Die kosmetische Chirurgie als Phänomen der Moderne - zu ihren sozialen Implikationen heute


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sich schön machen – zu den Thesen von Nina Degele
2.1 Was ist Schönheit? Was ist Schönheitshandeln?
2.2 Die Ideologien des Schönheitshandelns
2.2.1 Die Ideologie des privaten Schönheitshandelns
2.2.2 Die Ideologie des Schönheitshandelns als Spaß
2.2.3 Die Ideologie des Schönheitshandelns als Oberflächenphänomen
2.2.4 Die Ideologie des Schönheitshandelns als Frauensache

3 Die ästhetisch-plastische Chirurgie heute – ein kurzer Überblick

4 Die Geschichte der Schönheitschirurgie – ein kurzer Abriß

5 Ethnische Fragen in der kosmetischen Chirurgie

6 Schönheitschirurgie als Element der bio-ästhetischen Gouvernementalität zwischen Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung

7 Schlussbemerkungen

1 Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Visuelle Politik: Interdependenzen, kulturelle Differenz und mediale Genderkonstruktionen.“ beschäftige ich mich in dieser Arbeit mit dem Phänomen der „Schönheitschirurgie“ und dessen sozialen Implikationen. Die derzeit boomende kosmetische Chirurgie ist keine „bloße Betonung von Äußerlichkeiten“, sondern vielmehr eine „Arbeit am Selbst“[1], wie es Paula-Irene Villa in der Einleitung des Sammelbandes „Schön Normal. Manipulationen am Körper als Technologien des Selbst.“ formuliert. Die verschiedenen Beiträge dieser kürzlich erschienenen Publikation verstehen die mehr oder minder invasiven Manipulationen am Körper als Arbeit am sozialen Selbst, welche auf die Verkörperung sozialer Normen abzielt. Es geht um eine Normalisierung und Optimierung des eigenen Körpers, dessen äußere Erscheinung in unserer Kultur „zu einem primären Symbol für Identität“[2] erhoben worden ist.

Bevor ich in einem Hauptteil meiner Arbeit auf die eben kurz angerissene Problematik eingehe, deren Ausgangspunkt der erwähnte Sammelband darstellt, welcher thematisch um den von Michel Foucault geprägten Begriff der „Selbst-Technologie“ kreist, möchte ich zu Beginn die „Schönheitschirurgie“ in einen größeren Rahmen einordnen; den des Schönheitshandelns: Nina Degele beschäftigt sich in ihrer empirischen Studie „Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln.“ mit der Offenlegung bestimmter Mechanismen des Schönheitshandelns und versucht diese in ihrer Ideologiehaftigkeit zu charakterisieren. „Sich-schön-machen“ oder Schönheitshandeln ist nach Degele „ein Medium der Kommunikation und dient der Inszenierung der eigenen Außenwirkung zum Zweck der Erlangung von Aufmerksamkeit und Sicherung der eigenen Identität“[3] Schönheitshandeln ist demnach „ein sozialer Prozess, in dem Menschen versuchen, soziale (Anerkennung-) Effekte zu erzielen“[4].

Danach wird ein kurzes Kapitel zur zeitgenössischen ästhetischen Chirurgie folgen, sowie ein geschichtlicher Abriss des Phänomens. Im direkten Anschluss an historische Besonderheiten und Umstände, welche die plastische Chirurgie aus der Taufe hoben und zu ihrer Durchsetzung verhalfen, werde ich in einem nächsten Kapitel auf den wichtigen Aspekt der ethnischen Fragestellungen in der kosmetischen Chirurgie, sowie auf den Begriff des „surgical passing“ genauer eingehen. Dabei beziehe ich mich auf einen Aufsatz von Kathy Davis („Surgical Passing – Das Unbehagen an Micheal Jacksons Nase.“) und einen anderen von Catherine Padmore („Significant Flesh: Cosmetic Surgery, physiognomy, and the Erasure of Visual Difference(s)“).

In meiner Arbeit möchte ich auf folgende Fragen eingehen: Was meint Nina Degele, wenn sie von den Ideologien des Schönheitshandelns spricht und wie kann man diese Ideologien charakterisieren? Warum werden einige Gesichter als ethnisch und andere als nicht ethnisch wahrgenommen? Warum ruft die chirurgische Veränderung bestimmter Gesichtszüge oder Körpermerkmale bei uns Unbehagen hervor? In welcher historischen Linie stehen diese Eingriffe? Wie äußert sich die „Arbeit am Selbst“ in unseren heutigen spätkapitalistischen Gesellschaften? Inwieweit ist die Schönheitschirurgie eine Selbst-Technologie und ein Element neoliberaler Gouvernementalität?

Am Schluss meiner Ausführungen soll eine Zusammenfassung der wichtigsten inhaltlichen Punkte und Erkenntnisse stehen.

2 Sich schön machen – zu den Thesen von Nina Degele

2.1 Was ist Schönheit? Was ist Schönheitshandeln?

Möchte man charakterisieren was Nina Degele unter „Schönheitshandeln“ versteht, sollte man sich zunächst anschauen, wie sie den Begriff „Schönheit“ verwendet: Sie verwendet ihn normativ, denn er entziehe sich einer wissenschaftlichen Definition. Einfach ausgedrückt ist „schön“ etwas ästhetisch hoch bewertetes, dessen Gegenbegriff „hässlich“ ist. Genauer betrachtet bezieht sich Degeles Verwendung des Begriffes „Schönheit“ hier auf „massenmedial produzierte und im Alltag relevante Auffassungen von dem, was Schönheit als hegemoniale Norm im medial-öffentlichen Diskurs in Abgrenzung zum Nicht-Schönen oder Hässlichen ist oder sein soll“.[5] Sie verweist darauf, dass Klassifikationen von Schönheit und Schönheitsideale immer soziale Konstrukte sind, deren Ausprägungen historisch und (sub)kulturell variabel sind. Wie die Autorin anhand einiger Beispiele belegt, war die wissenschaftliche Erforschung von Schönheit, etwa in der Soziobiologie, „von Anfang an zutiefst rassistisch und sexistisch“[6] und soll deshalb hier nicht weiter von Belang sein.

„Schönheitshandeln“ ist soziales Handeln, da es auf die Verkörperung spezifischer Normen abzielt. Im sozialen Prozess des Schönheitshandelns inszenieren Individuen ihre äußere Erscheinung, häufig mit dem Ziel, die Ideale und Normen der „hegemonialen Medien- und Alltagskultur“[7] erfolgreich zu verkörpern. Die hegemonialen Ideale und Normen von Schönheit in vielen gegenwärtigen, spätkapitalistischen Gesellschaften sind beispielsweise Jugendlichkeit,

Natürlichkeit, Fitness, Schlankheit oder „gesunde“ Bräune. Dennoch, so Degele, stehe beim Schönheitshandeln nicht die Ästhetik im Vordergrund, sondern die gelingende oder misslingende

Anerkennung durch die relevante Bezugsgruppe (Peers, KonkurrentInnen, PartnerInnen, KollegInnen oder andere). Auch die nach außen getragene bzw. verkörperte Ablehnung der hegemonialen Schönheitsnormen, wie dies beispielsweise ein linker Freundeskreis durch ein möglichst „nicht schickes“ Aussehen praktiziert, ist Schönheitshandeln. So sind Punks in ihrem Schönheitshandeln erfolgreich „wenn sie mit Irokesenlook, Nasenring, zerrissenen Hosen unter ihresgleichen erkannt und akzeptiert werden und auf der anderen Seite die Bürgerwelt schockieren“.[8] Das erfolgreiche Schönheitshandeln demonstriert - nicht nur in diesem Fall - die (hier politische) Einstellung und die Gruppenzugehörigkeit[9]: Schönheitshandeln heißt sich sozial zu positionieren.

In der bereits in der Einleitung zitierten Definition von Schönheitshandeln wird deutlich, dass

Schönheitshandeln zur Kommunikation mit anderen dient. Das Individuum inszeniert dabei seine äußere Wirkung, um durch diese Aufmerksamkeit von anderen zu erlangen und seine Identität zu sichern. Der Begriff „Identität“ wird von Degele an anderer Stelle wie folgt definiert: „Identität [...] ist an gesellschaftlichen Normen orientiert und basiert auf wechselseitiger Anerkennung.“[10] Im sozialen Prozess des Schönheitshandelns bedingen sich also wechselseitige Aufmerksamkeits- und Anerkennungseffekte der Individuen untereinander und Effekte der Indentitätsstiftung und -sicherung.

Die Autorin verweist darauf, dass Schönheit und Außenwirkung heute sozial bedeutsamer geworden sind, als vor 20 oder 30 Jahren. So behaupten beispielsweise sozialpsychologische Studien, dass Menschen, deren äußere Erscheinung der statistisch-mehrheitlichen Auffassung von Schönheit entsprechen, mehr Erfolg in der Liebe, im Beruf und im Leben überhaupt haben. Dass Schönheit zu sozialer Macht befähigt und zur Verkörperung von Status dient, dieses Phänomen ist nicht neu: Bereits in ständischen Gesellschaften legten die Machthabenden fest, was schön ist und waren schön. Schönheit diente und dient zur Inszenierung von Macht. „Und auch heute noch“ so Degele, „werden traditionelle Überbleibsel von Schönheitshandeln offenkundig, wenn körperliche Ressourcen, Kleidung und Stilisierungskompetenzen eingesetzt werden, um Erfolge im Sozialen zu erzielen.“[11] Dieses strategische, erfolgsorientierte und erfolgreiche Schönheitshandeln begreift die Autorin als Kompetenz, welche in „vermarktlichten Gesellschaften“ immer wichtiger werde.[12] Außerdem beschreibt sie die Tendenz, dass „mit der Bedeutung der äußeren Erscheinung [...]

inhaltliche Kompetenzen zunehmend überlagert werden“.[13] Diese Überlagerung zeigt sich beispielsweise, wenn Wahlprogramme hinter den medialen Inszenierungen der Politiker verschwinden. In diesen und anderen Fällen, so stellt Degele fest, ist Schönheitshandeln ein Beispiel für eine Form von Metawissen, das neben dem inhaltlichen Wissen existiert: „Es impliziert das Wissen um die Wirkung der eigenen Erscheinung in spezifischen Kontexten zur Erringen von Aufmerksamkeit, wozu die Selbstrepräsentation und das Auftreten zählen.“[14] Auf solche ökonomisch-unternehmerischen Überlegungen und Inszenierungen des Selbst in der Gegenwart werde ich später noch detaillierter eingehen.

Allgemein ist festzuhalten:

Wird Schönheitshandeln in Szene gesetzt, ist es erforderlich, um gesellschaftliche Erwartungen schönheitsadäquaten Verhaltens zu wissen und diese entsprechend zu bedienen. Denn Schönheitshandeln ist eine Form von Kommunikation, die in den Spannungsfeldern von Distanz und Nähe, Sachlichkeit und Erotik, Professionalität und Freizeit unterschiedliche Bedürfnisse, Erfordernisse und Verständnisse anspricht.[15]

Um dieses erste Kapitel abzuschließen, möchte ich hier eine der wichtigen Thesen des Buches wiedergeben: Nina Degele konstatiert, dass bei Prozessen der sozialen Positionierung, wie dem Schönheitshandeln, Werte wie Individualität, Autonomie und Authentizität im Vordergrund stehen. Diese Werte sind ein Erbe der Aufklärung, denn die Auffassung von eigenständigen Individuen, die selbstverantwortlich das Leben gestalten, ist ein moderner Glaube.[16]

2.2 Die Ideologien des Schönheitshandelns

Die in Degeles These betonten Werte der Individualität, Autonomie und Authentizität, die für soziale Positionierungen grundlegend sind, werden offenkundig, wenn Menschen darüber sprechen, warum und für wen sie sich schön machen. So antworten die meisten, dass sie sich für sich selbst schön machten und dies täten, um sich wohl zu fühlen. Zumeist werden diese Erklärungen von den Befragten auch geglaubt – man müsse sie ernst nehmen, so die Autorin, jedoch nicht wörtlich.[17] Da Schönheitshandeln immer „nach dem Blick der anderen“[18] verlangt, der den Effekt der

Bemühungen registriert und kommentiert, ist es kein privates Handeln. Hier liegt also ein „Bruch der Darstellungen sozialer Akteure mit der eigenen Praxis“[19] vor. Dabei handelt es sich nicht um böswillige Täuschungsversuche, sondern um „gesellschaftlich notwendige und generalisierte Wissensbestände wie auch (verkörperte) Praxen partikularer sozialer Gebilde, die hinsichtlich der eigenen Erscheinung/Außenwirkung unter dem Einfluss einer hegemonialen Medien- und Alltagskultur das Verhältnis von privat und öffentlich steuern. [...] Generalisierte Wissensbestände und (verkörperte) Praxen dienen dazu, ein gewünschtes Bild von sich selbst aufrecht zu erhalten und sich im sozialen Kontext möglichst konfliktfrei bewegen zu können.“[20] Mit sozialen Gebilden sind soziale Milieus oder Gruppen gemeint, die „sozialstrukturelle, thematische oder alltagspraktische Gemeinsamkeiten teilen“.[21]

In der eben zitierten Textstelle definiert die Autorin das, was sie in diesem Kontext als Ideologien bezeichnet. Um das Schönheitshandeln in seiner Ideologiehaftigkeit zu rekonstruieren, wählte sie die Methode der Gruppendiskussionen unterfüttert „mit methodologischen Überlegungen zu Konstruktion, Dekonstruktion und Heteronormativität“.[22] Dieses Verfahren erschien ihr als am besten geeignetes, um herauszufinden, was „sich-schön-machen“ sozial bedeutet. Ein Analyse von Modezeitschriften und Schönheitsratgebern lehnt Degele für ihre Zwecke ab, denn in diesen passiert nur eine Reproduktion der Ideologien rund um Attraktivität, Jugendlichkeit oder Natürlichkeit, jedoch bleibt dort außen vor, wie sich die sozialen AkteurInnen die Ideologien aneignen und mit ihren umgehen. Aus diesen Gründen befragte Degele 31 Gruppen mit 160 DiskutantInnen nach der Bedeutung, die das „Sich-schön-machen“ für sie hat. Die Gruppen unterschieden sich hinsichtlich ihrer Themen (politische Gruppen, Sportgruppen, Essgestörte, Fotomodelle, Burschenschaftler, RenterInnen, SM-Praktizierende, Mitglieder des Herrenclubs, Sänger eines katholischen Kirchenchors, muslimische Frauen, Kindertagesstätte, Freundeskreise und Stammtische), in Bezug auf Geschlecht (Frauen, Männer, Transgender), auf die sexuelle Orientierung (hetero- homo- bisexuell) und ihre soziale Lage (Arbeitslose, Auszubildende, Studierende, ArbeiterInnen, Beamte, Selbstständige).

Ohne allzu detailliert auf die Einzelheiten einzugehen, möchte ich im Folgenden die wichtigsten Ergebnisse der Studie wiedergeben. Diese gliedern sich nach den vier Ideologien, die die Inszenierung des Schönheitshandeln bestimmen: Die Ideologie des privaten Schönheitshandelns, die Ideologie des Schönheitshandelns als Spaß, die Ideologie des Schönheitshandelns als Oberflächenphänomen und die Ideologie des Schönheitshandelns als Frauensache.

2.2.1 Die Ideologie des privaten Schönheitshandelns

Die Ideologie des privaten Schönheitshandelns suggeriert, Menschen machten sich für sich selbst und nicht für andere schön. Über die Formel des „Wohlfühlens“ nähert sich die Autorin dieser Ideologie. Die Ergebnisse ihrer Forschungen möchte ich hier kurz auflisten: Nach Degele steht „Wohlfühlen“ für eine Reihe von Motiven und Strategien, mit deren Hilfe Menschen ihre Authentizität und Identität sichern bzw. dies versuchen: So kann der Begriff des „Wohlfühlens“ für ein authentisches Auftreten stehen oder aber auch für den Wunsch, gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Hier ergibt sich ein Spannungsfeld, in welchem sich „Wohlfühlen“ bewegt: Einerseits steht es für ein Bedürfnis nach Authentizität und Kontinuität. Dieses wird verwirklicht, indem einem Bild von sich selbst treu geblieben wird, beispielsweise wenn keine Brüche zwischen öffentlichem und privatem Auftreten entstehen. Andererseits existieren gesellschaftliche Anpassungszwänge, denen die AkteurInnen nachgeben: Sie fühlen sich oft erst dann wohl, wenn sie alters- schicht- und situationsspezifisch richtig angezogen sind und aussehen.[23]

„Wohlfühlen“, so Degele „ist die Chiffre, um die Ideologie des privaten Schönheitshandelns zu legitimieren.“[24] In unseren modernen Gesellschaften versteckt sich hinter der Formel des Wohlfühlens ein Bedürfnis nach Autonomie, so die Autorin, welches ein Erbe der Aufklärung ist. Seit dieser Zeit gibt es den Glauben an das autonome Individuum, dass für das eigene Glück und somit auch für das eigene Wohlfühlen selbst verantwortlich ist. „Das eigene Tun soll als freie und selbstständige Wahl und Entscheidung kommuniziert und vermittelt werden.“[25] In Bezug auf soziale Normen und Zwänge darf das eigene Schönheitshandeln nicht begründet werden, denn dies hieße sich einen Mangel an Autonomie und Selbstbewusstsein einzugestehen. Also gilt: „Frauen mögen sich für Männer schön machen, aber nicht, wenn man sie danach fragt.“[26]

Degele erkennt einen regelrechten „Zwang zum Wohlfühlen“ in zeitgenössischen Gesellschaften, welcher „modernsierungstheoretisch auch als Individualisierungzwang“[27] bezeichnet werden kann. Das Wohlfühlen ist auch immer abhängig von der Einschätzung anderer. Denn nur durch deren Anerkennung des gelungenen Schönheitshandelns, im Sinne von Bewunderung und positivem Auffallen, wird das Wohlfühlen möglich. Der Individualisierungszwang kann hier jedoch zu Überforderung und zu einer Negativspirale führen,

wenn die Anerkennung von Außen ausbleibt.[28] „Bilder und Praxen des Wohlfühlens sind mit Normalitätsvorstellungen verknüpft“, so die Autorin, „die sich bei genauerem Hinsehen als Ideologien (privaten statt sozialen Schönheitshandeln) oder Übersteigerungen (von Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen) entpuppen.“[29]

Der Körper spielt beim Schönheitshandeln eine zentrale Rolle und in diesem Zusammenhang auch immer das Geschlecht: Naturalisierende Inszenierungen von Körpern basieren „auf einer als natürlich postulierten und immer wieder auf Neue bekräftigten Differenz“[30] von Männlichkeit und Weiblichkeit. Diese Naturalisierungen will Nina Degele als Ideologien ausweisen. Sie untersuchte die Schönheitskonstruktionen und -praxen von Essgestörten und Bodybuildern, denn diese bringen „geschlechterstereotype Erwartungen und Vorstellungen als (teilweise pathologische) Übersteigerungen derselben zum Ausdruck“, wodurch „die Mechanismen dichotomer Geschlechterkonstruktionen deutlicher sichtbar“[31] werden. Die Bodybuilder orientieren sich an dem männlichen Ideal eines muskulösen und harmonischen Körpers und die essgestörten Frauen an dem Klischee der schlanken und sich für die Männer hübsch machenden Frau. Beide Gruppen übersteigern jedoch diese heterosexuellen Idealvorstellungen und betreiben eine „Diszipliniertheit bis hin zur Zwanghaftigkeit“.[32] Hinzuzufügen ist, dass Naturalisierungen auch „Schutzmechanismen [sind], die soziales Handeln erwartbar machen, Komplexität reduzieren und Sicherheit herstellen“[33] (z.B. Schwule, die sich untereinander erkennen oder einen Heterosexuellen als solchen erkennen).

Eine Entideologisierung und Entnaturalisierung passiert da, so die Autorin, wo die Fähigkeit und Bereitschaft gegeben ist, über Sexualität zu sprechen. Denn Schönheitshandeln hat in seinem Bezug auf andere eine „durchaus sexuelle Komponente, die allerdings meistens unter dem Chiffre des 'Wohlfühlens' verborgen bleibt“[34] Degele kommt zu dem Schluss, dass hinter der Privatheitsideologie verdrängte Sexualität steckt. So ist das Wissen, um den Zusammenhang von Schönheitshandeln und Sexualität bei den SM-Praktizierenden und Transgendern im Gegensatz zu den meisten Gruppen expliziter: „Die gesellschaftlichen Zwänge in beruflichen Kontexten werden noch klar artikuliert, [...] [während] [...] die Absicht 'jemanden rumkriegen', 'Sex haben' [...] klar mit einem Tabu belegt“[35] ist. Bei den eben genannten Gruppen besteht meist die Fähigkeit offen über Sex zu sprechen, auch dadurch bedingt, dass sie die eigene sexuelle und geschlechtliche Identität

ständig rechtfertigen müssen.

[...]


[1] Villa, Schön normal, 7.

[2] Vgl. Susan Bordo: Unbearable Weight: Feminism, Western Culture, and the Body, Berkeley, 296 zit. n. Maasen, Schönheitschirurgie. Schnittflächen flexiblen Selbstmanagements. In: Orland (Hrsg.), 247.

[3] Degele, 10.

[4] Ebenda,10.

[5] Degele, 11.

[6] Ebenda, 11f.

[7] Ebenda, 13.

[8] Degele, 11.

[9] Vgl. ebenda, 162.

[10] Ebenda, 13f.

[11] Ebenda, 14.

[12] Vgl. ebenda, 15.

[13] Bourdieu zit. nach Degele, 206.

[14] Degele, 206f.

[15] Ebenda, 205.

[16] Vgl. ebenda, 10.

[17] Vgl. Ebenda, 12 und 201.

[18] Ebenda, 17.

[19] Ebenda, 12.

[20] Degele, 13.

[21] Ebenda,13.

[22] Ebenda, 30.

[23] Vgl. Degele, 93ff.

[24] Ebenda, 95.

[25] Ebenda, 201.

[26] Ebenda, 128.

[27] Ebenda, 95.

[28] Vgl. ebenda, 97.

[29] Degele, 91.

[30] Ebenda, 99.

[31] Ebenda, 100.

[32] Ebenda, 100.

[33] Ebenda, 118.

[34] Ebenda, 202.

[35] Ebenda, 108.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die kosmetische Chirurgie als Phänomen der Moderne - zu ihren sozialen Implikationen heute
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Visuelle Politik: Interdependenzen, kulturelle Differenz und mediale Genderkonstruktionen.
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V159102
ISBN (eBook)
9783640718634
ISBN (Buch)
9783640718955
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender Studies, Visuelle Politik, Genderkonstruktionen, Schönheitshandeln, Gouvernementalität, Identität, Frauen, Nina Degele, Plastische Chirurgie, Schönheitschirurgie, Kultur, Sozial, Gesellschaft, Normen, Ästhetische Chirurgie, Kathy Davis, Catherine Padmore, Ethnische Chirurgie, Surgical Passing, Sander L. Gilman, Life Style, Styling, Medizin, Körperinszenierung, Michel Foucault, Casting-Shows
Arbeit zitieren
Anne Nennstiel (Autor), 2009, Die kosmetische Chirurgie als Phänomen der Moderne - zu ihren sozialen Implikationen heute , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159102

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