"Creeps". Ein Jugendtheaterstück nach Lutz Hübner. Die Ermöglichung des Zuganges jugendlicher Rezipienten zum Stück und zur Kultur allgemein


Hausarbeit, 2006

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie von Lutz Hübner
2.1. Lutz Hübners Leben
2.2. Lutz Hübners Stücke

3. Inhaltliche Analyse
3.1. Inhaltsangabe
3.2. Charakterisierungen
3.2.1. Petra Kowalsky
3.2.2. Maren Terbuyken
3.2.3. Lilly Marie Teetz
3.2.4. Arno

4. Themen und Identifikationsmöglichkeiten für SchülerInnen
4.1. Identitätsbildung
4.2. Ablösung vom Elternhaus
4.3. Zukunftsorientierung und Berufswahl
4.4. Neubestimmung sozialer Rollen
4.5. Wirkweise und Einfluss der Medien
4.6. Ost-West-Konflikt

5. Sprache
5.1. Einleitung
5.2. Jugendsprache
5.2.1. Kennzeichen der Jugendsprache in „Creeps“
5.2.2. Anglizismen
5.2.3. Anglizismen in „Creeps“
5.3. Ironie
5.3.1. Ironie in „Creeps“
5.4. Sprache der Charaktere
5.4.1. Petra
5.4.2. Maren
5.4.3 Lilly
5.4.4. Arno/ Die Stimme aus dem „Off“
5.5. Unterrichtsbeispiele zur Sprachanalyse von Creeps

6. Umsetzung und Präsentation des Stücks
6.1 Ziel der Präsentation
6.2. Phasen der Umsetzung
6.2.1. Arbeit und Auseinandersetzung mit dem Stoff
6.2.2. Auswahl der Vorleseszene
6.2.3. Ablauf der Präsentation
6.3. Funktion der theaterpädagogischen Mittel und der Medien
6.3.1. Rollenwahl und Darstellung
6.3.2. Bühnenbild
6.3.3. Der Spiegel als Element der Selbstpräsentation
6.3.4. Musik
6.3.5. Das Standbild
6.4. Reflexion

1. Einleitung

Lutz Hübner zählt mit seinen 38 Jahren zu den erfolgreichsten, deutschen Dramatikern des 21. Jahrhunderts. So hatte er 36 Inszenierungen und 5 Uraufführungen innerhalb der letzten Saison.[1] Seine Stücke richten sich vornehmlich an Jugendliche, die er mit seinen Themen sowie einer für Jedermann verständlichen, der jeweiligen dramatischen Situation entsprechenden Sprache, zu erreichen versucht. Darüber hinaus zeichnen sich seine Stücke durch eher kleine Besetzungen und begrenzte Konfliktsituationen aus, was den Zuschauer zum Nachdenken provozieren soll[2]. Diese Merkmale werden auch in dem von uns behandelten Jugendstück Creeps deutlich, dessen Thematik die „Deformation der Identität durch Fernsehen“[3] ist. Durch die Nähe des thematischen Inhaltes zum Erleben der Jugendlichen und dem sich von der Sprachnorm abhebenden Sprachgebrauch, erhält dieses Stück besondere Relevanz im Unterricht.

Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, auf welche Art und Weise den jugendlichen Rezipienten der Zugang zu dem Theaterstück „Creeps“ erleichtert sowie ein allgemeines Interesse für Theater und Kultur geweckt werden kann. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, wird in einem ersten Schritt kurz der Autor vorgestellt und der Inhalt des Stückes analysiert, wobei auf Form sowie Charaktere eingegangen wird. Anschließend werden die einzelnen Themen des Schauspiels angesprochen und auf ihre Identifikationsmöglichkeiten für SchülerInnen hin untersucht. Da die Sprache ein weiteres, markantes Merkmal des Stückes ist, wird diese nachfolgend analysiert und ein praktisches Unterrichtsbeispiel zu dieser vorgestellt. Die Klärung des Vorangegangenen ist Voraussetzung für die sich anschließende Bearbeitung der Präsentation, welche dem Stück gerecht werden soll. Außerdem können bestimmte Aspekte der theatralischen Umsetzung nur mittels dieser Vorkenntnisse nachvollzogen und verstanden werden. In dem, die Arbeit begleitenden, Seminar stand die Präsentation des Stückes unter Zuhilfenahme theaterpädagogischer Mittel im Vordergrund. Folglich fällt dem Themenbereich der Umsetzung eine starke Gewichtung zu. Wir konzentrieren uns hierbei auf die Ziele der Präsentation, die einzelnen Phasen der Umsetzung sowie Funktion der theaterpädagogischen Mittel und Medien. Eine Reflexion über die durchgeführte Präsentation und die Reaktion der Jugendlichen steht am Ende unserer Arbeit.

2. Biografie von Lutz Hübner

2.1. Lutz Hübners Leben

Lutz Hübner wurde 1964 in Heilbronn geboren und wuchs in Weinsberg auf. 1983 machte er sein Abitur und studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie in Münster. Nach dem Zivildienst begann er mit einer Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Saarbrücken. Am Saarländischen Staatstheater und am Badischen Staatstheater in Karlsruhe war er zunächst als Schauspieler tätig. Anschließend wirkte er am Rheinischen Landestheater Neuss und am Theater der Landeshauptstadt Magdeburg als Schauspieler und Regisseur. Seit 1996 ist er freiberuflicher Schriftsteller und Regisseur in Berlin, wo er mit Frau und Kind lebt. 2002 schreibt die Zeitschrift Die Welt über ihn: „Lutz Hübner ist (...) einer, der den "Stallmief" des Betriebs kennt (...). Einer, der für Jedermann von nebenan verständlich, also in direkter, nüchterner Alltagssprache aufs trefflichste und noch dazu witzig zu schreiben versteht - und auch so schreiben will“[4].

2.2. Lutz Hübners Stücke

Hübner schrieb viele Stücke, „die ihn laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins schon in der Spielzeit 1999/2000 zum meistgespielten Dramatiker der Gegenwart auf deutschen Bühnen machten, in der Anzahl der Aufführungen nur noch von Shakespeare und Goethe übertroffen“[5]. Anfangs wurde er durch seine sich an Jugendliche richtende Stücke bekannt. Dazu gehöre „Creeps", "Winner & Loser", "Nellie Goodbye" und "Die letzte Show". Er nahm sich aber auch anderen Themen an. Unter anderem schrieb er die Oper "Wallenberg" und das Drama "Hotel Paraiso", in dem er generationenübergreifend über die Abgründe des Alltäglichen verhandelt.[6] 1998 gewann er mit seinem Stück „Das Herz eines Boxers“ den Jugendtheaterpreis. Doch auch mit "Creeps" landete er einen ebenso großen Erfolg wie zuvor mit "Das Herz eines Boxers"[7].

3. Inhaltliche Analyse

3.1. Inhaltsangabe

Lutz Hübners Jugendstück „Creeps“, welches am 1. April 2000 im Deutschen Schauspielhaus in seiner Uraufführung zu sehen war[8], beleuchtet kritisch die fiktionale Fernsehrealität sowie den Missbrauch des Abbilds und der Identität realer Menschen.

Die drei Protagonistinnen Petra Kowalsky, Maren Terbuyken und Lilly Marie Teetz werden alle unter dem Vorwand, sie seien die neuen Moderatorinnen des Lifestylemagazins „Creeps“, in ein privates TV-Studio nach Hamburg geladen. Sie wurden ausgewählt, weil sie Lebensgefühl, Trends und Lifestyle ihrer Altersgenossen repräsentieren und somit dem Authentizitätsprinzip der Fernsehsendung gerecht werden.

Doch schon das Eintreffen der Mädchen führt zu einem ersten Missverständnis: Keine der drei hat den Moderatorenjob bereits sicher. Sie müssen zuerst ihre Qualitäten, in Form von gegenseitig geführten Interviews und Selbstpräsentationen, in einem alles entscheidenden Casting vor laufender Kamera unter Beweis stellen. So entwickelt sich zwischen den drei Bewerberinnen, welche sich in Auftreten, Charakter und sozialer Herkunft unterscheiden, schnell Konkurrenz und Rivalität.

In der Rolle des Regisseurs initiiert Arno, dessen Stimme nur aus dem Off zu hören ist, geschickt den Konflikt zwischen den Mädchen und treibt ihn gewollt voran. Mit dem Ziel, die Rivalinnen übertrumpfen zu wollen, wächst jede der drei jungen Frauen über die eigenen Grenzen hinaus und gibt vor laufender Kamera die innersten Emotionen und Gefühle preis.

Doch als die gesamte Situation zu eskalieren beginnt und das Konkurrenzdenken seinen Höhepunkt erreicht, nimmt das gesamte Stück eine unerwartete Wende. Mit dem theatralischen Zusammenbruch Marens wenden sich die Mädchen einander zu. Durch den äußeren Druck entwickeln sie eine Freundschaft, in welcher sie beginnen über Familie und Zukunft zu reden sowie sich gegenseitig die wahren und persönlichen Beweggründe für die Bewerbung einzugestehen. Allerdings befinden sich die Mädchen im Unwissen darüber, dass auch diese „privat“ geführten Gespräche aufgezeichnet werden.

In einem Akt der Verzweiflung starten sie einen gemeinsamen, bewussten Versuch, sich gegen die Machenschaften des Fernsehsenders zu wehren. Letztendlich triumphiert allerdings doch die inszenierte Welt. Die Mädchen müssen erfahren, dass sie für diese missbraucht wurden und das mitgeschnittene Band, „welches sich zur Identifizierung eignet und […] die Wirklichkeit als Kunstprodukt neu erschafft“ (vgl. Creeps, S. 37), nur als Vorspann für die Show einer gewissen Kathleen dient. Die vorherigen Bemühungen der Verweigerung und Auflehnung gegen die unsichtbare Macht des Medienregisseurs wirken am Ende halbherzig. Die Mädchen nehmen die kleine Gage an, statt dem Fernsehsender mit ihrem Austritt das Geschäft zu verderben.

3.2. Charakterisierungen

3.2.1. Petra Kowalsky

Petra ist 16 Jahre alt, kommt aus Chemnitz und spricht in Folge dessen mit einer leicht sächsischen Sprachmelodie. Sie lebt zusammen mit ihren Eltern und dem zwei Jahre älteren Bruder Ernie in einer „Vier Raum Wohnung Platte“ (Creeps, S. 26). Es ist zu vermuten, dass sie aus einer typischen Arbeiterfamilie stammt. Ihre Eltern besitzen einen „Stand in Zwickau auf dem Markt“ (Creeps, S.32) und ihr Bruder „lernt KFZ-Schlosser“ (Creeps, S. 26). Da ihr Vater lange schläft und selbst nachts, wenn die Kinder aus der Disco kommen, noch wach ist um mit seinem Sohn ein Bier zu trinken, kann man darauf schließen, dass er arbeitslos ist. Dies wird gestärkt durch die Aussage Petras: „[…] seit er nicht mehr raus muss.“ (Creeps, S.26). Sie sieht ihr zukünftiges Leben ähnlich dem ihrer Eltern verlaufen und der Versuch, im Westen für ein paar Jahre zu arbeiten, spiegelt die Lösung vom Elternhaus und das Finden der eigenen Identität wieder.

Petra ist eine unkomplizierte, bescheidene, beinahe naiv wirkende junge Frau. Mit ihren 16 Jahren hat sie von der Welt noch nicht viel gesehen und möchte „mal was anderes“ (Creeps S. 24) erleben. Sie sehnt sich nach Abwechslung und neuen Erfahrungen. Gleichzeitig ist sie emotional an ihrer Heimat Chemnitz gebunden (Creeps, S.29 „[...] ich bin da gern, ich leb da (...)). Als Arno Vorurteile über den Osten Deutschlands äußert, verteidigt sie ihre Heimat sehr emotional. Dies zeigt ihre Liebe zu Chemnitz sowie ein Gefühl von Stolz auf ihre Herkunft. Petras Leben verläuft in geordneten Bahnen und sie hat Angst aus ihrem Alltag auszubrechen, was die geäußerten Zweifel: „ich weiß auch nicht, ob ich mich im Westen wohl fühle [...] “ (Creeps S. 24) erkennen lassen. In Chemnitz hat sie viele Freunde und einen langjährigen Freund, Konrad, der sehr wichtig für sie ist, denn: „das ist schon irgendwie fest“ (Creeps S. 24). Ihr Ziel, Hotelfachfrau zu werden, ist realistisch und bodenständig. Jedoch bekommt sie als Hotelfachfrau keine Lehrstelle, aber eine Lehrstelle als Bürokauffrau ist ihr bereits sicher und das „ist auch nicht schlecht“ (Creeps S. 24). Petra ist zwischen ihrer vertrauten, geordneten Welt und dem neuen Abenteuer, dem Wunsch nach etwas Anderem hin- und hergerissen. Sie möchte noch etwas erleben „bevor es losgeht“ (Creeps S. 24). Sie würde gerne Moderatorin bei Creeps werden, aber falls sie nicht genommen wird „da geht die Welt nicht unter“ (Creeps S. 24).

Den anderen Kandidatinnen gegenüber zeigt sie ihre soziale und verantwortungsbewusste Seite. Als sich die Mädchen streiten versucht sie ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen (Creeps, S.18: „wir müssen das doch gemeinsam machen.“). Wenn sich Maren und Lilly streiten übernimmt sie die Vermittler- und Schlichterrolle. (vgl. Creeps S. 18) Obwohl sie die Jüngste ist wirkt sie bereits sehr erwachsen. Im Studio versucht sie mit ihrem Tanzen zu Punkten.

3.2.2. Maren Terbuyken

Die 17- jährige Maren wohnt zusammen mit ihrer Mutter in Hamm, in der Nähe von Dortmund (Creeps, S. 10). Ihre Hobbys sind Theaterspielen und lesen. Sie besinnt sich auf natürliche Werte wie Umweltschutz, positive Energien und erachtet es für wichtig, dass man sich gegenseitig respektiert und „nicht nur auf die Oberfläche achtet“ (Creeps, S.19). Wie Lilly im Verlauf des Stückes erwähnt stehen solche Einstellungen im Zwiespalt zu Marens Bewerbung bei einer Show, welche „Mode, Musik und Trends vermittelt“ (Creeps, S. 19).

Ihre Mutter ist alleinerziehend und hat für ihre Tochter alles aufgegeben. Doch Maren schafft die Schule nicht, muss zum Schulpsychologen und bereitet der Mutter viele Probleme. Als die Zusage kommt, dass Maren Moderatorin bei Creeps wird, kann die Mutter zum ersten Mal Stolz auf ihre Tochter sein. Sie hat bereits allen erzählt, dass ihre Tochter beim Fernsehen ist: „sie hat es geschafft“ (Creeps S. 31). Für Maren ist es daher sehr wichtig, die Moderatorenstelle zu kriegen, um ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. In der Schule bleibt sie wieder sitzen und wenn sie es nicht schafft ins Fernsehen zu kommen, kann sie nicht mehr nach Hause. „Mama flippt aus, die ist so enttäuscht von mir“ (Creeps S. 31). Sie fühlt sich für ihre Mutter verantwortlich: „ich hab doch die Verantwortung für die“ (Creeps S. 31).

Maren steht unter einem großen familiären, sowie persönlichen Druck und hat das Gefühl, sich gegenüber ihren Konkurrentinnen nicht behaupten zu können. Beim Casting denkt sie, dass sie übergangen wird, andauernd fragt sie: „Und ich?“. Ihre Gefühle schwanken zwischen totaler Emotionslosigkeit, gedanklicher Abwesenheit („Maren reagiert nicht“ Creeps S. 17) und starken emotionalen Ausbrüchen. Doch ihre sensible Persönlichkeit ist von Ehrgeiz und Eigensinn getrieben, so dass sie trotz ihres Zusammenbruches nicht aufgibt.

In Petra und Lilly findet sie zwei Freundinnen, denen sie ihre Probleme anvertraut. Petra bringt ihr Verständnis und fast mütterliche Liebe entgegen, während Lilly ihr unverblümt ihr Verhalten vor Augen hält. „Du strahlst Krampf aus, Krampf im Körper, Krampf im Hirn, und deshalb wirst du immer wieder auf die Fresse fallen, das gebe ich dir schriftlich. (...) wie du Amok läufst und nur mit dir selbst beschäftigt bist, ist einfach oberscheiße und uncool. (...) Klär einfach was dein Ding ist (...) verkauf es, steh dazu, das ist wichtig.“ (Creeps S. 30). Maren bekommt einen Spiegel vorgehalten. Indem sie zu sich steht hat sie die Möglichkeit, etwas aus ihren Interessen und ihrem Leben zu machen.

3.2.3. Lilly Marie Teetz

Lilly ist die verwöhnte Tochter eines berühmten art directors und kommt aus Hamburg Deern. Für ihre 17 Jahre ist sie eine wortgewandte, intelligente, selbstsichere junge Frau mit dem Traum, ihr Abitur zu machen und in den Staaten Journalismus zu studieren (vgl. Creeps, S.31). Ferner ist sie sehr direkt und insofern ehrlich, als dass sie sagt, was sie denkt. Lilly tritt siegessicher auf und gibt nach außen hin den Schein der empfindungs- und emotionslosen Karrierefrau die weiß, wie alles abläuft. Als einzige der drei Mädchen vermutet sie gleich bei dem Anruf der Agentur, dass etwas nicht stimmt.

Sie ist sehr auf sich und ihr Auftreten fixiert und anderen Menschen sind ihr nicht so wichtig. Als sie ein Interview mit Maren führen soll, kann sie dies nicht, da sie ihr nicht zugehört hat. (vgl. Creeps S. 12). Persönliche Dinge über sich erzählt sie nicht gerne. Als Arno sie auffordert, etwas über sich zu berichten, kontert sie mit ironischem Unterton: „Mein erster Hamster hieß Henri, den hat mein Bruder im Klo runtergespült.“ (Creeps S. 11).

Das Verhältnis von Lilly zu den anderen Kandidatinnen ist gleich auf einen Konkurrenzkampf hin ausgerichtet. Von Anfang an stellt sie klar, dass sie keine Freundinnen werden, denn: „wir wollen denselben Job“ (Creeps S. 8). Lilly nutzt jede Gelegenheit, um den Konkurrentinnen ihre Schwächen zu zeigen. Mit einer instinktiven Zielsicherheit stellt Lilly genau solche Fragen, die Marens Leben und ihre Probleme in der Schule und mit ihrer Mutter aufzeigen. In einem englischen Interview mit Petra nutzt Lilly deren schlechte englische Sprachkenntnisse aus, um neben ihr mit ihrem eigenen Wortschatz anzugeben. Auf Petra und Maren nimmt sie keine Rücksicht. Obwohl im Studio Rauchverbot ist und Petra es stört, dass Lilly neben ihr raucht, zündet sie sich eine Zigarette an (vgl. Creeps S 18).

Doch im Laufe des Castings macht Lilly eine Veränderung durch. Nach einem heftigen Streit mit Maren, von der Lilly geohrfeigt wird, bietet sie Maren eine Kopfschmerztablette an. Lilly erkennt, dass Maren unter ernsthaften psychischen Problemen leidet. Ihre mittlerweile freundschaftliche Zuneigung zeigt sich auch in dem Angebot, das sie der verzweifelten Maren macht: „Wenn du noch ein bisschen abhängen willst, kommst du halt noch zwei Tage bei uns ins Gästezimmer.“ (Creeps S. 36) .

Petra und Maren erzählt sie auf deren Nachfrage, warum sie den Job als Moderatorin möchte: Sie fühlt sich von zuhause aus nicht genügend beachtet und vernachlässigt, da sie Liebe lediglich in Form materieller Werte erfährt. Darüber hinaus ist sie keine eigenständige Person, die auf Grund persönlicher Anstrengungen Erfolg hat. Vielmehr ist es ihr Nachname, der ihr jegliche Türen öffnet (vgl. Creeps, S. 32) als auch der im Hintergrund agierende Vater. Lilly möchte sich aus der Abhängigkeit zu ihrer Herkunft lösen und sich selbst, sowie ihrem Vater beweisen, dass sie eigenverantwortlich in ihrem Leben vorankommt und angesichts ihrer Persönlichkeit respektiert werden kann. In der Moderatorenstelle bei Creeps sieht sie ihre Möglichkeit, dieser Abhängigkeit zu entkommen.

3.2.4. Arno

Arno tritt als skrupelloser Medienregisseur auf, der aus dem Hintergrund agiert. Seine Stimme erscheint aus dem Off und er ist nie als real handelnde Person selbst zu sehen. Arno symbolisiert mit seinem deutsch-englischen Jugendslang, fehlender Grammatik sowie seinem motivierenden, provozierenden und zugleich beleidigenden Wesen die neue Popstar- Fernsehgeneration.

Er ist rücksichtslos und unsensibel im Umgang mit den Mädchen. Beleidigende Bezeichnungen wie „Hanseatenzicke“ für Petra und Lilly als „teletubbi“ (Creeps S. 33) benutzt er, um sich über die Mädchen lustig zu machen. Er nützt seine Macht schamlos aus und leitet das gesamte Casting nach seinen Spielregeln. Unterschiedliche Castingsituationen sollen die verschiedenen Seiten der Mädchen zum Vorschein bringen. So muss z.B. Maren ein Interview im Stil von Lilly führen und sie nachahmen (vgl. Creeps S. 17). Damit treibt er die Konkurrenzsituation zwischen den Bewerberinnen voran. Indem er Petra mit Vorurteilen über den Osten konfrontiert, bringt er das sonst so ruhige und gefasste Mädchen dazu zu zeigen, dass auch in ihr viel Wut und Energie, verbunden mit einem großen Heimatstolz steckt. Sogar die kontrollierte Lilly bringt er psychologisch geschickt dazu, über ihre innersten Emotionen zu reden. Er sieht in ihnen keine heranwachsenden und zerbrechlichen jungen Frauen. Sie sind für ihn lediglich „Material“ (Creeps S. 16) und sollen ihm und seiner gesamten Firma Profit einbringen. Deshalb bereitet es ihm auch keine Schwierigkeiten, sich beinahe schadenfroh über die sensiblen Gefühlregungen der Mädchen zu amüsieren. Es ist seine Arbeit, die er ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer und schlechtes Gewissen erledigt.

[...]


[1] http://www.welt.de/data/2002/05/22/419954.html?prx=1

[2] http://www.welt.de/data/2002/05/22/419954.html?prx=1

[3] http://www.welt.de/data/2002/05/22/419954.html?prx=1

[4] http://www.welt.de/data/2002/05/22/419954.html?search=Der+Superstar+der+deutschen+B%FChne&searchHI LI=1, 14. Oktober 2006

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Lutz_H%C3%BCbner, 14.Oktober 2006

[6] Vgl. http://www.staatstheater-hannover.de/ensschausp04/huebner.shtml, 14. Oktober 2006

[7] http://www.lampenfieber-in-hanau.de/html/lutz_hubner.html, 14. Oktober 2006

[8] vgl. http://www.hsverlag.com/autoren.php?id=44

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
"Creeps". Ein Jugendtheaterstück nach Lutz Hübner. Die Ermöglichung des Zuganges jugendlicher Rezipienten zum Stück und zur Kultur allgemein
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V159202
ISBN (eBook)
9783640716029
ISBN (Buch)
9783640716319
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, auf welche Art und Weise den jugendlichen Rezipienten der Zugang zu dem Theaterstück „Creeps“ erleichtert sowie ein allgemeines Interesse für Theater und Kultur geweckt werden kann.
Schlagworte
Creeps, Jugentheaterstück, Lutz, Hübner
Arbeit zitieren
Franziska Schumm (Autor:in), 2006, "Creeps". Ein Jugendtheaterstück nach Lutz Hübner. Die Ermöglichung des Zuganges jugendlicher Rezipienten zum Stück und zur Kultur allgemein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159202

Kommentare

  • Gast am 29.1.2013

    Sehr toll gemacht :D wirklich. Es hat mir sehr bei der Hausarbeit geholfen und ich bedanke mich herzlichst am Verfasser dieser Hausaufgabe.

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Titel: "Creeps". Ein Jugendtheaterstück nach Lutz Hübner. Die Ermöglichung des Zuganges jugendlicher Rezipienten zum Stück und zur Kultur allgemein



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