Ausgewählte neue gesellschaftliche und politische Inhalte in der Literatur der Weimarer Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen für Schriftsteller in der Weimarer Republik
2.2 Literarische Strömungen in der Weimarer Republik
2.3 Thematische Inhalte und Motive in der Literatur zwischen 1918 und 1933

3. Ergebnis

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wolfgang Rothe beschreibt die Beschäftigung mit der Literatur der Weimarer Republik als Notwendigkeit zur „Einsicht in den Charakter dieses Staatswesens und die Ursachen seines Untergangs“, da die zeitgenössische Literatur gesellschaftliche und politische Bedingungen widerspiegele.1 Mit ihrer Gründung und Entstehung entwickelte sich eine neue Form der künstlerischen Arbeit auf verschiedenen Gebieten, die zum Teil auf vor ihrer Zeit bereits bekannte Stilmittel, wie zum Beispiel den Roman in der Literatur, zurückgriff.

Der Expressionismus, der in der Vorkriegs- und Kriegszeit in der Literatur seinen Ausdruck fand, verlor allmählich an Bedeutung. Die „Neue Sachlichkeit“ rückte in den Fokus der allgemeinen Öffentlichkeit. Ob Kriegserfahrungen, niedergeschrieben als individuelle Eindrücke wie in Remarques „Im Westen nichts Neues“ sowie Renns „Krieg“, oder Alltagsgeschehen, wie es in den Großstadtromanen der zwanziger Jahre eine Rolle spielte – Die Literatur entwickelte sich in eine neue Richtung.2

Es wurden klassifizierende Begriffe benutzt, wie Neue Sachlichkeit, Dadaismus oder Surrealismus, um sich einer bestimmten Gruppe zuordnen zu können. Man spezialisierte sich innerhalb der Literatur auf bestimmte Stile und Themen. Literatur wurde ab den zwanziger Jahren neben Rundfunk und Film zu einer Art Massenmedium. „[A]ußerliterarische soziale, ökonomische und politische Phänomene“ bestimmten mehr noch als früher die gesamte Kunst der Republik.3

Diese Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, warum die Literaten jener Zeit neue vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten fanden und auf welcher gesellschaftlichen Ebene sie als Künstler standen. Dazu sollen zunächst die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ihre Arbeit näher beleuchtet werden, sowie im Anschluss die literarischen Inhalte. Wie charakterisierten sie die Zustände in der Weimarer Republik und welche Themen erachteten sie als wichtig und notwendig niederzuschreiben? Als Schwerpunkte werden hierzu Arbeiten von Wolfgang Rothe, Hermann und Horst Albert Glaser, Viktor Žmegač sowie Bernhard Weyergraf herangezogen.

2. Hauptteil

2.1 Gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen für Schriftsteller in der Weimarer Republik

Noch am Ende des Ersten Weltkrieges herrschte in Deutschland eine vorindustrielle, bürgerliche Denkweise vor, die vom Staat in seinen antidemokratischen Tendenzen unterstützt wurde. Erst mit der Einführung der Weimarer Verfassung folgten der vorherrschenden Industrialisierung auch auf politischer Ebene neue Ideen, wie zum Beispiel die Einführung des Frauenwahlrechts oder die Konsolidierung von Grundrechten. Doch da Demokratisierung und Revolution von der breiteren Masse mit der Niederlage im Krieg gleichgesetzt wurden, entstand hier auch ein Nährboden für „restaurative Kräfte“.4

Andererseits, so Glaser, verhieß der verlorene Krieg auch die Möglichkeit, die Geschichte als „Bruch mit der Vergangenheit“ neu schreiben zu können.5 Anton Kaes nennt diese Vorstellung von der „Erneuerung der Welt aus dem Geiste der Literatur“ jedoch lediglich eine nicht umgesetzte „literarische Fiktion“.6

In der Bevölkerung entstand, bedingt durch die zügige Industrialisierung, ein neuer Mittelstand aus Angestellten und Industriearbeitern7, in dem der Widerspruch zwischen „Individuum und Masse“8 offensichtlich wurde. Die Inflation hatte eine Verschlechterung der sozialen Lage für die Schriftsteller der zwanziger Jahre zur Folge, die ehemals zur intellektuellen Mittelschicht gehört hatten. Sie konnten bereits zuvor nur unzulängliche Verdienste aufweisen, doch nun zerstörte die Hyperinflation auch ihre ersparten Vermögen und es wurde aufgrund ihrer wirtschaftlichen Herabsetzung öffentlich von der „‘Not der Dichter‘“ gesprochen. Sie waren gezwungen ihr finanzielles Überleben nun materialistisch ausgerichtet zu sichern, um weiterhin intellektuelle Arbeit leisten zu können. So mussten sich Schriftsteller, wie zum Beispiel Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Alfred Döblin oder Kurt Tucholsky im bereits 1909 gegründeten „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“9 zur Sicherung ihrer wirtschaftlichen Interessen organisieren. Ebenso waren die meisten

von ihnen auch auf Nebentätigkeiten für zum Beispiel „Zeitschriften, Zeitungen, Theater, Rundfunk, Film und selbst noch für die Werbebranche“ angewiesen, mussten manchmal selbst einem „bürgerlichen Beruf“ nachgehen. Durch ihren sozialen Abstieg wurden die Schriftsteller bereits 1922 von der Reichsregierung als „praktisch ‘expropriiert‘ bezeichnet“.10

Kaes zitiert hierzu Samuel Saenger aus dem Jahr 1923, den Herausgeber der Neuen Rundschau: „[…] man läuft unstet jeder Verdienstmöglichkeit nach; Muße als Nährboden für jede Geistesbetätigung und für die bildsame Pflege des Ideellen ist nicht mehr“.11 Die Künstler wurden zusätzlich dadurch geschwächt, dass die ehemalig kulturfördernde Bevölkerungsschicht aus der Mitte des gebildeten mittleren Bürgertums durch die Inflation diese Funktion verlor und nun keine Kaufkraft mehr besaß. Das Besitzbürgertum, das von der Inflation profitiert hatte und sich ihre Werke nun leisten konnte, „wurde von den Schriftstellern als Adressat ihrer Kunst verachtet“ und so solidarisierten sich einige von ihnen mit den Arbeitern und stilisierten das Proletariat.12

Der folgende Absatz wird sich auf Döblin beziehen, der 1921 in Der Schriftsteller und der Staat von der „Infiltration“ bürgerlicher Ideale der regierenden Oberschicht auf die Schriftsteller seit 1870/71 schreibt. Die Schriftsteller seien seelenlos geworden und erst die Weimarer Republik habe diese Einflüsse zerstört. Doch die Republik vergleicht Döblin mit einer Art Traumzustand, in dem die Dinge nicht real sind. „Das Durcheinander, das Schwere, Mühselige des Zustandes wird jedem, der in diesem Staat lebt, fühlbar.“ Er beschreibt diesen Zustand jedoch nur als einen Zwischenzustand. Und so wird auch hier schon deutlich, dass selbst die Literaten die Weimarer Republik nur als Provisorium betrachteten, das vergehen musste. Döblin bezeichnet diesen Übergangszustand als „Augenblick des Schriftstellers“, der jetzt wieder lebendig werden muss, oder es nie werde. Er müsse sich jetzt seine Würde durch die Verantwortlichkeit für das Volk zurückerobern oder es gebe nie mehr einen „deutschen Schriftsteller“. Die Schriftsteller sollen Erkenntnisse und Anregungen verbreiten, den Zusammenhalt der Menschen fördern und die Gemeinschaft pflegen, indem sie sich gegen die übermächtigen Triebkräfte der Industrie, der Technik und des Handels wehren,

denen sich der Staat übergeben habe. Die Schriftsteller sollen die Republik aufbauen und verhindern, dass sie sich selbst zerstört. Döblins Sensibilität für seine Zeit wird hier klar ersichtlich. Er fordert von den Literaten, die „ungeheure Masse“ der unteren Schicht über ihre Werke an der Politik teilnehmen zu lassen, bevor es heiße: „die Deutschen seien gar nicht reif für staatliche Freiheit“. Und so soll der Schriftsteller am Volk lebendig werden.13 Ebenso wirbt Thomas Mann 1922 in seinem Vortrag „Von deutscher Republik“ vor Berliner Studenten für die Demokratie und die Weimarer Republik. Er bittet seine demokratiefeindlichen Zuhörer „endlich Vertrauen“ in die „Männer an der Spitze des Staates“ zu haben, wie er es entwickelt habe. Mann bezeichnet die Republik als einen „Name[n] für das volkstümliche Glück der Einheit von Staat und Kultur“, nachdem er sie nur 4 Jahre zuvor noch als etwas Undeutsches kritisiert hatte.14 Auch Kurt Tucholsky will der noch jungen Republik schon im März 1919 Zeit lassen, sich zu etwas Positivem zu entwickeln. Als Mitarbeiter der Weltbühne schreibt er: „Wir kommen nicht damit weiter, daß wir den Kopf in ein schwarz-weiß-rotes Tuch stecken […]. Es ist lächerlich, einer jungen Bewegung von vier Monaten vorzuwerfen, sie habe nicht dasselbe Positive geleistet wie eine Tradition von dreihundert Jahren.“15 Zwar können diese Schriftsteller nicht repräsentativ für die Literaten der Weimarer Republik stehen, doch aufgrund der Nachwirkung dieser als Klassiker geltenden Autoren kann man ihren Aussagen einen gewissen Stellenwert zuordnen.

Die gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit sensibilisierten nicht nur Schriftsteller, sondern alle Künstler, die „sozialgeschichtliche Realität“ zur Gesellschaftsanalyse aufzugreifen. Die politische Problematik, zwei unterschiedlichste Systeme, „Demokratie gegen Diktatur“, nicht vereinbaren zu können, spaltete auch die Bevölkerung in unterschiedliche Gruppen und verhinderte ebenfalls eine Einheit in der Kunst.16 So waren sowohl „kommunistische[…]“ als auch „radikalisierte[…] linksliberale[…]“ und „völkisch-national-konservative[…]“ Schriftsteller schnell enttäuscht vom profanen Alltagsleben in der Weimarer Republik und sahen ein, dass sie nicht imstande war, ihre politischen Hoffnungen zu erfüllen. Zwar wurde

vom Staat der Akademie der Künste 1926 eine „Sektion für Dichtkunst“ angegliedert, diese
neue Form der Ehrung verlieh den Schriftstellern jedoch keinerlei politischen Machtzuwachs um ihre Ideen durchzusetzen, die zum Teil in ihren Werken offenbar wurden. Im Gegenteil seien „Am Ende der Weimarer Republik […]Dichter und Staat zu offenen Feinden geworden“. Auch der Republikaner Heinrich Mann, zitiert von Kaes, schreibt schon 1923 von den „geistigen Arbeitern und Kulturträgern“, die zu den „gefährlichsten Feinden der Republik“ würden. Dies allerdings zeigt einen Ausdruck von politischer Macht, den Wunsch nach einem politischen Führungsanspruch, den sich die Schriftsteller über die Verbreitung der Inhalte ihrer Werke selbst zuschrieben und der ihnen so nicht vom Staat zugestanden wurde.17

Wie noch zu zeigen ist, kann man in dieser Aussage Manns einen der Gründe für die veränderten gesellschaftspolitischen Inhalte in der Literatur der Weimarer Republik ausmachen.

[...]


1 Rothe, Die deutsche Literatur in der Weimarer Republik, S. 7

2 http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/literatur/index.html

3 Vgl.: Žmegač, Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, S. 4ff.

4 Vgl.: Žmegač, Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, S. 4f.

5 Vgl.: Glaser, Literatur des 20. Jahrhunderts in Motiven, S. 19

6 Kaes, Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, S. XX

7 Vgl.: Žmegač, Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, S. 5

8 http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/literatur/index.html

9 Kaes, Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, S. XXIV

10 Kaes, Anton: „Schreiben und Lesen in der Weimarer Republik“, in: Weyergraf, Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, S. 38-43

11 Kaes, Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, S. XXIII

12 Kaes, Anton: „Schreiben und Lesen in der Weimarer Republik“, in: Weyergraf, Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, S. 49

13 Döblin, Alfred: „Der Schriftsteller und der Staat“, in: Kaes, Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, S. 40 - 45

14 Mann, Thomas: „Von deutscher Republik“, in: Kaes, Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, S. 46 – 50

15 Tucholsky, Kurt: „Wir Negativen“, in: Kaes, Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933, S. 36

16 Möller, Horst: „Epoche – sozialgeschichtlicher Abriss“, in: Glaser, Deutsche Literatur. Eine
Sozialgeschichte, S. 15f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte neue gesellschaftliche und politische Inhalte in der Literatur der Weimarer Republik
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (historisches Institut)
Veranstaltung
Gesellschaftsgeschichte der Weimarer Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V159150
ISBN (eBook)
9783640716203
ISBN (Buch)
9783640716432
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausgewählte, Inhalte, Literatur, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Antje Ziplies (Autor), 2010, Ausgewählte neue gesellschaftliche und politische Inhalte in der Literatur der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159150

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