Der Sprecher hat die Absicht, beim Hörer eine bestimmte Reaktion zu bewirken. Dazu stehen ihm verschiedene sprachliche Möglichkeiten zur Verfügung, aus denen er entsprechend der gegebenen Umstände eine auswählt. Um dem Hörer ein Erkennen der Absicht zu ermöglichen, versieht er die sprachliche Form mit einer bestimmten Funktion. Es gibt also mehrere Aspekte, die vom Sprecher mit einer Äußerung übermittelt und vom Hörer empfangen werden. In der vorliegenden Arbeit wird daher untersucht, welche Teilakte des Verstehens ein Hörer vollzieht und wie diese ablaufen. Darüber hinaus werden die Bedingungen und Voraussetzungen, die den Verstehensprozess konstituieren, darstellt und untersucht, inwieweit diese Faktoren auf das Verständnis einwirken. Da Kommunikationspartner nicht einfach fixe Daten austauschen, sondern sprachliche Handlungen vollziehen, wird der Verstehensprozess als ein Verstehen von Sprechakten untersucht. Ziel ist es, einen Ansatz für eine interdisziplinäre theoretische Modellierung des Verstehens zu entwickeln, das ausgehend vom Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen die Ergebnisse verschiedener Wissenschaftsdisziplinen zum Prozess des Verstehens berücksichtigt. Es geht somit um den Anspruch, der Sprechakttheorie Überlegungen zu einer Hörerverstehenstheorie an die Seite zu stellen, um den gesamten Kommunikationsakt möglichst vollständig abbilden zu können.
Teil I der Arbeit behandelt den Prozess des Sprechaktverstehens. Für die Untersuchung grundlegend erfolgt zunächst eine Darstellung der Sprechakttheorie (Austin, Searle). In Analogie zu den Teilakten werden Verstehensakte entwickelt. Für die Untersuchung des Verstehen des Gesagten (Lokution) habe ich mich auf Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Psycholinguistik und Neuropsychologie gestützt. Die Theorie der konversationellen Implikaturen (Grice) dient als Grundlage der Untersuchung des Verstehen des Gemeinten (Illokution, Perlokution). Der 2. Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den wesentlichen Faktoren des Verstehensprozesses und behandelt u. a. folgende Fragen:
Wie gibt der Sprecher über Kontextualisierungsverfahren dem Hörer Hinweise, welches Wissen dieser aktivieren muss, um die Äußerung angemessen zu verstehen? Welches (Hintergrund-)Wissen ist im Akt des Verstehens relevant? Wie ist dieses Wissen strukturiert (Frame-Theorie)? Welchen Einfluss hat diese Struktur auf das Verstehen? Wie werden in einer konkreten Situation, diese Wissensstrukturen im Verstehensprozess aktiviert?
1 Einführung
1.1 „Weißt du, was ich meine?“
1.2 Methodisches Vorgehen
2 Grundlegende Begriffe
2.1 Was heißt Verstehen?
2.2 Was ist der Sinn sprachlicher Ausdrücke?
3 Sprechakttheorie nach Austin und Searle
3.1 Ausgangspunkt der Sprechakttheorie: Performative und Konstative
3.2 Teilakte eines Sprechaktes nach Austin und Searle
3.2.1 Lokutionärer Sprechakt
3.2.2 Illokutionärer Sprechakt
3.2.3 Perlokutionärer Sprechakt
3.3 Sprechaktregeln
3.4 Signalisierung von Illokutionen
3.5 Indirekte Sprechakte
3.6 Zusammenfassung und Kritik
4 Verstehens-Teilakte in Analogie zu den Teilakten eines Sprechaktes
4.1 Lokutionärer Verstehensakt
4.2 Illokutionärer Verstehensakt
4.3 Perlokutionärer Verstehensakt
4.4. Bottom-up oder Top-down
5 Verstehen der Lokution: Das Gesagte
5.1 Sprachwahrnehmung (das Phon)
5.2 Syntaktische Rezeption (das Phem)
5.3 Verstehen der Proposition (das Rhem)
6 Verstehen der Illokution und Perlokution: Das Gemeinte
6.1 Sagen und Meinen
6.2 Sprecherbedeutung und Sprechaktbedeutung
6.3 Kooperationsprinzip und Konversationsmaximen
6.4 Implikaturen
6.4.1 Implikaturtypen
6.4.2 Eigenschaften konversationeller Implikaturen
6.5 Umdeutungsverfahren
6.5.1 Konversationelle Implikaturen
6.5.2 Arten der Nicht-Beachtung von Konversationsmaximen
6.5.3 Ablauf des Umdeutungsverfahrens
6.6 Verstehen des Gemeinten
6.7 Kritik der Griceschen Implikaturtheorie
7 Zusammenfassung Teil I
8 Kontextualisierung
8.1 Der Begriff Kontext
8.2 Konzept der Kontextualisierung
8.2.1 Kontextualisierungsverfahren
8.2.2 Kontextualisierungshinweise
8.3 Einfluss der Kontextualisierung auf das Verstehen
9 Verstehensrelevantes Wissen
9.1 „Verstehensraum“
9.2 Ebenen verstehensrelevanten Wissens
9.3 Typen verstehensrelevanten Wissens
9.4 Modus des verstehensrelevanten Wissens
9.5 Einfluss des Wissens auf den Verstehensprozess
10 Wissensrepräsentation: Frame-Theorie
10.1 Grundidee
10.2 Forschungsansätze
10.2.1 Ursprung des Frame-Konzepts: Bartletts Schema-Begriff
10.2.2 Frames in der „Künstlichen Intelligenz-Forschung“
10.2.3 Frames in der Linguistik
10.2.4 Frames und Schemata
10.3 Frames: Strukturierung von Hintergrundwissen
10.3.1 Netzwerkstruktur von Frames
10.3.2 Leerstellen, Standardwerte und konkrete Füllwerte
10.3.3 Generierung von Frames
10.3.4 Variabilität von Frames
10.4 Frames im Verstehensprozess
11 Inferenzen
11.1 Der Begriff „Inferenz“
11.2 Arten von Inferenzen
11.3 Inferenztheorien
11.4 Inferenzen im Verstehensprozess
12 Zusammenfassung Teil II
13 Schlussbetrachtung: Grenzen und Möglichkeiten des Verstehens
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Verstehensprozess menschlicher Kommunikation als ein Verstehen von Sprechakten. Ziel ist es, einen interdisziplinären Ansatz zu entwickeln, der den Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen in den Mittelpunkt stellt und Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen wie Psycholinguistik, Neuropsychologie und Pragmatik integriert, um zu erklären, wie Hörer die Absicht eines Sprechers trotz potenzieller Mehrdeutigkeiten rekonstruieren können.
- Analyse der Sprechakttheorie (Austin & Searle) als Grundlage für die Sprachhandlung
- Entwicklung von Verstehensakten in Analogie zu Sprechakten
- Untersuchung der kognitiven Verarbeitung von Lokution, Illokution und Perlokution
- Kontextualisierung als Mittel zur Wissenssteuerung im Verstehensprozess
- Frame-Theorie als Modell für die Repräsentation und Strukturierung von Hintergrundwissen
Auszug aus dem Buch
1.1 „Weißt du, was ich meine?“
Immer wenn Sprache gebraucht wird, gibt es einen Sprecher und eine Absicht, die er mit dem Gesprochenen verfolgt. Aber vielfach ist die tatsächliche Absicht des Sprechers hinter der wörtlichen Bedeutung des Gesagten versteckt oder geht über das Gesagte hinaus. Diese Lücken zwischen der wörtlichen Bedeutung einer Äußerung und dem, was mit ihr übermittelt werden soll, sind im alltäglichen Leben sehr verbreitet.
Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, dass ich nach einer Äußerung nachfragte, ob ich denn verstanden wurde. Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, kommt es vor, dass wir nicht genau das sagen können, was wir meinen. Hinzu kommen Fälle, in denen aus Gründen der Höflichkeit oder Rücksicht darauf verzichtet wird, exakt das auszudrücken, was gemeint ist. Obwohl Missverständnisse in der alltäglichen Kommunikation immer wieder vorkommen, sind sie nicht die Regel. Wie kommt es nun, dass trotz dieser offensichtlichen Schwierigkeiten vielfach ein Verständnis erreicht wird? Auf die Frage Kannst du mir sagen, wie spät es ist? wird kaum die Antwort Ja, kann ich gegeben. Und wenn doch, wird dies als unangebracht bzw. unkooperativ empfunden. In der Regel wird diese Frage mit einer Angabe der Uhrzeit beantwortet, obwohl sie dem Wortlaut gemäß eine Frage nach der Fähigkeit des Hörers ist. Der Sprecher hat die Absicht, beim Hörer eine bestimmte Reaktion zu bewirken, in diesem Fall eine Angabe der Uhrzeit. Dazu stehen ihm verschiedene sprachliche Möglichkeiten zur Verfügung, aus denen er entsprechend der gegebenen Umstände eine auswählt. Um dem Hörer ein Erkennen der Absicht zu ermöglichen, versieht er die sprachliche Form mit einer bestimmten Funktion, hier einer Bitte. Es gibt also mehrere Aspekte, die vom Sprecher mit einer Äußerung übermittelt und vom Hörer empfangen werden. Was aber sind nun die einzelnen Teile, die es in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen gilt und die ein Hörer erschließen muss, wenn er eine sprachliche Äußerung verstehen will? In der folgenden Arbeit möchte ich daher untersuchen, welche Teilakte des Verstehens ein Hörer vollzieht und wie diese ablaufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen wörtlicher Bedeutung und beabsichtigtem Sinn in der alltäglichen Kommunikation und definiert das Ziel der Arbeit, den Prozess des Sprechaktverstehens zu modellieren.
2 Grundlegende Begriffe: Hier werden die zentralen Termini wie Verstehen und Bedeutung definiert, wobei der Fokus auf dem intentionalen Charakter sprachlicher Kommunikation liegt.
3 Sprechakttheorie nach Austin und Searle: Dieses Kapitel führt in die Sprechakttheorie ein und beschreibt die Einteilung in lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Akte sowie die konstitutiven Regeln des Sprachhandelns.
4 Verstehens-Teilakte in Analogie zu den Teilakten eines Sprechaktes: Das Kapitel überträgt die Theorie der Sprechakte auf die Hörerseite und entwickelt analoge Verstehensakte, um die kognitive Leistung beim Entschlüsseln einer Äußerung zu fassen.
5 Verstehen der Lokution: Das Gesagte: Hier wird der Prozess der Sprachwahrnehmung und syntaktischen Analyse untersucht, wobei psycholinguistische und neuropsychologische Erkenntnisse herangezogen werden.
6 Verstehen der Illokution und Perlokution: Das Gemeinte: Grundlage dieses Kapitels ist die Gricesche Implikaturtheorie, anhand derer erklärt wird, wie Hörer über das Gesagte hinaus den kommunikativen Sinn rekonstruieren.
7 Zusammenfassung Teil I: Dieses Kapitel bündelt die Erkenntnisse zum Prozess des Sprechaktverstehens und bereitet den Übergang zu den Voraussetzungen des Verstehens vor.
8 Kontextualisierung: Hier wird das Konzept der Kontextualisierung als aktiver Prozess erläutert, durch den Sprecher dem Hörer Hinweise für die Interpretation der Absicht geben.
9 Verstehensrelevantes Wissen: Das Kapitel analysiert die verschiedenen Typen und Ebenen von Hintergrundwissen, die Hörer in den „Raum des Verstehens“ einbringen.
10 Wissensrepräsentation: Frame-Theorie: Es wird dargelegt, wie die Frame-Theorie zur Strukturierung von Hintergrundwissen dient und wie diese Wissenseinheiten das Verstehen von Äußerungen steuern.
11 Inferenzen: Hier wird der Prozess der Inferenzbildung detailliert untersucht, da dieser für das Überbrücken von Informationslücken im Verstehensprozess essenziell ist.
12 Zusammenfassung Teil II: Die Ergebnisse zu den Voraussetzungen des Verstehensprozesses werden zusammengefasst und die Bedeutung des inferenzbasierten Wissenszugriffs hervorgehoben.
13 Schlussbetrachtung: Grenzen und Möglichkeiten des Verstehens: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die prinzipielle Fehlbarkeit des Verstehens und die Notwendigkeit, kommunikative Bedingungen und soziale Konventionen in die Analyse einzubeziehen.
Schlüsselwörter
Sprechakttheorie, Sprachverstehen, Kommunikation, Illokution, Perlokution, Kontextualisierung, Frame-Theorie, Inferenz, Implikatur, Grice, mentale Repräsentation, Handlungsabsicht, Sprachpsychologie, Wissensrepräsentation, Kooperationsprinzip.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie ein Hörer eine sprachliche Äußerung versteht und dabei nicht nur die wörtliche Bedeutung erfasst, sondern auch die zugrunde liegende Handlungsabsicht (den Sinn) des Sprechers rekonstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft die Sprechakttheorie mit Theorien der kognitiven Sprachverarbeitung, der Frame-Theorie und der Griceschen Pragmatik, um ein interdisziplinäres Modell des Sprachverstehens zu entwerfen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Entwicklung eines Ansatzes zur interdisziplinären theoretischen Modellierung des Verstehens, das den aktiven Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen in den Vordergrund stellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theorieorientierte, interdisziplinäre Analyse, die Erkenntnisse aus der Sprachphilosophie, Psycholinguistik und kognitiven Linguistik zusammenführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil ist zweigeteilt: Teil I behandelt den Prozess des Sprechaktverstehens (Lokution, Illokution, Perlokution), während Teil II die Voraussetzungen und Einflussfaktoren des Verstehens (Kontext, Hintergrundwissen, Frames, Inferenzen) beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sprechakttheorie, Kontextualisierung, Frame-Theorie, Inferenz, Implikatur und das Kooperationsprinzip.
Was unterscheidet den lokutionären vom illokutionären Verstehensakt?
Der lokutionäre Verstehensakt betrifft die Analyse des Gesagten (Lautform, syntaktische Struktur, Proposition), während der illokutionäre Verstehensakt das Erschließen der kommunikativen Funktion (Absicht, wie die Äußerung gemeint ist) zum Ziel hat.
Welche Rolle spielen Frames im Verstehensprozess?
Frames dienen als kognitive Wissensstrukturen, die es dem Hörer ermöglichen, auf Basis von Schlüsselreizen Erwartungen aufzubauen und fehlende Informationen in der Äußerung inferentiell zu ergänzen.
Warum sind konversationelle Implikaturen für das Verstehen wichtig?
Konversationelle Implikaturen erklären, wie Hörer einen Sinn erschließen können, der über das wörtlich Gesagte hinausgeht, indem sie das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen als Erklärungsmuster für scheinbare Verstöße heranziehen.
Inwiefern ist Verstehen als aktive Leistung des Hörers zu begreifen?
Verstehen ist laut der Arbeit kein passiver Empfang von Informationen, sondern eine aktive Rekonstruktion der Handlungsabsicht des Sprechers, die unter Einbeziehung von Kontextualisierungshinweisen und eigenem Weltwissen stetig konstruiert wird.
- Arbeit zitieren
- Dipl.-Kauffrau Katja Schulz (Autor:in), 2010, Sprechaktverstehen - Eine theorieorientierte Studie zur Rolle des Hörers im Kommunikationsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159215