Die Vermessung des Geistes

Ein Kommentar zu Daniel Kehlmanns Erzähltexten "Mahlers Zeit", "Die Vermessung der Welt" und "Ruhm" unter besonderer Berücksichtigung intertextueller und intermedialer Referenzen


Essay, 2010

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zum Geleit

1 Genie und Wahnsinn: Mahlers Zeit (1999)

2 Genie und Egomanie: Die Vermessung der Welt (2005)

3. Schein und Wirklichkeit: Ruhm (2009)

Fazit

Zum Geleit

Seit seinem Sensationserfolg »Die Vermessung der Welt« gehört der 1975 in München geborene Daniel Kehlmann zu den prominentesten deutschen Autoren. Die zentrale These dieser kurzen Zusammenstellung von Kommentaren zu drei verschiedenen Werken Kehlmanns ist die einer starken Rekurs-Lastigkeit der drei hier behandelten Romane (bei denen es sich streng genommen nur in einem Fall wirklich um ein Werk handelt, das diese Textsortenbezeichnung rechtfertigt). Wenn dabei nicht nur von intertextuellen Bezügen die Rede ist, sondern auch von »intermedialen«, so möchte dieser kurze Beitrag damit vor allem dem Einfluss des Mediums Film Rechnung tragen, den sein Verfasser diagnostizieren zu dürfen glaubt. Ein solcher Einfluss kommt nicht überraschend. Immerhin stammt Kehlmann aus einem Elternhaus, in dem Filme und das Herstellen derselben eine herausragende Rolle gespielt haben. Kehlmanns Vater war der bekannte österreichische Filmregisseur Michael Kehlmann (1927-2005), der sich vor allem durch Joseph-Roth-Verfilmungen für den ORF einen Namen gemacht hat. In Ergänzung zu der eher vordergründigen Fragestellung nach intertextuellen Bezügen soll dieser Beitrag darüber hinaus ein Versuch sein, sich dem Thema Wirklichkeit und Projektionen derselben durch den menschlichen Geist (und Zeitgeist) zu widmen, das ein typisches Kehlmann-Thema zu sein scheint.

Diese stark essayistisch gehaltene Arbeit kann und will indes nicht mehr sein als eine Annäherung an die vorstehend formulierte Thematik. Wer durch meine Ausführungen Geschmack an der Untersuchung des literarischen Schaffens dieses jungen und überaus talentierten Autors unter diesem speziellen Blickwinkel gefunden hat, möge sich ermutigt fühlen, sie in akademisch und wissenschaftlich profunderer Weise fortzuführen, als es mir hier in der Kürze der Zeit möglich gewesen ist.

1. Genie und Wahnsinn: Mahlers Zeit (1999)

Paranoia und Verschwörungsglaube sind beileibe kein neuer Stoff.

Darren Aronofskys »Pi« (1998), der mehrfach Oscar-prämierte Streifen »A Beautiful Mind« (2001) von Ron Howard oder auch die deutsche Produktion »23« (1998) von Hans-Christian Schmid verfugen über vergleichbar paranoide Protagonisten wie Daniel Kehlmanns früher Geniestreich um einen Physiker, der, ähnlich wie Kafkas Gregor Samsa[1], eines Tages aufWacht und eine unglaubliche Entdeckung macht, die sein Leben auf den Kopf stellt. Dr. David Mahler hat sich freilich nicht in einen Käfer verwandelt; er hat vier Formeln zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gefunden, mit denen er die Zeitlichkeit der Existenz aufheben zu können vermeint. Mahler vertraut sich seinem alten Schulfreund Marcel und seiner Freundin Katja an, doch beide sind skeptisch, Marcel aber wenigstens solidarisch. Mahlers Leben erschwert sich zusätzlich dadurch, dass er glaubt, die Schergen einer undefinierbaren Macht seien hinter ihm her, weil sein verwegener Angriff auf deren Grundfesten nicht ungestraft bleiben könne. Ein LKW-Unfall, Tote in seiner Nähe, zerbrochene Laternen, Hubschrauber und eine Herzattacke bei ihm selbst addieren sich in seiner Wahrnehmung zu Warnungen. Mahler degeneriert zum Gehetzten. Vor seinen Studenten verzettelt er sich ebenso wie bei einem Vortrag vor der Fachwelt. Diese, sein vorgesetzter Professor allen voran, hält ihn für verrückt, im günstigsten Fall für einen lächerlichen Spinner. Mahlers letzte Hoffnung ist Professor Valentinov, ein Wissenschaftler von Weltruf, der allein, so glaubt Mahler, seine Formeln zu würdigen wissen werde, wenn er nur zu ihm dringen könne. Gemeinsam mit Marcel fahrt er zu einem Kongress, sprengt den Vortrag des Wissenschaftsministers und verkündet vor laufenden Kameras seine Hauptthesen, bis er hinausgeworfen wird. Valentinov hat den Kongress leider schon verlassen, aber der Zug ist noch nicht abgefahren. An einem See in Bahnhofsnähe kommt es dann endlich zu der erhofften Begegnung mit der Koryphäe, aber es ist, Mahler hat es geahnt, zu spät: Mahler stirbt.

Die unerhörte Begebenheit am Schluss macht deutlich: Kehlmanns Buch ist eher eine Novelle als der proklamierte Roman. Gelegentlich musste ich an Thomas Manns erste herausragende Novelle »Der kleine Herr Friedemann«[2] denken, in der der Held ebenfalls, durch verstörende Ereignisse aus seinem vertrauten Leben gerissen, tragisch endet. Mitunter drängt sich der Verdacht auf, Kehlmann kenne sich deshalb so gut aus in der Psyche von erwachsen gewordenen Wunderkindern (solche warenja auch die beiden Hauptfiguren in der »Vermessung der Welt«), weil er selbst eines ist. Kaum anders erklärt sich ein so exzellent erdachtes und geschriebenes Buch, dem ich vor allem den Verzicht auf die selbstinszenatorischen Eitelkeiten hoch anrechne, gegen die man sichja sonst bei zeitgenössischen Autoren immer wappnen muss. Ja, man glaubt es kaum, aber hier scheint ein Gegenwartsliterat (und Suhrkamp-Autor!) seine Leser mehr zu lieben als sich selbst: Er benutzt noch Anführungszeichen! Seine besondere Faszination bezieht dieses Psychogramm aus der gekonnt durchgehaltenen Balance zwischen Genie und Wahnsinn, die Kehlmann auf seiner erzählerischen Achterbahnfahrt durch die Psyche seiner Hauptfigur gelingt.

Also vor allem eine gut ausgedachte Geschichte? Eher eine gut recherchierte. Der Spiegel berichtete Ende 2008 unter dem Titel »Der Fluch der Teppiche« von dem kuriosen Fall des Münchner Teppich­händlers Eberhart Herrmann, der von seiner Ex-Frau entmündigt werden sollte, weil sie und zwei Psychiater ihn für verrückt halten. Herrmann zählte seit 1989jahrelang die komplexen Muster orientalischer Teppiche aus und sieht in den abstrakten Kreisen, Einien und Symbolreihen der Webarbeiten verborgene Zahlen und Formeln, die sich wie beim fiktiven David Mahler zur Eösung des Welträtsels addieren. Der studierte Jurist verdiente mit seinem Teppichhandel Millionen, gehörte zu Münchens VIP-Szene. Prominente wie Eeo Kirch oder Hubert Burda gehörten regelmäßig zu den gut zahlenden Gästen seiner Galerie. Herrmann hielt Vorträge über Teppiche, »in denen er Mathematik, Religion, Geschichte und Sternenkunde miteinander verknüpfte«[3], bis schließlich niemand mehr seinen Überlegungen und Berechnungen zu folgen vermochte und viele ihn für geistig verwirrt hielten. Andere freilich hätten ihn als »genial«[4] betrachtet, so Spiegel-Reporter Alexander Osang, der Herrmann mit den Worten zitiert, er pendle souverän »zwischen sechs, sieben Wissenschaften hin und her« und verfüge über ein offenbar für manche bedrohliches Weltwissen, weshalb viele ihn für den »Antichrist« hielten.[5] Wegen der verblüffenden Parallelen zu Kehlmanns Erzähltext sei an dieser Stelle ein längerer Abschnitt aus Osangs Reportage zitiert:

[...]


[1] Franz Kafkas berühmte Erzählung »Die Verwandlung« erschien 1915 und erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sich für einen Käfer hält.

[2] Die Erstveröffentlichung dieser ersten längeren Prosa-Arbeit des Literatur-Nobelpreisträgers erfolgte 1897.

[3] Osang, Alexander: DerFluch der Teppiche. In: DerSpiegel Nr. 52/2008. S. 49.

[4] Ebd.

[5] Osang, a.a.O., S. 48.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Vermessung des Geistes
Untertitel
Ein Kommentar zu Daniel Kehlmanns Erzähltexten "Mahlers Zeit", "Die Vermessung der Welt" und "Ruhm" unter besonderer Berücksichtigung intertextueller und intermedialer Referenzen
Hochschule
Nanjing University  (Inst. für deutsche Philologie)
Veranstaltung
-
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V158393
ISBN (eBook)
9783640743827
ISBN (Buch)
9783640743926
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kehlmann, Daniel, Vermessung der Welt, Ruhm, Mahlers Zeit, Roman, Neuere deutsche Literatur, hermeneutischer Kommentar
Arbeit zitieren
Dr. Dietmar Mehrens (Autor:in), 2010, Die Vermessung des Geistes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158393

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