Gebet als Thema des Unterrichts in der Sek.II


Examensarbeit, 2009

67 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhalt

1. Das Gebet als Thema im Unterricht der Sekundarstufe II – Systematische Betrachtung und Einordnung
l.l. Blick in den Lehrplan Evangelische Religion für den gymnasialen Bildungsgang (G8)
l.l.l. Lernschwerpunkt I: Individuelle Erfahrung
l.l.2. Lernschwerpunkt II: Biblisch-christliche Tradition
l.l.3. Lernschwerpunkt III: Christliches Leben in Geschichte und Gegenwart
l.l.4. Lernschwerpunkt IV: Ethik
l.l.5. Lernschwerpunkt V: Religion und Weltdeutung
l.l.6. Stellung des Gebetes innerhalb der Lernschwerpunkte
l.2. Das Gebet als Thema des Religionsunterrichts – Versuch einer Einordnung
l.2.l. Das Thementableau der Grundkurse
l.2.2. Das Thementableau der Leistungskurse
l.2.3. Schulstufenzuweisung und Abgrenzung
l.2.3.l. Themenverankerung in der l2G.2
l.2.3.2. Grund- oder Leistungskurs

2. Religion und das Gebet als religiöse Praxis – eine Bildungsaufgabe
2.l. Ein allgemeines Bildungsgut
2.2. Sozialisationsprobleme Jugendlicher
2.3. Methodische Konsequenzen für den Unterricht – Chancen der partiellen Monoedukation
2.4. Aktuelle Bezüge zum Thema Gebet im Unterricht

3. Jugendliche und ihre Religiosität
3.l. Die Bedeutung des jugendlichen Sprachcodes 3.2.Wie äußert sich Religiosität bei Jugendlichen?

4. Stellung der Religion in der Gesellschaft und die Konsequenzen für den Unterricht
4.l. Staat und Gesellschaft
4.2. Der pluralistische Gesellschaftsaspekt
4.3. Der säkulare Gesellschaftsaspekt
4.4. Einbeziehung der Religionskritik

5. Gebete und Lieder der Popkultur als Ausdruck von Lebensfragen und Lebensdeutung
5.l. Einleitung
5.2. Die Sprache des Gebetes
5.3. Exemplarische Texte
5.3.l. Das l8-Bitten-Gebet
5.3.2. Das Vaterunser
5.3.3. Die l. Sure Al Fatiha
5.4. Strukturelle Merkmale des Gebetes
5.4.l. Wer spricht?
5.4.2. Was wird zur Sprache gebracht?
5.4.3. Mit wem redet der Betende?
5.5. Die Sprache der Lieder der Popkultur
5.6. Menschliche Existenz und Sprache

6. Die Behandlung des Themas Gebet im Unterricht
6.l. Hinführung
6.2. Schritt l: Vergleich eines Liedes mit einem Gebet
6.3. Schritt 2: Vergleich eines jüdischen, christlichen und islamischen Gebetes
6.4. Schritt 3: Ein neuzeitliches Gebet im Vergleich mit einem profanen Text
6.5. Schritt 4: Schweigen und Stille – Meditation

7. Literaturverzeichnis

1. Das Gebet als Thema im Unterricht der Sekundarstufe II – Systematische Betrachtung und Einordnung

1.1. Blick in den Lehrplan Evangelische Religion für den gymnasialen Bildungsgang G8 (hier: Hessen)

Der evangelische Religionsunterricht soll den Schülerinnen und Schülern zunächst Möglichkeiten zur individuellen Bildung und persönlichen Orientierung bieten und den Glauben in Geschichte und Gegenwart sachgemäß darstellen . Darüber hinaus wird erkannt, dass über Fragen des Glaubens pädagogisch schwerlich verfügt werden kann. Dennoch soll der Religionsunterricht die Inhalte des christlichen Glaubens als Chance auf eine „befreiende, herausfordernde und Hoffnung stiftende Lebensmöglichkeit“ vermitteln1.

Es gilt: Religionsunterricht soll bei den Jugendlichen in erster Linie „Such- und Verständigungsprozesse“ in Gang setzen, die es ihnen ermöglichen, die Bedeutung religiöser Überlieferung auf die eigene Lebenswirklichkeit zu übertragen. Ziel ist es, Hoffnungsperspektiven und Lebenszuversicht zu vermitteln sowie Hilfestellung zu leisten in einer Welt, die sich zunehmend kulturell und religiös pluralisiert. Eine sowohl religiöse wie individuelle Deutung des eigenen Lebens soll zu dem Ergebnis führen, die eigene Existenz als Geschöpf Gottes zu erfahren und in der Gesellschaft und dem öffentlichen Leben vorherrschende Denk- und Deutungsmuster kritischer zu hinterfragen.

Der Lehrplan sieht für den Religionsunterricht an Gymnasien insgesamt 20 Themen vor, die inhaltlich an fünf Lernschwerpunkte gekoppelt sind und ausgehend von den individuellen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler Grundkenntnisse des Glaubens, Fragen der Geschichte und Ethik und die Herstellung von Querverbindungen zu Inhalten anderer Religionsgemeinschaften vermitteln sollen:

1.1.1. Lernschwerpunkt I: Individuelle Erfahrung

Das Erleben und Erfahren des Einzelnen im direkten Umfeld aus Begegnungen mit anderen Menschen und institutionellen Einrichtungen und das Entwickeln eines individuellen Selbstverhältnisses steht im Zentrum der Themen, die diesem Lernschwerpunkt zugeordnet sind. Die Bildung der Fähigkeit zur Artikulation persönlicher Betroffenheit bei gleichzeitigem Blick auf biografisch bedingte Erfahrungen sollen Orientierung und Identitätsentwicklung fördern.2

1.1.2. Lernschwerpunkt II: Biblisch-christliche Tradition

In diesem Lernschwerpunkt sollen die persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse der Schülerinnen und Schüler in unmittelbaren Bezug zu der Lebens- und Erfahrungswelt der Menschen des Alten und Neuen Testaments gestellt werden. Es gilt hierbei, die historische und für Jugendliche relativ fernliegende Welt der biblischen Überlieferung in einer modernen, gegenwartsbezogenen Deutung erkennbar und nachvollziehbar werden zu lassen.

1.1.3. Lernschwerpunkt III: Christliches Leben in Geschichte und Gegenwart

Vielen Jugendlichen ist heutzutage die Auseinandersetzung mit religiösen Themen fremd aufgrund einer in allen Quartieren der Gesellschaft zunehmend fehlenden Verankerung von Religiosität und Glaubensfragen. Damit Glaubensinhalte des Christentums verständlich gemacht werden können, sollen in diesem Lernschwerpunkt beispielsweise auch „traditionelle Lehrstücke immer wieder erläutert und neu entschlüsselt werden“.3

1.1.4. Lernschwerpunkt IV: Ethik

Im Mittelpunkt dieses Themenkomplexes stehen natürlich in erster Linie Werte und Normen, die das Zusammenleben in unserer heutigen Gesellschaft regeln. Die Ausrichtung der persönlichen Verantwortung für den Nächsten und die gemeinsame Umwelt als Folge der Liebe Gottes zur Schöpfung sind Grundlage christlicher Ethik. Dieser Lernschwerpunkt soll deshalb vor allem konkrete Handlungsperspektiven aufzeigen, die sich für den Menschen als Inhaber verantwortungsvoller Gestaltungshoheit im Umgang mit den Geschöpfen Gottes ergeben.

1.1.5. Lernschwerpunkt V: Religion und Weltdeutung

Begriffe wie „multikulturelle Gesellschaft“ und „Globalisierung“ sind im Deutungsprozess gesellschaftlicher Phänomene mittlerweile selbstverständlich und umgangssprachlich etabliert. Das Zusammenleben vieler Kulturen in einer Gesellschaft bedeutet allerdings gleichzeitig auch das Zusammentreffen unterschiedlicher Religionen, ihrer jeweiligen Eigenheiten und – viel wichtiger noch – ihres von der christlichen Religionspraxis oft signifikant abweichenden religiösen Alltagsbezuges. Hier sei vor allem Stellung und Bedeutung des Gebetes im Islam genannt.

In diesem Lernschwerpunkt sollen die drei große Weltreligionen (Judentum, Islam und Buddhismus) vorkommen, damit verständlich wird, dass auch in anderen Kulturen Menschen ihr Handeln einer göttlichen Botschaft unterwerfen, die für ihr Leben elementare Bedeutung hat und sich konsequent auf das tägliche Leben auswirkt4.

1.1.6. Stellung des Gebetes innerhalb der Lernschwerpunkte

Das Gebet wird im Zusammenhang mit den Lernschwerpunkten nicht explizit erwähnt. Eine eindeutige Verortung innerhalb der Lernschwerpunkte ist deshalb nicht möglich, allerdings auch nicht zwingend erforderlich. Denn das Gebet als Ausdruck einer persönlichen Glaubensäußerung im Spiegel der eigenen Lebenswirklichkeit nährt sich aus vielfältigen Aspekten und zieht somit aus nahezu allen Lernschwerpunkten Facetten seiner großen Bedeutung für das Verständnis von religiöser Praxis und gelebtem Glauben.

1.2. Das Gebet als Thema des Religionsunterrichts – Versuch einer Einordnung

Der Blick in den Lehrplan hat die Themenvielfalt eröffnet, die sich unter fünf große Lernschwerpunkte subsumiert und nahezu das gesamte Spektrum religiöser Inhalte bedienen kann.

Für die Sekundarstufe II ergeben sich hieraus präzise Thementableaus mit verbindlichen Inhalten, die von fakultativen Inhalten flankiert werden und die die Frage aufwerfen, in welchem thematischen Zusammenhang das Gebet stehen kann bzw. stehen sollte. Daraus folgt eine unmittelbare Schulstufenzuweisung, die dem Anspruch Rechnung tragen muss, das Thema Gebet im Unterricht als ein wesentliches und zentrales Element religiöser Praxis mit teils sehr persönlichen und individuell geprägten Aspekten zu behandeln.

Da das Gebet eine außerordentlich tiefgehende, ja intime und die Schülerinnen und Schüler in ihren allerpersönlichsten Existenzfragen antreffende Dimension entwickeln kann und soll, ist eine Behandlung dieses Themas vor allem in einer höheren Schulstufe zu empfehlen. Grundlegende Kenntnisse in Fragen der Geschichte und Gegenwart von Religion, Bibelkunde, vergleichende Betrachtungen von alt- und neutestamentlichen Inhalten, die Frage nach Gott, aber auch Themen wir Sterben, Tod und Auferstehung sollten bereits im Unterricht vorangegangener Jahre behandelt worden sein.

Für die Behandlung des Gebets in der Sekundarstufe II sind fortgeschrittene Fähigkeiten im analytischen Denken und die Befähigung zu eigenständiger und kritischer Auseinandersetzung mit Themen, die polarisieren können, und die auch empfindliche Bereiche der körperlichen und seelischen Wahrnehmung betreffen können, als Voraussetzung unabdingbar.

Auch fächerübergreifend sollte daher bereits ein grundlegendes Lern- und Arbeitsprofil sowie ein persönliches Reifeprofil angelegt worden sein.

Die Thementableaus für den evangelischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe II stellen für jedes Schulhalbjahr ein Thema vor und geben die verbindlichen wie die fakultativen Inhalte an.5

Zu unterscheiden sind überdies Grundkurse und Leistungskurse, wobei davon ausgegangen wird, dass ein Grundkurs in der Regel 3-stündig, ein Leistungskurs 5-stündig gehalten wird.

Die Thementableaus sowohl für Grundkurse wie für Leistungskurse unterscheiden sich im Thema für das jeweilige Halbjahr nicht. Die verbindlichen und die fakultativen Inhalte weisen nur sehr geringfügige Unterschiede auf, die sich aus der für Leistungskurse möglichen längeren und damit intensiveren Arbeits- und Lernzeit erklären.

Für die Jahrgangsstufe l0G.l und l0G.2 liegen darüber hinaus zwei Grundkurs-Themengebiete vor, die verständlicherweise für den Leistungskurs nicht substantiell sind („Religion erfahren“, l0G.l und „Heilige Schriften verstehen“, l0G.2), da sie innerhalb der Orientierungsphase liegen und sich somit der Wertung für das Abitur entziehen, was wiederum nicht von vornherein gegen eine Behandlung des Themas Gebet in der Jahrgangsstufe l0G spräche.

Wo genau das Gebet innerhalb der Sekundarstufe II zu positionieren ist, kann nur ein Blick auf die verbindlichen Inhalte klären.

1.2.1. Das Thementableau der Grundkurse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2.2. Das Thementableau der Leistungskurse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten6

1.2.3. Schulstufenzuweisung und Abgrenzung

Der Blick auf die Thementableaus für Grund- und Leistungskurse des Lehrplans zeigt vor allem zwei Rahmenthemen, denen das Gebet zugeordnet werden könnte.

Zum einen ist es das Thema „Religion erfahren“ mit dem verbindlichen Inhalt „Religion und Formen religiöser Erfahrung“ in der Jahrgangsstufe l0G.l. Auch der dort zugeordnete Inhalt „Begegnung der Religionen“ könnte für das Thema Gebet interessant werden. Zum anderen bietet sich das Rahmenthema „Als Christ leben“ mit dem verbindlichen Inhalt „Christ-sein und Spiritualität“ der Jahrgangsstufe l2G.2 an.

Die anderen Themen („Als Mensch handeln“, „Nach Gott fragen“…) weisen überwiegend Inhalte auf, die flankierend auch in die Thematik „Gebet“ einfließen können, allerdings in ihrer primären inhaltlichen Ausrichtung nicht zutreffend sind.

Für den Lehrplan gilt: das Thema „Gebet“ gehört am ehesten in den Bereich Spiritualität der Jahrgangsstufe l2G.2. Das schließt sowohl das Gebet als auch die Meditation / Kontemplation ein. Beide Formen religiöser Praxis gehören schon früh in alle Religionen, auch zu den drei monotheistischen Religionen.

Die Meditation unterscheidet sich als eine Form der Selbstbesinnung, die weite Kreise des ,modernen Menschen‘ besonders anspricht, vom Gebet allerdings formal, inhaltlich und in ihrer praktischen Erscheinung und Durchführung abweicht und daher in Abgrenzung zum Thema „Gebet“ eigenständig behandelt werden sollte.

Die verbindlichen Inhalte zeigen außerdem, dass sie zeitlich auch weiter gefasste Bearbeitungen der Themen zulassen, so dass dem Thema Gebet bei Bedarf auch mehr Raum gegeben kann, wenn die Situation es ermöglicht oder erfordert.

1.2.3.1. Themenverankerung in der 12G.2

Zwei Gründe sprechen für die Zuweisung des Gebets in die Jahrgangsstufe l2G.2. Es ist vor allem die greifbare Nähe des Themas Gebet zum Komplex Spiritualität.

Das für die Jahrgangsstufe l0G.l verbindliche Thema „Religion erfahren“ zielt vor allem auf die Frage der Wahrnehmung von Religion im gegenwärtigen Umfeld der Schülerinnen und Schüler, sowie die Bedeutung von Religiosität in Bezug auf die eigene Persönlichkeit und Identität. Es wird die Frage gestellt nach Religion aus religionssoziologischer und psychologischer Sicht, und wie uns Religion heutzutage begegnet. Es wird auch über die Formen eigener Religiosität und religiöse Erziehung reflektiert.

Darüber hinaus weisen die Schülerinnen und Schüler in der l0G noch ein schulisches Arbeits- und persönliches Reifeprofil auf, das der Sekundastufe I noch sehr nahesteht.

Der Umgang mit der der gymnasialen Oberstufe eigenen Pflicht und Chance zur verantwortlichen strukturellen Selbstorganisation des Schulalltags ist wenig ausgeprägt. Die Herausbildung der Identität und die persönliche Entwicklung steht im Umbruch. Es ist ein wichtige Frage für den Umgang mit dem Thema „Gebet“, inwieweit die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen den vorurteilsfreien und offenen Dialog mit sehr persönlichen und das Innere selbst betreffenden Vorgängen und Gedanken zulässt. Das Abstreifen von „Peer-Group“- abhängigen, generalisierten und persönlich kaum hinterfragten mehrheitstolerierten Meinungen und Ansichten, wie sie in dieser Altersgruppe noch sehr vermehrt vorkommen, ist ebenso eine Voraussetzung für dieses Thema wie die Fähigkeit und Bereitschaft zu einer „inneren Öffnung“ von Geist und Seele.

Die Jahrgangsstufe l2G markiert die Vorbereitung zum Übertritt in einen neuen Lebensabschnitt. Mit dem Abschluss der Schulzeit nach dem Abitur steht am Ende dieses Jahres eine grundlegend veränderte Lebenssituation, die neben dem entstehenden Gefühl von Befreiung auch als eine enorme Herausforderung und mitunter auch als Belastung empfunden wird.

Der Lehrplan sieht in diesem Jahr (dem ,letzten Schuljahr‘) unter anderem das Thema „Spiritualität“ vor, weil es zu den Voraussetzungen der Bewältigung der großen Lebensfragen gehört, die auf die Jugendlichen zu kommen, oder in denen sie sich längst bewegen.

1.2.3.2. Grund- oder Leistungskurs?

Für das Thema Gebet ist die Frage, ob es besser in einem Grund- oder Leistungskurs behandelt wird, insofern unerheblich, da es in beide Kursvarianten gehört. Es ist ein Kernthema im Umfeld der Selbstwahrnehmung von Glaube und Religiosität und findet sich – wie oben beschrieben – in der Jahrgangsstufe l2G.2 an einer exponierten Lage im schulischen Ablauf, die gemäß der Thementableaus sowohl für Grund- wie für Leistungskurse Spiritualität und Christ-sein vorsieht. Die Themenausarbeitung wird sich im Hinblick auf die Leistungskursvariante in der Intensität und auch den praktischen Möglichkeiten unterscheiden.

Die in dieser Arbeit vorgestellten Modelle zur Themenbehandlung im Unterricht richten sich in erster Linie an Grundkurse, in denen der überwiegende Teil der Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe anzutreffen sein wird. Für Leistungskurse ergeben sich vor allem im Hinblick auf das zum Thema Gebet gehörende Gebiet der Meditation und Kontemplation zusätzliche zeitliche Ressourcen, die den eventuell nicht ganz einfach zu behandelnden Fragen und Überlegungen zur praktischen Umsetzung von Meditation Platz bieten.

2. Religion und das Gebet als religiöse Praxis – eine Bildungsaufgabe

2.1. Ein allgemeines Bildungsgut

Das Gebet als Thema des Religionsunterricht lässt sich als unabdingbare Ergänzung zur Vermittlung von Kenntnis und Verständnis christlich-abendländischer Kulturgeschichte ansehen. Mehr noch als heute prägte die christliche Glaubenslehre in den vergangenen Jahrhunderten den Alltag der Menschen und bestimmte den Wandel der Zeit. Sie war eng verflochten mit familiären Ordnungsstrukturen (Tischgebet, sonntäglicher Gottesdienstbesuch, das Begehen christlicher Feste und Rituale) und war somit Bestandteil der täglichen Wirklichkeitswahrnehmung.

Die deutsche und die europäische Geschichtstradition ist eine christlich- abendländische Tradition, die den Menschen über viele Jahrhunderte in der Ausbildung seiner Werte und Normen geprägt hat. Auch die gegenwärtige Gesellschaft gründet ihre ethischen Maßstäbe auf eine lange christlich geprägte Sozialisationsgeschichte und schließt deshalb Religion und die Bedeutung religiöser Praxis selbstverständlich als hochrangiges, allgemeines Bildungsgut mit ein.

Der Religionsunterricht an der Sekundarstufe II wird diesbezüglich durch die Behandlung einschlägiger Fragestellungen innerhalb der Sekundarstufe I (Entstehung des Christentums, reformatorische Entdeckung, Auseinandersetzungen in der Kirche, Kirche und Herausforderungen in der Neuzeit…) gut vorbereitet.

2.2. Sozialisationsprobleme Jugendlicher

Das Gebet hatte – früher mehr noch als heute – einen fest verankerten Platz im Leben der Menschen und bot Halt und Orientierung, solange Religion und Religiosität noch als ein normales und alltägliches Phänomen verstanden wurde. Die gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte (insbesondere seit den l960er und l970er Jahren) veränderte die Lebenswirklichkeit großer Bevölkerungsteile erheblich. Die Folgen von Studentenrevolten, Emanzipation und dem vermehrten Drang nach Selbstverwirklichung sowie der Freiheit und Loslösung von konservativ- bürgerlichen Lebenskonzepten wurden vor allem in ihrer Wirkung für das familiäre Binnenverhältnis der Menschen zueinander spürbar.

Obwohl dieser Aspekt der deutschen Sozialgeschichte nicht Thema dieser Arbeit ist, muss doch aus einem ganz bestimmten Grund wenigstens am Rande darauf eingegangen werden. Denn wenn viele althergebrachte, das Zusammenleben in den Familien strukturierende Sozialformen und Rituale, die sich gerade auch in alltäglicher religiöser Praxis zeigten, massiv infrage gestellt und nach und nach durch andere ergänzt oder ganz ersetzt werden (keine gemeinsamer Mahlzeiten, keine gemeinsamen Aktivitäten, das Auseinanderbrechen familiärer Bindungen, fehlende Fürsorge hinsichtlich der Hausaufgabenbetreuung, Fernsehen als Abendgestaltung etc.), so hat das doch eine nicht unerhebliche gesellschaftsrelevante Dimension.

Darüber hinaus erwachsen den Jugendlichen in der heutigen, von Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile geprägten Gesellschaft, der immer mehr einheitliche Ziele und Werte verloren gehen, große Risiken hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung.7 In einer pluralistischen Gesellschaft, die nicht mehr durch eine bestimmte Einzelgruppe, sondern durch viele, teilweise sehr unterschiedliche Gruppen geprägt wird, haben auch die Kirchen ihre Funktion als alleinige Instanz für Sinndeutung und Religion verloren.8 Für heute gilt: Jugendliche, die nicht aus einer sich der christlichen Tradition verpflichteten Familie stammen, können mit dem Thema Gebet oft nur sehr wenig anfangen.

Im Hinblick auf soziologische Veränderungen innerhalb der Gesellschaft muss deshalb darauf hingewiesen werden, dass immer mehr Kinder und Jugendliche überhaupt nicht mehr in intakten familiären Verhältnissen aufwachsen. Die Zahl derer, die nur bei einem Elternteil lebt, steigt stetig an. Geordnete Familienverhältnisse gehören innerhalb eines Klassenverbandes in erheblich zunehmendem Maß zu den selteneren Erscheinungen. Darüber hinaus entwickelt sich auch ein geschlechterspezifisches Problem, dass hier immerhin dahingehend Erwähnung finden muss, da es den Umgang mit dem Thema Gebet vor eine weitere Herausforderung stellt:

Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt in ihrem Elternhaus mittlerweile der Vater. Jungen haben so oft keine Chance, ihre geschlechterrollenspezifische Identität zu formulieren und auszuleben.9 Alleinerziehende Mütter sind mit der anlage- und alltagsbedingten Rollenproblematik überfordert. Eine Mutter kann – bei allem Respekt für die schwierige Aufgabe, Kinder allein zu erziehen und dies gegebenenfalls noch verbunden mit einer beruflichen Tätigkeit – die Rolle eines Vaters nicht ersetzen. In der Folge fehlt den Jungen die nahe und familiär prägende Erfahrung der männlichen Rolle. Als Konsequenz wird der Ersatz für dieses Defizit in den Reihen Gleichaltriger gesucht und aus einem nicht näher bestimmbaren, ungefähren Männlichkeitsideal gezogen. Männlichkeit übt sich in der Abgrenzung von Weiblichkeit durch Isolation und die Aufnahme eines überwiegend medial – nicht mehr familiär – vorgelebten Rollenverständnisses.10

[...]


1 Lehrplan Evangelische Religion, Gymnasialer Bildungsgang – Jahrgangsstufen 5G – l2G, Herausgeber: Hessisches Kultusministerium, 2008; S. 2 ff.

2 a.a.O., S. 4

3 a.a.O., S. 5

4 a.a.O., S. 5

5 Vgl.: Hessischer Lehrplan Evangelische Religion, 2008; Seite 34 ff.

7 HEINER KEUPP: Lebensbewältigung in Kindheit und Jugend in der „Risikogesellschaft“ in: KARL GABRIEL, HANS HOBELSBERGER (Hrsg.): Jugend, Religion und Modernisierung, Opladen l994, S. 36

8 JÜRGEN KAESLER; Techno und Religion in: Theos – Studienreihe theologischer Forschungsergebnisse, Bd. 27 Hamburg l999, S. 38

9 DETLEF KRONE: Jungen brauchen Sachen. Gegenstände als „Entwicklungshelfer“ in: ASTRID KAISER (Hrsg.) Koedukation und Jungen, Weinheim und Basel 2005, S. 7l

10 ANDREAS ZIESKE: Der geschlechterdifferente Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven; in: ASTRID KAISER (Hrsg.) Koedukation und Jungen, Weinheim und Basel 2005, S. 63

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Gebet als Thema des Unterrichts in der Sek.II
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für ev.Religionspädagogik)
Note
1,00
Autor
Jahr
2009
Seiten
67
Katalognummer
V158550
ISBN (eBook)
9783640948048
ISBN (Buch)
9783640948192
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gebet, Gebet im Unterricht, Gebet in der Schule, Gebet als Unterrichtsgegenstand, Gebet für den Schulunterricht, Methoden zum Gebet, Jugendliche Religiosität, Analogien zur Religiosität, Analoges Sprechen als Ausdruck von Religiosität
Arbeit zitieren
Andreas Bothmann (Autor:in), 2009, Gebet als Thema des Unterrichts in der Sek.II, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158550

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