Das Gros der jüngeren Forschung begreift Brockes‘ Lyrik traditionell immer noch hauptsächlich in dem Versuch der Verschränkung von Gott und Natur, christlicher Gotteserkenntnis und wissenschaftlicher Beobachtung der Natur. In den meisten Untersuchungen kommt deshalb der physikotheologischen Ausrichtung seines Werks große Bedeutung zu. Die Idee der vorliegenden Arbeit ist es, einmal nicht die Betrachtung der Lyrik des Dichters zu ihrem Ausgang zu wählen. Es soll sich ihr vielmehr über das Verständnis eines Primärtexts genähert werden, den Brockes als Mitherausgeber der frühaufklärerischen Hamburger Moralischen Wochenzeitschrift „Der Patriot“ als deren 85. Artikel am 16. August 1725, im zweiten Jahr ihres insgesamt dreijährigen Erscheinens, publizierte.
Diese Arbeit wird beweisen, dass das im besagten Artikel diskutierte Konzept des Vergnügens die lyrische Suche der Dichtung Brockes‘ nach der Entsprechung zwischen einer natürlichen, göttlichen und weltlichen Ordnung reflektiert. Sie offenbart unter ihrem zweiten Gliederungspunkt, inwiefern diese Suche in Form der Vergnügung zeitgleich als ein Ausdruck weltlicher Tugendhaftigkeit und Weg zu „ewiger Glückseligkeit“ zu betrachten ist.
Im folgenden Schritt ist unter dem dritten Punkt und unter Berücksichtigung der Arbeit von Wolfram Mauser zu belegen, wie sich aus dem Konzept des Vergnügens eine eigenständige Existenzberechtigung des Bürgertums formuliert. Diese, so wird gezeigt, folgt der Gotteserkenntnis, ohne dabei mit der Progressivität der sozialhistorischen Verhältnisse im bürgerlich prosperierenden Hamburg des angehenden 18. Jahrhunderts in Konflikt zu geraten.
Unter dem vierten Punkt der vorliegenden Arbeit werden die bis dahin getroffenen Erkenntnisse an ausgewählten Textstellen von Brockes Gedicht „Die Welt“ nachvollzogen und überprüft. Sie schließt mit einer kritischen Betrachtung ihres Erkenntnisgewinns und einem Umriss möglichen weiteren Forschungspotentials ab.
Gliederung
1. Einleitung
2. Zum Konzept des Vergnügens im 85. Artikel Brockes’ und Richeys Moralischer Wochenschrift „Der Patriot“
3. Zur Bedeutung des Konzepts und dessen Einfluss auf das lyrische Verständnis Brockes’
4. Widerhall des Konzepts des Vergnügens in Brockes’ Gedicht „Die Welt“
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des "wahren Vergnügens" aus dem 85. Artikel der Hamburger Wochenzeitschrift "Der Patriot" und analysiert dessen Bedeutung für das lyrische Werk von Barthold Heinrich Brockes sowie für die Identitätsfindung des prosperierenden Handelsbürgertums im frühen 18. Jahrhundert.
- Analyse des 85. Artikels des "Patriot" als moralphilosophisches Konzept
- Differenzierung zwischen wahrem Vergnügen und eingebildeter Lust
- Sozialhistorische Einbettung in den wirtschaftlichen Strukturwandel der Zeit
- Interpretation des Gedichts "Die Welt" als Spiegel der diskutierten Konzepte
- Untersuchung der Legitimierung bürgerlicher Lebensführung durch Gotteserkenntnis
Auszug aus dem Buch
4. Widerhall des Konzepts des Vergnügens in Brockes’ Gedicht „Die Welt“
Die generelle Differenzierung zwischen Eigentum und Besitz sowie deren Bedeutung für das Konzept des Vergnügens sind unter dem zweiten Gliederungspunkt hinreichend herausgestellt worden. In seinem Gedicht „Die Welt“ spiegelt Brockes diese Unterscheidung auf lyrischer Ebene als die dem Menschen immanente Neigung, „Den schönen Bau der Welt“ zu reduzieren auf eben das, das der Mensch „aus Geitz und Noth […] begehrt“.42
Von der dritten bis zur vierzehnten Strophe charakterisiert das Gedicht zunächst also den Typ des Eigentümers. Anhand der verschiedenen geschilderten Tätigkeitsfelder und ihrer entsprechenden Bestrebungen nach weltlichen Gütern, gesellschaftlicher Anerkennung und sozialer Absicherung wird deren Entfernung vom irdischen Vergnügen in Gott dargelegt. Ob der Kaufmann, der, getrieben von Furcht vor Schaden und Hoffnung auf Gewinn, seine Welt auf sein Eigentum in Form des Kaufmannladens reduziert oder der Advocat, der die seinige als ein Gericht und in der Aufteilung der Menschen in Klienten und Delinquenten begreift, allem voran steht hier immer die Idee der Abgrenzung eines eingebildeten vom wahren Vergnügen.
Auffällig ist, wie hier alle beschriebenen Tätigkeiten, unter anderen auch die des Försters oder des Arztes, nicht etwa in ihrer Sinnhaftigkeit für das Allgemeinwohl, ihrer Bedeutung für das Große und Ganze, im Ausdruck ihrer göttlichen Entsprechung der Dinge auf Erden und als Teil einer ordo dargestellt werden.43 Vielmehr reduzieren sie sich jeweils auf sich selbst, auf „Begierden, welche Geld, um den blossen Geldes willen, zum Zwecke haben“ und die schon der „Patriot“ als den Selbstzweck, als unnatürlich und damit eingebildetes Vergnügen, letztlich als „Verkleinerung menschlicher Tugend“ verurteilt.44
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Absicht, Brockes’ Lyrik nicht primär naturwissenschaftlich, sondern über das moralphilosophische Konzept des 85. Artikels des "Patriot" zu erschließen.
2. Zum Konzept des Vergnügens im 85. Artikel Brockes’ und Richeys Moralischer Wochenschrift „Der Patriot“: Dieses Kapitel arbeitet das theoretische Konzept eines "wahren, natürlichen Vergnügens" heraus, das durch vernunftgeleitete Beobachtung zur Gotteserkenntnis führt.
3. Zur Bedeutung des Konzepts und dessen Einfluss auf das lyrische Verständnis Brockes’: Hier wird die Brücke zwischen dem im "Patriot" formulierten Konzept und dem sozialhistorischen Kontext des Hamburger Bürgertums geschlagen, um Brockes’ Dichtung als Ausdruck moderner Lebensführung zu deuten.
4. Widerhall des Konzepts des Vergnügens in Brockes’ Gedicht „Die Welt“: Die Analyse des Gedichts verdeutlicht die Abgrenzung zwischen bloßem, materiellem Eigentum und wahrem Besitz durch die religiös motivierte, sinnenhafte Naturbetrachtung.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit bestätigt die Schlüsselrolle des Vergnügenskonzepts für Brockes’ Werk und reflektiert die Notwendigkeit, diese Untersuchung auf weitere Texte und Schaffensperioden des Dichters auszudehnen.
Schlüsselwörter
Barthold Heinrich Brockes, Der Patriot, Wahres Vergnügen, Frühaufklärung, Bürgerliche Moral, Naturbeobachtung, Gotteserkenntnis, Irdische Teleologie, Besitz, Eigentum, Tugendhaftigkeit, 18. Jahrhundert, Hamburger Handelsbürgertum, Lyrik, Sinnliche Wahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept des "wahren Vergnügens", wie es im 85. Artikel der Hamburger Wochenzeitschrift "Der Patriot" (1725) diskutiert wurde, und untersucht, wie dieses Verständnis die Lyrik von Barthold Heinrich Brockes prägte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die frühaufklärerische Moral, die Legitimierung bürgerlicher Lebensführung durch Religion, die Differenzierung zwischen Besitz und Eigentum sowie die Rolle der Naturbeobachtung als Weg zur Gotteserkenntnis.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Brockes’ Dichtung nicht nur physikotheologisch zu verstehen ist, sondern als Ausdruck einer spezifischen, durch das Konzept des Vergnügens legitimierten bürgerlichen Weltorientierung gelesen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische Analyse, indem sie ein publizistisches Konzept ("Der Patriot") mit ausgewählten lyrischen Texten (insbesondere "Die Welt") sowie sozialhistorischen Forschungsansätzen (Wolfram Mauser) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Vergnügensbegriffs, dessen sozioökonomische Bedeutung im Kontext des Hamburger Bürgertums und die Überprüfung dieser Thesen anhand von Textstellen in Brockes’ Gedicht "Die Welt".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören "Wahres Vergnügen", "Frühaufklärung", "Gotteserkenntnis", "Eigentum", "Tugendhaftigkeit" und "Bürgerliche Lebensführung".
Warum spielt die Unterscheidung von Besitz und Eigentum eine so große Rolle für den Autor?
Die Unterscheidung dient als moralischer Kompass: Während Eigentum, das nur dem Status dient, verurteilt wird, gilt "Besitz" als legitim, wenn er durch eine sinnhafte, auf Gott ausgerichtete Beobachtung und Nutzung in die "ordo" der Welt integriert wird.
Inwiefern beeinflusst das Hamburger Handelsbürgertum das lyrische Werk von Brockes?
Die prosperierenden Verhältnisse in Hamburg verlangten nach einer religiösen Legitimierung des wirtschaftlichen Erfolgs. Brockes’ Lyrik bietet hierfür eine "irdische Teleologie", in der das Geschäftliche und die Naturbetrachtung als Ausdruck göttlicher Ordnung harmonieren.
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- Michael Schwark (Author), 2010, Zum Konzept des Vergnügens und dessen Bedeutung für das Verständnis Brockes’ Lyrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158412