Der Kunstbegriff in Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1... Einleitung

2... Einordnung des Werkes

3. Chaos vs. Kosmos - Die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen

4. Die attische Tragödie als Synthese des Apollinischen und des Dionysischen

5. Das Übermaß des Theoretischen als moderne Krankheit & der dionysische Rausch als Gegengift

6... Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eine Frage ersten Ranges und Reizes“[1] ist es, die dieser Arbeit zu Grunde liegen soll. Augenscheinlich handelt es sich hierbei um die Nachvollziehung der attischen Tragödie, die jedoch lediglich als Gleichnis auf dem Weg zur Beantwortung einer der elementaren Seinsfragen fungiert.[2] Nietzsches Erstlingswerk reiht etliche Gleichungen zu Sinn und Wert der Metaphysik im klassischen Sinne aneinander und zielt letztlich darauf ab, dass das Leben nur als Gesamtkunstwerk gleich der griechischen Tragödie zu begreifen ist. Die Rekonstruktion der Parallelen zu dieser Kunstform und des Kunstbegriffes selbst soll in dieser Arbeit vollzogen werden. Hierzu wird das Erstlingswerk Friedrich Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik zunächst im Gesamtkontext seines Lebens verortet, wobei Richard Wagner als eine der wichtigsten Bezugspersonen hier eine gesonderte Stellung einnehmen wird. Anschließend sollen Dionysos und Apoll als die zwei konstituierenden Größen der attischen Tragödien charakterisiert werden. Der Entwicklung der Tragödie in die Neuzeit folgend soll abschließend die Bedeutung der Kunst, wie Nietzsche sie bei den Griechen verkörpert sah, und ihre Stellung als Heilmittel der kranken Moderne herausgestellt werden. Die komplexe Struktur von Nietzsches Argumentation wird abschließend noch einmal kurz zusammengefasst.

2. Einordnung des Werkes

Friedrich Wilhelm Nietzsche wird am 15. Oktober 1844 in Röcken südwestlich von Leipzig als erster Sohn eines Pfarrers geboren. 1846 kommt Nietzsches Schwester zur Welt, die später maßgeblich am Erhalt des Nachlasses von Nietzsche beteiligt sein wird, 1849 sein Bruder Ludwig, der aber bereits vor seinem ersten Geburtstag verstirbt.

Nach dem Tod des Vaters, ebenfalls 1849, siedelt die Familie 1850 nach Naumburg über. Nietzsche erfährt hier seine schulische Grundbildung und wird mit 14 Jahren Schüler des Elitegymnasiums Schulpforta, wo er eine fundierte klassisch-philologische Ausbildung genießt. 1864 beginnt er sein Studium der klassischen Philologie an der Universität Bonn. 1865 wechselt er an die Universität Leipzig.

Diese Zeit ist von mehreren bedeutungsvollen Ereignissen geprägt: 1868 lernt er Richard Wagner kennen, dessen Werke er zu diesem Zeitpunkt bereits kennen- und mutmaßlich schätzen gelernt hat. Er schreibt hierzu im Sommer 1875:

„Ich wüßte nicht, auf welchem Wege ich jedes reinsten sonnenhellen Glücks teilhaftig geworden wäre als durch Wagner’s Musik: und dies obwohl sie durchaus nicht immer vom Glück redet, sondern von den furchtbaren und unheimlichen unterirdischen Kräften des Menschentreibens, von dem Leiden in allem Glücke und von der Endlichkeit unseres Glücks; es muß also in der Art, wie sie redet, das Glück liegen, das sie ausströmt.“[sic!][3]

Hier findet man bereits die Anlagen sämtlicher Facetten der Theorie, die hier nachfolgend erörtert werden soll. Dass Wagner Nietzsche förmlich aus der Seele spricht, zeigt sich in Wagners Einstellung zur Orchestermusik:

„Das Orchester ist, so zu sagen, der Boden unendlichen, allgemeinsamen Gefühles, aus dem das individuelle Gefühl des einzelnen Darstellers zur höchsten Fülle herauszuwachsen vermag: es löst den starren, unbeweglichen Boden der wirklichen Szene gewissermaßen in eine flüssigweiche nachgiebige, eindrucksempfängliche, ätherische Fläche auf, deren ungemessener Grund das Meer des Gefühls selbst ist.“[4]

1869, also im Alter von 24, wird Nietzsche auf die Empfehlung von Friedrich Ritschl als außerordentlicher Professor an die Universität Basel berufen. Daraufhin promoviert ihn die Universität Leipzig ohne vorangegangene Promotion zum Doktor.

In Basel unterhält Nietzsche nähere Bekanntschaften vor allem zu Richard Wagner und dessen späterer Ehefrau Cosima, die bis zur Übersiedlung nach Bayreuth im Jahr 1872 in Tribschen bei Luzern wohnen. Nietzsche ist hier oft zu Gast, fühlt sich wie zu Hause.

Wagners Tristan und Isolde erscheint Nietzsche als die Vertonung seiner Theorie einer „unauflösbaren Dissonanz im Herzen der Welt“[5], die maßgeblich ist für die Ausgestaltung des mitten im Deutsch-Französischen Krieg entstehenden Erstlingswerks Nietzsches, von dem diese Arbeit handeln soll: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872 erschienen). Die Veröffentlichung trifft auf wenig Verständnis und Gegenliebe und wird allenfalls von Wagner, dem Nietzsche in dieser Veröffentlichung höchste Verehrung zuteil werden lässt, wertgeschätzt.

Mit dem Wegzug der Wagners nach Bayreuth entsteht nicht nur eine geografische Distanz: Wagner wird zunehmend durch seinen Erfolg und eine wachsende Anhängerschaft beeinflusst, schenkt dem geistigen Austausch mit Nietzsche immer weniger Beachtung und hat kein Gehör für dessen Ideen einer „geistigen Erneuerung“.[6] Die Freundschaft zerbricht.

Nicht zuletzt aufgrund seines zunehmend kritischen Gesundheitszustandes gibt Nietzsche 1879 alle Lehrtätigkeiten auf und sucht vor allem in Italien und Frankreich die Erholung in der Ferne. Am 3. Januar 1889 erleidet Nietzsche einen psychischen Zusammenbruch, der schließlich in geistiger Umnachtung endet und nur noch durch wenige wache Momente durchbrochen wird. Friedrich Wilhelm Nietzsche starb am 25. August 1900 infolge einer Lungenentzündung in Weimar.[7]

3. Chaos vs. Kosmos - Die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen

Bevor das eigentliche Werk betrachtet werden kann, ist es zugleich sinnvoll und auch interessant zu untersuchen, wie Nietzsche selbst sich rückblickend über sein „unmögliches Buch“[8] äußert. Im Versuch einer Selbstkritik, der der Geburt der Tragödie später vorangestellt wurde, formuliert Nietzsche noch einmal eindringlich, welche enorme Relevanz das von ihm diskutierte Problem für ihn einerseits hat, gleichzeitig räumt er jedoch ein, dass jugendliches Stümpertum und Übereifer wesentliche Begleiter seines Schreibprozess gewesen sind.

Mutmaßlich um sein zentrales Anliegen noch einmal zu verdeutlichen, formuliert Nietzsche zunächst einige Leitfragen, die im Wesentlichen auf die Kritik an der modernen Wissenschaft als eine „Notwehr gegen [...] die Wahrheit' (Hervorhebung im Original)[9] und die Genese dieses Problems abzielen. Darüber hinaus erläutert er sein Vorgehen, also die Betrachtung eines wissenschaftlichen Kontextes aus einer künstlerischen Perspektive und führt einige Rechtfertigungen für das von ihm als „schlecht geschrieben“[10] bewertete Werk an. Bei aller Kritik wird jedoch immer wieder deutlich, welche essentiell wichtige Bedeutung das behandelte Problem für Nietzsche hat. Die Frage danach, was dionysisch sei und ob ein ständig wachsendes Verlangen nach dem Schönen aus unendlicher Hässlichkeit erwüchse und umgekehrt, führt Nietzsche dann schließlich zum Ursprung der Tragödie. Mit einem Verweis auf Richard Wagner formuliert Nietzsche an dieser Stelle seine zentrale These: Die Kunst (nicht die Moral) sei die eigentlich metaphysische

[...]


[1] Nietzsche, 1987, S. 9.

[2] Siehe hierzu auch bei Ries, 1995, S. 26f: „Doch geht es Nietzsche nicht primär um die geschichtliche Herleitung der griechischen Tragödie, sondern um die ästhetische Rekonstruktion ihres Ursprungs aus dem Teiden des Dionysos1.“

[3] Nietzsche zitiert nach Borchmeyer in Pöltner, Vetter, 1997, S. 93.

[4] Wagner, R.: Das Kunstwerk der Zukunft, zitiert nach Heidegger in Heimbüchel, 1985, S. 101f.

[5] Ries, 1995, S. 27.

[6] Vgl. O. A.: http://www.friedrichnietzsche.de/?REM_sessid=&action=21&nkat=Professur& nextspur=27&start=27, 20.01.2010.

[7] Die biografischen Daten entstammen den folgenden Quellen:
Vgl. Ries, 1995, S. 22-30, S. 150-152.
Vgl. Beyer, 1995, S. 14-65.
Vgl. Pfeiffer, 1983, S. 33-37.

[8] Nietzsche, 1987, S. 12.

[9] A. a. O., S. 11.

[10] A. a. O., S. 12.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Kunstbegriff in Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Kulturwissenschaft, Seminar Philosophie)
Veranstaltung
Nietzsches Philosophie einer Ästhetik des Lebens
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V158855
ISBN (eBook)
9783640712540
ISBN (Buch)
9783640713332
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstbegriff, Nietzsches, Geburt, Tragödie, Geiste, Musik
Arbeit zitieren
Melanie Heinold (Autor), 2010, Der Kunstbegriff in Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158855

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