Das Motiv der Flucht in der Exillyrik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

17 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Paul Zech: Aus meinem Haus, von Hab und Gut

3. Nelly Sachs: In der Flucht

4. Berthold Viertel: Der Gehetzte

5. Max Herrmann-Neisse: Rast auf der Flucht

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„[I]n den ersten Minuten nach der Flucht war er nur ein Tier, das in die Wildnis ausbricht, die sein Leben ist, und Blut und Haare klebten noch an der Falle. [...]Ein zweiter Anfall von Angst, die Faust, die einem das Herz zusammendrückt. Jetzt nur kein Mensch sein, jetzt Wurzeln schlagen, ein Weidenstamm unter Weidenstämmen, jetzt Rinde bekommen und Zweige statt Arme. [...] Warum muß man gerade ein Mensch sein, und wenn schon einer, warum gerade ich, Georg.“1 Ich habe dieses Zitate aus Anna Seghers Das Siebte Kreuz meiner Arbeit vorangestellt, weil es widerspiegelt, was Flucht bedeutet. Die Flucht assoziiert die ständige Angst und das Verfolgtwerden, das Verstecken und die Gefahr, vielleicht vor dem drohenden Tod. Der Flüchtende muss in jeder Minute auf der Hut sein vor dem, wovor er flieht, dass dieser ihn nicht entdeckt. Er möchte sich auflösen, unsichtbar machen oder, wie Georg in Das siebte Kreuz, sich in eine Weide verwandeln. Das Flüchtlingsdasein ist ein hastiges Leben von begrenzter Dauer zwischen zwei Welten: Dem Ort, von dem man geflüchtet ist und dem Ort, an den man sich flüchtet und Rettung erhofft. Es ist eine Suche und Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit, nach Ruhe und Rast von der erschöpfenden Flucht.

Ich werde anhand ausgesuchter Gedichte von Paul Zech, Nelly Sachs, Berthold Viertel und Max Herrmann-Neisse zeigen, wie diese Autoren das Thema Flucht lyrisch umsetzen. Hierbei möchte ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede formaler und inhaltlicher Natur aufzeigen und interpretieren. Ich bin mir bewusst, dass die ausgewählten Lyriker keine heterogene Gruppe bilden, die man anhand je eines Gedichtes vergleichen kann. So verschieden die Autoren sind und so verschieden ihr Werk ist, haben sie eines gemeinsam: Sie teilen das Schicksal der vielen tausend Exilanten in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts und sie verbindet die Flucht vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland beziehungsweise Österreich.

Zuerst gehe ich in meiner Arbeit jeweils kurz auf die persönlichen Fluchterlebnisse des Autors ein. Dann werde ich jedes Gedicht vorstellen, es formal und inhaltlich unter dem Gesichtspunkt der Fluchtthematik analysieren und interpretieren. Am Schluss möchte ich zusammenfassend vor allem die Gemeinsamkeiten der einzelnen Gedichte hervorheben und das Problem des Ankommens nach der Flucht ansprechen.

2. Paul Zech: Aus meinem Haus, von Hab und Gut...

Aus meinem Haus, von Hab und Gut,
hat nicht das Feuer mich, auch nicht der Tod
ins Nebelnichts gejagt. Ich nahm den Hut
und zog dem Wahnsinn vor das Bettelbrot.

Der Wahnsinn schrie sich heiser in der Stadt,
im Derwischtanz um einen neuen Baal,
auf einem morschen und verbogenen Rad.
Ich sah noch einmal auf das Tal,

auf Strom und Wald hinunter, sah zuletzt ein Reh
und drehte mich herum. Im Wind flog Schnee.
Und als ich dann das weiße Schiff bestieg:

Blau lag vor mir die Adria; ich sah sie nicht.
Ich kam als ein Geschlagener aus dem Krieg,
frostige nacht bewohnte die Gefühle, das Gesicht.

Das Sonett stammt aus dem 1983 von Henry Smith herausgegebenen Gedichtband Vom schwarzen Revier zur neuen Welt. Paul Zech flüchtet im August 1933 nach einer Untersuchungshaft in Spandau aus Deutschland. Seine „Stationen des Exil vor der Überfahrt nach Argentinien [waren] Prag, Paris, Genua und Neapel“.1 Diese Aufenthalte müssen jedoch kurz gewesen sein, da er sich schon im Dezember des selben Jahres in Buenos Aires befand.

In diesem titellosen Gedicht Zechs spielt sicherlich die persönlich Fluchterfahrung und die Überfahrt im Winter mit dem Schiff von Neapel nach Argentinien eine Rolle.

In diesem Sonett spricht ein lyrisches Ich, das „von Hab und Gut“ ins „Nebelnichts gejagt“ wird. Die Wortschöpfung „Nebelnichts“ assoziiert einen Ort, der an sich nicht existiert. Aber trotzdem liegt dieser Nicht-Ort im Nebel verborgen, ist nicht fassbar und erreichbar. Das Ich flieht vor dem personifiziertem Wahnsinn. Dieser Zustand ist ebenso nicht konkret fassbar, sondern nur von außen Stehenden feststellbar. Das lyrische Ich ist dazu noch in der Lage und entscheidet sich zur Flucht um den Zustand zu entgehen.

Reimschema und Metrum entsprechen nicht der klassischen Form des Sonetts.2 Die ersten beiden Strophen erinnern an romantische Wanderlieder in Eichendorffscher Manier: Einer zieht aus der Heimat, steigt über Berge und blickt zurück ins Tal auf das heimatliche Dorf, doch treibt ihn die Sehnsucht nach der Fremde weiter.3 Doch hier treibt nicht die romantische Sehnsucht das lyrische Ich aus der Heimat, sondern der Verfolger ist die unerträgliche Situation in seiner Heimat. Der personifizierte Wahnsinn, der „auf einem morschen und verbogenen Rad“ tanzt und sich dabei heiser schreit. Das Rad, wenn es verbogen ist, hat seinen eigentlichen Zweck verloren, es rollt nicht mehr und es kann jeder Zeit zerbrechen, zumal auf dem brüchigen Holz getanzt wird. In diesem sprachlichen Bild stellt der Wahnsinn die Gesamtheit der Menschen und der Zustände in der Stadt dar, die dem Ich unerträglich sind. Sie tanzen in Derwischart um einen neuen Baal. Zech bringt hier den semitischen Gott für Wetter und Fruchtbarkeit, der im Alten Testament zum Inbegriff des heidnischen Götzendienst avanciert mit dem mystischen, moslemischen Orden der tanzenden Derwische des persischen Sufi-Mystikers und Dichters Dschelal Ad Din Rumi aus dem 13. Jahrhundert zusammen.4 Hitler als der Führer des deutschen Volkes, als der neue Baal um den die Massen im mystisch-ekstatischen Trance wie wahnsinnig tanzen?

Den Gegenpol zum tanzenden Wahnsinn bildet das Reh, welches dem Flüchtenden auf seinem Weg begegnet. Das scheue Tier im Wald, dessen Natur, im Gegensatz zum schreienden und tanzenden Wahnsinn in der Stadt, still und friedlich ist. Es vermag jedoch den Flüchtenden nicht aufzuhalten, er „sah zuletzt ein Reh / und drehte mich herum.“ Es ist das Letzte, was er von seinem Fluchtort sieht. Später erkennt er die Farbe des Wassers nicht mehr: „Blau lag vor mir die Adria; ich sah sie nicht.“ Die Flucht bewirkt eine Veränderung, ein Erblinden des lyrischen Ichs, was es wie eine Kriegsverletzung trägt: „Ich kam als ein Geschlagener aus dem Krieg“. Hier spricht jemand, der vor der Situation resigniert. Einer, der gekämpft aber verloren hat und sich nun abwendet. Diese Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Aufgabe wird nur kurz durchbrochen. Das Ich vermag trotz Dunkelheit oder Blindheit das „weiße Schiff“ zu sehen. Hier spürt man noch ein wenig Zuversicht, da die Farbe Weiß zu einem Frieden (die weiße Flagge des Ergebens) und zu anderem Rettung symbolisiert.

[...]


1 Seghers: S. 23ff.

1 Spitta: S. 63.

2 Der Vers des klassische Sonettes umfasst elf Silben mit fünf Hebungen. Die Quartette sind im umarmenden Reim verfasst, wohingegen das Reimschema in den Terzetten variiert. (Vgl. Knörrich: S. 211ff) Zechs Sonett hat mit Abweichungen 10 Silben pro Vers und vier jambische Hebungen. Die Quartette sind im Kreuzreim verfasst und die Terzette nach dem Schema aab cbc. Das Gedicht endet nur auf männliche Kadenzen.

3 Durch die Wahl des Sonetts stellt sich Zech (auch) in die Tradition der Romantiker, die das Sonett bevorzugten.

4 Zum Derwischorden und Baal siehe www.wissen.de oder .

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Flucht in der Exillyrik
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Exilliteratur 1933 - 1945
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V15888
ISBN (eBook)
9783638208819
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motiv, Flucht, Exillyrik, Hauptseminar, Exilliteratur
Arbeit zitieren
Doreen Czekalla (Autor), 2003, Das Motiv der Flucht in der Exillyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15888

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