Kultur im Spiegel empirischer Pflegeforschung

Eine vergleichende Analyse empirischer pflegewissenschaftlicher Studien zum Themenbereich Kultur und Pflege


Hausarbeit, 2007

53 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Literaturrecherche

2. Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs

3. Analyseergebnisse
3.1 Fragestellungen und Methodik
3.2 Kulturverständnis
3.3 Bezug der Ergebnisse zur Pflegepraxis

4. Fazit
4.1 Zusammenfassende Betrachtung der Studienanalyse
4.2 Forschungsdesiderata
4.3 Fazit der Autoren

Literatur

Anlagen: Studienanalyseraster und Analyse der Einzelstudien
a) Analysekriterien kulturbezogener pflegewissenschaftlicher Studien
b) Studienanalyse: Beyer, M. (2003)
c) Studienanalyse: Geiger (2000)
d) Studienanalyse: Kutschke (2001)
e) Studienanalyse: Richter et al. (1999)
f) Studienanalyse: Schilder, M. (1998)
g) Studienanalyse: Schnepp, W. et al. (2003)
h) Studienanalyse: Zielke-Nadkarni (1999)
i) Studienanalyse: Zielke-Nadkarni (2004)

Einleitung

Kulturspezifische Pflege, kultursensible Pflege, transkulturelle Pflege und interkulturelle Pflege sind viel- fältig gebrauchte Begriffe in der Pflegeliteratur. Vor dem Hintergrund der Globalisierung und dem zu- nehmenden Verschwinden von Ländergrenzen verändert sich auch die Klientel der Pflegeberufe. Pfle- gende kommen an allen Orten pflegerischer Leistungserbringung mit Menschen aus anderen „Kultur- kreisen“ und mit Migrationshintergrund in Kontakt. Dabei kann vermutet werden, dass eine effektive und an der individuellen Situation des pflegebedürftigen Menschen ansetzende Pflege kulturelle Aspekte in den Pflegeprozess integrieren muss. Nicht selten stellt sich die Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund im beruflichen Pflegehandeln als Herausforderung dar. Dabei gehen diese Herausforderungen in vielen Situationen über reine Verständigungsschwierigkeiten aufgrund der sprachlichen Unterschiede hinaus. Vielmehr verlangt eine echte Begegnung das wechselseitige Ver- stehen: Hierfür erscheint kulturelles Bewusstsein und Wissen unerlässlich. Zielke-Nadkarni (2003 a, S. 15) drückt dies so aus: „Die Pflege im interkulturellen Bereich ist bestrebt, den Menschen anderer Kultur – auf den auch die Kulturanthropologie ihren Begriff des ‚Fremden’ bezieht – bei der Begegnung inner- halb ihres Arbeitsfeldes zu verstehen und dieses Verstehen in Pflegehandlungen wirksam werden zu lassen“.

Die bewusste Integration und Ausrichtung beruflichen Pflegehandelns auf kulturelle Aspekte erscheint in jüngerer Zeit immer häufiger als „Marktfaktor“ für Einrichtungen des Gesundheitswesens und wird zunehmend zum Qualitätsmerkmal in einem veränderten soziodemographischen Kontext. Dennoch erscheint das, was unter Kultur und kultureller Prägung zu verstehen ist, diffus. Dies wird u.a. deutlich in der mangelnden Konturierung und scheinbaren Beliebigkeit der Begriffe, mit denen kulturelle Aspekte belegt werden. Darüber hinaus wird auch die „eigenkulturelle und damit oft ethnozentrische Orientie- rung“ der deutschen Pflege beschrieben (Zielke-Nadkani 2003 a, S. 21), die aus einer mangelnden Be- wusstmachung der eigenkulturellen Perspektive resultiert und verhindert, dass der Umgang mit pflege- bedürftigen Menschen anderer Kulturen der eigenen Gesellschaft hinterfragt und aus einer neuen Per- spektive neu gestaltet wird (vgl. Zielke-Nadkarni 2003 a, S. 21).

Angeregt durch die Lehrveranstaltungen im Modul „Individualität und Kultur“ und die in diesem Zu- sammenhang thematisierten unterschiedlichen Sichtweisen auf Kultur soll in dieser Arbeit eine Ausei- nandersetzung mit empirischen Befunden zum Thema „Pflege und Kultur“ in der Pflegewissenschaft im deutschsprachigen Raum erfolgen. Zentrale Fragestellungen sind dabei:

Mit welchen Themen und aus welcher Perspektive setzen sich pflegewissenschaftliche Studien im deutschsprachigen Raum auseinander? Welches Verständnis von Kultur wird diesen Untersuchungen zugrunde gelegt? Welche Forschungsmethoden kommen zum Einsatz? Inwiefern lassen sich aus den Ergebnissen der Studien Handlungsempfehlungen für eine Integration kultureller Aspekte in den pflege- rischen Alltag ableiten?

Zu diesem Zweck wurde eine Literaturrecherche nach pflegebezogenen Studien im kulturellen Kontext der vergangenen zehn Jahre im deutschsprachigen Raum durchgeführt. Die eingeschlossenen Studien wurden im Anschluss einer methodischen, konzeptuellen und inhaltsbezogenen Analyse im Sinne einer Übersichtsarbeit unterzogen.

Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst das Vorgehen bei der Literaturrecherche. Im Anschluss werden unter Bezug auf die Ausführungen von Habermann (1999, 2003), Fleck (1983) und Uzarewicz (1999) die Kriterien für die Analyse der Studien in Form eines Analyserasters vorgestellt und erläutert. Den Kern der Analyse stellen drei Schwerpunkte dar: Fragestellungen und methodische Aspekte sowie die Publikationsform der eingeschlossenen Studien sollen insbesondere die Intention und die Motivation der Forscherinnen und Forscher beleuchten und deren Erkenntnisinteresse im allgemeinen verdeutli- chen, da diese als Rahmung der Studie fungieren und sowohl der Forschungsanlass als auch die Ergeb- nisse in diesem Kontext betrachtet werden müssen. Zudem werden das den Untersuchungen zugrunde gelegte Kulturverständnis und die jeweiligen Ausführungen zur Relevanz und Einmündung der For- schungsergebnisse in die Pflegepraxis vor dem Hintergrund der Interessen der Einrichtungsträger und der Bildungssituation der Pflegenden analysiert. Die Arbeit schließt mit einer Diskussion der Ergebnisse der Analyse und deren Impulsen für die kulturbezogene Pflegeforschung.

1. Literaturrecherche

Als wesentlicher Teil der vorliegenden Arbeit erfolgte eine Datenbankrecherche nach im deutschspra- chigen Raum durchgeführten kulturbezogenen Studien im pflegerischen Handlungsfeld in den Jahren 1997 - 2007.

Da die Analyse sich auf deutschsprachige Studien beziehen sollte, wurde als Ausgangspunkt der Litera- turrecherche die deutschsprachige wissenschaftliche Zeitschrift „Pflege“ gewählt. Kulturbezogene pfle- gerelevante Aspekte wurden jedoch auch in benachbarten Wissenschaften vermutet, sodass mit den Suchbegriffen „Kultur + Pflege“ zudem eine Suche in den Datenbanken „Psyndex“, PsychInfo“ sowie „WISO Sozialwissenschaft“ und unter den Begriffen „Culture + nurs? + german“ eine Suche in der Datenbank „Medline erfolgte.

In der Zeitschrift „Pflege“ ergab der Suchbegriff „Kultur“ 23 Treffer im Zeitraum zwischen 1999 und 2007. Hiervon wurden 10 Artikel ausgeschlossen, da es sich hierbei um Editorials, Buchbesprechungen sowie Artikel handelte, die die Aspekte „Lernkultur“ bzw. „Arbeitskultur“ behandelten. Die übrigen 13 Artikel wurden zunächst für die weitere Arbeit berücksichtigt.

Die Suche in den Datenbanken „Psyndex“ und „PsychInfo“ unter den Suchbegriffen „Kultur + Pflege“ blieb ergebnislos In der Datenbank „WISO Sozialwissenschaft“ fanden sich unter den Suchbegriffen „Kultur + Pflege“ 33 Treffer, von denen fünf als für die weitere Arbeit relevant eingestuft wurden. Die übrigen Artikel wurden nach Durchsicht der Abstracts von der weiteren Bearbeitung entweder aus den oben bereits erwähnten Gründen oder weil sie keine pflegebezogenen Kulturaspekte behandelten, ausgeschlossen.

Unter den Begriffen „Culture + nurs? + german“ ergab die Suche in der Datenbank „Medline“ 15 Tref- fer. Von den vier unter der Maßgabe der oben angeführten Kriterien für relevant befundenen Artikel doppelten sich drei mit den Rechercheergebnissen in der Zeitschrift „Pflege“, sodass lediglich ein zu- sätzlicher Artikel in die weitere Bearbeitung aufgenommen wurde.

Insgesamt fanden sich mittels der oben angeführten Suchstrategie 19 für die weitere Arbeit zunächst als relevant eingestufte Artikel.

Zusätzlich wurde nach dem Schneeball-System und mittels einer einfachen Handsuche nach weiteren publizierten kultur- und pflegebezogenen Studien im deutschsprachigen Raum gesucht. Hierbei wurden die Arbeiten von Schilder (1998) sowie von Beyer (2003) und von Schnepp et al. (2003), die in einem Sammelband veröffentlicht wurden (Zielke-Nadkarni/Schnepp 2003), einbezogen. Weitere, mittels Handsuche gefundene Studien in Büchern doppelten sich mit den Treffern in der Zeitschrift Pflege, da es sich hierbei um die Dissertationsschriften der Autorinnen und Autoren (Schnepp 2002, Zielke- Nadkarni 2003 b) bzw. eine ausführliche Buchpublikation der Untersuchung handelte (Zielke-Nadkarni 2005).

Die genannten 22 Artikel wurden in einem zweiten Durchgang einer intensiveren Sichtung unterzogen. Dabei wurden 11 Artikel identifiziert, die keine empirischen Ergebnisse im eigentlichen Sinne darstellen, sondern allgemeine pflegerelevante kulturelle Phänomene beschreiben. Hierbei handelt es sich um über- arbeitete Fassungen von Vorträgen (Garcia 1999, Koch-Straube 1999, Dornheim 1999, Wolber 2001), Grundsatztexte (Habermann 1999, Habermann 2003, Domenig 1999) und weitere Ausführungen zu Aspekten kulturbezogener Pflege (Pförtner-Hüttner 1999, Averkamp 2002, Kollack/Küpper 1998, Weitzel-Polzer 2002). Diese Veröffentlichungen wurden im weiteren Verlauf der Bearbeitung als Hinter- grundliteratur berücksichtigt.

Die anderen 11 Artikel beschreiben Ergebnisse empirischer Untersuchungen und stellen damit Studien im engeren Sinne dar (Beyer 2003, Geiger 2000, Schilder 1998, Schnepp et al. 2003, Zielke-Nadkarni 2004, Richter et al. 1999, Kutschke 2001, Zielke-Nadkarni 1999, Zielke-Nadkarni et al. 2004, Martin et al. 2007, Köhlen/Friedemann 2006). Nach intensiver Sichtung dieser Arbeiten wurden drei Studien von der weiteren Bearbeitung ausgeschlossen. Dabei handelt es sich um die Arbeit von Zielke-Nadkarni (2004), die Ergebnisse einer internationalen Literaturstudie zur Pflege jüdischer Patientinnen vorstellt, die bereits über eine andere Veröffentlichung (Zielke-Nadkarni et al. 2004) in diese Hausarbeit einflie- ßen. Zwei weitere Studien befassen sich mit der Übersetzungspraxis von Instrumenten für Forschung und direkte Pflege (Martin et al. 2007, Köhlen/ Friedemann 2006), die im weiteren Verlauf der Bearbei- tung nicht thematisiert werden sollte, da die Ausgangsfragestellung auf einem primär inhaltliches Interes- se basiert.

Die verbliebenen acht empirischen Forschungsarbeiten werden im Weiteren einer näheren Analyse un- terzogen. Dabei werden im folgenden Kapitel zunächst die Kriterien vorgestellt, anhand derer die Arbei- ten näher untersucht werden sollen.

2. Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs

Um eine Übersicht zu erhalten, welche Aspekte in Studien, die sich mit kulturellen Aspekten der Pflege- arbeit befassen, fokussiert werden, ist die Entwicklung eines Analyserasters notwendig. Für diese Arbeit wurde ein solches deshalb auf der Basis von Artikeln, die sich grundsätzlich mit kulturbezogener Pflege auseinandersetzen, erarbeitet.

In der Auseinandersetzung mit der Literatur zeigte sich, dass mit allgemeinen Angaben zum Design und den Ergebnissen von Studien (im Sinne von Gütekriterien quantitativer sowie qualitativer Forschung) eine themenbezogene Analyse nicht in ausreichendem Maße möglich ist. Vielmehr müssen hinsichtlich der Perspektivfrage der zu untersuchenden Studienberichte begriffliche Klärungen vorgenommen wer- den, da das Verständnis vom Begriff „Kultur“ und den damit in Beziehung stehenden personalen und gesellschaftlichen Aspekten die Vorgehensweise und Ergebnisse erst verstehen und einordnen lassen. Im Folgenden sollen deshalb die entwickelten Leitfragen zur Analyse der ausgewählten Studien vor dem Hintergrund der Darstellungen und Diskussionen, wie sie sich in der Literatur aufzeigen, dargestellt werden.

allgemeine Fragestellungen: Untersuchungsdesign und Ergebnisdarstellung

Im Rahmen dieser Hausarbeit ist es nicht möglich, eine umfassende Studienanalyse hinsichtlich der Gü- tekriterien1 qualitativer bzw. quantitativer Forschungsansätze durchzuführen. Eine Untersuchung der jeweiligen Intentionen, Methoden und Ergebnisse ist jedoch notwendig, um eine Annäherung an die Studienberichte zu erhalten und die für diese Arbeit relevanten Fragen einordnen zu können. Dabei wird nicht unterschieden, ob es sich um quantitativ oder qualitativ orientierte Forschung handelt; eine Bewer- tung der Vorgehensweise liegt nicht in der Intention dieser Arbeit. Folgende allgemeine Fragestellungen werden an die Studien angelegt:

a) Welche Fragestellung verfolgt die Untersuchung?
b) Die Perspektive welcher Personen(gruppen) war Untersuchungsgegenstand?
c) Welche Erhebungsmethoden wurden angewendet?
d) Welche Methoden zur Datenauswertung wurden angewendet?
e) In welcher Publikationsform wird die Untersuchung vorgestellt?

Die Frage nach der Publikationsform ist keine „typische“ Frage bei der Betrachtung von Studien. An der Antwort auf diese Frage lässt sich jedoch ein Eindruck gewinnen, wie „gefestigt“ oder „vorläufig“ der Leser die dargestellten Aspekte zu betrachten hat. Fleck (1983, ursprgl. 1935) setzte sich in seiner „Leh- rer vom Denkstil und Denkkollektiv“ mit der Frage auseinander, wie wissenschaftliche Tatsachen ent- stehen. In diesem Zusammenhang unterscheidet er zwischen den Äußerungsorganen der wissenschaftli- chen Zeitschrift, des wissenschaftlichen Lehrbuchs und des populären Buchs. „Der Spezialist äußert sich in der wissenschaftlichen Zeitschrift (…). Im Zeitschriftenstadium trägt die Wissenschaft deutliche per- sönliche und vorläufige Merkmale: Das sind Ansichten des Autors X, noch nicht ‚allgemein angenom- men’. Sie geben noch kein Bild, haben verschiedene Vorbehalte (…). Der Autor ist sich ihrer Vorläufig- keit bewusst und will sie kompensieren.“ (Fleck 1983, S. 120). Dagegen verwandele das Lehrbuch das subjektive Urteil eines Autors in eine bewiesene Tatsache. Mit dem populären Buch tritt der Beweis einer Tatsache in den Hintergrund, hier wirke die Autorität des Gelehrten (ebd.). Vor diesem wissen- schaftstheoretischen Hintergrund lässt die Frage nach der Publikationsform Rückschlüsse auf den Status der Forschungsergebnisse als „Tatsache“ zu. spezifische Fragestellungen: „kulturelles Thema“ der Studienberichte

a) Welches Begriffsverständnis von „Kultur“ wird von den Autoren ausgewiesen?

Der Begriff Kultur ist erklärungsbedürftig. Dies erschließt sich zum einen aus einer vagen Definition, wie sie sich lexikalisch im „Brockhaus“ (Zwahr 1993, S. 276) finden lässt, wo Kultur als „Gesamtheit der typ. Lebensformen größerer Gruppen einschl. ihrer geistigen Aktivitäten, bes. der Werteinstellungen“ bezeichnet wird. Kultur gelte demnach „im weitesten Sinn als Inbegriff für die im Unterschied zur Natur und durch deren Bearbeitung selbstgeschaffene Welt des Menschen“ (ebd.). Zum anderen führen Auto- ren ihren Darstellungen zunächst eine begriffliche Schärfung ihres Verständnisses vom Begriff „Kultur“ an. So unterscheidet Leininger – eine der Vorreiterinnen in Bezug auf die Fokussierung kultureller As- pekte in der pflegerischen Versorgung (vgl. Domenig 1999, Habermann 2003, Kollak & Küpper 1998) – sechs Eigenschaften von „Kultur“:

„First, a culture reflects shared values, ideals, and meanings that are learned and guide human behavior, decisions, and actions. (…) Second, cultures have manifest (readily recognized) and implicit (covert and ideal) rules of behaviour and expectations. (…) Third, cultures have material items or concrete goods such as artifacts that give meanings and are special symbols of the cul- ture. (…) Fourth, cultures have cultural traditional ceremonial practices such as religious rites and social feasts that are transmitted from one generation to another increasing the solidarity and unity of cultures. (…) Fifth, cultures have their local or emic (insider’s) views and knowl- edge about their culture that are extremely important to discover and understand. (…) Sixth, all human cultures have intercultural variations between two or more cultures as well as intercul- tural variations within a particular culture.” (Leininger 1995, S. 61 f.)

Welsch (1998) beschreibt einen „traditionellen Kulturbegriff“, der als Konzept der Einzelkulturen ver- standen werden kann. Auch Uzarewicz beobachtet einen gebräuchlichen Kulturbegriff, der “die Men- schen einteilt in solche, die dazugehören (die eigene Kultur) und solche, die ganz anders sind (fremde Kulturen), ohne jedoch bestimmen zu können, worin diese fundamentalen Unterschiede genau beste- hen.” (Uzarewicz 2002, S. 4). Bei der Betrachtung einzelner Kriterien zur Definition einer bestimmten Kultur fällt ihr „deren Unschärfe“ auf (ebd., S. 5). Der Umgang mit dem Kulturbegriff sei erkenntnis- theoretisch ebenso schwierig wie normativ allgemeingültig aufgrund seiner „nie eindeutig festlegbaren inhaltlichen Charakterisierungen“ (Uzarewicz 1999, S. 115). Habermann (2003, S. 192) stellt eine Ver- kürzung des Blicks hinsichtlich eines Verständnisses von Kultur im Bereich der Pflege fest und konsta- tiert, dass „’Kultur’ dort wahrgenommen wird, wo sie als Störgröße imponiert“.

b) Wird ein statisches oder dynamisches Kulturverständnis deutlich?

Aus der Darlegung eines Begriffsverständnisses von „Kultur“ kann deutlich werden, ob ein „statisches“ oder „dynamisches“ Kulturverständnis vorherrscht. Der u.a. von Welsch, Uzarewicz und Habermann problematisierten Beschränkung auf Herkunftsländer oder –regionen mit klar umrissenen Eigenschaften der von dort stammenden Menschen liegt etwas Statisches zugrunde. Dagegen stellt Kultur „im weites- ten Sinne das gesellschaftliche Sediment (die Basis) [dar], in dem Handeln und Verhalten von Menschen stattfindet. Und (…) da dieses historisch gesehen ständigen Veränderungen unterliegt, ist ‚das Kulturelle’ grundsätzlich etwas Dynamisches.“ (Uzarewicz 1999, S. 115).

c) Mit welchem Begriff wird eine kulturbezogene Pflege bezeichnet (z.B. transkulturell, interkulturell, intrakulturell)? Welcher theoretische Hintergrund wird zur Verwendung/Sinnhaftigkeit des Begriffs dargelegt?

Vor dem Hintergrund eines begrifflichen und bewegungsbezogenen Kulturverständnisses entfaltet sich in der gerade in der auf Pflege bezogenen wissenschaftlichen Literatur eine Diskussion, wie eine Kultur beachtende Pflege zu denken ist. Dazu werden Begriffe wie „transkulturell“, „interkulturell“, „multikul- turell“ oder „intrakulturell“ gebraucht. Uzarewicz ordnet diese Begriffe in der Weise, dass sie einerseits einen „essentialistischen bzw. substanzialistischen Kulturbegiff“ ausmacht (Uzarewicz 2002), der sich in den Begriffen „intrakulturell“, „multikulturell“ und „interkulturell“ darstellt. Mit diesem Kulturbegriff würde etwas genau Abgrenzbares und „nur der jeweiligen Kultur Eigenes“ bezeichnet werden (ebd.). Die Dynamik des Lebens werde gleichzeitig negiert. Diesem Kulturbegriff setzt sie mit einem auf Welsch (1998) beruhenden Verständnis von „Transkulturalität“ ein entsubstanzialisiertes Verständnis von kulturbezogener Pflege entgegen. Es geht um ein Verlassen abgrenzender Betrachtungen und einen notwendigen Perspektivwechsel, der einen umfassenderen Blick auf die Situation und das Leben von Menschen im Sinne ihrer eigenen Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung wirft. Das Konzept der Transkulturalität „beschreibt kulturelle Prozesse als flexibles individuelles Kondensat aus biografischen, soziografischen und ökologischen Faktoren, welches in Situationen immer neu verhandelt wird.“ (Uza- rewiz 2002, S. 7) Transkulturalität zeigt demnach auf,

- „dass es keine voneinander separierten ‚Kulturen’ (mehr) geben kann;
- dass sie als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand bestenfalls historisch von Interesse sein können;
- dass es keine von anderen Bereichen (Ökonomie, Soziales, Ästhetik, Biologie, Moral) auto-
nome ‚kulturelle Bereiche’, sozusagen ‚Subsysteme’ in der Sprache der Systemtheorie, gibt;
- dass keine ‚hohe’ und ‚niedere Kultur’ bzw. Kultursphäre existiert;
- dass es keine Natur- und im Gegensatz dazu Kulturmenschen gibt;
- dass es keine Kulturnationen gibt.

Transkulturalität kennt dementsprechend:

- keine festen Grenzen, sondern nur ‚liminale Strukturen’ [d.i. schwellenartige Grenzzonen;
R.B./A.L.];
- keine absolut gültige universale Rationalität, sondern nur eine ‚transversale Vernunft’;
- keine allein gültige kognitive Rationalität, sondern auch leibliche Vernunft.“ (Uzarewicz 2002, S. 7 f.)

Eine darauf aufbauende transkulturelle Pflege stellt „den Menschen als leibhaftiges Subjekt in den Mit- telpunkt und macht ihn zum Ausgangspunkt aller Betrachtungen, und nicht umgekehrt vage Vorstellun- gen, die auf abstrakten Kategorien beruhen und die Grundlage bzw. den Maßstab bilden, mit dem Men- schen gemessen und beurteilt werden.“ (ebd., S. 12)

Gerade diese Beurteilung von Menschen anhand eines definierten Maßstabes wird dem Verständnis von transkultureller Pflege, wie sie die amerikanische Pflegeforscherin Leininger beschreibt, vorgeworfen. Mit ihren „pflegeethnologischen“ Untersuchungen, mit denen sie in den 1960er Jahren begann, versuch- te sie das Gemeinsame hinsichtlich des Pflegeverständnisses in verschiedenen Nationen/Regionen sowie das dort jeweils Spezifische zu ermitteln. Leininger versteht „transkulturell“ als „nationenübergreifend“. Sie will „alle Kulturen innerhalb einer Nation und nicht nur die ‚Nationenkultur’ berücksichtigen“ (Do- menig 1999); „transkulturell“ wird in Abgrenzung zu „international“ verwendet. Die daraus resultieren- den Erkenntnisse lassen sich wie statische Beschreibungen von „Kulturen“ lesen (z.B. das vietnamesi- sche Kind, die afroamerikanische Frau, der chinesische Mann oder die Navaho-Mutter) (vgl. Leininger 1995, S. 85 ff.).

Habermann stellt fest, dass in der heutigen Kulturanthropologie auf eine Unversaliensuche, wie sie bei Leiningers Zugang deutlich ist, verzichtet wird. Insofern würde der Terminus „transkulturell“ nur noch zögerlich verwendet (Habermann 2003, S. 200). Abgelöst würde der Begriff durch „Interkulturalität“ als „Feld der unmittelbaren Begegnung von Kulturen und dem der ergänzenden, ‚kulturvergleichenden Studien’ (…) in denen mehrere Kulturen Gegenstand der Diskussion werden.“ (ebd.) Habermann be- trachtet das Begriffsverständnis von „Transkulturalität“ im Sinne Welschs (1998) und darauf aufbauend auch von Uzarewicz (1999, 2002), die damit der Hybridisierung der Kulturen auf der Grundlage von Globalisierungseffekten Rechnung tragen, kritisch. Sie ist der Ansicht, dass mit einem solchen Verständ- nis „nicht die Konstruktion des Ergebnisses durch die Akteure im sozialen Feld beobachtet“ werden.

„Damit werden Macht und Einflussnahme, die kulturelle Deutungen bestimmen, und Erscheinungen von kultureller Dominanz vernachlässigt.“ (Habermann 2003, S. 201). Sie macht diese Argumentation fest an einem Beispiel aus dem Sprachunterricht für Migranten, in dem ein türkischer Teilnehmer eine Ausdrucksweise für „Schmerz“ verwendet, die von der Lehrerin nicht akzeptiert wird. Habermann geht davon aus, dass durch diesen Akt kultureller Dominanz (durch die Lehrerin) die als „akzeptiert“ geltende sprachliche Wendung von dem Teilnehmer seine eigentliche sprachliche Wendung überlagern wird und er sie nicht mehr verwendet. „Nach Welsch könnte hier wohl von einer ‚transkulturellen’ Körpererfah- rung gesprochen werden, d.h. der Überlagerung ursprünglich erlernter mit neuen Inhalten. Die Tatsache, dass die neuen Inhalte von Machterfahrungen bestimmt werden, wird allerdings ausgeblendet.“ (ebd.) Mit der Verwendung des Begriffs „Interkulturalität“ sieht sie die Möglichkeit gegeben, „den Blick auf die kulturelle Dominanz zu gewinnen, die diese Situation bestimmt“ (ebd.).

Bei Betrachtung der (aus Platzgründen hier nur skizzenhaft dargestellten) Diskussion um die Begriffe „interkulturell“ und „transkulturell“ wird deutlich, dass es sich um eine abstrakte Diskussion handelt, die zuallererst Auswirkungen auf die Anlage und Erkenntnisdestillation empirischer Untersuchungen haben wird. Eine Suche nach der Ausweisung des jeweiligen begrifflichen Verständnisses in den ausgewählten, zu untersuchenden Studien scheint deshalb notwendig.

d) Wen lassen die Forscher in der Datenerhebung zu Wort kommen (d.h. welche Perspektive wird pri- mär eingenommen)?

e) Werden Aussagen zu einer „Kultur“ in Verbindung zu einer Bezugsgröße gesetzt?

Habermann (1999) konstatiert, dass „noch seltener als die Stimmen der Praktiker die Stimmen der ‚An- deren’ selbst hierzulande zu hören“ sind. „Wie (…) Pflegeleistungen wahrgenommen werden, welche Ängste oder auch Hoffnungen sich mit ihnen verbinden, dies ist gemessen an der Bedeutung dieser Stimmen noch viel zu wenig systematisch eruiert worden.“ (ebd.) Zuschreibungen von anderen (Fremd- beschreibung) und von einem selbst (Selbstbeschreibung) bilden eine Dynamik aufgrund unterschiedli- cher Bezugspunkte. „Kulturelle Fremdheit und kulturelle Identitäten sind (…) immer als relationale Konzepte zu betrachten.“ (Habermann 2003, S. 203) Es gilt, bei der Analyse der empirischen Studien zu ermitteln, ob die „Anderen“ zu Wort kommen und inwieweit kulturbezogene Aussagen durch Bezug zu verschiedenen Perspektiven relativiert und damit in ein nicht stereotypisierendes Verhältnis gesetzt wer- den.

f) Werden im Rahmen der empirischen Untersuchung Diskurse / Kommunikation untersucht?

Kulturelle Wirklichkeiten werden konstruiert durch Diskurse und Kommunikation (vgl. Habermann 2003, S. 204). Im Sinne eines konstruktivistischen Verständnisses ist es deshalb notwendig, den Blick auf diskursive und kommunikative Prozesse zu lenken, um die von den am Pflegeprozess beteiligten Indivi- duen konstruierten Wirklichkeiten sichtbar zu machen. Dieser von Habermann für eine interkulturelle Pflege dargelegte Fokus wird von Uzarewicz (2002) ebenfalls als Ziel einer transkulturellen Pflege ge- nannt, nämlich „die Verknüpfung von (individuellen) Verhaltensweisen, Interpretationen und (kollekti- ven) Wissens- und Sinnordnungen, oder anders gesagt, die ‚Explikation alltäglicher Orientierungsmuster und kommunikativer Regelsysteme“.

Mit der Orientierung am Individuellen wird gleichsam die Relativität „kultureller Zuschreibungen“ deut- lich. Wenn es – im Sinne eines individualisierten Pflegeprozesses – darum geht, individuelle Sinn- und Bedeutungszuschreibungen festzustellen, löst sich bei konsequenter Fortführung des Gedankens die Bedeutung „kultureller Hintergründe“ auf. Hervor treten die einzelnen Menschen, die als Pflegender und zu Pflegender in einen gemeinsamen (Verständigungs-)Prozess eintreten. „Wäre dies so, d.h. würden kulturelle, soziale und leibliche Erfahrungen grundsätzlich in die Ausgestaltung einer Pflegebeziehung aufgenommen, bräuchte es keine ‚interkulturelle’ Pflege“. (Habermann 2003, S. 206; vgl. auch Haber- mann 1999, S. 281)

g) Werden unterschiedliche Aspekte, die eine Erklärung für ein Phänomen liefern können, untersucht oder ist die „Kultur“ Bezugs- und Angelpunkt des Forschungsthemas?

h) Wird der Einfluss von Machtverhältnissen auf Konstruktion und Zuschreibung kultureller Eigen- schaften thematisiert?

Bezogen auf die „Migrantenproblematik“ stellt Habermann (1999) fest, dass eine ausschließliche Be- trachtung von „Kultur“ als Bezugs- und Angelpunkt einen Prozess der Ethnisierung einleite, „und zwar von der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der marginalisierten Gesellschaft, der eine gesellschaftlich ge- wollte Marginalisierung und Ausgrenzung der Migranten weiter legitimiere“ (ebd. S. 280). Es erfolge eine Fixierung der kulturellen Sonderstellung und eine Festlegung auf eine ethnische Identität zur „Entlas- tung von gesellschaftlicher und politischer Verantwortung der Inländer für die Situation von Migranten“ (ebd.).

Damit wird die Bedeutung von Machtverhältnissen deutlich. Nach Habermann neige der Diskurs der interkulturellen Pflege dazu, „statusbezogene Differenzen, Prozesse der Marginalisierung von Migranten, ihre mangelnde Teilhabe an Entscheidungsprozessen und ihre mangelnde Einbindung in Positionen, die gesellschaftliche Änderungen bewirken könnten, das heißt, gesellschaftlich und politisch fixierte Realitä- ten in der Bundesrepublik zu vernachlässigen.“ (Habermann 1999, S. 279)

Vor diesem Hintergrund verfolgen die beiden Fragestellungen die Intention aufzuzeigen, inwieweit an- dere als „kulturelle“ und somit herkunftsbezogene Faktoren zur Erklärung oder Darstellung der Situati- on von z.B. Migranten in den Forschungsarbeiten herangezogen werden (z.B. soziale oder politische) und inwieweit existierende unterschiedliche Machtverhältnisse in den Arbeiten berücksichtigt werden.

i) Werden Schlussfolgerungen für eine pflegerische Praxis gezogen? Wenn ja, sind diese dazu geeignet, Stereotypisierungen und fix-fertige Rezepte zu hinterfragen und von dort aus eine neue Perspektive ein- zunehmen?

Diese Fragestellung fokussiert die möglichen Auswirkungen von Schlussfolgerungen, die Forscher in ihren Arbeiten ausführen. Stereotypisierungen sind schnell die Folge, wenn aus Forschungsergebnissen Merkmale in Form von Kategorien o.ä. herausgearbeitet werden. Selbst auf dem Boden einer Selbstre- flexion und Flexibilität im Umgang mit Menschen entwickelte Beispiele kulturspezifischer Konzepte bergen die Gefahr, „dass gerade solche Konzepte stereotypisiert werden“ (Domenig 1999, S. 365)2. Die- ser von Domenig als „Gratwanderung“ bezeichneten Problematik muss Aufmerksamkeit geschenkt werden.

j) Behandeln die Ergebnisse der Untersuchung die Situation der „Fremden“ oder auch die Situation des „Eigenen“?

Zur Identifikation typischer Merkmale pflegebezogenen Verhaltens, wie sie von Leininger erarbeitet wurden, bedarf es eines großen Abstandes (vgl. Habermann 2003, S. 199). Somit wird das oder der „Fremde“ als das Eigentümliche, Andere und zu Ergründende betrachtet. Es erhält jedoch erst sein Fremdsein durch die Perspektive des Betrachters. Uzarewicz führt die Paradoxie des Begriffes „fremd“ auf, wenn sie sagt, dass mit der Belegung von Etwas als fremd dieses Etwas erst zum Fremden wird, ich den Prozess der Ent-Fremdung selbst einleite (Uzarewicz 2002, S. 8). Deshalb ist die Reflexion der Per- spektive des „Eigenen“ – also des Hintergrunds des Betrachters – von Bedeutung, um die Selbstkon- struktion der Zuweisung von Wirklichkeit Anderer aufzudecken3 : „Es ist zu hoffen, dass die vermehrte Aufmerksamkeit für die interkulturelle Pflege trotz ihrer kulturalistischen Vorzeichen für den Beginn einer Reflexion steht, die sich über den fremdkulturellen Anderen auch zunehmend dem Eigenen zu- wendet.“ (Habermann 1999, S. 281)

k) Beinhalten die Ergebnisse Handlungsempfehlungen, die vor dem Hintergrund der Partikularinteres- sen der Einrichtungsträger bzw. der Bildungssituation der Pflegenden realistisch sind?

Mit dieser Fragestellung soll im Rahmen der Analyse festgestellt werden, inwieweit die aus den empiri- schen Arbeiten gewonnenen und dargelegten Handlungsempfehlungen eher einen von institutionellen, organisationalen und gesellschaftlichen Bedingungen losgelösten Charakter haben (im Sinne von: es ist sinnvoll/notwendig, so zu handeln) oder ob die machtbezogenen und finanziellen Interessen der Träger von Einrichtungen, in denen Pflegende tätig sind, berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist anzufragen, inwieweit die Bildungs- und Qualifizierungssituation der im Feld tätigen Pflegenden bedacht wird. Aus Forschung generierte Handlungsempfehlungen müssen sich der Realität der gesellschaftlichen und be- rufsspezifischen Bedingungen stellen.

3. Analyseergebnisse

3.1 Fragestellungen und Methodik

Zunächst sollen die Befunde zu den Leitfragen, die sich mit eher allgemeinen Aspekten der Studien be- schäftigen, vorgestellt werden. Sie bilden den Rahmen, in welchem die Studie durchgeführt wurde, geben Aufschluss über Motivation und Intention der Forscherinnen und Forscher und tragen somit dazu bei, die Untersuchung in einen breiteren Kontext stellen und einordnen zu können. Hierzu gehören folgende Leitfragen des Analyserasters:

- Welche Fragestellung verfolgt die Untersuchung?
- Die Perspektive welcher Personen(gruppen) war Untersuchungsgegenstand?
- Welche Erhebungsmethoden wurden angewendet?
- Welche Methoden zur Datenauswertung wurden angewendet?
- In welcher Publikationsform wird die Untersuchung vorgestellt?

Die in diese Hausarbeit eingeschlossenen Studien sind im Zeitraum zwischen 1998 und 2004 durchge- führt bzw. publiziert worden. Vier der Studien wurden in der pflegewissenschaftlichen Fachzeitschrift „Pflege“ zwischen 1999 und 2004 veröffentlicht (Richter et al. 1999, Zielke-Nadkarni 1999, Kutschke 2001, Zielke-Nadkarni et al. 2004 ), eine erschien als selbstständige Buchpublikation (Schilder 1998), zwei Studien wurden in einem Sammelband zur Pflege im kulturellen Kontext publiziert (Beyer 2003, Schnepp et al. 2003) und bei einer Studie handelt es sich um einen Projektbericht einer Universität, der direkt von den Autoren bezogen wurde, da die in der Datenbank ausgewiesene Internetverlinkung nicht mehr zugänglich war (Geiger 2000). Vielfach stellen die publizierten Artikel und Aufsätze eine teilweise zusammenfassende Darstellung von umfassenderen (Qualifikations-) Arbeiten dar. Dies gilt für die Ar- beiten von Schnepp (2003) und Zielke-Nadkarni (1999), die jeweils als Promotionsarbeiten in selbst- ständigen Buchpublikationen zu finden sind, sowie für die Beiträge von Beyer (2003) und Kutschke (2001), die Zusammenfassungen von Diplomarbeiten an Fachhochschulen mit pflegebezogenem Schwerpunkt darstellen. Auch zu dem Artikel von Zielke-Nadkarni et al. (2004), der Ergebnisse einer Auftragsarbeit im Rahmen eines von der Robert Bosch Stiftung finanzierten Pilotprojektes zusammen- fasst, findet sich eine ausführliche Veröffentlichung als selbstständige Buchpublikation (Zielke-Nadkarni 2005). Es ist davon auszugehen, dass die in den Veröffentlichungen geäußerten Erkenntnisse von den Autorinnen und Autoren als vorläufig betrachtet werden, da die meisten als Artikel in Fachzeitschriften erschienen sind. Die selbständigen Buchpublikationen weisen darüber hinaus keinen Lehrbuchcharakter auf (vgl. S. 7).

Bei sieben von acht Studien lässt sich die Motivation der Forscherinnen und Forscher explizit identifizie- ren. So gibt Zielke-Nadkarni (1999) als persönliches Forschungsinteresse an, zur Verbesserung der pfle- gerischen Betreuung von Migrantinnen und Migranten und soziokulturellen Minderheiten beitragen zu wollen. Beyer (2003) legt dar, dass sie selbst Angehörige der von ihr untersuchten Gruppe ist. Schilder (2001) gibt die Auseinandersetzung mit kulturellen Aspekten der Pflege im Rahmen des eigenen Pflege- studiums als motivierenden Faktor für seine Untersuchung an. Neben diesen eher persönlich motivier- ten Ausgangslagen werden auch Beobachtungen aus der (eigenen) Pflegepraxis als Forschungsanlass benannt: Kutschke (2001) geht dabei von der Vermutung aus, dass kulturelle Unterschiede im Pflege- prozess kaum berücksichtigt werden, Schnepp führt Beobachtungen im Zusammenhang mit der Ableh- nung von professionellen Hilfen und dem Verhalten von russlanddeutschen Familien bei der Bereitstel- lung lebensweltlicher Hilfen als Gründe für die weitere Untersuchung dieser Phänomene an (Schnepp 2002). Die Untersuchungen von Geiger (2000) und Richter et al. (1999) sind entweder als Teilprojekte eingebettet in umfangreichere Untersuchungen oder verstehen sich als Weiterführung bereits vorliegen- der Forschungen. So führte Geiger (2000) seine Untersuchung zu interkulturellen Begegnungen im Krankenhaus und dem Stellenwert interkultureller Ausbildungsinhalte im Krankenpflegeunterricht im Zusammenhang mit einem Fortbildungsprojekt „Interkulturelle Pflege“ im Rahmen eines Lehrfor- schungsprojektes mit Lehramtsstudierenden und Studierenden des Lehrgangs „Interkulturelle Pflege“ durch. Bei der Studie von Richter et al. (1999) handelt es sich um eine Untersuchung, die auf Ergebnis- sen einer früherer Arbeit aufbaut: Pflegende gaben im Rahmen dieser 1998 durchgeführten Forschung an, dass sie den Wünschen der Patienten im Kontext der Entscheidung über lebensverlängernde Maß- nahmen folgen würden, wenn umfassende Patiententestamente vorlägen.

Sieben der acht eingeschlossenen Studien verfolgen das Ziel, die Innenperspektive, d.h. Erfahrungen, persönliche Sichtweisen und/ oder das Erleben spezifischer (Personen-) Gruppen in der Begegnung bzw. im Umgang mit kulturellen Phänomenen zu erforschen und bewegen sich damit im qualitativen Paradigma (vgl. Flick/von Kardorff/Steinke 2005, S. 20 ff.; Flick 2002, S. 18 f.). Entsprechend bewegen sich die Fragestellungen der eingeschlossenen Studien im qualitativen Ductus: Geforscht wird zum „Er- leben und der persönlichen Sicht russlanddeutscher Spätaussiedler zur Angehörigenpflege bzw. zur Sicht von Gesundheit, Krankheit und Alter“ (Schnepp et al. 2003, Beyer 2003), zum „Erleben von Migrantin- nen und Migranten, die Patienten im Krankenhaus sind“ (Kutschke 2001), zu „subjektiven Konzepten zur familiären und sozialen Situation jüdischer Migrantinnen und Migranten“ (Zielke-Nadkarni et al. 2004 ), zu „Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Pflege bei türkischen Migrantinnen und Migranten“ (Zielke-Nadkarni 1999) sowie zu „Erfahrungen professionell Pflegender in der ambulanten Pflege von türkischen Patentinnen und Patienten“ (Schilder 1998). Geiger (2000) fokussiert in seiner ebenfalls qualitativ angelegten Untersuchung interkulturelle Begegnungen im Krankenhaus und den Stellenwert interkultureller Ausbildungsinhalte im Krankenpflegeunterricht an Krankenpflegeschulen in Hessen. Lediglich Richter et al. (1999) wählen für ihre Vergleichsuntersuchung von deutschen und schwedischen Krankenschwestern anhand von Fallbeschreibungen mit drei Varianten verfügbarer In- formationen über den Willen des Patienten eine quantitative Herangehensweise.

[...]


1 Als Gütekriterien quantitativer Forschung gelten Validität, Reliabilität als allgemein anerkannt. Für die qualitative Forschung werden eigene Gütekriterien diskutiert (vgl. Flick 2002, S. 317 ff., Steinke 2005).

2 Ein Beispiel für die rezeptartige Verwendung von Forschungsergebnissen siehe Averkamp 2002

3 Zur Bedeutung der Reflexion nach der Rückkehr aus einem „anderskulturellen“ Medizin- und Pflegesystem siehe Wolber 2001

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Kultur im Spiegel empirischer Pflegeforschung
Untertitel
Eine vergleichende Analyse empirischer pflegewissenschaftlicher Studien zum Themenbereich Kultur und Pflege
Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner Vallendar  (Pflegewissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Individualität und Kultur
Note
1,0
Autoren
Jahr
2007
Seiten
53
Katalognummer
V158501
ISBN (eBook)
9783640715893
ISBN (Buch)
9783640715831
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflege, Kultur, Pflegeforschung
Arbeit zitieren
Roland Brühe (Autor)Annette Lauber (Autor), 2007, Kultur im Spiegel empirischer Pflegeforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158501

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