ist […] anzunehmen, daß Defoe diese halbanonyme Erzählfigur [H.F.] nur zu literarischen Zwecken wählte […].“[25]

[...]


[1] Zu erweitern wäre die Arbeit sicher noch durch eine Gegenüberstellung mit den Tagebuchaufzeichnungen des Samuel Pepys[1] aus den Jahren 1660 – 1669, die als authentische Beschreibung der Pestjahre in London gelten, da Pepys tatsächlicher Augenzeuge der Londoner Pest in 1665 war. Er war ein vielseitig gebildeter Mann und gehörte den höchsten Verwaltungskreisen an, weshalb ihm viele Informationsquellen zugänglich waren. An der Börse wurde er zudem über ökonomische Entwicklungen und Gesellschaftsklatsch unterrichtet. [Keim, Christiane: Eine allzu glückliche Stadt. S. 117-151. In: Beckmann, Gudrun (Hg.): Eine Zeit großer Traurigkeit. Die Pest und ihre Auswirkungen. Gießen: Jonas Verlag ²1987. S. 143f.]

[2] Paulsen, Thomas; Schulze, Christian: Das Motiv der Pest in der Literatur. S. 328-357. In: [2]Meier, Mischa (Hg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Stuttgart: Klett-Cotta 2005.

[3] Ebd.

[4] Ebd. S. 330.

[5] Ebd.

[6] Ulbricht, Otto (Hg.): Die leidige Seuche. Pest-Fälle in der Frühen Neuzeit. Köln: Böhlau Verlag GmbH & Cie 2004. S. 58f. „Damit stellt sich die Frage, was eigentlich schlimmer ist: Ein bewußtes, für jeden und jede erkenntliches Experimentieren mit der Darstellungsweise einerseits oder das unreflektierte Wiederholen der Topoi vom Schwarzen Tod bis heute und immerdar oder die allgemein nicht wahrgenommene Fiktionalisierung andererseits. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: konsequente und systematische Kritik der vorliegenden Literatur in dieser Beziehung und Reflexion über die Art, Geschichte zu schreiben. [ebd]

[7] ebd. S. 59.

[8] ebd. S. 60.

[9] Kalb, Gertrud. S. 20.

[10] ebd. S. 21.

[11] ebd. S. 9.

[12] ebd. S. 26.

[13] ebd. S. 24.

[14] ebd. S. 24f.

[15] Bastian, F.: Defoe’s Journal on the Plague Year’ Reconsidered. S. 203- 232. In Heidenreich, Regina und Helmut (Hg): Daniel Defoe. Schriften zum Erzählwerk. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1982. S. 224.

[16] Kalb, Getrud. S. 18.

[17] ebd. S. 14.

[18] ebd. S. 10.

[19] Bastian, F. S. 221.

[20] ebd. S. 223.

[21] Kalb, Gertrud. S. 75.

[22] Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Erster und zweiter Teil; Kapitän Singleton; Die Pest in London. München: Carl Hanser Verlag 1968. S. 729.

[23] Bastian, F. (Hg). S. 203.

[24] ebd. S. 204.

[25] ebd.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Interessenvielfalt in Daniel Defoes "A Journal on the Plague Year"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V158303
ISBN (eBook)
9783640707287
ISBN (Buch)
9783640707300
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interessenvielfalt, Daniel, Defoes, Journal, Plague, Year
Arbeit zitieren
Julia Altmann (Autor), 2008, Die Interessenvielfalt in Daniel Defoes "A Journal on the Plague Year", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158303

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Interessenvielfalt in Daniel Defoes "A Journal on the Plague Year"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden