Carmina und ihre Wirkung


Seminararbeit, 2009

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die Wirkung der carmina auf die Natur

3) Carmina mit magischer Wirkung:
a) Das Lied des Alphesiboeus
b) Anspielungen auf Mythen

4) Carmina als Liebesklage: Das Lied des Damon und die 2. Ekloge

5) Carmina als Wettkampf: Der bukoliasmos

6) carmina zu Ehren der Götter

7) carmina und die Politik
a) carmina als Lob für Politiker
b) carmina als Kritik an der Politik

8) carmina als Trost und als Zeitvertreib: Ekloge 9

9) Fazit

10) Bibliographie:

1) Einleitung

Tale tuum carmen nobis, divine poeta,

quale sopor fessis in gramine, quale per aestum

dulcis aquae saliente sitim restinguere rivo.

5, 47-47

“Dein Lied, oh göttlicher Dichter, ist für uns so, wie der Schlaf für die Erschöpften im Gras, wie in der Hitze den Durst mit süßem Wasser am sprudelnden Bach zu löschen.“

In diesem Zitat aus der 5. Ekloge beschreibt der Hirte Menalcas die carmina des Daphnis. Indem er sie mit dem Schlaf der Erschöpften und dem Löschen des Durstes bei Hitze gleichsetzt, zeigt er, von welcher Bedeutung die Dichtung für die Hirten ist. Die von Menalcas benutzten Vergleiche erwecken den Anschein, als seien carmina fast schon lebensnotwendig für die Hirten.

Um die verschiedenen Funktionen und Wirkungen der carmina sowohl für die Hirten als auch für den Leser zu analysieren, ist die 8. Ekloge als Ausgangspunkt am besten geeignet. In dieser lassen sich fast alle der in den Eklogen vorhandenen Wirkungen finden, da sie entweder vorhanden sind, von den Hirten thematisiert werden oder durch raffinierte Anspielungen auf diese verwiesen wird.

Gleich zu Beginn der 8. Ekloge wird die Wirkung der carmina auf die Natur deutlich. Diese offensichtliche Anspielung auf Orpheus wird begleitet von weiteren Anspielungen auf andere Mythen, in denen die carmina verschiedenste Wirkungen zeigen. Die magische Wirkung der carmina ist auch Hauptthema des Liedes des Alphesiboeus. Das Lied des Damon hingegen ist eine Liebesklage, die stark an die 2. Ekloge erinnert. Da die beiden Klagen jedoch sehr unterschiedliche Enden finden, soll im Rahmen dieser Hausarbeit eine Erklärung gefunden werden, welche Funktion die carmina in der jeweiligen Klage haben. Eine weitere Funktion der Dichtung wird in der 3. Ekloge offensichtlich. Die Formalitäten des traditionellen bukoliasmos vermögen es sogar einen Streit zu schlichten und somit eine soziale Funktion der carmina zu offenbaren. Da die Götter zu Vergils Zeiten die Mentalität der Hirten stark beeinflussten, nutzten diese ihre Dichtung nicht selten, um den Göttern zu Ehren Lieder zu singen. Und nicht nur den Göttern zu Ehren wurden Lieder gedichtet, Vergil vermag es, den zeitgenössischen Politikern Lob auszusprechen, ohne es wie plumpe Propaganda wirken zu lassen, was ebenfalls in der 8. Ekloge deutlich wird. Jedoch wird in anderen Eklogen auch eine gegenteilige Wirkung erzeugt: Oft nutzt Vergil seine Dichtung um die Taten von Politikern zu kritisieren und deren negative Auswirkungen zu verdeutlichen. Daher wird in der 9. Ekloge eine weitere Wirkung der carmina deutlich: Die carmina vermögen es, den Hirten in harten Zeiten Trost zu spenden und ihnen die lange Zeit beim Wandern zu vertreiben.

Diese verschiedenen Funktionen und Wirkungen der carmina sollen in der folgenden Hausarbeit analysiert werden. Die Sekundärliteratur zur 8. Ekloge konzentriert sich jedoch hauptsächlich auf die unerwartete Widmung zu Beginn der Ekloge und deren mögliche Adressaten[1].

2) Die Wirkung der carmina auf die Natur

In den ersten fünf Versen der 8. Ekloge kreiert Vergil wie so oft einen locus amoenus, um die Handlung seiner Ekloge deutlich im Hirtenmilieu zu platzieren. Darauf verweisen die Worte pastorum musam (V.1), iuvenca (V.2) , lynces (V.3) und flumina (V.4). Auffällig ist, dass bei der Erschaffung des locus amoenus bereits eine Wirkung der carmina aufgezeigt wird, die Wirkung auf die Natur:

immemor herbarum quos est mirata iuvenca

certantis, quorum stupefactae carmine lynces

et mutata suos requierunt flumina cursus

8, 2-4

“Während sie um die Wette sangen, staunte die Kuh und dachte nicht mehr an das Gras, die Luchse waren von ihrem Lied gebannt und die Flüsse veränderten ihren Lauf und kamen zur Ruhe.”

Diese Wirkung der carmina ist nicht, wie sonst üblich, eine Anspielung auf Theokrit. Bei dem griechischen Dichter verursacht kein Sänger solch eine Wirkung auf die Natur[2]. Die Reaktion der Natur auf die carmina ist eine eindeutige Anspielung auf den Mythos des Orpheus. Dieser darf bei einer Ekloge, die die Wirkungen der carmina thematisiert, nicht fehlen, da „die orpheushafte Zauberkraft […] wesentlich in das Bild [gehört], das sich der Vergil der Hirtenlieder von der musischen Kunst überhaupt macht.“[3] Orpheus vermochte es mit seinem Gesang nicht nur Tiere zu besänftigen und die Natur zu bewegen, sondern sogar die Unterwelt in Erstaunen zu versetzen. Als dieser seine Frau Eurydike aus der Unterwelt retten wollte, waren die grausamen Eumeniden betroffen, der dreiköpfige Höllenhund Cerberus verstummte und selbst das Rad des Ixion stand still.[4] Eine weitere, direkte Anspielung auf Orpheus lässt sich später in derselben Ekloge finden: […] sit Tityrus Orpheus, | Orpheus in silvis, inter delphinas Arion 8, 55-56 – „Tityrus soll Orpheus sein, | Orpheus in den Wäldern, unter den Delphinen Arion.“ Somit ist eine weitere Anspielung auf eine mythologische Gestalt vorhanden, bei der carmina eine bestimmte Wirkung zeigen: Arion wurde auf seinem Weg von Sizilien nach Korinth von Seglern bedroht. Es wurde ihm aber gestattet, ein letztes Lied zu singen. Sein Gesang ergriff die Delphine so sehr, dass Arion ins Meer geworfen wurde und von den Delphinen sicher fort getragen wurde. In dem Mythos des Arion, auf den Vergil in der 8. Ekloge verweist, haben die carmina also sogar eine lebensrettende Funktion.

3) Carmina mit magischer Wirkung:

a) Das Lied des Alphesiboeus

Der Hirte Alphesiboeus singt in seinem Lied von einer Frau, die an die magische Wirkung der carmina glaubt und aus diesem Grund eine magische Zeremonie vollführt, um ihren Geliebten Daphnis aus der Stadt zurück nach Hause zu holen. Dass ihr Lied einem magischen Ritual oder gar einem Zauberbann ähnelt, wird unterstützt durch den ständig wiederkehrenden Vers Ducite ab urbe domum, mea carmina, ducite Daphnin. – „Führt meine Lieder den Daphnis, führt ihn aus der Stadt nach Hause.“ Die Protagonistin von Alphesiboeus’ Lied scheint von der Wirkung ihrer carmina fest überzeugt zu sein. Die Personifikation und die Anrede im Vokativ der carmina verdeutlicht ihre Einstellung zu der Wirkung der Lieder. Am Ende ihres Liedes scheinen ihre carmina auch die gewünschte Wirkung zu erzielen: Das Bellen des Hundes kündigt die Rückkehr von Daphnis aus der Stadt an (8, 107). Erneut zeigt sich hier der starke Glaube der Frau an die Lieder: In der Variation des Refrains bittet sie die carmina, Daphnis zu schonen (8, 109). Sie glaubt also nicht nur an die gute, sondern fürchtet auch die negativen Fähigkeiten und Auswirkungen der carmina. Fraglich bleibt jedoch, ob die Rückkehr des Daphnis überhaupt in Zusammenhang mit den carmina steht. Es kann nicht entschieden werden, ob Daphnis nicht auch ohne die Zeremonie der Frau zurückgekehrt wäre. Somit überlässt es Vergil der Interpretation des Lesers, ob mit dem Lied des Alphesiboeus tatsächlich die magische Wirkung der carmina gezeigt werden soll oder ob Vergil ironisch auf die Überschätzung der Wirkung der carmina verweisen wollte.

b) Anspielungen auf Mythen

Die zweite Strophe von Alphesiboeus’ Lied befasst sich mit der Wirkung der carmina in der Mythologie und spielt dabei auf drei verschiedene Mythen an:

[...]


[1] Literaturhinweise bei Clausen (1994), S. 239

[2] vgl. Clausen (1994), S. 240

[3] vgl. Klingner (1967), S. 145

[4] vgl. Moog-Grünewald (2008), S. 522

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Carmina und ihre Wirkung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Proseminar: Vergil, Bucolica
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V159167
ISBN (eBook)
9783640716494
ISBN (Buch)
9783640716456
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carmina, Wirkung, Vergil, Bucolica
Arbeit zitieren
Patricia Schneider (Autor), 2009, Carmina und ihre Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159167

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