Diese Masterarbeit widmet sich der Frage, inwieweit muslimische Religiosität in der Praxis der Sozialen Arbeit in Deutschland Berücksichtigung findet – mit besonderem Fokus auf die offene Jugendarbeit und die Familienberatung.
Auf Basis einer systematischen Literaturanalyse wird der aktuelle Forschungsstand aufgearbeitet, um zentrale Herausforderungen ebenso wie Potenziale im professionellen Umgang mit religiöser Vielfalt sichtbar zu machen. Ziel der Arbeit ist es, praxisnahe Handlungsempfehlungen zu formulieren, die Fachkräften der Sozialen Arbeit Orientierung im Umgang mit kulturell und religiös diversen Zielgruppen bieten.
Die Ergebnisse liefern wertvolle Impulse für eine religionssensible Soziale Arbeit und verbinden theoretische Fundierung mit konkreten Anregungen für die berufliche Praxis.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methodisches Vorgehen
2.1 Einleitung zur Methodik: Systematische Literaturanalyse
2.2 Theoretische Grundlagen der systematischen Literaturanalyse
2.3 Forschungsdesign und Methodik
2.4 Ergebnisse
2.5 Kritische Reflexion und Limitationen
2.6 Schlussfolgerung und Ausblick
3. Islam in Deutschland
3.1 Geschichte und Entwicklung des Islams in Deutschland
3.2 Öffentliche Wahrnehmung
3.3 Vorurteile und Stereotype
4. Muslim:innen in Deutschland
4.1 Entwicklung und Vielfalt der muslimischen Bevölkerung in Deutschland
4.2 Heterogenität
4.3 Muslimische Akteur:innen
4.3.1 Spitzen- und Dachverbände
4.3.2 Islamische Zusammenschlüsse auf Bundes- und Landesebene
4.3.3 Weitere muslimische Zusammenschlüsse/ Soziale Organisationen
4.4 Diskriminierung/ Ausgrenzung
4.5 Religiöse Erziehung und Identitätsbildung in muslimischen Familien
4.5.1 Vielfalt der religiösen Erziehungsansätze in muslimischen Familien
4.5.2 Zentrale Inhalte und Quellen der islamischen religiösen Erziehung
4.5.3 Religiöse Erziehung und Geschlechterrollen
5. Religion und Religiosität
5.1 Religion
5.1.1 Begriffsdefinition
5.1.2 Funktionsebenen von Religion
5.1.3 Modelle und Verständnisse von Religion
5.2 Religiosität
6. Muslimische Religiosität
6.1 Dimensionen der muslimischen Religiosität
6.2 Religiöse Einstellungen und Praktiken muslimischer Jugendlicher: Ergebnisse der DİTİB Jugendstudie 2021
6.3 Entwicklung der muslimischen Religiosität in Deutschland: Eine vergleichende Analyse der Studien von 2009 und 2021
6.4 Religiöse Alltagspraxis
7. Soziale Arbeit
7.1 Historische Entwicklung der Sozialen Arbeit in Deutschland
7.2 Was ist Soziale Arbeit?
7.3 Handlungsfelder der Sozialen Arbeit
7.3.1 Kinder- und Jugendhilfe: offene Jugendarbeit
7.3.2 Erziehungs- und Familienhilfe: Familienberatung
8. Religion und Soziale Arbeit
8.1 (Post)Säkularisierung
8.2 Schnittstelle Soziale Arbeit und Religion
8.3 Religion in der Sozialen Arbeit: Chancen und Risiken
8.4 Religion und Soziale Arbeit: Kritische Perspektiven
8.5 Religion in der Offenen Jugendarbeit
8.5.1 Die Rolle von Religion als Identitätsfaktor in der offenen Jugendarbeit
8.5.2 Jugend und Religion: Eine komplexe Beziehung
8.5.3 Jugendarbeit in einer postsäkularen Gesellschaft
8.5.4 Religion in Theorien der Offenen Jugendarbeit
8.5.5 Religion in Konzepten der Offenen Jugendarbeit
8.5.6 Religiöse Einflüsse in der offenen Jugendarbeit: Erkenntnisse und Herausforderungen nach Heyer
8.5.6.1 Religion in der offenen Jugendarbeit: Dimensionen und Herausforderungen
8.5.6.2 Religion in der Jugendarbeit: Einfluss auf Beziehungen und Netzwerke
8.5.6.3 Religiöse Einflüsse in der offenen Jugendarbeit: Muster und Herausforderungen
8.5.6.4 Soziale Netzwerke und Religion in Jugendzentren: Wahrnehmung und Handhabung
8.6 Religion in der Erziehungs- und Familienberatung
8.6.1 Die Bedeutung von Religion in der Beratungspraxis der Sozialen Arbeit
8.6.2 Ausblendung und Überblendung von Religion in der Beratung
8.6.3 Religion in der Beratung: Chancen und Herausforderungen
8.6.4 Kompetenzen für den Einbezug von Religion in der Beratung
8.6.5 Religion in der Familienberatung
9. Muslimische Religiosität in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit
9.1 Muslimische Religiosität in der offenen Jugendarbeit
9.1.1 Muslimische Akteur:innen in der offenen Jugendarbeit
9.1.2 Herausforderungen und Chancen muslimischer Jugendlicher in Deutschland: Soziale und kulturelle Hintergründe
9.1.3 Die Rolle der Religiosität in der Jugendarbeit
9.1.4 Herausforderungen in der offenen Jugendarbeit
9.1.5 „Safer Spaces“: Schutzräume für muslimische Jugendliche
9.1.6 Interreligiöser Dialog in der Jugendarbeit
9.1.7 Perspektiven und Handlungsempfehlungen
9.1.8 Fazit
9.2 Muslimische Religiosität in der Familienberatung
9.2.1 Dimensionen der muslimischen Religiosität
9.2.2 Die Bedeutung der Religiosität in der Familienberatung
9.2.3 Herausforderungen und Barrieren in der Beratung muslimischer Familien
9.2.4 Methodische Ansätze und Anregungen
9.2.5 Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinden und Institutionen
9.2.6 Fazit
10. Schlussfolgerung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht den Stellenwert der muslimischen Religiosität innerhalb spezifischer Handlungsfelder der Sozialen Arbeit in Deutschland. Ziel ist es, durch eine systematische Literaturanalyse den aktuellen Forschungsstand zu erfassen, bestehende Forschungslücken aufzuzeigen und zu klären, inwieweit religiöse Bedürfnisse muslimischer Klient:innen in der aktuellen Fachpraxis der Jugend- und Familienberatung berücksichtigt werden.
- Systematische Literaturanalyse als methodischer Rahmen
- Historische Entwicklung und aktuelle Situation des Islams in Deutschland
- Muslimische Religiosität als identitätsstiftendes Merkmal
- Integration religiöser Vielfalt in die offene Jugendarbeit
- Anforderungen an eine religionssensible Familienberatung
Auszug aus dem Buch
3.1 Geschichte und Entwicklung des Islams in Deutschland
Die Geschichte des Islams in Deutschland ist vielschichtig und reicht weit zurück. Bereits im 8. Jahrhundert kam es zu ersten Kontakten, als Karl der Große muslimische Gesandte als politische Verbündete empfing. Besonders war der Besuch einer Delegation des abbasidischen Kalifen Harun al-Raschid am Hof Karls des Großen in Aachen (vgl. Rohe 2022: 23). Während der Kreuzzüge ab 1095 intensivierten sich die Kontakte zwischen Deutschland und der islamischen Welt, geprägt von Abneigung, Furcht, aber auch Bewunderung. Kulturgüter und wissenschaftliches Wissen aus der islamischen Welt bereicherten die westliche Kultur. Bis ins 17. Jahrhundert wurde der Islam oft als gegensätzlich zum Christentum betrachtet, doch das Interesse an islamischer Kultur wuchs (vgl. ebd.). Im 16. Jahrhundert kamen erstmals muslimische Kriegsgefangene nach Deutschland, viele wurden zwangsgetauft und als „Beutetürken“ bezeichnet. Einige fanden Aufnahme in adeligen Familien oder machten militärische Karrieren (vgl. ebd.). Die „Türkensteuer“ von 1495 diente zur Finanzierung der Kämpfe gegen das Osmanische Reich. Interessanterweise verbündete sich Frankreich im 16. Jahrhundert mit den Osmanen gegen das Deutsche Reich, was die Vorstellung eines einheitlichen christlichen Blocks gegen den Islam widerlegt (vgl. ebd.).
Im 18. Jahrhundert endete die Versklavung muslimischer Kriegsgefangener, aber weiterhin kamen Muslim:innen als Botschafter:innen, Händler:innen, Studierende oder für Militärdienste nach Deutschland. Friedrich Wilhelm I. zeigte religiöse Toleranz und unterstützte den Bau von Moscheen (vgl. ebd.: 23 f.). Der muslimische Friedhof in Berlin, der auf das Grundstück des osmanischen Gesandten Ali Aziz Effendi zurückgeht, ist ein symbolträchtiges Zeugnis dieser Zeit (vgl. ebd.). Im 19. und frühen 20. Jahrhundert intensivierte sich der Austausch zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich in Diplomatie, Bildung, Wissenschaft, Kunst, Handel und Militär (vgl. ebd.: 26 f.). Während des Ersten Weltkriegs wurden etwa 12.000 muslimische Kriegsgefangene in einem Lager bei Berlin inhaftiert, wo die erste Moschee auf deutschem Boden entstand, die als Gebetsstätte genutzt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderungen der Sozialen Arbeit im Umgang mit religiöser Vielfalt und definiert das Ziel, durch eine Literaturanalyse Lücken in der Berücksichtigung muslimischer Religiosität zu identifizieren.
2. Methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel erläutert die Wahl der systematischen Literaturanalyse (SLA) als objektive Methode zur Erfassung des Forschungsstandes und legt das methodische Vorgehen bei der Recherche und Kodierung dar.
3. Islam in Deutschland: Es wird ein historischer Abriss der muslimischen Präsenz in Deutschland gegeben und die Problematik öffentlicher Vorurteile sowie die Notwendigkeit des interkulturellen Dialogs erörtert.
4. Muslim:innen in Deutschland: Das Kapitel befasst sich mit der demografischen Heterogenität, muslimischen Akteur:innen und Organisationen sowie den Herausforderungen von Diskriminierung und religiöser Erziehung innerhalb muslimischer Familien.
5. Religion und Religiosität: Hier werden theoretische Grundlagen zu den Begriffen Religion und Religiosität geschaffen und deren Funktionsebenen sowie verschiedene Religionsverständnisse diskutiert.
6. Muslimische Religiosität: Der Fokus liegt auf empirischen Ergebnissen zur Religiosität, insbesondere bei Jugendlichen, und der Analyse von Veränderungen im Glaubensverständnis über Zeiträume hinweg.
7. Soziale Arbeit: Das Kapitel bietet eine historische Einordnung der Sozialen Arbeit in Deutschland und definiert ihr Selbstverständnis sowie zentrale Handlungsfelder wie Jugend- und Familienberatung.
8. Religion und Soziale Arbeit: Es wird die Schnittstelle zwischen Religion und Profession Sozialer Arbeit untersucht, wobei Chancen und Risiken sowie spezifische Herausforderungen für die Praxis beleuchtet werden.
9. Muslimische Religiosität in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit: Dieses zentrale Kapitel analysiert konkret die Anwendung religionssensibler Ansätze in der offenen Jugendarbeit und der Familienberatung unter muslimischen Adressat:innen.
10. Schlussfolgerung und Ausblick: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen, konstatiert ein Defizit an praxisorientierten Konzepten und plädiert für die verstärkte Etablierung von Fortbildungsprogrammen.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Muslimische Religiosität, Offene Jugendarbeit, Familienberatung, Religionssensibilität, Diversität, Islam in Deutschland, Identitätsbildung, Systematische Literaturanalyse, Interreligiöser Dialog, Diskriminierung, Migrationsgesellschaft, Religion, Praktische Theologie, Jugendhilfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Integration und Berücksichtigung der muslimischen Religiosität innerhalb spezifischer Handlungsfelder der Sozialen Arbeit in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verbindet theoretische Grundlagen zu Religion und Religiosität mit der historischen und aktuellen Situation des Islams in Deutschland und überträgt diese Erkenntnisse auf die Praxisfelder der offenen Jugendarbeit und der Familienberatung.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das primäre Ziel ist es, den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand zur muslimischen Religiosität in der Sozialen Arbeit mittels einer systematischen Literaturanalyse aufzuarbeiten und bestehende Forschungslücken sowie Defizite in der praxisnahen Umsetzung aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin verwendet die Methode der systematischen Literaturanalyse (SLA), um ein strukturiertes und transparentes Bild der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur zu erhalten.
Welche Handlungsfelder der Sozialen Arbeit stehen im Hauptteil besonders im Fokus?
Der Hauptteil konzentriert sich explizit auf die offene Jugendarbeit und die Erziehungs- und Familienberatung.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch für die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Religionssensibilität, Identitätsbildung, Migrationsgesellschaft und Interreligiöser Dialog gekennzeichnet.
Warum wird gerade der Bereich der „Safer Spaces“ in der Jugendarbeit so hervorgehoben?
„Safer Spaces“ werden als entscheidende Schutzräume für muslimische Jugendliche identifiziert, in denen diese ihre Identität ohne den Druck und die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft reflektieren und weiterentwickeln können.
Was schließt die Arbeit aus der DİTİB Jugendstudie 2021 für die Soziale Arbeit?
Die Studie unterstreicht die hohe Bedeutung der Religion für muslimische Jugendliche und zeigt den Bedarf für Fachkräfte auf, diese religiösen Bedürfnisse ernst zu nehmen, anstatt sie als Störfaktor oder rein problemorientiert wahrzunehmen.
Wie bewertet die Autorin die Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinden?
Die Autorin sieht in der Kooperation mit muslimischen Gemeinden und Organisationen einen wesentlichen Schlüssel zur Verbesserung der Qualität sozialer Dienstleistungen, da diese oft einen niedrigschwelligeren Zugang zu betroffenen Familien ermöglichen als rein staatliche Stellen.
- Arbeit zitieren
- Nesrin Pür (Autor:in), 2024, Muslime und ihre Religiosität in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1592033