Der Dualismus zieht sich als Kerngedanke in musikalischen Werken über Jahrhunderte durch die Musikgeschichte. Vor allem seit die Sonatenform ab der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Standartform für das Konzert galt, wurde der „Wettstreit“ (ital. „Concerto“) zwischen Solo und Orchesterpart sowie zwischen den auftretenden Themen die Antriebskraft der meisten Kompositionen bis ins frühe 19. Jahrhundert. Doch in dieser Zeit beginnt sich speziell in der Klaviermusik etwas Grundsätzliches an dieser Dominanz des Themendualismus zu verändern. August Gerstmeier weist in diesem Zusammenhang zu Beginn seiner Monographie über Schumanns Klavierkonzert op. 54 auf eine verwunderliche Statistik hin: die vier Komponisten Schumann, Chopin, Liszt und Schubert, die alle die „Führungsrolle der Klaviermusik“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts mitbegründeten, schrieben äußerst wenige sinfonische Werke für ,ihr‘ Instrument. Schumann vollendete außer dem Klavierkonzert op. 54 noch zwei weitere Klavierwerke mit Orchester, Chopin und Liszt schufen jeweils zwei Klavierkonzerte, Schubert kein einziges. Dass diese Komponisten in viel geringerem Maße Klavierkonzerte komponierten als ihre Vorgänger, die Vertreter der Wiener Klassik, es getan hatten, lässt darauf schließen, dass sie die konventionelle Form des Konzertes als nicht mehr angemessen für ihre musikalische Intension ansahen. Gerstmeier nennt als Gründe für diese Tendenz zum einen die Entwicklung des Klaviers, und zum anderen das romantische Ideal in der Musik, welche beide eine neue Auseinandersetzung mit dem klassischen Sonatensatz forderten.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Entwicklung der Klaviermusik im 19. Jahrhundert
II. Hauptteil
2.1. Entstehungsgeschichte des Werkes
2.2. Analyse des ersten Satzes im Klavierkonzert
2.3. Vergleich des ersten und dritten Satzes
2.3.1. Formaler Aufbau
2.3.2. Zusammenspiel von Orchester und Soloinstrument
2.3.3. Faktur des Klaviersatzes
2.3.4. Allgemeiner Charakter der Sätze
III. Fazit und persönliche Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die strukturellen und stilistischen Besonderheiten von Robert Schumanns Klavierkonzert a-moll, op. 54, mit besonderem Fokus auf die Entstehung aus einer ursprünglich als "Fantasie" konzipierten Komposition. Die zentrale Forschungsfrage widmet sich der musikwissenschaftlichen Einordnung des Werkes als "Antikonzert" und analysiert die Abweichungen von den traditionellen Gattungskonventionen des 19. Jahrhunderts.
- Entstehungsgeschichte und kompositorischer Prozess der "Fantasie für Klavier und Orchester"
- Analyse der formalen Struktur und motivischen Arbeit im ersten Satz
- Vergleichende Untersuchung des ersten und dritten Satzes hinsichtlich ihrer Gattungskonformität
- Rolle des Klaviersatzes und der Interaktion zwischen Soloinstrument und Orchester
- Romantisches Musikverständnis als Abkehr vom klassischen konzertanten Wettstreit
Auszug aus dem Buch
2.2. Analyse des ersten Satzes im Klavierkonzert
Betrachtet man die grobe Form des ersten Satzes im Klavierkonzert a-moll, so lässt sich diese als sehr frei behandelte Sonatenform oder komplex mehrteilige einsätzige Form bezeichnen. Diese Mehrdeutigkeit ergibt sich daraus, dass zwar problemlos die einzelnen Abschnitte der Komposition aufgrund von Tonartenwechseln den Teilen in der Sonatenhauptsatzform zugeordnet werden können; allerdings erfüllen nicht mehr alle diese Teile in Schumanns Konzert ihre traditionelle Funktion. Haupt- und Seitensatz bilden in dieser Komposition keinen auflösungsbedürftigen Gegensatz mehr. Vielmehr sind - wie sich im Folgenden an Beispielen zeigen wird - alle im ersten Satz auftretenden Themen miteinander verwandt und gehen auseinander hervor.
Den Beginn des ersten Satzes bezeichnet Gerstmeier als „Startschuss“ mit „Ouvertürencharakter“. Diese vier kadenzierenden Takte, die dem ersten Themeneinsatz durch die Oboe vorausgehen, haben stark dramatischen Gestus: dynamisch befinden wir uns im forte mit einzelnen sforzandi, das Klavier spielt sich aufbäumende und dennoch herabstürzende, punktiert klingende Akkorde. Harmonisch bewegt sich die Stimme von der Dominante zur Tonika, melodisch steht die aufsteigende Bewegung e-f in Takt 1 der fallenden Bewegung f-e in Takt 3 gegenüber. Der erste Themeneinsatz in Takt 4 überschneidet sich mit der letzten Achtelnote des eröffnenden Abschnittes und leitet zu einem völlig gegensätzlichen, elegischen Gestus über.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Entwicklung der Klaviermusik im 19. Jahrhundert: Das Kapitel skizziert den historischen Kontext des instrumentalen Dualismus und leitet über zu Schumanns neuem romantischen Verständnis der Konzertform.
II. Hauptteil: Dieser Abschnitt umfasst die detaillierte Untersuchung der Genese und der spezifischen kompositorischen Merkmale von op. 54 sowie den Vergleich der Sätze.
2.1. Entstehungsgeschichte des Werkes: Es wird der Entstehungsprozess der ursprünglichen Fantasie und deren spätere Erweiterung zum dreisätzigen Klavierkonzert im Jahr 1845 beschrieben.
2.2. Analyse des ersten Satzes im Klavierkonzert: Eine tiefgehende formale Untersuchung, die das Werk als frei behandelte Sonatenform mit betontem thematischem Zusammenhang charakterisiert.
2.3. Vergleich des ersten und dritten Satzes: Diese Analyse stellt die konventionellere Struktur des Finales dem innovativen ersten Satz gegenüber.
2.3.1. Formaler Aufbau: Vergleich der formalen Gestaltung, wobei die klassische Sonatenanlage im dritten Satz deutlicher hervortritt als im ersten.
2.3.2. Zusammenspiel von Orchester und Soloinstrument: Untersuchung der verschiedenen Grade der motivischen Integration zwischen Solist und Begleitung.
2.3.3. Faktur des Klaviersatzes: Analyse der virtuosen Gestaltung und der Funktion der pianistischen Spielfiguren im Vergleich der Sätze.
2.3.4. Allgemeiner Charakter der Sätze: Zusammenfassung der klanglichen und atmosphärischen Gegensätze zwischen lyrischer Innerlichkeit und extrovertiertem Konzertgestus.
III. Fazit und persönliche Stellungnahme: Die Arbeit schließt mit einer Würdigung von Schumanns individuellem Stil und seiner Rolle zwischen Tradition und Innovation.
Schlüsselwörter
Robert Schumann, Klavierkonzert a-moll, op. 54, Sonatenform, Antikonzert, Musikgeschichte 19. Jahrhundert, Klaviermusik, Themendualismus, romantischer Kunstanspruch, musikalische Analyse, Solokonzert, Klavier, Orchester, Kompositionsstil, Clara Schumann
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Robert Schumanns Klavierkonzert a-moll, op. 54, und untersucht, inwiefern dieses Werk durch seine besondere Entstehungsgeschichte als "Antikonzert" bezeichnet werden kann.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die formale Struktur, die Beziehung zwischen Solist und Orchester sowie der Einfluss romantischen Denkens auf die traditionelle Konzertform des 19. Jahrhunderts.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob die konventionelle Konzertform für Schumanns musikalische Intention noch angemessen war und wie sich der ursprünglich als "Fantasie" konzipierte erste Satz von den späteren Ergänzungen unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Es wird eine formale und musiktheoretische Analyse durchgeführt, ergänzt durch einen komparativen Vergleich der Satzstrukturen sowie die Einbeziehung biographischer und historischer Quellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Entstehungsgeschichte, eine detaillierte Analyse des ersten Satzes und einen strukturellen sowie stilistischen Vergleich des ersten und dritten Satzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sonatenform, romantischer Kunstanspruch, thematische Verwandtschaft, Virtuosität und Konzertform definiert.
Inwiefern unterscheidet sich der erste Satz vom dritten Satz formal?
Während der erste Satz durch eine frei behandelte Sonatenform und thematische Einheit besticht, folgt der dritte Satz eher klassischen Mustern mit deutlich ausgeprägtem Haupt- und Nebensatz sowie einer konventionelleren virtuosen Gestaltung.
Was bedeutet der Begriff "Antikonzert" im Kontext dieser Arbeit?
Der Begriff bezieht sich auf Schumanns Abkehr vom klassischen "Wettstreit" zwischen Solist und Orchester hin zu einer "Verschlingung" beider Parteien zu einem einheitlichen musikalischen Satz.
Welche Bedeutung kommt der Entstehungsgeschichte für das Verständnis des Werkes zu?
Die Kenntnis der Entstehung als Fantasie (1841) und die spätere Erweiterung zum Konzert (1845) erklärt die strukturellen Brüche und die unterschiedliche musikalische Dichte zwischen dem ersten Satz und den später ergänzten Sätzen.
Wie bewertet die Autorin Schumanns Beitrag zum Klavierkonzert?
Die Autorin hebt Schumanns Genialität hervor, da es ihm gelingt, Komplexität aus der Musik selbst erwachsen zu lassen und damit eine Brücke zwischen anspruchsvoller Tradition und romantischem Ausdruck zu schlagen.
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- Britta Baier (Author), 2010, Die „Fantasie für Klavier und Orchester“ von R. Schumann (später 1. Satz des Klavierkonzerts a- moll) - ein „Antikonzert“?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159200