Die Krankheit zum Tode ist von Sören Kierkegaard unter dem Pseudonym Anti-Climacus herausgegeben worden und beschreibt in Abgrenzung zu Climacus eine entschieden christliche Position innerhalb seiner philosophischen "Reflexion auf das Menschsein". Der Mensch ist eine Synthese von Endlichkeit und Unendlichkeit, Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit und das Selbst des Menschen ist das positive Dritte, das Verhältnis, das sich zu dieser Synthese bzw. zu sich selbst verhält. Ist dieses Selbst-/Verhältnis im Mißzustand, und nach Anti-Climacus betrifft dies den größten Teil der Menschheit, befindet man sich in der Verzweiflung, die die Krankheit zum Tode ist. Die Verzweiflung äußert sich in dreifacher Art und Weise: "verzweifelt sich nicht bewusst sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung); verzweifelt nicht man selbst sein wollen; verzweifelt man selbst sein wollen" (KT, 1 A). Die Überwindung der Verzweiflung, d.h. Geist zu werden, sich zu sich selbst zu verhalten und sich selbst zu akzeptieren ist die Aufgabe jedes einzelnen Menschen. Zugleich muss er die fremde Macht (Gott) anerkennen, die ihn gesetzt hat (KT, 1 A).
In der folgenden Analyse werde ich zwei Aspekte hervorheben, die mir als Eckpunkte in meiner Untersuchung dienen sollen. Der erste Aspekt beschäftigt sich mit dem Problem, wie es überhaupt zu einem Ungleichgewicht innerhalb des menschlichen Selbst kommen kann und der zweite wodurch das Gleichgewicht der Synthese wieder hergestellt werden kann.
In diesem Zusammenhang werde ich Parallelen zu Kierkegaards "Der Begriff Angst" ziehen, da Angst und Verzweiflung in seinen philosophisch-religiösen Gedanken eine enge Verbindung eingehen und beide Werke intertextuell verwendet aufschlussreich hinsichtlich der aufgeworfenen Fragestellungen sein könnten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Ursprung der Verzweiflung
1.1 Selbstbewusstsein und Sündenbewusstsein
1.2 Der Begriff Angst
1.3 Die Gestalten der Verzweiflung
2. Die Möglichkeit der Freiheit
2.1 Der Weg zum Selbst
2.2 Verzweiflung als Bestimmung des Geistes
Schlussbetrachtung
Bibliographie
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die komplexen menschlichen Phänomene Angst und Verzweiflung im Werk Sören Kierkegaards, insbesondere in "Die Krankheit zum Tode" und "Der Begriff Angst", christlich-psychologisch zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie ein Ungleichgewicht im menschlichen Selbst entsteht und wie durch das Anerkennen des Ewigen ein Gleichgewicht innerhalb der Synthese des Selbst wiederhergestellt werden kann.
- Die Konstitution des menschlichen Selbst als Synthese
- Der Zusammenhang zwischen dem qualitativen Sprung, Sünde und Angst
- Die verschiedenen Formen der Verzweiflung als Ausdruck eines Missverhältnisses
- Die Dialektik von Freiheit, Möglichkeit und Notwendigkeit
- Die Rolle des Glaubens als Überwindung der Verzweiflung
Auszug aus dem Buch
1. Der Ursprung der Verzweiflung
"Woher kommt dann die Verzweiflung? Von dem Verhältnis, in dem die Synthese sich zu sich selbst verhält, indem Gott, der den Menschen zu einem Verhältnis machte, dieses gleichsam aus seiner Hand gleiten lässt, d.h., indem das Verhältnis sich zu sich selbst verhält." (KT, 1 B)
Der Mensch ist nach Kierkegaard eine Synthese aus ungleichartigen Dingen wie Unendlichkeit und Endlichkeit, Zeitlichkeit und Ewigkeit, Freiheit und Notwendigkeit. Diese Synthese bildet ein Verhältnis, welches als negatives Drittes bezeichnet wird. Negativ verstehe ich hier als eine Bezeichnung für eine eher passive Größe, die zwei ungleichartige, obwohl zusammengehörige, Elemente verbindet, jedoch nur eine begrenzte Dynamik vorweist. So können die Elemente immer nur in ihrer Abgrenzung voneinander aufeinander verweisen. Die eigentliche Dynamik ist dem Selbst vorbehalten, welches dadurch entsteht, dass sich das Verhältnis zu sich selbst verhält. Das Selbst bezeichnet das positive Dritte und könnte nicht nur als das Verhältnis selbst, sondern auch als ein ihm Äußeres verstanden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in Kierkegaards Verständnis des Menschen als Synthese und die Definition der Verzweiflung als "Krankheit zum Tode".
1. Der Ursprung der Verzweiflung: Analyse der Entstehung des menschlichen Selbst und dessen notwendiges Verhältnis zu sich selbst, unter Einbezug des Begriffs der Angst.
1.1 Selbstbewusstsein und Sündenbewusstsein: Untersuchung des qualitativen Sprungs, der den Übergang von Unschuld zu Schuld und das Erwachen des Selbstbewusstseins markiert.
1.2 Der Begriff Angst: Erörterung der dialektischen Natur der Angst, die als notwendige Bestimmung zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit auftritt.
1.3 Die Gestalten der Verzweiflung: Diskussion der verschiedenen Formen des "Nicht-man-selbst-sein-wollens" als Ausdruck eines gestörten Selbstverhältnisses.
2. Die Möglichkeit der Freiheit: Beleuchtung der dialektischen Natur der Freiheit als Aufgabe, ein Selbst zu werden.
2.1 Der Weg zum Selbst: Beschreibung der verschiedenen Bewusstseinsstufen auf dem Weg zur Selbstwerdung und die Problematik des Lebens in den "Kategorien des Sinnlichen".
2.2 Verzweiflung als Bestimmung des Geistes: Analyse der Verzweiflung als notwendiges Stadium auf dem Weg zur Geistwerdung und die Bedeutung der stetigen Entscheidung für die Freiheit.
Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Reflexion über die Interdependenz der beiden untersuchten Werke und deren Relevanz in der heutigen Zeit.
Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Sören Kierkegaard, Verzweiflung, Angst, Selbst, Synthese, Freiheit, Sünde, Geist, Menschsein, Gott, Glaube, Schuld, Bewusstsein, Identität, Existenzphilosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophisch-religiösen Begriffe Angst und Verzweiflung bei Sören Kierkegaard, um deren Bedeutung für die Konstitution und Entwicklung des menschlichen Selbst aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Existenz als Synthese, das Verhältnis von Endlichkeit und Unendlichkeit, die Rolle der Freiheit sowie die psychologische Dynamik von Schuld und Glaube.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Ungleichgewicht innerhalb des menschlichen Selbst zu analysieren und zu ergründen, wie durch eine bewusste geistige Entscheidung und die Anbindung an Gott ein Gleichgewicht hergestellt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer christlich-psychologischen Analyse, indem sie die intertextuellen Zusammenhänge zwischen den Werken "Die Krankheit zum Tode" und "Der Begriff Angst" systematisch auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Ursprungs der Verzweiflung (inklusive Angst und Sündenbewusstsein) und die Analyse der Freiheit als notwendige Bestimmung des Geistes auf dem Weg zum Selbst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind vor allem Verzweiflung, Angst, Freiheit, Selbst-Synthese, Geistwerdung und das Gottesverhältnis.
Wie unterscheidet Kierkegaard den Begriff der Angst von der Furcht?
Im Gegensatz zur Furcht, die auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist, ist die Angst nach Kierkegaard die Ahnung der Freiheit und die Reaktion des Geistes auf die Möglichkeiten des Daseins.
Warum ist das Verständnis von "Gott" für diese Arbeit essenziell?
Kierkegaard zufolge gründet das menschliche Selbst in Gott; eine Verweigerung dieses Wissens oder ein Widerstand gegen diese Macht führt zur "Krankheit zum Tode", also zur Verzweiflung.
- Arbeit zitieren
- Antje Peukert (Autor:in), 2003, „Angst“ und „Verzweiflung“ bei Sören Kierkegaard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158363