Der mittelhochdeutsche Begriff der "êre" und seine Bedeutung für Hartmann von Aues Roman "Iwein"


Seminararbeit, 1999
19 Seiten, Note: befriedigend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das „Ritterliche Tugendsystem“

3. Die êre 6

4. Hartmann von Aues „Iwein“ und die êre 9

5. Resümee

1. Einleitung

Ich möchte in dieser Arbeit darstellen, was die Menschen zu der Zeit Hartmann von Aues unter dem Begriff der êre verstanden haben, was er für die Ritter bedeutete und welche Rolle er in Hartmanns Roman „Iwein“ spielt. Zunächst werde ich das sogenannte „Ritterliche Tugendsystem“, wie es Ehrismann 1919 formuliert hat, erläutern. Dies dient als Grundlage, um anschließend die Kritik an diesem „Tugendsystem“ darzustellen und kurz darüber nachzudenken, ob solch ein System überhaupt existiert hat. Dabei werden verschiedene Begriffe genannt, mit Hilfe derer ich versuchen werde, den Begriff der êre konkreter zu fassen. Anschließend gehe ich dann auf den „Iwein“ ein und schildere, welche Rolle die êre in diesem Roman spielt.

2. Das „Ritterliche Tugendsystem“

Gustav Ehrismann prägte in seinem 1919 erschienenen Aufsatz „Die Grund- lagen des ritterlichen Tugendsystems“ diesen Begriff. Ehrismanns Anliegen war es, darzulegen, welche ethischen Vorstellungen die Gedankenwelt der Ritter prägten. Seine Ansichten sind in der Folge teils mehr, teils weniger kritisiert worden. Auf jeden Fall stellen seine Überlegungen die Basis dar, aufgrund derer sich die Forschung im folgenden mit dem Thema der ethi- schen Vorstellungswelt der Ritter auseinandersetzen konnte. Ich zitiere dazu Vogt :

Die Arbeit Ehrismanns ist insofern fruchtbar, als sie die Komplexität des ritterli- chen Ethos aufzeigt. Erst so konnte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um dieses Thema in Gang kommen. Es bleibt der Verdienst Ehrismanns, als erster die ethischen Vorstellungen des Rittertums zu einem eigenständigen Forschungsge- genstand gemacht zu haben.[1]

Ich möchte nun kurz darstellen, wie Ehrismanns Vorstellung des „Ritterli- chen Tugendsystems“ aussieht und danach die wichtigsten Kritikpunkte erläutern.

Er leitet es aus der griechischen Philosophie ab. Dabei greift er zurück auf die Dreiteilung der Seelenkräfte, wie Platon sie beschrieben hat.

Die Seelenkräfte teilen sich demnach in die folgenden Seelenteile auf : in die Vernunft, in den Mut und in die Begierde.

Die Seele eines jeden Menschen nun enthält alle diese Bestandteile, jedoch mit unterschiedlichen Verteilungen. Abhängig von dem jeweils vorherr- schenden Seelenteil, ergeben sich dann konsequenterweise drei verschiede- ne Charaktertypen. Herrscht die Vernunft vor, wird der Mensch nach Weis- heit streben, ist der Mut der stärkste Teil, strebt er nach Ehre und Macht, im Falle der Begierde nach Besitz und Genuß. Des weiteren kommt jedem Seelenteil eine ganz bestimmte Tugend zu, die er zu pflegen hat. In entspre- chender Reihenfolge handelt es sich hierbei um Weisheit, Tapferkeit und Selbstbeherschung. Hinzu kommt noch eine vierte, sozusagen außerhalb stehende Tugend, die dazu gebraucht wird, alle diese verschiedenen Eigen- schaften in das richtige Verhältnis zu bringen. Diese Aufgabe übernimmt die Gerechtigkeit.

Nach Aristoteles kommt es nun bei der Ausübung einer jeden Tugend im- mer darauf an, das richtige Maß einzuhalten. Demnach kann jede Tugend als Mittel zwischen zwei Extremen aufgefaßt werden. So kann z.B. die Frei- gebigkeit als Mittel zwischen Verschwendung und Geiz oder die Freund- lichkeit als Mittel zwischen Schmeichelei und Streitsucht verstanden wer- den.[2] Außerdem unterscheidet Aristoteles die Tugenden danach, ob sie das Denken und die Vernunft oder aber die Beherrschung der Affekte zum Ziel haben. Da das Leben nach der Vernunft als das ethisch wertvollste gilt, sind die Tugenden der Vernunft auch höher zu bewerten als die der Affektbe- herrschung. Zusätzlich zu den inneren Werten der Tugenden gibt es laut Aristoteles dann schließlich noch die äußeren Güter, die für das rein praktische Leben von Bedeutung sind, wie z.B. Geld und Körperkraft, prächtige Kleidung oder ein herrschaftliches Anwesen.

Für Ehrismann ist diese „von Platon begründete, von Aristoteles in seinem eigenen Sinne ausgestaltete und in ein System gebrachte Ethik...die Grund- lage für alle spätere Moralphilosophie des Altertums“.[3] Für die geschicht- liche Überlieferung hat seiner Meinung nach Cicero mit seiner Schrift „De officiis“ gesorgt. Cicero schließe sich in seinem System Aristoteles an und bespreche wie dieser eine größere Anzahl von Tugenden, die er jedoch nach dem platonischen Modell als den vier Gruppen der Weisheit, der Tapferkeit, der Selbstbeherrschung und der Gerechtigkeit zugehörig betrachte. Wie Aristoteles unterscheide auch Cicero zwischen drei Werten; eine Systema- tik, die später von Augustinus im Sinne der christlichen Moraltheologie wie- ter ausgeformt worden ist. Das höchste Gut ist demnach das sogenannte summum bonum. Dieses repräsentiert die Lehre von Gott, gehört aus- schließlich in den Bereich der Theologie und bezeichnet die „theoretische Art der Pflichten, die sich auf den vollendeten und weisen Menschen beziehen“. Das nächste Gut ist das honestum. Dieses stellt eine Art Zwi- schenstufe dar, indem es sowohl dem theologischen als auch dem philoso- phischen Bereich zuzurechnen ist. Es beschreibt die eigentlichen Tugenden, „das praktische Pflichtverhalten des gewöhnlichen und einfach rechtschaf- fenen Mannes“.[4] Schließlich fehlen noch die rein äußerlichen Güter , die „nützlichen“, die als utile bezeichnet und als am wenigsten wertvoll betrach- tet werden. Bei Hartmann wird sich das z.B. darin zeigen, daß er äußere Güter wie eine prachtvolle Rüstung zwar immer wieder herausstreicht und als für einen würdigen Ritter notwendig und ehrend darstellt, jedoch keinen Zweifel daran läßt, daß dies alleine niemals ausreichen würde, sondern eben nur im Verbund mit den anderen, den „inneren“ Werten dem Ritter zur êre gereicht. Diese besitzen schon eher aus sich heraus einen gewissen Wert und sind nicht unbedingt auf das „Bündnis“ mit den anderen Werten angewie- sen, um etwas zu gelten.

Walther von der Vogelweide hat in seinem ersten Reichstonspruch drei Begriffe verwandt, die Ehrismann als angemessene mittelhochdeutsche Ent- sprechung zu summum bonum, honestum und utile bezeichnet. Es sind dies die Begriffe gôtes hulde, êre und varnde guot. Diese Reihenfolge bezeichnet zugleich die Rangfolge, gôtes hulde steht also ganz oben, genau wie summum bonum. Die für diese Arbeit interessante êre entspricht demnach dem honestum, dem „praktischen Pflichtverhalten des gewöhnlichen und einfach rechtschaffenen Mannes“. Die Ritter sind zwar keine „gewöhnlichen und einfachen“ Männer, sondern gesellschaftlich geachtete Menschen (wenn sie denn nicht ihre êre verloren haben). Aber dennoch trifft die Definition recht gut die Bedeutung von êre, indem nämlich der Ehrenkodex den Rittern vorschreibt, nach welchen Verhaltensregeln und Grundsätzen sie zu leben haben, um êre zu erlangen und zu bewahren, sprich, um gesellschaftlich anerkannt zu sein und ihrem Status als Ritter gerecht zu werden. Das Streben nach êre führt so gewissermaßen zu einem Pflichtverhalten. Wie dies im Idealfall auszusehen hat, wird in den Artusromanen beschrieben, z.B. anhand der Figur des Iweins.

[...]


[1] Vogt, Dieter : „Ritterbild und Ritterlehre in der lehrhaften Kleindichtung des Stricker und im sog. Seifried Helbling“, S. 27.

[2] Vgl. Bien, Günter : „Erläuterungen zu Aristoteles Nikomachische Ethik“, S. 275 ff., Hamburg 1972.

[3] Ehrismann, Gustav : „Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems“. In : Eifler, Günther : "Ritterliches Tugendsystem“, S. 1 - 84.

[4] Beide Zitate ebd., S. 3.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der mittelhochdeutsche Begriff der "êre" und seine Bedeutung für Hartmann von Aues Roman "Iwein"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Einführungsseminar: Ältere deutsche Sprache und Literatur
Note
befriedigend
Autor
Jahr
1999
Seiten
19
Katalognummer
V15904
ISBN (eBook)
9783638208925
ISBN (Buch)
9783638758178
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, Bedeutung, Hartmann, Aues, Roman, Iwein, Einführungsseminar, Sprache, Literatur
Arbeit zitieren
Florian Görner (Autor), 1999, Der mittelhochdeutsche Begriff der "êre" und seine Bedeutung für Hartmann von Aues Roman "Iwein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15904

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