Potentiale von Nachrichten-Webvideos

Interaktives Massenmedium oder Nischenprogramm?


Diplomarbeit, 2010

61 Seiten, Note: 2,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis / Gliederung

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil I - Theoretischer Teil
2.1 Internetnutzung und Entwicklung der Nachrichten-Webvideo-Rezeption
2.2 Nachrichtenvideos
2.2.1 Arten von Nachrichtenvideos
2.2.2 Wo werden Nachrichten-Videos angeboten?
2.2.3 Nachrichten-Webvideos als Ergänzung der Printmedien
2.2.4 Nachrichten-Webvideos als Konkurrenz zu Fernseh-Nachrichten
2.2.5 Nachrichten-Webvideos als Ergänzung zu Fernseh-Nachrichten
2.3 Potentiale von Nachrichten-Videos
2.4 Resultierende Fragen

3. Hauptteil II
3.1 Überlegungen zur Suche der Experten
3.2 Interview-Rahmen
3.3 Methodik der Auswertung

4. Ergebnisse
4.1 Deskriptive Auswertung
4.2 Auswertung der Interviews
4.2.1 Technik der Endgeräte und der Übertragung
4.2.2 Inhaltliche Gestaltung der Nachrichten-Webvideos
4.2.3 Präsentation der Nachrichten-Webvideos auf der Website beziehungsweise Positionierung im Internet
4.2.4 Suchmöglichkeiten und Findbarkeit der Nachrichten-Webvideos
4.2.5 Produktion von Nachrichten-Webvideos
4.2.6 Fernsehen im Internet
4.2.7 Nutzung von Nachrichten-Webvideos
4.2.8 Vermarktung von Nachrichten-Webvideos
4.2.9 Darbietung von Nachrichten-Webvideos auf einer einheitlichen Plattform
4.2.10 Konkurrenz zwischen Mediengattungen
4.2.11 Sonstiges
4.2.12 Wie muss ein Webvideo sein?

5. Diskussion der Ergebnisse

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8 Anhang
Anhang 1: Fragebogen für die Experteninterviews

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ausstattungsgrad privater Haushalte mit PC und Internetzugang

Abbildung 2: Nutzungsgründe der Onliner für ein bestimmtes Medium

1. Einleitung

Forschungsgegenstände dieser Diplomarbeit sind Menschen und Nachrichten, und auf welchem Wege das eine zu dem anderen gelangt. Rein geschichtlich gesehen waren Menschen immer daran interessiert, schnell und bequem an Nachrichten zu kommen, also an Informationen, die sie für wichtig hielten. Angefangen hat dieses mit verbaler Kommunikation innerhalb einer sozialen Gruppe, also innerhalb eines Stammes oder eines Dorfes. Der nächste Schritt waren Informationen von außer­halb, es wurden Reisende befragt und Geschichten weitergegeben. Bezahlt wurden diese Dienstleistungen mit Gastfreundschaft und neuen Geschichten. Dieses System wurde aufgegriffen von Musikern, die umherzogen und Nachrichten singend weiter­gaben, natürlich nicht, ohne den Hut kreisen zu lassen. Eine der ersten Formen der schriftlichen Nachrichtenübermittlung im Sinne eines Massenmediums waren die Kaufmannsbriefe, die dann von Flugschriften und später von Zeitungen abgelöst wurden. Das System „Nachrichten gegen Geld" wurde industrialisiert. Um ihre eigene Existenz zu sichern, entwickelten sich Zeitungen weiter mit neuen Formaten. Infor­mationslücken, die es vorher noch nicht gab, wurden gesucht und geschlossen. Sehr vielen Menschen wurde der Zugang zu Informationen und Nachrichten leichter ge­macht, sowie der Wunsch nach Bequemlichkeit bedient, indem man Zeitungen abonnieren konnte.

Rein technisch gesehen ist das geschichtlich nächste Massenmedium, das Radio, eine deutliche Verbesserung zu Printmedien. Ein Abonnement steckt schon in der technischen Verbreitungsart. Die Kosten für den Zuhörer sind geringer und da er frei von der körperlichen und geistigen Aktivität des Lesens ist in der Lage, während der Informations-Rezeption, Tätigkeiten nebenher zu verrichten. Natürlich hat das Radio den entscheidenden Nachteil gegenüber der Zeitung, dass Informationen nicht „nachgelesen“ werden können, was aber rein technisch gesehen durch Wiederho­lungen oder Ähnliches ein durchaus lösbares Problem gewesen wäre. Weitere Vor­teile hat das Radio durch die höhere Aktualität und bessere Aktualisierbarkeit. Au­ßerdem hat es mit der Erfindung des Telefons einen Rückkanal bekommen, der deutlich schneller ist als der Leserbrief. Das Radio bringt alle Voraussetzungen mit, um Zeitungen abzulösen.

Das Fernsehen ist eine technische Anreicherung des Radios mit bewegten Bildern und vereint alle Vorteile des Radios in sich, emanzipierte sich nach und nach von einem verbesserten Radio hin zu einem eigenständigen Massenmedium, verdrängte aber weder Zeitung noch Radio. Das bereits 1913 in einer Hypothese aufgestellte Prinzip, dass neue Massenmedien keine alten Massenmedien verdrängen, wurde damit bestätigt (Riepl, 1972).

Das Internet an sich ist kein Massenmedium. Das Internet ist, genauso wie der Buchdruck mit beweglichen Lettern, eine Technik, die ein Massenmedium ermögli­chen kann. Durch das Internet ist es möglich, alle bisher bekannten Vorzüge bei der Übermittlung von Nachrichten in sich zu vereinen und zu kombinieren, bis hin zu der gesungenen Nachrichtenübermittlung oder der direkten verbalen Kommunikation in­nerhalb eines Stammes (=Community). Jede Art der Bequemlichkeit, auf die Leser, Zuhörer und Zuschauer je nach rezipierten Massenmedium nicht verzichten möch­ten, kann auf bisher nicht gekannte Weise bedient werden, und im Gegensatz zu den „alten" Massenmedien ist die technische und inhaltliche Evolution des Internets noch lange nicht am Ende.

Eine logische Konsequenz aus der Kombination von alten und neuen Nachrichten­übermittlungen wäre es, ein bekanntes und etabliertes Format des Nachrichtenwe­sens im technischen Kontext des Internets zu übertragen, alte Schwächen auszu­merzen und neue Vorteile anzubieten. Zeitungen und Zeitschriften versuchen dieses seit Anfang der Neunzigerjahre, aber selbst heute, etwa 15 Jahre später, verdient kaum ein Printmedium Geld mit seinem Online-Ableger. Das Prinzip „Nachrichten gegen Geld" scheint nicht so einfach auf das Internet übertragbar zu sein.

Als neuer Versuch, die Evolution der Nachrichtenübermittlung voranzutreiben und aus „dem Internet" ein neues Massen- oder sogar Leitmedium zu schaffen, kann die Bemühung angesehen werden, das Format der TV-Nachrichten, angereichert mit Multimedialität und Interaktivität, über das Internet zu verbreiten. Im Zuge dieser Ar­beit sollen diese Versuche mit all ihren evolutionären Stilformen „Nachrichten­Webvideos" genannt werden.

Nachrichten-Webvideos haben das Potential, die erste „Sendung" zu sein, die nicht mehr so aussieht, als habe man einen Radiomoderator vor eine Kamera gezerrt. Dieses ist die erste Theorie, die den Forschungsprozess dieser Arbeit antreibt.

Die vorliegende Arbeit erhebt keine empirischen Daten zur Hypothesenprüfung. Die­se Arbeit hat den Anspruch, das Potential von Nachrichten-Webvideos zu erkennen, indem Fachleute befragt werden, die aktiv an der Evolution der Nachrichtenübermitt­lung mitarbeiten. Hauptteil dieser Arbeit werden sieben Experteninterviews und de­ren qualitative Auswertung sein, mit dem Ziel, neue Erkenntnisse über Probleme der derzeitigen Nachrichten-Webvideos und deren Rezeption zu gewinnen. Diese Er­kenntnisse sollen diskutiert werden und natürlich die „Evolutionäre" wiederum einla­den, auch untereinander zu diskutieren.

Der in dieser Arbeit angewendete Forschungsstil der „Grounded Theory" ermöglicht es, nonlinar zu Ergebnissen zu gelangen. Der Forschungsprozess erfolgt also nicht linear, wie von der Gliederung dieser Arbeit vorgegeben. Die einzelnen Phasen der Forschung laufen nicht nacheinander ab, sondern wechseln ständig und beeinflus­sen sich gegenseitig, so dass eine herausgefundene Antwort auch die vorangegan­gene Fragestellung beeinflussen kann. Der Forschende muss daher an alle Fakten unvoreingenommen herangehen, selbst jene, die bereits als bewiesen gelten kön­nen. Die „Grounded Theory" passt daher sowohl zum Gegenstand des Untersu­chungsbereichs, wie auch zu dem Handwerk derjenigen, die Nachrichten-Webvideos herstellen, den Journalisten.

Das Fazit dieser Arbeit soll Journalisten, Medienmachern und Technikern helfen, Po­tentiale von Nachrichten-Webvideos zu erkennen, um die Hürden der kulturellen Be­häbigkeit bei den Nutzern zu nehmen, indem sie etwas erschaffen, was Nutzer nut­zen möchten. Und nicht zuletzt soll diese Arbeit auch dabei helfen, einen Platz im Internet für professionellen Journalismus zu finden, mit dem journalistische Arbeit finanzierbar wird, die der digitalen Wissenskluft entgegen wirken kann.

2. Hauptteil I - Theoretischer Teil

In diesem Kapitel soll dargestellt werden, in welchem Rahmen die derzeitige Nutzung von Nachrichten-Webvideos eingebettet ist. Hierzu werden zunächst aktuelle Zahlen über die Nutzer vorgestellt. Außerdem wird erläutert, was Nachrichten-Webvideos sind, wo man sie anschauen kann und wie sie sich präsentieren.

2.1 Internetnutzung und Entwicklung der Nachrichten-Webvideo-Rezeption

„Die Nutzung von Nachrichtensites konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen neun und 18 Uhr. Sie hängt eng mit dem Arbeitsrhythmus an Bildschirmarbeitsplätzen zu­sammen. Je stärker die Sites dabei über den Tag hinweg aktualisiert werden, desto eher ist die Nutzung über den Tag konstant." (Meyer-Lucht, 2005, S. 37) Dieses Zitat bekräftigt die Befragungsergebnisse, die in den ARD-ZDF-Onlinestudien der letzten Jahre herausgefunden wurden. Das das Nutzerverhalten der Deutschen ist weitge­hend habitualisiert und beschränkt sich bei Nachrichten-Websites (sowie ganz all­gemein) hauptsächlich auf das Lesen von Text-Artikeln. Eine audiovisuelle Präsenta­tion von Inhalten wird zwar von Usern ausdrücklich gewünscht, allerdings spiegelt sich dieses kaum im realen Userverhalten wider.[1]

Das Flaggschiff der TV-Nachrichten, die 20-Uhr-Ausgabe der ARD-Tagesschau, ge­hört seit je her zu den Spitzenreitern bei den TV-Einschaltquoten. Rezipienten richten ihren TV-Tagesablauf nach den Sendezeiten der Tagesschau.[2] Was also unter zu­kunftsberücksichtigenden Gesichtspunkten bei der Planung eines neuen Formats undenkbar wäre, ist tatsächlich aus dem heutigem Medienkonsum-Alltag nicht weg zu denken: Nutzer beziehungsweise Zuschauer binden sich zeitlich, örtlich und tech­nisch an eine Sendung, obwohl diese sowohl als Livestream, On-Demand-Video so­wie als Video-Datei zum freien Download im Internet zur Verfügung steht. Es kommt bei TV-Nachrichten die fehlende Interaktion und Interaktivität hinzu: Gänzlich fehlt bei TV-Nachrichten die Möglichkeit, sich mit anderen Rezipienten auszutauschen oder über die Qualität des Beitrags abzustimmen, Kommentare, Querverweise, begleiten­de Textartikel, Hinweise auf ähnliche oder vergangene Sendungen fehlen gänzlich.

Eine genaue Betrachtung von Statistiken macht dieses Manko noch deutlicher: 67 Prozent der Deutschen nutzen zumindest gelegentlich das Internet (van Eimeren, et al., 2009, S. 335). Die nachfolgende Abbildung 1 zeigt, dass Anfang 2008 64,4 Pro­zent der Deutschen einen Computer und einen Internet-Zugang zu Hause haben (Kott, et al., 2008, S. 453). Über einen schnellen digitalen Internetanschluss (DSL) zu Hause verfügten im April 2009 31,3 Millionen Menschen, das sind 72 Prozent aller Onliner (2008: 70 %) (van Eimeren, et al., 2009). Diese Zugänge sind leistungsstark genug, um Internetvideos flüssig abzuspielen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ausstattungsgrad privater Haushalte mit PC und Internetzugang

62 Prozent (2008: 55 Prozent) aller Onliner schauen sich zumindest gelegentlich Bewegtbilder, also Videos und Fernsehsendungen über Videoportale und Mediathe­ken, live und/oder zeitversetzt, an. 59 Prozent (2008: 52 Prozent) der Onliner suchen Nachrichtenangebote im Netz auf, wobei diese jedoch häufig nicht von speziellen Nachrichten-Websites stammen, sondern auf Nachrichtenangeboten von Providern und Suchmaschinen „mitgenommen" werden (Eimeren, S. 341).

Technische Hürden sollten also als hauptverantwortlich für die Nicht-Rezeption von Nachrichten-Webvideos ausgeschlossen werden. Ebenso dürfte mangelnde Be­kanntheit ausgeschlossen werden: In der ARD/ZDF-Onlinestudie 2008 wurden circa 1200 deutsche „Onliner" nach „Bekanntheit und Nutzung von Fernsehen über alter­native Wege" befragt. Zwölf Prozent der User geben an, so genannte Online­Mediatheken bereits genutzt zu haben und 52 Prozent geben an, von diesem Ange­bot zu wissen. Das eigentlich erstaunliche dann ist, dass 36 Prozent der befragten Onliner angaben, Online-Mediatheken gar nicht zu kennen und nur zwei Prozent der vorher genannten zwölf Prozent sehen lediglich „mindestens einmal pro Woche" Bei­träge aus Online-Mediatheken. Ob die statistisch ermittelte Unkenntnis des Angebots an der Fragestellung liegt („Kennen Sie Online-Mediatheken?") oder ob explizit nach auf den Fernsehsender-Websites abrufbare TV-Beiträge gefragt wurde, ist leider nicht zu ermitteln. Da weder die technische Seite noch der Bekanntheitsgrad die Gründe für die Nicht-Nutzung von Nachrichten-Webvideos sind, müssen diese Grün­de an anderer Stelle zu finden sein.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender nehmen eine Sonderrolle auf dem deut­schen Informationsmarkt ein, da sie - größtenteils finanziert durch die Rundfunkge­bühren - außer Konkurrenz auf dem hart umkämpften Medien-Markt senden und somit nicht unbedingt nach den höchsten Einschaltquoten streben müssen. Ein wei­terer Vorteil der Öffentlich-Rechtlichen ist, dass Video-Inhalte für die Websites der Sender ein Nebenprodukt des sendereigenen Produktionsprozesses sein können und lediglich in ein webtaugliches Format konvertiert werden muss. Anders verhält es sich bei den Websites der deutschen Zeitschriften und Zeitungen sowie bei denen der Portal-Seiten. Bisher wird der auf den Websites der Zeitschriften und Zeitungen angebotene Video-Inhalt oft extern eingekauft, zum Beispiel bei Reuters oder aus den TV-Formaten der jeweiligen Medienhäuser zweitverwertet, zum Beispiel Spiegel TV. Allerdings gibt es neuere Untersuchungen, welche belegen, dass in Zukunft die Video-Produktion mit journalistischem Inhalt verstärkt in den eigenen vier Wänden der Verlage produziert werden soll.[3]

Seit 1992 versuchen Zeitungen und Zeitschriften das Internet zu erobern. Getrieben von der ersten Internet-Euphorie und dem starken Wunsch, unbedingt dabei sein zu müssen, leistete sich nach und nach jede Zeitschrift und jede Zeitung eine Internet­Präsenz und damit eine Onlineredaktion (Neuberger, 2003 S. 131ff). Als dann die die Goldgräberstimmung einer Ernüchterungswelle wich, schrumpften die Onlineredak­tionen personell zusammen und wurden zu Printartikel-Zweitverwertern (sofern sie es nicht schon waren) und ihre Mitarbeiter zu Allround-Talenten, die den Website­Betrieb durch stetige Aktualisierung der Startseite aufrecht erhielten. Bezahlt wurden die Onlineredaktionen mit den Einnahmen der Muttermedien. Da kein Geld und kein Vertrauen für das neue Medium Internet mehr vorhanden war und die technischen Voraussetzungen seitens der Rezipienten noch nicht gut genug waren, blieben die Nachrichten-Websites bei dem klassischen Übermittlungsweg Text mit Bild plus Hy­perlinks. Um die Klick-Zahlen (Page Impressions oder PIs) zu erhöhen, kamen noch Bilder-Galerien, Online-Quiz und ähnliches dazu. Da die Internet-Ableger der deut­schen Zeitungen und Zeitschriften keinen Gewinn erwirtschafteten, gab es wenig fi­nanzielle Möglichkeiten die Inhalte anders zu präsentieren als in Text und Bild. Die ersten Nachrichten- und Unterhaltungs-Videos im Internet kamen auf, wurden von der Offline-Presse frenetisch gefeiert, von den Lesern und Usern bestaunt - und dann vergessen oder ignoriert. Die ersten Webvideos kamen allerdings durch noch bestehende technische Einschränkungen klein und ruckelig beim User an, es kann also zu recht behauptet werden, dass diese Neuerung ihrer Zeit voraus war; das In­ternet war noch nicht reif für Videos. Jetzt, da die Computer und die Datenleitungen ausreichend schnell sind, erobern Video-Plattformen das Internet. Kurze Filme im Internet haben jetzt einen festen Platz mit einem Namen: Youtube. Wenn von Youtu­be die Rede ist, denkt man nicht an Nachrichten. Youtube ist das Synonym für den so genannten User-Generated-Content. Damit sind Videos gemeint, die von Usern für User erstellt wurden und nur selten journalistischen Inhalt haben.

2.2 Nachrichtenvideos

Was sind Nachrichtenvideos? Ideal für die Erklärung von Nachrichtenvideos ist die Tatsache, dass der Begriff Zei­tung (Zidunge) ursprünglich Nachricht oder Kunde bedeutete. Angefangen mit den Kaufmannsbriefen aus dem Mittelalter, entstanden im Zuge des Buchdrucks mit be­weglichen Lettern auf Einblattdrucke und Flugschriften. Nicht selten trugen diese nicht periodisch erscheinenden Schriften Titel wie „Neue Zeitung von was über die Jahre den ursprünglichen Sinn „Neue Nachricht von ..." verlor und damit den Be­griff der Zeitung als ein Medium und später als ein periodisch erscheinendes Druc­kerzeugnis mit aktuellen, universellen Inhalt, etablierte.[4]

Die Zeitung als ein Massenmedium erweiterte sich im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten. Erst waren es schwarzer Lettern auf einfachem Papier, bis zu den heute allgemein bekannten Formen wie etwa farbiger Druck von Texten, Bildern und Grafiken, und natürlich außer der journalistischen auch um noch andere Arten der Erzählstile, um Geschichten und Nachrichten zu überbringen. Das nächste Massen­medium, der Rundfunk, kopierte erst im Rahmen seiner technischen Möglichkeiten die durch die Zeitungen bekannten Möglichkeiten des Nachrichten- und Geschich­tenerzählens, bevor sich neue, damals noch experimentelle Formate des Geschich­tenerzählens wie etwa Interviews oder Gesprächsrunden etablieren und durchsetzen konnten. Die reinen Nachrichten jedoch, im Sinne einer Nachrichtensendung, sind bis heute das Vorlesen von Schlagzeilen mit mehr oder weniger tiefer gehenden In­formationen.

Das nächste und momentan dominierende Massenmedium, das Fernsehen, begriff sich ebenso als eine technische Weiterführung des Radios, aber auch hier etablier­ten sich im Rahmen der technischen Möglichkeiten neue Formate und Erzählweisen bei fiktionalen und informativen Inhalten. Wie man an der kürzlich getätigten millio­nenschweren Investition für das neue, experimentelle ZDF-Nachrichtenstudio sehen kann, sind Experimente selbst in der Fernseh-Nachrichten-Übermittlung noch lange nicht am Ende und treffen trotz jahrelanger Erfahrung nicht immer den allgemeinen Geschmack der Zuschauer.[5] Ob dieses Experiment, das augenscheinlich die im In­ternet bekannte Multimedialität zurück in das technik-historisch gesehene und (noch) lineare Fernsehen holt, auch auf die angemessenere[6] Distribution im Internet zielt, kann bezweifelt werden. Nachrichtenvideos sind bewegte Bilder mit simultanem Ton, sei es Originalton oder der Text eines Nachrichtensprechers, die zu dem Zweck er­schaffen werden, aktuelle Nachrichten von allgemeinem Interesse dem Medium und dessen technische Möglichkeiten entsprechend zu präsentieren.

2.2.1 Arten von Nachrichtenvideos

Darstellungsformen im Fernsehen Als erstes sollen hier die Darstellungsform der beliebtesten[7] Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, der Tagesschau, angeführt werden, in der ein oder mehrere Nachrichtensprecher abwechselnd aktuelle Nachrichten vorlesen oder einen filmischen Beitrag, einen Korrespondentenbericht oder eine Live­Übertragung zum Thema anmoderieren. Diese Form der TV-Nachrichten hat sich über die Jahre kaum verändert, allerdings werden zu verschiedenen Tageszeiten auch verschiedene inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, oder, wie zum Beispiel beim sonntäglichen Wochenspiegel der ARD, eine Zusammenfassung und Übersicht der Wochenereignissen gegeben. Diese Formate prägten nicht nur spätere Nachrichten­Formate, sondern wurden auch als Vorlage für Dokumentationen und ähnliches übernommen, zum Beispiel in der beliebten Sendung „Ein Platz für Tiere" von Bern­hard Grzimek. Eine visuell ähnliche Darreichungsform ist bei den Nachrichtensen­dungen der privaten Fernseh-Anbieter zu finden, allerdings werden hier auch The­men aufgegriffen, die Senderinhalte widerspiegeln oder aus journalistischer Sicht keine Nachricht sind. Diese Art der nachrichtlichen Berichterstattung wird eher als Infotainment bezeichnet, eine Weiterführung hiervon kann in den Wissenschafts­shows der privaten Sender gesehen werden.

Darstellungsformen im Internet

Eine der Haupt-Darreichungsformen von Bewegtbild-Nachrichten im Internet ist das nach TV-Maßstäben klassische Format, also etwa die ARD-Tagesschau, die sich live (zum Sendetermin im Fernsehen) oder zeitversetzt in einem Archiv oder einer Media- thek im Internet abrufen lässt. Sie ist also eine Zweitverwertung. Hier wird das Inter­net lediglich als zusätzlicher Distributionskanal benutzt. Viele Nachrichten-Websites beziehen fertige Videonachrichten von Zulieferern, meist Nachrichten-Agenturen, welche hier als zweite Darreichungsform angegeben werden soll. Diese entsprechen von der Produktionsweise her den einzelnen Beiträgen in TV-Nachrichten, werden aber im Internet erstverwertet.

Die nächste Kategorie von Darreichungsformen sind speziell für das Internet aufbe­reitete TV-Nachrichten oder wie oben beschrieben, Beiträge mit TV-Nachrichten- Charakter. Die von Videorecorder bekannten Funktionen Play, Pause, Vor- und Zu­rückspulen sollen hier nicht als Aufbereitung angesehen werden, da diese Funktio­nen allein durch den Prozess, ein Video im Internet zugänglich zu machen, erzeugt werden. Zweitverwertete TV-Nachrichten können als einfachste Aufbereitung digitale Sprungmarken erhalten, so dass einzelne Themen der Sendung direkt angesteuert werden können. Eine gängige, jedoch für den Nutzer nicht sichtbare Aufbereitung ist das Verschlagworten, das gewährleistet, dass die Beiträge von Suchmaschinen indi­ziert werden können und außerdem möglich macht, dass dem Nutzer automatisiert zum rezipierten Thema ähnliche Beiträge vorgeschlagen werden. Die aufwändigste Darreichungsform in dieser Kategorie ist das multimediale Video, welches während der Darreichung des Videos multimediale Querverweise beinhaltet, und, während diesen Querverweisen nachgegangen wird, das Video im Hintergrund pausieren lässt.

Die letzte Kategorie sind Nachrichtenvideos, die explizit für das Internet hergestellt wurden. Dieses sehr experimentelle Feld, das alle der oben genannten Darrei­chungsformen beinhalten kann, kann ebenso völlig neuartige Erzählformen entwic­keln, wie zum Beispiel eine Audio-Slideshow, eine Computeranimation, eine multi­mediale Präsentation von Inhalten oder eine ein oder zwei Minuten kurze und spezi­ell für kleine Bildschirmgrößen hergestellte Form zum Beispiel der ZDF-Heute- Nachrichten. Mag man dieser Kategorie einen Namen geben, käme am ehesten die Bezeichnung „Multimediale Bewegtbild-Präsentation von nachrichtlichen Inhalten" infrage, oder, zwar im Wortsinn viel weniger zutreffend aber ebenso richtig und deut­lich prägnanter, die in dieser Arbeit benutzte Bezeichnung „Nachrichten-Webvideos".

[...]


[1] Eine Ausnahme bilden reine Video-Plattformen wie etwa Youtube.

[2] Die großen Privatsender haben bereits auf verschiedenen Wegen versucht, die Seh-Gewohnheiten der Deutschen TV- Zuschauer zu ändern, allerdings ohne Erfolg. Der damalige Chef von RTL Helmut Thoma sagte in diesem Zusammenhang: „Die Tagesschau ist keine Sendung, sondern pure Gewohnheit.“ (Quelle: www.stern.de/kultur/film/tv-geschichte-die-mutter-aller- nachrichtensendungen.htm, abgerufen am 17.07.2009)

[3] Im Journalismus finden 65,8 Prozent der Videocontent-Produktionen (vorwiegend) im eigenen Haus statt und ein Drittel wird extern vergeben. [...] Jedes dritte Unternehmen, das seine Webvideos extern bezieht, will eigenes Know-how aufbauen. (Quel­le: Bewegtbildstudie 2008, S.28f)

[4] Deutsche Pressegeschichte (Stöbe, 2005)

[5] Siehe http://www.bild.de/BILD/unterhaltung/TV/2009/07/28/zdf-nachrichten-studio/zuschauer-kritik-an-heute-joumal-vergleich- mit-ddr-sendung-aktuelle-kamera.html#, letzter Abruf am 18. August 2009

[6] Angemessen meint hier, dass zweitverwertete TV-Nachrichten mit redaktioneller, multimediale Aufbereitung im Internet ange­boten werden können.

[7] Die ARD hat mit Das Erste den höchsten Marktanteil auf dem deutschen Fernsehmarkt, die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau erreicht mit bis zu 10 Millionen Zuschauern die höchsten Einschaltquoten aller deutschen TV-Nachrichtensendungen. Aktuelle Daten sind abrufbar unter: http://www.daserste.de/programm/quoten.asp

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Potentiale von Nachrichten-Webvideos
Untertitel
Interaktives Massenmedium oder Nischenprogramm?
Hochschule
Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg  (Technikjournalismus)
Note
2,9
Autor
Jahr
2010
Seiten
61
Katalognummer
V158781
ISBN (eBook)
9783640715015
ISBN (Buch)
9783640715329
Dateigröße
773 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung mittels Experteninterviews mit Redakteuren aus führenden Redaktionen (Print, TV und Online).
Schlagworte
Internet, Nachrichten, Tagesschau, Konvergenz, iPad, iPhone, Laptop, Computer, PC, Plattform, Mediennutzer, Mediennutzungsverhalten, Informationen, Journalismus, Web 2.0, Zweitverwertung, Online-Journalismus, Video, Film, Massenmedien, Mulimedia, Interaktivität, Verdienstmodell, Print, Radio, Fernsehen, TV, Website, Webseite, Sendung, Abbruchquote, Positionierung, Startseite, Durchsuchbarkeit, Tags, Schlagworte, Verschlagwortung, Archiv, Creative Commons, Rundfunkgebühr, VOD, Video-on-Demand, Flash, Download, DSL, Bandbreite, Video-Suchmaschine, Youtube, Google, Zusatznutzen, Videojournalist, Blog, Twitter, Facebook, Social Media, Internetfähige Fernseher, Mobile Endgeräte, Mobile Internetnutzung, Kostenlos-Kultur, ARD/ZDF-Onlinestudie
Arbeit zitieren
André Burghardt (Autor), 2010, Potentiale von Nachrichten-Webvideos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158781

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