Das Jahr des Erscheinens dieses Buches ist zugleich das Jahr des 80. Todestages (22. Jan. 1945) der größten deutschen Dichterin des 20. Jahrhunderts, Else Lasker-Schüler.
Fünfundzwanzig Interpretationen zu ihrem bedeutenden lyrischen Werk bilden eine Hommage an diese außergewöhnliche Dichterin und sind Ergebnis langjähriger wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Werk.
Eine ganz eigene Welt, fantastisch, orientalisch, versponnen und klar sowie vor allem von starkem Ausdruck tut sich auf, in der die Dichterin selbst kaum von ihren Spielfiguren wie Tino von Bagdad, Jussuf Prinz von Theben, Sulamith und Malik oder nur vom lyrischen Ich ihrer Dichtungen getrennt ist.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Sulamith: O, ich lernte an Deinem süssen Munde
Weltflucht: Ich will in das Grenzenlose
Dann: Dann kam die Nacht mit Deinem Traum
Weltschmerz: Ich, der brennende Wüstenwind
Die Unsterblichen: Du, ich liebe Dich grenzenlos!
Die Beiden: Dem zuckte sein zackiges Augenbrau jäh
Weltende: Es ist ein Weinen in der Welt
Vollmond: Leise schwimmt der Mond durch mein Blut
Erkenntnis: Schwere steigt aus allen Erden auf
Die Liebe: Es rauscht durch unseren Schlaf
Ruth und Boas: Und du suchst mich vor den Hecken
Mein Liebeslied II: Wie ein heimlicher Brunnen
Ein Liebeslied I: Aus goldenem Odem
Das Lied meines Lebens: Sieh in mein verwandertes Gesicht
Versöhnung: Es wird ein großer Stern in meinen Schoß fallen
Ein alter Tibetteppich: Deine Seele, die die meine liebet
Mein Volk: Der Fels wird morsch
Klein Sterbelied: So still ich bin
Gebet I: Ich suche allerlanden eine Stadt
Ein Lied I: Hinter meinen Augen stehen Wasser
Karl Sonnenschein: Ein Engel schreitet unsichtbar...
Die Verscheuchte: Es ist der Tag in Nebel völlig eingehüllt
Ich weiß: Ich weiß, daß ich bald sterben muß
Mein blaues Klavier: Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Ein Liebeslied II: Komm zu mir in der Nacht
Zielsetzung & Themen
Dieses Werk bietet eine wissenschaftliche Analyse von 25 ausgewählten Gedichten der Dichterin Else Lasker-Schüler, wobei der Fokus auf der musikalischen Struktur ihrer lyrischen Sprache sowie der tiefen biografischen und intertextuellen Verankerung ihrer Werke liegt.
- Analyse der Musikalität und Rhythmik in Lasker-Schülers Lyrik
- Untersuchung autobiografischer Bezüge und existentieller Krisen
- Interpretation der religiösen und biblischen Symbolik
- Darstellung der Rezeptionsgeschichte und Vertonungen durch Komponisten
Auszug aus dem Buch
Weltflucht: Ich will in das Grenzenlose
Das Gedicht Weltflucht erscheint erstmals 1902 im Gedichtband Styx. Es thematisiert die Flucht des lyrischen Ichs vor der Allgemeinheit, vor der Welt, im Kontext der Biographie der Lasker-Schüler, konkret auch vor dem Spießbürgertum des kaiserlichen Deutschlands.
Das lyrische Ich droht an ihm zu ersticken und zu sterben (vv. 6 u. 7). Die erhoffte Lösung scheint in völligem Rückzug von jeder menschlichen Beziehung zu liegen, ja radikal von jedem Außenkontakt – gewissermaßen verbildlicht durch das Einspinnen in einen schützenden Kokon. Ziel dieser Weltflucht ist »das Grenzenlose« (v. 1), das das lyrische Ich im eigenen Inneren zu finden hofft. Die Fluchtrichtung heißt »Meinwärts« (v. 13). Und der Fluchtpunkt ist »das Grenzenlose« des eigenen Ichs.
Diese innere Welt der Omnipotenz steht in scharfem Kontrast zur Außenwelt, die in der Gedichtmitte artikuliert wird als eine das lyrische Ich erstickende, nicht atmungsfähige und Tod bringende Welt. Die seelische Befindlichkeit wird mit dem eigentümlichen Bild der blühenden Herbstzeitlosen beschrieben, eine schillernde Metapher, in der die vielschichtige Bedeutung von Herbst als fruchtbringende aber vor allem lebens-endende, in den Winter mündende Jahres- und Lebenszeit anklingt und ebenfalls der konjugierte Begriff der Zeitlosigkeit. Weltflucht wird so zur Flucht aus Zeit und Raum hinein ins Grenzenlose, d. h. eine Situation ohne Zeit- und Raumgrenzen.
Zusammenfassung der Kapitel
Sulamith: O, ich lernte an Deinem süssen Munde: Eine tiefgehende Analyse der 14-zeiligen Strophe, die das Hohelied Salomos als wesentliches Intertext verarbeitet.
Weltflucht: Ich will in das Grenzenlose: Interpretationen der existentiellen Fluchtbewegung des lyrischen Ichs und die Radikalität des Rückzugs in die innere Welt.
Dann: Dann kam die Nacht mit Deinem Traum: Untersuchung der autobiografischen Spuren sowie des melancholischen Istzustands gegenüber einer gewünschten Zukunft.
Schlüsselwörter
Else Lasker-Schüler, Lyrik, Gedichtinterpretation, Exil, Moderne, Expressionismus, Hohelied, Religiosität, Musikaliät, intertextueller Bezug, biblische Symbolik, Judentum, Sehnsucht, Heimatlosigkeit, Vertonungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Der Autor Karl Bellenberg versammelt eine wissenschaftliche Kommentierung und Interpretation von 25 Gedichten der deutsch-jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler, unter besonderer Berücksichtigung ihrer musikalischen Sprachgestaltung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Neben der sprachwissenschaftlichen Analyse der Lyrik stehen besonders die autobiografischen Kontexte, die biblische Anlehnung und die philosophische Auseinandersetzung mit Identität, Exil und Weltflucht im Zentrum.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Buch möchte die bisher kaum thematisierte Musikalität der Sprache Lasker-Schülers in den Fokus rücken und zugleich eine Hommage an die Dichterin im Jahr ihres 80. Todestages darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine philologische und literaturwissenschaftliche Analyse, die sowohl den historischen Kontext (biografische Quellen) als auch textimmanente Strukturelemente (Metrum, Neologismen, Isoptopien) einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelinterpretationen der Gedichte, beginnend bei frühen Werken wie Weltflucht bis hin zu späten Exilgedichten wie Mein blaues Klavier.
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie "lyrische Musikalität", "Intertextualität", "existentielles Leiden" und "biblische Bildsprache" aus.
Was sagt der Autor über die Vertonungen der Gedichte?
Der Autor analysiert für viele der interpretierten Gedichte die kompositorische Rezeption, also, wie oft und von wem die Texte vertont wurden und wo stilistische Schwerpunkte liegen.
Warum wird das Gedicht "Weltflucht" als "expressionistisch" gedeutet?
Aufgrund der radikalen Absage an bürgerliche Konventionen und der mystischen Suche nach der "restitutio ad integrum", verbunden mit einem stummen Schrei der Existenzbedrohung, wird es als Wegbereiter des Expressionismus eingeordnet.
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- Karl Bellenberg (Autor:in), 2025, 25 Interpretationen zu Gedichten von Else Lasker-Schüler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1585380