Warum moralisch sein? - Gründe und Motive für moralisches Handeln


Bachelorarbeit, 2009

54 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Moral?
2.1. Ethik und Moral
2.2. Philosophische und Deskriptive Ethik

3. Ethik und Moral - Utilitarismus und Verantwortungsprinzip
3.1. Peter Singer: Universalisierung des Eigeninteresses
3.2. Stefan Gosepath: Verantwortung für moralisches Handeln
3.3. Resümee

4. Begründungen für ethisches Handeln
4.1.Peter Singer: Vorteile eines ethischen Lebens
4.2. Stefan Gosepath: Verantwortung und moralische Pflichten
4.3. Resümee

5. Gründe und Motive für moralisches Handeln
5.1.Peter Singer: Moralisches Eigeninteresse und Lebenssinn
5.2. Stefan Gosepath: Gründe, Motive und Vernunft
5.3. Resümee

6. Pflichtbegriff
6.1.Peter Singer: Die Pflicht zu helfen
6.2. Stefan Gosepath: Primäre und sekundäre Gründe der Moral
6.3. Resümee

7. Handlungsfähige Akteure
7.1.Peter Singer: Das Individuum im Kontext der Gesellschaft
7.2. Stefan Gosepath: Kollektive Haftung
7.3. Regina Kreide: Kollektive (ökonomische) Akteure
7.4. Resümee

8. Warum moralisch sein?

9. Literatur

1. Einleitung

„Das Moralische versteht sich von selbst, so heißt es. Wenn es so ist, dann ist jedes Wort darüber zuviel. Was sich von selbst versteht, kann man nicht durch etwas anderes erklären, was noch besser verständlich wäre, [...]“ (Spaemann 1982, S. 7)

Was ist Moral? Besteht Moral lediglich aus einem „System von Normen, das in einer Gesellschaft aufgrund von sozialem Druck besteht“ (Tugendhat 1992, S. 316)? Oder gibt es, wie Spaemann ausführt, Indizien für einen univeralen Maßstab, der uns unser Handeln bewerten lässt? (vgl. Spaemann 1982, S. 16ff.)

Und was sind Gründe und Motive, die uns Menschen dazu bringen moralisch zu handeln? Warum sollte ich moralisch sein?

Mit diesen Fragen setzt sich die vorliegende schriftliche Ausarbeitung auseinander. Es geht in erster Linie darum Gründe und Motive für moralisches Handeln, oder generell, für ein ethisches Leben aufzuzeigen und damit Antworten auf die zentrale Frage zu liefern: „Warum moralisch sein?“

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich hauptsächlich mit den Ausführungen der Philosophen Peter Singer und Stefan Gosepath. Beide Philosophen argumentieren in erster Linie mit rationalen Gründen für ein moralisches Leben. Es geht aber auch um das Wollen - also den Wunsch ethisch zu leben beziehungsweise moralisch zu handeln. Ich werde dar- stellen, wie Peter Singer dieses in der Moralphilosophie gängige „Wollen“ und „Sollen“ miteinander verknüpft und wie Stefan Gosepath rationale und motivierende Gründe für die Verantwortung unmoralischer Zustände entwickelt. Daher liegt dieser Arbeit, in gewissem Sinne, eine kantische Auffassung von Moral zugrunde, denn rationale Gründe, so die Prä- misse, sollten zu moralischen Handlungen motivieren. Trotzdem bleibt der Fokus der Ar- beit ein philosophischer und kein psychologischer. „Die entscheidende Frage ist somit, ob es Gründe zum moralischen Handeln gibt, und nicht wie es diesen Gründen gelingen könn- te, uns zu motivieren.“ (Heuer 2008, S.854)

Zu Grunde liegt dieser Arbeit die Annahme, dass es eine wie auch immer geartete absolute Moral gibt. Die Diskussion zwischen den Verfechtern einer subjektiven oder individuellen (relativen) Moral und den Befürwortern einer allgemeingültigen (absoluten) Moral kann nicht in aller Ausführlichkeit dargestellt werden und wird daher lediglich am Rande er- wähnt.

Den Zusammenhang von metaphysischen Faktoren (Glaube und Religiösität) und Moralbegründung werde ich im Rahmen dieser schriftlichen Arbeit nicht behandeln können. Die Bearbeitung dieses Zusammenhangs würde diese Ausarbeitung um ein großes Themenfeld erweitern und religionssoziologische und theologische Betrachtungen erfordern und damit den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Ich gehe zunächst in Kapitel 2 auf die Begriffe Moral und Ethik ein und werde sie grob skizzieren, da ein einheitliches Verständnis der grundlegenden Begriffe für die weiteren Ausführungen notwendig ist.

In Kapitel 3 geht es um das Verständnis von Ethik und Moral bei Peter Singer und Stefan Gosepath. Beide Philosophen sind Verfechter einer konsequentialistischen Ethik und bewerten vor allem die Folgen einer Handlung bzw. Unterlassung.

In Kapitel 4 beleuchte ich die verschiedenen Argumentationen von Singer und Gosepath für ein moralisches Leben. Beide Argumentationen basieren auf der Vernunft und logischen Schlussfolgerungen und unterscheiden sich doch in ihrer abschließenden Begründung für ein ethisches Leben. Auf den Pflichtbegriff, der ebenfalls zur Begründung für ein ethisches Leben dazugehört, gehe ich im sechsten Kapitel gesondert ein. Das 5. Kapitel widmet sich den beiden Begriffen „Grund“ und „Motiv“. Auch in diesem Punkt divergieren die beiden Meinung in Bezug zu dem Verhältnis von Mittel und Zweck einer Handlung. Das 6. Kapitel untersucht den Pflichtbegriff in den Argumentation der Philosophen. Während Singer die Pflicht zum Helfen betont, geht Gosepath erstens von einer prospektiven Verantwortung und damit verbundenen Pflicht zum Handeln aus und zweites werden in diesem Kapitel erneut die primären und sekundären Gründe der Moral erläutert. Durch die primären und sekundären Handlungsgründe erwachsen die Pflichten zum moralischen Handeln. Im 7. Kapitel werden die Akteure des moralischen Handelns untersucht. Singer sieht vor allem das Individuum in der Verantwortung moralisch zu handeln. Gosepath hingegen befürchtet eine moralische Überforderung des Einzelnen und stellt sein Kollektiv auf Basis des Haf- tungsprinzips vor. Es folgt auch noch eine Schlussbetrachtung anhand der Argumentation von Regina Kreide über die Verantwortlichkeit kollektiver Akteure in diesem Kapitel. Jedes Kapitel endet mit einem Zwischenresumee, um die Standpunkte zusammenzufassen. Das 8. Kapitel bildet den Abschluss und behandelt die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen.

2. Was ist Moral?

2.1. Ethik und Moral

Ethik und Moral sind zentrale Begriffe in der vorliegenden Ausarbeitung. Zwar werde ich im weiteren Verlauf der Arbeit noch auf das Verständnis von Ethik/Moral von Peter Singer und Stefan Gosepath verweisen, doch halte ich es für notwendig schon an dieser Stelle kurz und allgemein auf die Begrifflichkeit einzugehen, um so ein besseres Verständnis für die weitere Arbeit zu gewährleisten.

Der Begriff Ethik ist von dem altgriechischen Begriff tò [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] beziehungsweise tò [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] abgeleitet. Dabei meint der Begriff mit „[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]“ (Epsilon) als Anfangsbuchstabe soviel wie Eigenart, gewohnter Zustand, Gewohnheit, Sitte, Brauch (vgl. ebenfalls das Verb „[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]: gewohnt sein, pflegen). Der Begriff mit dem vorangehendem Buchstaben [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (Eta) bedeutet darüber hinaus noch Charakter, Denkweise und Sinnesart. (vgl. Gemoll 1991, SS. 241, 360) Wie sich im Verlauf der weiteren Ausführungen he- rausstellen wird, gehen Singer und Gosepath von dem weiterführenden Begriff der E- thik aus, der ebenfalls die Einstellung und Denkweise betrifft und nicht nur auf Sitten und Bräuche zurückzuführen ist.

Klaus Wiegerling, Professor am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart, beruft sich auf den aristotelischen Begriff der Ethik [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] - den Aristoteles von dem weiter gefassten Begriff [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] abgeleitet hat - und beschreibt Ethik als Teildisziplin der praktischen Philosophie. Ethik befasse sich primär mit der Frage, wie das Zusammenleben der Menschen gestaltet sein sollte und wie ein gutes Leben aussehen muss, „das mit sich und seiner Mitwelt in Einklang steht.“ (Wiegerling 2008, S.21)

Moral stellt die gelebte Sitte dar, während Ethik die Moral reflektierend begleitet bzw. ihr versucht die rationalen Grundlagen zu bieten. (vgl. Wiegerling 2008, S.22) Otto Neumaier geht bei seiner Beschreibung des Begriffs „Moral“ von einer engen Ver- knüpfung mit dem der Ethik aus. Genauer gesagt, sei Ethik die theoretische Disziplin, deren Gegenstand die Moral ist. „Der Ausdruck ,Ethik‘ bezeichnet so gesehen jeglicheTheorie,die mitmoralischem Handelnzu tun hat.“ (Neumaier 2008, S.106) Er unterscheidet dabei explizit zwischen den Begriffendeskriptive Ethik undphilosophischeEthik. (vgl. Neumaier 2008, S.106) Für die weitere Betrachtung ist es wichtig, kurz auf beide Begriffe einzugehen und sie gegeneinander abzugrenzen.

2.2. Philosophische und Deskriptive Ethik

Die deskriptive Ethik hat eine beschreibende und erklärende Betrachtungsweise auf die Einstellungen und Verhaltensweisen von Individuen beziehungsweise Gruppen. Theori- en, die sich mit dieser Form der Ethik befassen, sind daher Gegenstand von empiri- schen Wissenschaften (Psychologie, Soziologie etc.). (vgl. Neumaier 2008, S.106) Mit deskriptiver Moral sind, so Neumaier, die von Menschen tatsächlich akzeptierten und befolgten „Spielregeln“ gemeint. Der Gebrauch des Wortes Moral in diesem Sinne orientiert sich an dem lateinischen Wort „mores“, was die Sitten in einer Gesellschaft/ Kultur bezeichnet. Individuen und Gemeinschaften haben, wie sich leicht zeigen lässt, sehr verschiedene Vorstellungen von richtigen beziehungsweise falschen Verhaltensre- geln. Damit wird deskriptive Moral zur individuellen Moral, da viele verschiedene oder sogar beliebige Prinzipien und Normen - wie ökonomische, ästhetische und religiöse - in die Moralvorstellungen einfließen. Das Handeln jeder Person werde damit moralisch, wenn auch nur moralisch im Sinne einer spezifisch-individuellen Moral. Neumaier be- zeichnet diesen Begriff von Moral als trivial, da wir „unter dieser Voraussetzung gar nicht anders können, als ,moralisch‘ zu handeln“ (Neumaier 2008, S.115). Oder anders gesagt: Es ist einfach unmöglich unmoralisch zu handeln. Deskriptive Moral sei zwar hilfreich beim Versuch einen normativen Begriff von Moral zu finden, denn die norma- tive Ethik muss sich an der Wirklichkeit orientieren und hat damit einen deskriptiven Ausgangspunkt, jedoch kann sich die philosophische Ethik nicht auf die Beschreibung und Erklärung der vorhandenen Normen und Werte beschränken. Vielmehr geht es da- rum, richtiges und gerechtfertigtes Handeln zu bestimmen, ohne auf vorhandenen Sitten zu verweisen, und damit moralisch zu begründen. (vgl. Neumaier 2008, S. 114ff.)

Die philosophische Ethik zielt darauf ab mit bestimmten Prinzipien menschliche Ein- stellungen und Handlungen zu beurteilen und „Formen und Prinzipien des ,guten‘ be- ziehungsweise ,richtigen‘ oder ,gerechten‘ Handelns zubegründen.(Neumaier 2008, S.106) Philosophische Ethik versteht Neumaier als normative Disziplin, da sie definiert, was unter Moral zu verstehen ist und bestimmt, wie man handeln und was man unter- lassen sollte. Sie fordert auf die erkannten moralischen Prinzipien und Normen einzu- halten.

Daher unterscheidet Neumaier innerhalb der philosophischen Ethik zwischenMoral-theorieundMoralismus. Die Moraltheorie beschreibt er als die justifikatorische Kom- ponente. So wird innerhalb der Moraltheorie versucht „Prinzipien des gerechtfertigten richtigen Handelns zu bestimmen“ (Neumaier 2008, S.107), während der Moralismus (moralistische Komponente) die Einhaltung von als richtig befundenen Normen von Individuen einfordert. Diese Komponenten werden in der Regel nicht getrennt vonei- nander betrachtet, da ein Vertreter einer bestimmten Moraltheorie in der Regel für das Einhalten “seiner“ gerechtfertigten und folglich für ihn richtigen Normen plädieren wird.

Im normativen Sinn gelten, anders als in der deskriptiven Ethik, nicht alle Einstellungen und Handlungen, die für richtig gehalten werden, als tatsächlich richtig und gerechtfertigt. Individuelle Normen und Prinzipien sind nicht moralisch, nur weil sie jemand für richtig hält. Erst die Überprüfung einer Handlung oder Einstellung und den zugrunde liegenden Normen und Prinzipien anhand bestimmter theoretischer Kriterien (welche ebenfalls theoretisch zu begründen sind) lässt eine Einordnung in richtig beziehungsweise falsch und gerechtfertigt beziehungsweise ungerechtfertigt zu.

Wir werden sehen, dass die beiden Philosophen Peter Singer und Stefan Gosepath sich dem Thema Ethik und Moral von der normativen Seite nähern und daher der philosophischen Ethik zuzuordnen sind. Beide Autoren versuchen moralisches Handeln beziehungsweise ein ethisches Leben mit rationalen Argumenten zu Begründen und halten - in gewisser Weise - bestimmte moralische Prinzipien für universell gültig.

3. Ethik und Moral - Utilitarismus und Verantwortungsprinzip

3.1. Peter Singer: Universalisierung des Eigeninteresses

Peter Singer argumentiert in seinen Werken für den Utilitarismus. Utilitarismus (lat. utilis: nützlich) ist eine Denkrichtung der normativen Ethik, die als wichtigstes Kriterium für moralisches Handeln das Prinzip der Nützlichkeit ansieht. Jede Handlung ist sittlich oder ethisch, deren Folge das allgemeine Glück maximieren beziehungsweise „für das Glück aller Betroffenen optimal sind“. (Höffe 1986, S. 261) Ottfried Höffe beschreibt vier Teilprinzipien des Utilitarismus:

Erstens werden Handlungen nicht aus sich selbst heraus, sondern anhand ihrer Folgen beurteilt (Konsequenzen-Prinzip). Zweitens ist der Maßstab der Folgen ihr Nutzen für das Gute (Utilitätsprinzip). Drittens ist der höchste Wert (und damit das Gute) die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen. Das Glück, definiert von den Erwartungen des Einzelnen, steht im Zentrum dieses Prinzips. Dabei werden die durch eine Handlung entstehende Freude gemessen und mögliches Leid davon subtrahiert, um den Wert dieser Handlung zu bestimmen (hedonistisches Prinzip). Viertens ist nicht das Glück bestimmter Gruppen und Individuen, sondern das der von der Handlung betroffenen ausschlaggebend. Damit verpflichtet sich der Utilitarismus dem allgemeinen Wohlergehen (Sozialprinzip). (vgl. Höffe 1986, S. 261)

Peter Singer beginnt in seinem Werk „Praktische Ethik“ zunächst mit einer Abgrenzung zu dem, was Ethik nicht ist. Demnach sei Ethik nicht eine Art Verbotstafel für Sexualität, da „Hüter der Moral im Allgemeinen“ (Singer 1994, S.16) in Wirklichkeit nur einen einzigen Moralkodex verteidigen und nicht ethisches Handeln als solches. Dies ist nicht nur eine einseitige Betrachtungsweise von Ethik, sondern lässt, laut Singer, viel wichtigere Fragen der Ethik außer Acht.

Zweitens sei Ethik kein ideales theoretisches System, dass jedoch in der Praxis untaug- lich wäre. Vielmehr verweise ein in der Praxis nicht taugliches ethisches Urteil auf ei- nen theoretischen Fehler, „denn der ganze Zweck moralischer Urteile liegt darin, die Praxis anzuleiten.“ (Singer 1994, S.16) Singer kritisiert Ethikmodelle, die lediglich ein- fachen und kurzen Regeln folgen (z.B. „Lüg nicht“), weil diese zum Versagen in der Praxis führen müssen. Man darf jedoch nicht vom Versagen einer solchen Auffassung von Ethik auf das Versagen der Ethik insgesamt schließen.

Drittens sei Ethik nicht nur im Kontext der Religion zu verstehen. Ethisches Verhalten muss nicht an den Glauben an Himmel und Hölle gebunden sein, sondern kann aus dem Wohlwollen und dem Mitgefühl von Menschen hervorgehen. (vgl. Singer 1994, S.18f) Viertens sei Ethik weder relativ noch subjektiv. Singer stimmt zu, dass Handlungen in der einen Situation wegen ihrer positiven Folgen richtig und in der anderen wegen ihrer negativen Folgen falsch sein können. Trotzdem könne man ein Prinzip nicht einfach durch den Bezug auf Raum und Zeit relativieren, da immer noch die Möglichkeit beste- he, dass dieses Prinzip (z.B. „lockerer Sexualverkehr ist falsch“) unter bestimmten Um- ständen objektiv gültig sein kann. Ein allgemeineres Prinzip, so Singer, kann auch all- gemein gültig sein, wie z.B. die Norm „Tu, was Glück vermehrt und Leiden vermin- dert.“ (Singer 1994, S.19) Der Behauptung, Ethik sei immer auf eine besondere Gesell- schaft bezogen, attestiert Singer unplausible Konsequenzen. Er führt dafür das Beispiel einer Gesellschaft an, die die Sklaverei billigt und damit mit ihren ethischen Ansichten unserer Gesellschaft entgegensteht. Es gäbe in diesem Fall keine Grundlage, um zwi- schen diesen entgegengesetzten Meinungen zu wählen. Relativistisch gesehen gäbe es keinen Konflikt. Dazu führt Singer das Beispiel einer möglichen Kontroverse zum Thema Sklaverei an: „wenn ich behaupte, Sklaverei sei falsch, dann behaupte ich lediglich, daß meine Gesellschaft die Sklaverei mißbilligt, und wenn Sklavenhalter der anderen Gesellschaft meinen, Sklaverei sei richtig, dann sagen sie damit bloß das, was ihre Gesellschaft billigt. Weshalb sich darüber streiten? Offensichtlich können wir beide recht haben.“ (Singer 1994, S.21)

Die Existenz von Nonkonformisten in einer Gesellschaft lässt sich nicht befriedigend erklären, wenn man von einer relativistischen Prämisse ausgeht. Ein Nonkonformist wäre in seiner Gesellschaft faktisch im Irrtum, weil sich sein moralischer Irrtum leicht durch eine Meinungsumfrage beweisen ließe. Reformer müssten also versuchen die Mehrheit der Bevölkerung in einer bestimmten Gesellschaft von ihrer ethischen Ansicht zu überzeugen. Andernfalls wären sie, wenn man korrekt folgert, im ständigen Irrtum.

Der Subjektivismus, so Singer, stellt sich in Ansätzen ähnlichen Problemen wie der Re- lativismus. Dabei bestehen die entgegengesetzten moralischen Vorstellungen nicht zwi- schen Gesellschaften, sonder zwischen Individuen. Auch hier können zwei Personen etwas Gegensätzliches behaupten und dennoch beide die Wahrheit proklamieren. Eine Argumentation wäre in diesem Fall ebenso wenig möglich, wie im Relativismus zwi- schen zwei uneinigen Gesellschaften. So wirft moralischer Subjektivismus die Frage nach der Rolle der Vernunft in der Ethik auf, denn „die Nicht-Existenz eines mysteriö- sen Reiches objektiver moralischer Tatsachen bedeutet nicht die Nicht-Existenz morali- scher Diskussion.“ (Singer 1994, S.23) Praktische Ethik sei nur auf der Grundlage einer moralischen Diskussion möglich.

Daher spielt die Vernunft in Peter Singers Auffassung von Ethik eine wichtige Rolle in moralischen Entscheidungsprozessen. Zunächst könne man nicht einfach feststellen, wer nach moralischen Maßstäben lebt und wer nicht, indem man Handlungen von ande- ren Menschen an den (für uns) richtigen moralischen Maßstäben misst. Wenn man da- von ausgehet, dass Lügen und Betrügen unmoralisch ist, ein anderer aber lügt und be- trügt, weil er es aus irgendwelchen Gründen für richtig hält, dann muss man folgern, dass auch auch derjenige, der lügt und betrügt nach irgendwelchen moralischen Grund- sätzen lebt. Somit sei der Begriff des Lebens nach moralischen Maßstäben „mit dem Begriff des Verteidigens der eigenen Lebensweise oder der Argumentation für die eige- nen Lebensweise oder mit ihrer Rechtfertigung verknüpft.“ (Singer 1994, S.26) Es spielt hier nicht mal eine Rolle, ob andere Menschen die Rechtfertigungen für die ihrer Meinung nach falschen Handlungen als unangemessen betrachten. Singer argumentiert, dass jeder Rechtfertigungsversuch genügt, um das Verhalten einer Person in den Be- reich des Ethischen zu versetzen. Folglich gilt ebenso, dass Menschen, die für ihr Ver- halten keine Rechtfertigung anführen können, sich mit ihrem Handeln im Bereich des Nicht-Ethischen befinden - auch, wenn sie konform zu den konventionellen morali- schen Maßstäben handeln.

Aufbauend auf diesen Überlegungen folgert Singer, dass die Rechtfertigung für das ei- gene Handeln gewisse Normen erfüllen muss. Ausschließlich auf Begriffen des Eigen- interesses aufbauende Rechtfertigungen sind unzureichend, da diesen die Verbindung zu Prinzipien fehlt, „die auf einer breiten ethischen Basis beruhen“. (Singer 1994, S.26) Die Bedeutung von Ethik gehe über die des Individuums hinaus, weshalb die Betonung von eigenen Vorteilen nicht für eine moralische Begründung ausreichten. Doch was er- laubt eine ausreichende moralische Begründung für das eigene Handeln?

Singer verweist auf die in der Geschichte immer wieder auftretende Idee eines univer- salen Standpunktes zur Beurteilung von Verhalten. Von der mosaischen „Goldenen Re- gel“ („Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“)1, dem Interesse des anderen den gleichen Stellenwert zukommen zu lassen, wie dem eigenen, über eine vom univer- salen Naturgesetz abgeleitete Ethik, bis hin zu dem kantischen Imperativ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“)2 und deren Ableitungen, versuchten Philosophen der Moral eine Uni- versalisierbarkeit zuzuschreiben. Trotz aller Unterschiede in den Charakterisierungen der Ethik proklamieren viele Philosophen eine Art universale Moral. „Sie [die Philoso- phen] stimmen darin überein, daß ein moralisches Prinzip nicht in bezug auf irgendeine parteiische oder partikuläre Gruppe gerechtfertigt werden kann. Ethik nimmt einen uni- versalen Standpunkt ein.“ (Singer 1994, S.28)

Singer verfolgt nicht die Absicht aus dem universalen Aspekt eine ethische Theorie zu formulieren, sondern sieht darin eine überzeugende Begründung für eine utilitaristische Position. „Indem ich akzeptiere, daß moralische Urteile von einem universalen Standpunkt aus getroffen werden müssen, akzeptiere ich, daß meine eigenen Interessen nicht einfach deshalb, weil sie meine Interessen sind, mehr zählen als die Interessen von irgend jemand anderm.“ (Singer 1994, S.29)

Ein moralisch denkender Mensch wird also darauf bedacht sein, seine Sorge für sein eigenes Interesse auf die Interessen anderer auszuweiten. Dies erfordert eine Abwägung aller Interessen und anschließend die Wahl des Handlungsverlaufs, der am wahrscheinlichsten die Interessen aller Betroffenen so weit es geht befriedigt.

Singer argumentiert nun, dass eine Anwendung des universalen Aspekts auf einen vor- moralischen Entscheidungsprozess - also die Ausweitung der Sorge für das Eigeninte- resse auf alle Interessen - auf eine utilitaristische Position deutet. Der Entschluss zum moralischen Denken ziehe unweigerlich die Universalisierung des Eigeninteresses nach sich und die utilitaristische Position biete hierfür eine minimale Grundlage. Singer sieht von daher die Beweislast auf der Seite derjenigen, die moralische Regeln und Ideale proklamieren und dabei über die minimalistische Position des Utilitarismus hinausge- hen. (Singer 1994, S.30f.)

3.2. Stefan Gosepath: Verantwortung für ethisches Handeln

Stephan Gosepaths Definition für Ethik und Moral hängt sehr stark mit den Begriffen „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“ und „Verantwortung“ zusammen.

Gerechtigkeit stellt für Gosepath den zentralen moralischen Wert dar und ist für ihn bedeutender als Werte wie Freiheit, Gemeinschaft und persönliche Beziehungen. Er konstatiert: „Vielmehr ist Gerechtigkeit der Maßstab, an dem andere Werte in diesem Bereich zu messen sind.“ (Goespath 2004, S.9)

Gleichheit wird von Gosepath in einen begrifflichen und normativen Zusammenhang zur Idee von Gerechtigkeit gestellt. Er führt an, dass Gleichheit seit der Antike als wesentlicher Bestandteil der Gerechtigkeit gesehen wird. (vgl. ebd. S.9)

Es wäre an dieser Stelle sicherlich interessant einen Exkurs zu diesen Begriffen zu ma- chen und ausführlich zu erläutern, welche Gleichheit Gosepath vordergründig meint (Chancengleichheit, Wohlfahrtsgleichheit, Gleiche Aufteilung von Ressourcen...) und wie sich diese in seiner Gerechtigkeitskonzeption umsetzten ließe. Da dieser gedankli- che Ausflug zu weit vom Fokus dieser Arbeit wegführen würde, muss ich mich darauf beschränken, lediglich auf die beiden Begriffe verwiesen zu haben. Der dritte Begriff in Gosepaths Ethikverständnis, Verantwortung, knüpf an die beiden vorhergehenden Be- griffe an.

Die gosepathsche Verantwortung resultiert meines Erachtens nach aus seiner Gerech- tigkeits- und Gleichheitsvorstellung. Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit, ist es laut Gosepath ein nicht tragbarer Zustand, dass es auf der Welt Menschen gibt, die sich ohne eigenes Verschulden in einer Notlage befinden, aus der sie sich ohne Hilfe nicht dauerhaft befreien können. Er führt als Beispiel für solche Notlagen Naturkatastrophen, Hungersnöte oder generell Armut auf. In diesen Fällen sieht er minimale, basale Men- schenrechte nicht mehr gewährleistet, nämlich körperliche Unversehrtheit, Sicherheit und Subsistenz. Wenn den Betroffenen geholfen werden könnte und es trotz der Mög- lichkeit unterlassen wird, liegt ein moralisches Übel vor, so Gosepath. Dieser unmorali- sche Zustand müsse daher aus moralischen Gründen unbedingt beseitigt werden. Gosepath sieht für diese Auffassung einen breiten Konsens in vielen Gesellschaften, jedoch ist dabei unklar, wer für die Beseitigung der erwähnten schlechten beziehungsweise unmoralischen Zustände zuständig oder - um wieder darauf zurückzukommen - verantwortlich ist. Solange diese Frage nicht geklärt ist, sieht Gosepath die Gefahr, dass sich zwar alle über unmoralische Zustände beklagen, aber niemand effektiv etwas daran ändert. Daher steht für ihn die Frage nach der Verantwortung für die Beseitigung von Ü- beln im Vordergrund. (vgl. Gosepath 2006, S.387)

Hierzu definiert er zunächst ganz allgemein den Begriff der Verantwortung.

„In der Grundbedeutung bezeichnet Verantwortung die Möglichkeit einem Menschen die Folgen seines Handelns vorzuhalten, ihn also für diese Folgen „verantwortlich zu machen“, und die daraus für diesen Menschen erwachsenden Nötigung, diese Vorhaltungen zu akzeptieren oder sich gegen sie zu verteidigen.“ (Gosepath 2007, S.388)

Stefan Gosepath teilt Verantwortung in eine deskriptive und normative Dimension. Die deskriptive Dimension enthält die im Rahmen einer Handlung ursächliche Einwirkung eines Subjekts auf ein Objekt, während die normative Dimension Bewertungskriterien für eben dieses Handeln und die daraus resultierenden Folgen beinhaltet. Daraus entwickelt Gosepath folgenden Zusammenhang:

„Jemand [...] ist für eine Sache [...] oder für jemanden [...] gegenüber einer oder mehreren Personen oder Institutionen [...] in Bezug auf ein normatives Kriterium im Rahmen eines Verantwortungs- und Handlungsbereiches verantwortlich.“ (Gosepath 2007, S.389)

Gleichzeitig nennt er acht Bedingungen, die für die individuelle moralische Verantwortung gelten müssen.

Ein Individuum muss (1.) bewusst handeln, (2.) die Wirkung und moralische Bedeutung der Handlung erkennen können und (3.) freiwillig handeln, um (4.) für sein Handeln verantwortlich zu sein. (5.) Je nachdem, ob die Handlung gut (schlecht) oder richtig (falsch) ist, sollte (6.) das Individuum diese Handlung (nicht) ausführen. Ist (7.) dem Individuum die unter 6. genannte Situation zugänglich, dann verdient es (8.) Lob oder Tadel. (vgl. Gosepath 2007, S.389)

[...]


1Leviticus 19, 18 (Luther 1984); Jesus von Nazaret wiederholt diese Aufforderung im NT (u.a. Matthäus 22, 39) und bezeichnet sie als eine der beiden höchsten Gebote.

2 Kant 2004, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S.36

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Warum moralisch sein? - Gründe und Motive für moralisches Handeln
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
54
Katalognummer
V158385
ISBN (eBook)
9783640712281
ISBN (Buch)
9783640713219
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moral, Verantwortung, Ethik
Arbeit zitieren
Edgar Diener (Autor), 2009, Warum moralisch sein? - Gründe und Motive für moralisches Handeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158385

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