Der Weg Hyperions zum Freiheitskämpfer


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Weg Hyperions zum Freiheitskämpfer
2.1 Innere Zerrissenheit
2.2 Äußere Einflüsse

3. Hyperion im Freiheitskrieg
3.1 Euphorie und Gemeinschaft
3.2 Enttäuschung und Desillusionierung

4. Konsequenzen des Kriegseinsatzes
4.1 Die Trennung von Alabanda
4.2 Der Tod Diotimas

5. Fazit

1. Einleitung

„Ach! gäb`es nur noch etwas in der Welt für mich zu thun! gäb` es eine Arbeit, einen Krieg für mich, das sollte mich erquiken!“[1] Diese Worte lässt Hölderlin seinen Protagonisten Hyperion im ersten Band des Werkes „Hyperion-oder der Eremit in Griechenland“ sehnsuchtsvoll ausrufen. Ständig von Euphorie in Depression stürzend, verfolgt Hyperion seinen ganz persönlichen Traum: Die Rückgewinnung der alten Welt, des antiken Griechenlands. Das Mittel, das er zunächst für die Umsetzung wählt, ist die Beteiligung am griechischen Freiheitskrieg.

Die Arbeit setzt sich zum Ziel, Hyperions Einsatz im Befreiungskrieg der Griechen gegen die osmanische Herrschaft genauer zu untersuchen. Es soll als erstes herausgearbeitet werden, welche äußeren Faktoren maßgeblich für die Entscheidung zur Partizipation waren und wie sein persönliches Umfeld richtungsweisend auf ihn einwirken konnte. Auch Hyperions einzigartiges Wesen und seine ambivalente Welteinstellung sind von größter Relevanz bezüglich des Entwicklungsprozesses, der Hyperion zum Freiheitskämpfer werden lässt.

Im Folgenden soll auf Hyperions konkrete Kriegserfahrungen eingegangen werden, wobei der Moment der Desillusionierung und die Abkehr von bisherigen Idealen von besonderer Bedeutung sind.

Der letzte Abschnitt untersucht die Konsequenzen der Beteiligung am Freiheitskampf und berücksichtigt hierbei die Auswirkungen auf sein persönliches Umfeld, als auch seinen emotionalen Zustand und die daraus resultierenden Folgen für Hyperions weiteres Leben.

2. Der Weg Hyperions zum Freiheitskämpfer

2.1 Innere Zerrissenheit

Bereits die von Hölderlin gewählte Ergänzung zum Titel: „der Eremit in Griechenland“ prophezeit ein Werk, dessen Hauptfigur für Unangepasstheit und Nihilismus steht. Doch der Charakter Hyperions ist wesentlich vielschichtiger und derart komplex in seiner ganz eigenen Philosophie, dass es nahezu unmöglich scheint, ihn in Gänze zu erfassen. So schreibt Hölderlin 1793 an seinen Freund Neuffer: „Laß Deine edlen Freundinnen urteilen, […] ob mein Hyperion nicht vielleicht einmal ein Plätzchen ausfüllen dürfte, unter den Helden, die uns doch ein wenig besser unterhalten, als die wort-und abenteuerreichen Ritter.“[2]

Der Leser trifft in Hyperion einen jungen intellektuellen Helden, der verloren in seiner Zeit, hingebungsvoll von der Vergangenheit träumt. Seine Gegenwart und sein Lebensraum ist das Griechenland des 18. Jahrhunderts, welches nach langjähriger osmanischer Herrschaft bereits viel von seinem ursprünglichen Glanz eingebüßt hat. Das antike Griechenland, als Sinnbild von Kunst, Philosophie, Einheit und Freiheit lässt den Romanhelden ein für die Romantik typisches Verhalten an den Tag legen, indem er sich zeitweise vollständig von der Außenwelt abkehrt. Es scheint, als würde er seine Gegenwart und all das daraus hervorgehende Leid strategisch verdrängen wollen, wenn er behauptet: „Ich habe dir`s schon einmal gesagt, ich brauche die Götter und die Menschen nicht mehr […] Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts, als meiner seligen Insel.“[3] Resigniert und kraftlos scheint Hyperion sich hier in sein Schicksal zu fügen, keine Hoffnung zu sehen und die Augen zu verschließen. Jene Haltung resultiert jedoch nicht aus innerer Bequemlichkeit, sie ist eher das Resultat zahlreicher Rückschläge, persönlicher Enttäuschungen und Desillusionierung. Bereits in seiner Jugend stellt Hyperion kritisch fest, „daß des Mensch herrliche Natur jetzt kaum noch da ist“ und wohl „nicht einmal ein schöner Traum gedeihen [kann] unter dem Fluche, der über uns lastet.“[4] Mit der Bezeichnung Fluch spielt Hyperion einerseits auf den zunehmenden kulturellen Verfall Griechenlands an, meint aber gleichzeitig auch den unhaltbaren Zustand der Fremdherrschaft der Osmanen, die sämtliche Griechen in ihrer Autonomie beschränkt und einen Zustand der Ohnmacht hervorruft. Sein weiser Lehrer Adamas führte ihn zu dieser Zeit in die Heroen- und Götterwelt der alten Griechen, als auch ihre Philosophie und Literatur ein. Hyperion ist ein dankbarer Abnehmer, und auch Adamas bemerkt bereits früh, dass in seinem Schüler ein äußerst kritischer Zeitgeist schlummert, für dessen Zukunft er ihm prophezeit: „Du wirst einsam seyn, mein Liebling!“[5]

Die Erinnerungen an seine Jugend und die blühende Kultur des antiken Griechenlands bieten Hyperion jedoch nicht nur einen Zufluchtsort, sie sind ihm zugleich Inspiration und Hoffnung. Zwar macht er den Menschen mit seinem grenzenlosen Streben, seinen Machtgelüsten und der Missachtung der Natur für die Entzauberung der Welt verantwortlich, gleichzeitig ist er sich aber auch darüber im Klaren, dass allein der Mensch fähig ist, diese Dinge zu ändern. Hyperion erkennt, dass er selbst für seine Ideale kämpfen muss. Seine manisch- depressive Veranlagung wirkt dabei ebenso wechselhaft auf seine Entschlussfreudigkeit ein, wie sie die Grundstimmung von Hyperions Briefen bestimmt. Sein Leben ist geprägt von Schmerz, allerdings keinem rein selbstmitleidigen Wehmutsgefühl, sondern mit einer Trauer, die mit erhabener Figuren, wie Antigone vergleichbar ist: „Die Wahrheit dieses Schmerzes ist darum so ergreifend, weil er nicht Schmerz eines zufälligen Subjectes, sondern […] der Schmerz der reinen, gebildeten Menschennatur überhaupt inmitten moderner Unnatur und Verbildung ist.“[6] Zutiefst melancholisch ist Hyperions Sichtweise der Welt in zahlreichen Momenten: „Wenn ich hinsehe in`s Leben, was ist das letzte von allem? Nichts. Wenn ich aufsteige im Geiste, was ist das Höchste von allem? Nichts.“[7] Der Kampf für seinen Traum erscheint ihm nicht kämpfenswert, das Ideal unerreichbar und die Zukunft unheilvoll. Vor allem in jenen dunklen Momenten erweckt es den Eindruck, als hätte Hyperion die Menschheit und das Erdengeschehen in seiner Ganzheit durchschaut und stünde nun kurz vor der Kapitulation in Anbetracht des Ausmaßes des Übels: „Schade, schade, daß es jetzt nicht besser zugeht unter den Menschen, sonst blieb` ich gern auf diesem guten Stern.“[8] Eindeutig geht aus dieser Aussage aber auch hervor, dass die Welt ihm nicht gänzlich verhasst ist. Er trägt noch Zuversicht in sich, und diese ist es auch, die ihn in anderen Momenten dazu bringt, optimistisch in die Zukunft zu blicken: „Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte.“[9]

So wankelmütig der Charakter Hyperions auch teilweise erscheinen mag, so klar sind doch seine persönlichen Ziele: Er kann und will sich nicht mit der aktuellen politischen Situation Griechenlands abfinden. Der Wille zur Veränderung ist in ihm zu jedem Zeitpunkt existent, es fehlt ihm zu diesem Zeitpunkt allein an Kraft und Methode.

2.2 Äußere Einflüsse

Hyperions Entschluss, am Freiheitskrieg teilzunehmen, ist nicht allein auf sein Wertesystem und seine charakterliche Beschaffenheit zurückzuführen. Weitaus bedeutender ist der Einfluss seines Umfeldes und die daraus resultierende Persönlichkeitsentwicklung Hyperions.

Das Fundament der Verehrung des antiken Griechenlands legte sein Lehrer Adamas, indem er ihn mit den Früchten der alten Welt vertraut machte. Die äußerst enge Bindung zwischen Lehrer und Schüler beeinflusst ihn nachhaltig und lässt Hyperion im fortschreitenden Geschehen oftmals wünschen, er hätte ihn als Gefährten an seiner Seite: „dann fällt mir auch mein Adamas ein […] guter Alter! möcht` ich dann ihm rufen, komm! und baue deine Welt! mit uns! denn unsre ist auch die deine.“[10] Mit ihm teilt er die innige Liebe zur alten griechischen Kultur, als auch zur Natur Griechenlands, die sich mit zunehmendem Alter zu einer rastlosen Sehnsucht steigert. Er übernimmt innerhalb Hyperions Entwicklungsprozess die Funktion einer „prägende[n] Kraft einer an idealen Leitbildern orientierten Erziehung“.[11]

Die zweite bedeutende Person im Leben Hyperions ist sein späterer Kriegsgefährte und treuer Freund Alabanda. Die Freundschaft zwischen beiden entwickelt sich rasant weiter, wobei sie einander „begegneten […] wie zwei Bäche, die vom Berge rollen, und die Last von Erde und Stein und faulem Holz und das ganze träge Chaos, das sie aufhält, von sich schleudern, um den Weg sich zu einander zu bahnen.“[12] Völliger Konsens herrscht unter ihnen über die inakzeptable Situation Griechenlands: „Wir sprachen darauf manches vom jetzigen Griechenland, beede mit blutendem Herzen, denn der entwürdigte Boden war auch Alabanda`s Vaterland.“[13] In ihm findet Hyperion zunächst einen Gleichgesinnten. Er kommt zu der Erkenntnis, dass seine Interessen denen der übrigen Menschen nicht grundsätzlich widersprechen und wird ergriffen von Euphorie und Zugehörigkeitsgefühl.

Im siebten Brief des ersten Bandes zeigt sich, welchen Extremen Einfluss Alabanda auf Hyperion ausübt. Alabanda tut ihm seine politischen Interessen kund: er möchte die Gesellschaft von außen mittels Gewalt und Revolution verändern.[14] Hyperion lässt sich, in Alabanda eine Art Seelenverwandten vermutend, vom Tatendrang seines neuen Freundes mitreißen, dieser nennt ihn „Waffenbruder“[15] und beide beschwören ihren Plan, indem Hyperion zuversichtlich ausruft: „du wirst mir das Vaterland erretten.“ Alabanda entgegnet ihm darauf: „Das will ich […] oder untergehn.“[16] Der Krieg erscheint Hyperion zu diesem Zeitpunkt lediglich etwas Gutes Verheißendes, ein Befreiungsschlag für die Wiedergeburt der alten Welt- Leid, Schmerz, Gefahr und moralische Verfehlungen blendet er vollständig aus. Dieses Bild wird jedoch getrübt, nachdem Hyperion auf Alabandas Freunde aus dem Bund der Nemesis trifft. Hyperion wird ihnen zwar als „einer von denen, die es gerne besser haben möchten in der Welt“[17] vorgestellt, was auch den Grundprinzipien jener Gruppe entspricht, als jedoch deutlich wird, wie radikal ihre Einstellung tatsächlich ist, stellt Hyperion fest: „das sind Betrüger!“[18] und bricht die Zusammenkunft ab. Den Verlust seines Freundes Alabanda betrauert er noch lange, es überwiegt allerdings das Unverständnis und das Gefühl betrogen worden zu sein. Zum ersten Mal vernimmt Hyperion an dieser Stelle aber auch, welche Macht Alabanda über ihn auszuüben fähig war, wendet sich voller Stolz ab und verwirft den alten Plan in den Krieg zu ziehen: „es ist besser, sagt` ich mir, zur Biene zu werden und sein Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt, und wie mit Wölfen, zu heulen mit ihnen, als Völker zu meistern, und an dem unreinen Stoffe sich die Hände zu befleken.“[19] Nach wie vor findet Hyperion die politische Lage Griechenlands inakzeptabel, ohne einen Verbündeten an seiner Seite fehlt ihm jedoch die Kraft und die führende Hand, um an einem Krieg teilzunehmen. „His decisions are usually not his own but those of other, stronger individuals: Adamas, Alabanda, Diotima, even Notara”[20], stellt auch Walter Silz fest und benennt damit den Hauptgrund, weshalb Hyperion nicht als Held im traditionellen Sinne bezeichnet werden kann.

Diotima stellt die dritte Station Hyperions auf seinem Weg zum Freiheitskämpfer dar und begründet gleichzeitig einen neuen Erfahrungshorizont in Hyperions Leben. Nachdem Adamas Hyperion beim Heranwachsen begleitete, und ihm das notwendige Grundwissen vermittelte, folgt eine ungestüme „Vergötterung des Alabanda“[21] aufgrund einer gemeinsamen Utopie. Auf Diotima trifft er in einem Moment der Ziel- und Orientierungslosigkeit und verspürt sofort das Gefühl von Vollendung und höchstem Glück.

[...]


[1] Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Hrsg.: D.E. Sattler. Frankfurt am Main, 1982. Bd. 1,21. S. 652.

[2] Knaupp, Michael (Hrsg.): Friedrich Hölderlin. Hyperion. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart, 1997. S. 244.

[3] Hölderlin, 1982. Bd. 1,30. S. 688.

[4] Hölderlin, 1982. Bd. 1,4. S. 593f.

[5] Hölderlin, 1982. Bd. 1,4. S. 594.

[6] Knaupp, Michael (Hrsg.) 1997. S. 291.

[7] Hölderlin, 1982. Bd. 1,11. S. 632.

[8] Hölderlin, 1982. Bd. 2,22. S. 732.

[9] Hölderlin, 1982. Bd. 1,6. S. 603.

[10] Hölderlin, 1982. Bd. 2,15. S. 723.

[11] Mayer, Gerhard: Hölderlins `Hyperion`- ein frühromatischer Bildungsroman. In: Hölderlin- Jahrbuch. Im Auftrag der Hölderlin Gesellschaft. Hrsg. Friedrich Beissner. Bd.19/20. 1975-1977. S. 245.

[12] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 607.

[13] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 609.

[14] Vgl. Mayer, Gerhard: In: Hölderlin- Jahrbuch 1957-1977. S. 246.

[15] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 610.

[16] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 611.

[17] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 616.

[18] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 618.

[19] Hölderlin, 1982. Bd. 1,7. S. 621.

[20] Silz, Walter: Hölderlin`s Hyperion. A critical reading. Pennsylvania, 1969. S. 39.

[21] Gaier, Ulrich: Hölderlins `Hyperion`. Compendium, Roman, Rede. In: Hölderlin- Jahrbuch. Im Auftrag der Hölderlin Gesellschaft. Hrsg. Friedrich Beissner. Bd. 21. 1978-1979. S. 129.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Weg Hyperions zum Freiheitskämpfer
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Philhellenismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V159209
ISBN (eBook)
9783640730773
ISBN (Buch)
9783640731022
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hölderlin, Hyperion, Eremit in Griechenland, Griechenland, Philhellenismus, Freiheitskrieg, Befreiungskrieg, Antike, Athen, Vergangenheit, Diotima, Alabanda, Adamas, exzentrische Bahn, Depression, Euphorie, Briefroman, lyrischer Roman
Arbeit zitieren
Susanne Ackermann (Autor), 2010, Der Weg Hyperions zum Freiheitskämpfer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159209

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