Die Schlüsselstellung, die der Codex Buranus bei der Bewertung der lateinisch-deutschen literarischen Beziehungen im 13. Jahrhundert innehat, rührt von der Tatsache, dass sich hier eine große Anzahl an Liedern findet, die zwar in mittellateinischer Sprache verfasst sind, bei denen jedoch den lateinischen Strophen noch eine Strophe in mittelhochdeutscher Sprache hinzugefügt ist. Dabei handelt es sich um eine außergewöhnliche Kombination, die "innerhalb der mittelalterlichen Lyriküberlieferung gänzlich für sich steht", wie etwa Udo Kühne schreibt.
Die Funktion der deutschen Strophen wurde in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Die ältere Forschung sah in ihnen zumeist reine Melodieindikatoren, die keinen anderen Zweck erfüllten, als dem Publikum zu signalisieren, auf welche Melodie die vorausgehenden lateinischen Strophen zu singen waren.
Dass dies möglich war, so wird vermutet, wurde durch den angenommenen Bekanntheitsgrad des jeweiligen deutschen mehrstrophigen Liedes gewährleistet, dem sie entnommen waren. Somit wurden die deutschen Strophen einzig und allein als Ausdruck einer musikalischen Praxis gedeutet, auf der Ebene des Inhalt wurde ihnen keinerlei Bedeutung zuerkannt. War zwar nicht zu leugnen, dass sie thematisch zumeist passend gewählt waren, so beschränkte sich die Analyse darauf, diesen thematischen Bezug festzustellen und fragte nicht weiter nach etwaigen (dramaturgischen) Funktionen dieser Strophen.
Diese Arbeit versucht nun nachzuweisen, dass die fraglichen Strophen der Carmina Burana über ihren möglichen Status als Melodiemuster hinaus auch auf der inhaltlichen Ebene eine wichtige Rolle spielten. Dabei soll nicht verleugnet werden, dass sie für formale und musikalische Aspekte wichtig waren.
Statt einer Orientierung an einem Erklärungsmuster nach dem Prinzip Entweder-Oder soll vielmehr versucht werden zu zeigen, dass es lohnender ist, das Geflecht aus lateinischen und deutschen Strophen als Gesamtphänomen zu betrachten, bei dem sowohl formale als auch inhaltliche Fragen eine wichtige Rolle spielen.
Somit zielt die Arbeit darauf ab, die Arbeit der Redaktoren als solche zu zeigen, die bei der Auswahl deutscher Strophen Inhaltliches wie Formales von Fall zu Fall mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander berücksichtigte und die deutschen Zeilen dazu benutzte, einem lateinischen Lied wichtige, bedeutungsrelevante Akzente zu verleihen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 LIEDER MIT DEUTSCHEN STROPHEN
2.1 Stellung innerhalb der Sammlung
2.2 Herkunft der deutschen Strophen
3 BEZÜGE ZWISCHEN DEUTSCHEN UND LATEINISCHEN STROPHEN
3.1 Allgemeiner Überblick
3.2 Verschiedene Arten von Bezügen
3.2.1 Inhaltlicher Bezug
3.2.1.1 Parodie
3.2.1.2 Kommentar
3.2.1.3 Perspektivwechsel
3.2.1.3.1 Parodie, Entlarvung, Komik und Tragik
3.2.1.3.2 Praktische Umsetzung
3.2.1.4 Geschlechterrollen
3.2.1.5 Präsentation eines Ergebnisses
3.2.1.6 Resümee
3.2.2 Rein Thematischer Bezug
3.2.3 Formaler Bezug
4 GENESE DER LIEDER
5 RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion der mittelhochdeutschen Strophen, die lateinischen Liedern innerhalb der Carmina Burana angefügt wurden, mit dem Ziel, über die rein musikalische Interpretation als Melodieanzeiger hinauszugehen und inhaltlich-dramaturgische Zusammenhänge nachzuweisen.
- Funktion der deutschen Strophen in lateinischen Liedkontexten
- Analyse inhaltlicher Bezüge (Parodie, Kommentar, Perspektivwechsel)
- Untersuchung formaler und struktureller Korrespondenzen
- Diskussion der Genese und redaktionellen Konzeption der Sammlung
Auszug aus dem Buch
3.2.1.1 Parodie
Ein prägnantes Beispiel für eine parodierende angehängte deutsche Strophe findet sich bei CB 203/203a. Der inhaltliche Zusammenhang in dem Sinne, dass eine fortlaufende Geschichte erzählt würde, ist hier sicherlich sehr dürftig, wenn überhaupt vorhanden. Müller sieht diesen zwar, indem er eine Handlung konstruiert, in welcher der angetrunkene Spieler, der aus dem Wirtshaus tritt, draußen mit seinem Freund, dem „Chaldäer“, in einen „fürcherlichen Streit“19 gerät.
Jedoch scheint dieser Fortlauf einer einzigen Handlung, in der der Spieler und der „Chaldäer“ als Dietrich und Ecke ganz einfach weiter agieren, sehr weit hergeholt. Dennoch besteht ein ganz bestimmter Sinnzusammanhang, wie Jens Haustein beschrieben hat:
Ich vermag weder der Deutung der vier Strophen als eines zusammenhängenden Textes zu folgen [...]. Allerdings meine ich, daß mit diesen Hinweisen die Anklänge des lateinischen Liedes an das deutsche Heldenepos nicht erschöpft sind, ja daß das ganze Lied in seinem inhaltlichen Verlauf als Parodie [...] des „Eckenliedes“ (Kurzfassung) konzipiert ist und daß es – so verstanden – erst seine volle Wirkung entfalten kann.
Haustein beschreibt, inwiefern die Strukturen von CB 203 denen des Eckenliedes entsprechen und durch diesen intertextuellen Bezug für die Zuhörer einen komischen, parodistischen Effekt entfalten. Dabei handelt es sich um die markanten strukturellen Parallelen, dass in beiden Fällen die Geschichte mit dem Aufeinandertreffen zweier Kämpfer (CB 203: Würfelspieler) beginnt, danach eine Niederlage den Verlust der Rüstung (CB 203: der Kleidung) nach sich zieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Es wird die Forschungslage zur Funktion der deutschen Strophen in den Carmina Burana diskutiert und die These aufgestellt, dass diesen Strophen über ihre musikalische Funktion hinaus auch inhaltliche Bedeutung zukommt.
2 LIEDER MIT DEUTSCHEN STROPHEN: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die 49 zweisprachigen oder mit deutschen Strophen ergänzten Lieder, deren Stellung in der Sammlung und deren Herkunft.
3 BEZÜGE ZWISCHEN DEUTSCHEN UND LATEINISCHEN STROPHEN: Hier werden detailliert inhaltliche, thematische und formale Bezüge zwischen den Strophen analysiert, wobei Konzepte wie Parodie, Kommentar und Perspektivwechsel zentrale Rollen spielen.
4 GENESE DER LIEDER: Es wird die Entstehung der Lieder durch Kombination von „Barbarolexis“ und Kontrafaktur erörtert, wobei die Frage nach der bewussten Konzeption der Lieder im Vordergrund steht.
5 RESÜMEE: Die Arbeit fasst zusammen, dass die deutschen Strophen keinesfalls nur als Melodieindikatoren dienten, sondern als integraler Bestandteil zur künstlerischen Gesamtwirkung des Codex Buranus beitragen.
Schlüsselwörter
Carmina Burana, mittelhochdeutscher Minnesang, mittellateinische Lyrik, Mehrsprachigkeit, Barbarolexis, Kontrafaktur, Parodie, literarische Funktion, Codex Buranus, intertextueller Bezug, mittelalterliche Literatur, Überlieferung, Melodiemuster, deutsche Strophen, inhaltliche Analyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Funktion von mittelhochdeutschen Strophen, die in die lateinischsprachigen Lieder der Carmina Burana eingebettet wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die inhaltlichen, dramaturgischen und formalen Wechselwirkungen zwischen lateinischen und deutschen Textelementen innerhalb der Sammlung.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Der Autor möchte nachweisen, dass die deutschen Strophen nicht nur als rein formale Melodieanzeiger fungierten, sondern den Liedern inhaltliche Akzente und dramaturgische Tiefe verliehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine textanalytische Untersuchung durchgeführt, die verschiedene Lieder auf ihre inhaltlichen und strukturellen Bezüge hin prüft und dabei die Thesen der Forschung kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spezifischer inhaltlicher Bezüge wie Parodien, Kommentare und Perspektivwechsel sowie eine Untersuchung der formalen Relationen und der Entstehungsgeschichte.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den zentralen Fachbegriffen gehören Barbarolexis, Kontrafaktur, Mehrsprachigkeit, Codex Buranus und die intertextuelle Analyse.
Wie bewertet der Autor die ältere Forschung zur Funktion der deutschen Strophen?
Der Autor kritisiert die ältere Forschungsansicht, die deutsche Strophen lediglich als "Tonindikatoren" oder Melodiemuster abtat, und stellt dieser eine differenziertere, inhaltlich-künstlerische Betrachtungsweise gegenüber.
Welche Rolle spielt der Begriff "Barbarolexis" in der Untersuchung?
Der Begriff wird verwendet, um die bewusste sprachliche Mischung in den Liedern zu beschreiben, was als Beleg für die planvolle redaktionelle Gestaltung der Lieder dient.
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- Florian Görner (Author), 2002, Deutsche Strophen in den Carmina Burana, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15910