Analyse Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert"

Benjamins Autobiographie als Beispiel für seine Erinnerungstheorie


Hausarbeit, 2010
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Struktur des Textes
2.1 Formale und inhaltliche Kriterien einer Autobiographie
2.2 Formale u nd inhaltliche Analyse von Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert

3 Benjamins Erinnerungstheorie
3.1 Sammlung
3.2 Metaphorisierung von Gedächtnis und Erinnerung

4 Kritische Beurteilung und Schlussbemerkungen

5 Primärliteratur

1 Einleitung

Mit der Berliner Kindheit um neunzehnhundert verfasst Benjamin einen Text, der nach allge­meinem Konsens als seine Autobiographie gilt. Das zentrale Thema, mit dem ich mich in dieser Arbeit beschäftige, ist der Unterschied zur „klassischen Biographie“, den Benjamins Werk deutlich aufweist. Ich möchte den Unterschied nicht nur beschreiben, sondern mein Ziel ist, zu zeigen, dass Benjamins Erinnerungstheorie Form und Inhalt der „Berliner Kindheit“ in hohem Maße bestimmt bzw. beeinflusst hat. Zunächst möchte ich dabei untersuchen, welche typischen formalen und inhaltlichen Charakte­ristika wir einem Text in der Regel zugrundelegen, wenn wir ihn eine „Autobiographie“ nennen. Hierzu gehören zweifellos der narrative Charakter des Textes, sowie die darin beschriebene Entwicklung des Ich-Erzählers. Dabei wird offensichtlich, dass Benjamins Text diese beiden Punkte nicht erfüllt – zumindest nicht in augenfälliger Weise. Daher werden in einem geson­derten Punkt die formalen Charakteristika von Benjamins Werk analysiert und die Unterschiede zur „typischen“ Autobiographie herausgearbeitet.

In einem weiteren Punkt möchte ich die Thesen, die Benjamins Erinnerungstheorie bestimmen skizzieren und letztendlich ihren Ein­fluss auf den Text und die Gestaltung der Berliner Kindheit um neunzehnhundert aufzeigen. Benjamin entwickelt seine Erinnerungstheorie nicht in einem ein­zelnen Werk, sondern versetzt seine Texte, wie z. B. die Berliner Chronik, mit Stücken sei­ner Theorie, so dass ein einheitliches Bild nicht leicht gewonnen werden kann. Darüber hinaus trägt die Berliner Kindheit nicht allein autobiographische Züge, son­dern verknüpft die indivi­duelle Erinnerung („Kindheit“) mit der kollektiven Geschichte des „Berlin um neunzehnhun­dert“. Ziel meiner Arbeit ist es also, Benjamins Erinnerungstheorie zu skizzieren und ihre Auswirkun­gen in der Berliner Kindheit um neunzehnhundert aufzuzeigen. Auf weitere Einflüsse, die Spu­ren in Inhalt und Form der Berliner Kindheit hinterlassen haben, wie sozialistische Ideen, Ideen der Avantgarde und medienkritische Ansätze, gehe ich erst in der kritischen Beurteilung in Punkt 4 ein, denn (nicht zuletzt aus Platzgründen) zentriere ich den Fokus meiner Arbeit auf das Thema der Erinnerungstheorie.

2 Die Struktur des Textes

Benjamins Text „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ wird als seine Autobiographie be­trachtet. Jedoch nimmt der Text unter den Autobiographien sowohl in inhaltlicher als auch for­maler Hinsicht eine Sonderstellung ein: er weist keine Entwicklung des Individuums auf und er­zählt keine kohärente Geschichte, sondern besteht aus Miniaturen, die auf den ers­ten Blick we­nig miteinander in Zusammenhang stehen. Ich möchte daher zunächst die Erwar­tungen formu­lie­ren, die man an eine Autobiographie typischerweise hat und in einem weite­ren Punkt Benja­mins Werk beschreiben und damit kontrastieren.

2.1 Formale und inhaltliche Kriterien einer Autobiographie

Die Autobiographie gilt als literarisches Genre, obwohl die ihm zugeordneten Texte sehr he­tero­gener Natur sind.[1] Misch definiert Autobiographie daher vage als die Beschreibung des Le­bens ei­nes Einzelnen durch diesen selbst.[2] Unter „Leben“ versteht er dabei einen integralen Zusammen­hang von Erlebnissen, der in Form einer kohärenten Geschichte darstellbar ist.[3]

Typisch für Autobiographien sind die chronologische Ordnung, eine rückschauende Perspek­tive, ein narrativ gestalteter Zu­sammenhang, in dem das individuelle Leben zu bestimmten (z.B. zeit­geschichtlichen) Ereignissen in einen Sinn­zusammenhang gestellt wird. Autobiogra­phien stehen im Zusammenhang mit dem Themenkreis des „Sammelns“: Erinnerungen wer­den ge­sammelt und in der Regel in einem narrativen Prosatext dargestellt. Bereits Augustinus deutet in seinen Confessiones einen Zusammenhang zwischen dem Erinnern und dem Sam­meln an. Wer sich erinnere, sammele denkend die im Gedächtnis verstreut enthaltenen Dinge ein.[4]
Die Kontingenz der Geschichte, in der der Autobiograph seine Erinnerungen bündelt, er­scheint dabei retrospektiv: Der Sinn konstituiert sich beim Erzählen im Hinblick auf den vor­läufigen Endpunkt der Existenz des Erzählenden. Das Geschehene wird also nicht einfach als eine Ab­folge von Fakten reproduziert, sondern erhält seine Struktur im Hinblick auf das ak­tuelle Selbstbild des Autobiographen. Häufig gibt es in der Geschichte ei­nen entscheiden­den Wende­punkt, an­hand dessen die Identität des „Ich“ festgemacht wird. Bei Augustinus ist dies die Kon­version zum Christentum, bei Rousseau der Über­gang von der Kindheit zum Er­wach­senenalter. Die Autobio­graphie erfüllt damit eine sinnstiftende Funktion, indem sie in einer schlüssigen und oftmals teleologischen Geschichte das „Ich“ konstituiert.[5]

Der Fokus liegt dabei auf der Darstellung der inneren Entwicklung des Protagonisten. Sie ist ein literarisches Selbstporträt, das den Charakter des Verfassers bewertend reflektiert und seine Per­sönlichkeitsbildung durch „die Entfaltung geistig-seelischer Kräfte im Austausch mit der äu­ße­ren Welt“[6] beschreibt.[7] Damit grenzt sich das Genre der Autobiographie von dem der Memoi­ren (den Erinnerungen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens) ab und be­gegnet dem seit der Aufklärung bestehenden Interesse nicht allein an biographischen Dar­stellun­gen, sondern auch an deren theoretischer Reflexion.[8] Eine literarische Besonderheit des Genres ist dabei, dass Autor, Erzähler und Protagonist des Textes miteinander identisch sind, was zu einem besonderen Anspruch an die Objektivität und Authentizität des Textes führt.[9] Ob dieser Anspruch gerechtfertigt ist, ist aufgrund der re­trospekti­ven und subjektiven Strukturierung des Textes jedoch fraglich: Laut Misch wird die autobiographische Erinnerung im Prozess der Sinnfindung umgestaltet[10] und „wieder neu erfun­den“; die Erinnerung ist kein statisches Gebilde, und das Gewesene unterliegt einer ständigen Revision. Misch konstituiert daher für die Autobiographie einen Wahrheitsbegriff im Sinne der Dichtung: Ihre Wahrheit sei keine der Fakten, sondern der Selbstdeutung.[11]

[...]


[1] Vgl. Moser, Christian: Gedächtnis und Erinnerung in der Autobiographie. Studienkurs 03544 der FernUniversität in Hagen. Sommersemester 2010. S. 2.

[2] Vgl. Misch, Georg: Begriff und Ursprung der Autobiographie. In: Die Autobiographie. Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Hg. V. Günter Niggl. Darmstadt 1998, S. 33-54, hier: S. 38 (=Einleitung zur 3. Auflage des ersten Bandes der „Geschichte der Autobiographie“).

[3] Vgl. Moser, Chr.: Gedächtnis und Erinnerung in der Autobiographie. S. 5.

[4] Vgl. ebd. S. 14

[5] Vgl. ebd. S. 3f.

[6] Vgl. Schweikle, Günther und Irmgard (Hg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 34.

[7] Vgl. Pethes, Nicolas/Ruchatz, Jens: Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2001. (= rowohlts enzyklopädie 55636) S. 64

[8] Vgl. Metzler Literatur Lexikon. S. 34.

[9] Vgl.http://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/washeisst/autobiogr.htm (Letzter Zugriff am 04.08.2010).

[10] Vgl. Moser, Chr.: Gedächtnis und Erinnerung in der Autobiographie. S. 4.

[11] Vgl. ebd. S. 5.

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Details

Titel
Analyse Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert"
Untertitel
Benjamins Autobiographie als Beispiel für seine Erinnerungstheorie
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Neue deutsche Literaturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V158734
ISBN (eBook)
9783640723768
ISBN (Buch)
9783640723935
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter Benjamin, Autobiographie, Gedächtnis, Erinnerung, Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Berliner Chronik
Arbeit zitieren
Alexandra Stoßnach (Autor), 2010, Analyse Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158734

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